Lukas Bärfuss und die furchteinflössende Bergpredigt

Ausgangspunkt des illustren Treffens war der Film «Jésus de Montréal» von 1989, in dem eine Schauspielertruppe die Passion von Jesus nachspielte und zugleich selbst erlitt. Der Anlass war Teil einer Ringvorlesung, die sich mit «Passionsgeschichten in der Kultur» auseinandersetzt.

Zuerst analysierte und würdigte der Alttestamentler Konrad Schmid den Film, dann äusserte sich Lukas Bärfuss dazu, der bekanntlich in letzter Zeit vor allem wegen seines Schweiz-Veriss in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Aufsehen sorgte.

Die paradoxe Bergpredigt

Während Schmid den Film wissenschaftlich-plausibel analysierte, glitt Bärfuss mehrheitlich ins freie Assoziieren ab. Das war nicht ununterhaltsam. So schlug er vor, dass man am Schluss der Vorlesung gemeinsam Leonard Cohens «Suzanne» singen könne. Cohen stamme eben auch aus Montreal. Er, Bärfuss, kenne den Geist dieser Stadt.

Im Film sah Bärfuss keine Passion, sondern eine Art Bergpredigt «reloaded». «Die Bergpredigt hat eine unglaubliche literarische Grösse und eine geradezu furchteinflössende Wirkung, sie ist eine Instanz für alle, die je ein Buch publiziert haben», ordnete er sie grundsätzlich ein und las bemerkenswerterweise auch aus ihr vor.

Der Text in Matthäus 5 sei paradox, denn die Bergpredigt überwinde das Politische und fordere zugleich zum Widerstand und damit zur Politik auf. Sie sei damit auch ein Keim des Sozialismus. «Sie verabschiedet uns aus dem Zwang, die eigenen Interessen wahrzunehmen», so Bärfuss, «sie ist das Ende des Aushandelns und damit der Dialektik. Und damit das Ende von Politik und Kunst.» Für Künstler sei die Utopie der Bergpredigt eine Sehnsucht. Religion und Kunst im Allgemeinen hätten einen grossen gemeinsamen Nenner: die Inspiration.

Der Pietismus

Und so kam Bärfuss vor den rund 70 Zuhörerinnen auf den Pietismus zu sprechen: «Ich habe meine Erfahrung mit ihm. Für den Pietismus braucht es keine Institution wie die Kirche, sondern nur Inspiration.» Pietismus und die Literatur hätten beide einen radikalen Anspruch: Ändere dein Leben! Er zitierte dazu Novalis und Rilke und meinte, dass man eine Literaturgeschichte der pietistischen Pfarrersöhne schreiben könnte.

Konrad Schmid nickte hin und wieder lächelnd zu Bärfuss‘ Aussagen. Ob er wirklich einverstanden war, war ihm nicht anzusehen. Erhellend waren die unterschiedlichen Glaubensverständnisse. Für Bärfuss war Glaube eine Bekehrungssache: «Glaube kommt plötzlich von oben, das ist bei Ignatius von Loyola und bei Hildegard von Bingen so.» Er kenne beispielsweise Leute, die er eine Zeitlang nicht gesehen habe und die dann fromm geworden seien: «Ooops, die hatten die Bekehrung!»

Lob der Epiphanie

Diese Form von Glauben lasse Dialektik nicht mehr zu, sei etwas Privates und habe gesellschaftlich eigentlich verloren. Auch politisch gebe es diese Art von Extremismus, zum Beispiel den Stalinismus. «Das ist zu bekämpfen.»

Für Schmid war Glaube eben kein evangelikaler, «supranationaler Blödsinn», sondern er geschehe. «Es gibt Unverfügbarkeiten im Leben, zum Beispiel dass wir geboren werden und sterben. Wenn einen das berührt – das ist Glaube.»

Fazit der Veranstaltung: Es war nicht immer ganz einfach, Bärfuss‘ Ausführungen zu folgen. Er wechselte munter zwischen Film, Literaturtheorie und Philosophie, warf Namen wie Horkheimer, Benjamin oder Fra Angelico ein, wechselte von Montreal in die Ukraine und landete in Florenz.

Immerhin brach er am Schluss eine Lanze für die Religion: «Ich würde mich immer dagegen wehren, wenn es keine Epiphanien mehr gäbe.» Ungesungen blieb leider Cohens «Suzanne».

von Matthias Böhni

Quelle. ref.ch