Bibel enthält Erzählungen von Gewalt, ruft aber nicht dazu auf

Zürich, 21.1.16 (kath.ch) Wird heute über Religion und Gewalt gesprochen, ist oft der Islam im Visier. Doch auch das Christentum hat seine gewalttätige Seite, wie der reformierte Theologe und Professor für Altes Testament an der Universität Zürich, Konrad Schmid, im Gespräch mit kath.ch sagt. Schmid trat am 20. Januar an den Witiker Gesprächen «Religion ohne Gewalt" in Zürich-Witikon auf. Diese wurden von der Paulus-Akademie und der reformierten Kirche Zürich Witikon organisiert.

Regula Pfeifer

Heute wird Terror im Namen des Islam verübt. Gibt oder gab es Terror im Namen des Christentums?
Konrad Schmid: Es gab und gibt religiös motivierte Gewalt im Christentum. Von Terror, der ja auf die Zerstörung eines Systems hinarbeitet, würde ich hier aber nicht sprechen. Bekannt sind die mittelalterlichen Kreuzzüge und die Hexenverfolgungen. Während der Reformation kam es in Zürich zu Gewaltakten: Täufer wurden wegen ihres Glaubens in der Limmat ertränkt. Die militanten Abtreibungsgegner in den USA und die religiös begründete Homophobie, vor allem etwa in Afrika, gehören zu aktuellen Ausformungen religiös motivierter Gewalt im Christentum.

Wann war das Christentum historisch gesehen am gewalttätigsten?
Schmid: In der Antike, vor Konstantin, wurde das Christentum verfolgt. Mit dem Aufkommen christlicher Imperien änderte sich das, sie bargen ein grosses Missbrauchspotential. In der Frühzeit des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation fanden die Kreuzzüge statt.
Mit dem Wandel zur Neuzeit machte sich die Überzeugung breit, der Staat habe sich gegenüber Religionen neutral zu verhalten. Dies dämmte die Tendenz zur Gewaltausübung im Namen der Religion ein.

Und heute?
Schmid: Heute führt das Christentum keine Glaubenskriege mehr. Das ist das Resultat des verheerenden Dreissigjährigen Krieges zwischen den Konfessionen im 17. Jahrhundert, der unentschieden ausging. Er zeigte, dass religiöse Wahrheitsansprüche nicht auf militärischem Weg geklärt werden können. So wurde die Idee der religiösen Toleranz geboren.
Wichtig für die Entwicklung war auch die Gründung der USA. Viele im Dreissigjährigen Krieg verfolgte religiöse Minderheiten wanderten nach Amerika aus. Sie drängten in der neuen Heimat auf einen religiös neutralen Staat. Mit dem Aufstieg der USA zur Weltmacht etablierte sich diese Vorstellung in vielen Ländern.

Ihre Einschätzung: Wie friedlich oder gewalttätig ist das Christentum im Vergleich zu anderen Religionen?
Schmid: Diese Frage kann man nicht pauschal beantworten. Das Christentum, das Judentum und der Islam sind wie andere Religionen vielschichtig, breit und haben in sich unterschiedliche Strömungen. Bei allen Religionen gibt es sowohl Bewegungen, die zu Gewalt tendieren, wie auch solche, die explizit darauf verzichten.

Ob der Koran zu Gewalt aufruft, ist umstritten. Ruft die Bibel zu Gewalt auf?
Schmid: Die Bibel redet selten direkt zu den Leserinnen und Lesern, sie bietet vielmehr Erzählungen, innerhalb derer die handelnden Figuren zueinander sprechen. Die Bibel enthält zwar Gewalterzählungen, sie ruft aber nicht zu Gewalt auf.

Was für extreme Gewaltszenen gibt es in der Bibel – und was bezwecken diese?
Schmid: Jesus am Kreuz ist eine der gewalttätigsten Szenen der Bibel. Sie ist zentral für das Christentum und zeigt an: Im Zentrum dieser Religion steht nicht die Gewaltausübung, sondern das Erleiden von Gewalt, das sogar den in die Welt gekommenen Gottessohn betrifft. Im Christentum wird Gott neu nicht mit der Macht, sondern mit dem Verzicht auf Macht zusammengedacht.
Für die Gewaltthematik notorisch bekannt sind die Darstellungen der kriegerischen Landaneignungen in der Bibel, die davon berichten, wie die Israeliten die im Land wohnenden Völker vertreiben. Sie haben allerdings keine historische Grundlage. Sie werden einer Zeit zugeschrieben, da die Israeliten sich im babylonischen Exil aufhielten und von einer solchen Eroberung vermutlich träumten. Diese Gewaltdarstellungen waren aus der Ohnmacht geborene Machtfantasien.

Sind Gewaltdarstellungen in einem heiligen Buch nicht etwas Schlechtes?
Schmid: Gewalt gehört zum Menschsein. Will eine Religion einen Lebensbezug haben und nicht weltfremd sein, so muss sie sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Eine Religion, die sich der Gewaltthematik nicht stellen würde, wäre wohl bald ausgestorben. (rp)

Quelle: kath.ch