"Kein Christentum ohne Altes Testament"

Der Schweizer Alttestamentler Konrad Schmid arbeitete sich in einem Vortrag an der Universität Wien noch einmal an der "Slenczka-Debatte" über den Stellenwert des Alten Testaments im biblischen Kanon ab

14.10.2016 (KAP-ID) Welcher Rang kommt dem Alten Testament im Kanon der biblischen Bücher zu? Ist das Alte Testament eine Art Vorstufe des Neuen Testaments und damit christlicherseits zu vernachlässigen? Oder kommt ihm innerhalb der christlichen Schriften ein eigener Wert zu? Diese Debatte - angestoßen vor inzwischen fast drei Jahren vom Berliner protestantischen Theologen Notger Slenczka - hat zunächst hohe Wogen innerhalb der deutschsprachigen akademischen Landschaft geschlagen und viel Unverständnis, Ablehnung und Empörung freigesetzt. Inzwischen hat sich der Sturm gelegt - doch das Thema blieb und harrt weiterhin einer Antwort, denn: Die Frage nach der Bedeutung des Alten Testaments sagt viel aus über das christliche Selbstverständnis und letztlich über den Zustand christlicher Theologie.
So zielte die Einladung des an der Universität Zürich lehrenden Alttestamentlers Kon-rad Schmid als Festredner des heurigen "Dies facultatis" der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien auch nicht etwa auf eine fade Aufwärmung einer erkalteten Debatte, sondern sie auf eine Basisreflexion über die Grundlagen des christlichen Selbstverständnisses. Schmids Antwort auf die These Slenczkas, der für eine Rückstufung des Alten Testaments auf die Stufe "apokrypher" Schriften plädiert hatte, fällt zunächst eindeutig aus: Nein, es könne "kein Christentum ohne Altes Testament" geben.

Heilige Schrift des Urchristentums
Zwar sei es als Denkfigur möglich, sich ein Christentum ohne Altes Testament (AT) vorzustellen, jedoch sei dies weder in der Praxis umsetzbar, noch ließe es sich theologisch rechtfertigen. Der simpelste Grund lautet dabei, dass das Christentum schließlich eine "durch Tradition gewachsene und bestimmte Größe" sei und sich entsprechend 2.000 Jahre Christentumsgeschichte mit dem Alten Testament nicht einfach in eine AT-freie Geschichte umschreiben lasse. Nichtsdestotrotz stelle die von Slenczka in Anlehnung an Marcion anempfohlene Denkfigur eine Herausforderung für die christliche Theologie dar, der Schmid schließlich mit mehreren Thesen begegnete.
Eine erste These ist dabei so schlicht wie bestechend: "Das Alte Testament, nicht das Neue Testament, war die Bibel der ersten Christinnen und Christen." Allein die historische Tatsache, dass Jesus selbst mit der Thora und den alttestamentlichen Schriften aufgewachsen und nach ihnen gelebt hat, sowie die Tatsache, dass das Urchristentum nicht etwa die Evangelien gelesen und gekannt habe, sondern das Alte Testament, wiege schwer: "Die Heilige Schrift des Urchristentums war das Alte Testament", so Schmid.
Weiters habe das Christentum in seiner Geschichte nie von sich aus einen biblischen Teil höher bewertet als den anderen. Altes und Neues Testament seien vielmehr durch die Christentumsgeschichte hindurch einander zugeordnet, jedoch nicht über- oder untergeordnet worden. Erst das Konzil von Trient habe diese Frage 1545 aufgeworfen - allerdings vor dem Hintergrund der anhebenden Reformation und dem damit verbundenen katholischen Versuch, das größere lateinische Alte Testament gegenüber dem kleineren hebräischen Alten Testament, auf das sich die Reformatoren beschränken wollten, als Heilige Schrift zu sichern.

Keine Buchreligion
Dazu komme, dass das Christentum stets daran festgehalten habe, dass nicht das Neue Testament als Schriftenkanon sein eigentlicher Urgrund sei, sondern Jesus Christus selbst - d.h. normativ sei im Christentum nicht der Buchstabe des einen oder anderen Testaments, sondern allein die historische Gestalt Jesu und das Zeugnis von ihm: "Das Christentum ist keine Buchreligion" - ihre göttliche Provenienz verdanke sich nicht einer direkten göttlichen Inspiration, sondern der Übersetzung in historische Kategorien. Insofern sei die Bibel gerade nicht ungebrochen, also nicht im Literalsinn als Wort Gottes zu versehen. Darin - so Schmid - seien sich im Übrigen Altes und Neues Testament zutiefst ähnlich: in der Wertschätzung der Geschichte.
Slenczkas These hingegen liege gerade die Annahme einer unbedingten Normativität des Neuen Testaments zugrunde. Wenn diese These - wie sich gezeigt hat - historisch nicht haltbar ist, so bedeute dies im Umkehrschluss, dass eigentlich auch das Neue Testament auf den Status apokrypher Schriften zurückgestuft wer-den müsste, so Schmid. "Denn wenn 'kanonisch' heißen sollte: unmittelbar und auslegungsfrei maßgeblich, so trifft das auch auf die recht verstandene Normativität des Neuen Testaments nicht zu."
Verbunden seien Altes und Neues Testament außerdem darin, dass sie inhaltlich und in ihren Hoffnungsperspektiven verschränkt seien: "Im Alten Testament gibt es 'Neues', und im Neuen Testament gibt es 'Altes'". Anders gesagt: Das Alte Testament enthalte einen Hoffnungsüberschuss, der vom Neuen Testament nicht vollständig eingelöst werde - zugleich gebe es im Neuen Testament Ankerpunkte, die auf die bleibende Gültigkeit der im Alten Testament formulierten Hoffnungen verweisen. Bei Slenczka hingegen wären diese Verwebungen und Überschüsse verloren - ein seiner alttestamentlichen Ankerpunkte entkleidete Neues Testament diente nur mehr der "Selbstbespiegelung des frommen Individuums".

Absage an Glasperlenspiel
Schließlich verweist Schmid auf die "existenzielle Dimension", die der Theologie ohne Altes Testament abhanden kommen würde. Diese existenzielle Dimension erde die Gottesrede gewissermaßen und entreiße sie einem bloßen, von griechischer Philosophie determinierten Glasperlenspiel: "Das Alte Testament stellt Gott nicht als theologisches Konstrukt vor - das tut das Neue Testament auch nicht, aber das Alte Testament sichert die Vorstellung eines lebendigen Gottes, der die Menschen umtreibt und sich von den Menschen umtreiben lässt."
Anders gesagt: "Mit dem Alten Testament kultiviert das Christentum das Bewusstsein, dass der Weg Gottes mit Israel und den Menschen eine Geschichte hat, dass Religion eine Geschichte hat, und dass auch der Glaube heutiger Men-schen geschichtlich verfasst ist." Insofern könne man den Vorschlag Slenczkas, das Alte Testament herabzustufen, zwar in der Theorie durchspielen, jedoch weder in der religiösen Praxis umsetzen noch theologisch rechtfertigen.