Die Schöpfung – bei Licht betrachtet

Über Licht als Quelle der Erkenntnis diskutierten der Hirnforscher Fritjof Helmchen und der Theologe Konrad Schmid im Talk im Turm. Sehen Sie hier die Videoaufzeichnung des Podiumsgesprächs.

Fritjof Helmchen, Professor für Neurowissenschaften, und Konrad Schmid, Professor für alttestamentliche Wissenschaft und frühjüdische Religionsgeschichte, im Gespräch mit David Werner und Roger Nickl. (Video: UZH, Zentrale Informatik – Mels)

Man hätte erwarten können, dass es beim Gespräch zwischen dem Neurowissenschaftler Fritjof Helmchen und dem Theologen Konrad Schmid zum Thema Licht und Erkenntnis zu unüberbrückbaren Differenzen kommen würde. Doch dem war nicht so. Am Schluss des spannenden Gesprächs standen sich ein «verzauberter Hirnforscher» und ein «entzaubernder Theologe» sozusagen in vertauschten Rollen gegenüber, wie Moderator Roger Nickl festhielt.

Der Naturwissenschaftler anerkannte die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis, die Raum lassen für religiöse Ideen, während der Theologe den Schöpfungsbericht in Genesis 1 als rationales Werk qualifizierte, das auf dem «damaligen Stand des wissenschaftlichen Irrtums» beruhe.

Licht als Werkzeug der Forschung

Zuvor erklärten die beiden Wissenschaftler im Talk im Turm aus der Sicht ihrer jeweiligen Fachgebiete die überragende Bedeutung des Lichts. Für Fritjof Helmchen, Professor für Neurowissenschaften und Co-Direktor des Instituts für Hirnforschung, ist Licht ein unverzichtbares Werkzeug, um die Informationsverarbeitung im Gehirn zu entschlüsseln. Dazu benutzt er mit seinem Team moderne sogenannte Zwei-Photonen-Mikroskope, die es mithilfe von Laserlicht-Blitzen erlauben, tief in das Hirngewebe zu blicken und die biochemischen Vorgänge in Echtzeit zu verfolgen. Die bei Mäusen durchgeführten Experimente dienen der Aufklärung von Lernprozessen.

«Wir wollen verstehen, wie das Gehirn Informationen aus der Umwelt verarbeitet und daraus lernen kann», sagte Helmchen. In erweiterter Form dient Licht im Rahmen der Optogenetik dazu, Hirnfunktionen experimentell zu erforschen. Im Tiermodell ist es bereits möglich, durch optogenetische Lichtschalter einzelne Nervenzellen zu aktivieren oder auszuschalten. Auf Knopfdruck lassen sich derart Verhaltensänderungen bewirken.

Licht als Metapher für Erkenntnis

Während sichtbares Licht für Naturwissenschaftler ein Teil der elektromagnetischen Strahlung und ein wichtiges Forschungswerkzeug darstellt, ist Licht in der Theologie eine Metapher für Erkenntnis im Dualismus zwischen Finsternis und Helligkeit. Es werde Licht, heisst es in der Bibel. Für die biblischen Autoren vor zweieinhalbtausend Jahren war Licht ein grundlegendes Prinzip der Schöpfung, ohne das die Welt nicht werden konnte.

Wie Konrad Schmid, Professor für alttestamentliche Wissenschaft und frühjüdische Religionsgeschichte ausführte, ist der Schöpfungsbericht in Genesis 1 aber gleichzeitig auch eine Profanisierung: «Die Welt hat darin nichts Göttliches mehr und Gott nichts Weltliches», erklärte Schmid. Möglich wurde diese Differenzierung erst durch den jüdischen Monotheismus, im Unterschied zur babylonischen Tradition, die viele Götter postulierte. Diese neue Beschreibung in der Bibel sei revolutionär und legte die Basis für die Erforschung der Welt. Denn nur eine entgöttlichte Welt könne erforscht werden, so die überraschende Schlussfolgerung des Theologen.

Das Gehirn ist noch nicht entschlüsselt

«Die Genesis ist sowohl ein wissenschaftliches als auch ein mythisches Werk», betonte Konrad Schmid. Diese analytische Sicht des Theologen bildete die Basis für einen vorurteilslosen Diskurs über zwei Wissenschaftsdisziplinen hinweg, den die Moderatoren Roger Nickl und David Werner umsichtig führten.

Der Naturwissenschaftler machte klar, dass das Gehirn trotz High-Tech und weltweit verstärkter Forschung noch weitgehend unverstanden ist. Überzogenen Heilsversprechungen, die zum Beispiel im Rahmen des Human Brain Projektes verkündet worden sind, erteilte er eine Absage. «Wir stehen immer noch am Anfang der Forschung», sagte Helmchen mit wohltuender Bescheidenheit. Und der Theologe fügte mit Gelassenheit an, dass mit dem steigenden Wissen auch das Nichtwissen ansteigen werde. So gesehen fürchtet er nicht um die Theologie.

Einig waren sich die beiden bei der Feststellung, dass der Wunsch nach Transzendenz und Religion evolutionär im Gehirn angelegt sein muss. Paradox bleibt der Umstand, dass wir mit der Rationalität unseres Gehirns diese tiefliegenden Sehnsüchte zu entmystifizieren versuchen. Wobei die Naturwissenschaften weit davon entfernt sind, diese Vorgänge biochemisch zu beschreiben. «Es gibt noch viel Zauberhaftes und Mystisches in der Welt», sagte – der Neurowissenschaftler. Der Theologe nickte zustimmend.

von Stefan Stöcklin

Quelle: UZH News