Theologie oder Kulturwissenschaft?

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde an deutschen Fakultäten für evangelische Theologie «der Alttestamentler» als theologischer Fachmann mit klar umrissenem Ausbildungs- und Berufsprofil entwickelt. Gefordert werden perfekte Bibelkenntnis, Beherrschung des Althebräischen, Vertrautheit mit der bisherigen Bibelwissenschaft und Handhabung grundlegender Arbeitshypothesen.

Zu diesen gehört der Satz «Im Pentateuch – den fünf Büchern am Anfang der Bibel – liegt das Archiv der Religionsgeschichte des biblischen Volkes verborgen», dem Julius Wellhausen (1844–1918) Anerkennung verschaffte. Erwartet wird weiter die Durchführung innovativer Forschung, zu deren Publikation eigene Buchreihen und nicht zuletzt die seit 1881 in Berlin erscheinende «Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft» zur Verfügung stehen. Als unabdingbar gilt schliesslich der Mut, auch ungewöhnliche Forschungsergebnisse öffentlich zu erörtern und gegebenenfalls wieder zu verwerfen.

Exportschlager

Von der Geschichte der Wissenschaft vom Alten Testament handelt ein seit 1996 erscheinendes monumentales Werk, das durch den jetzt vollständig erhältlichen, in zwei Teile geteilten dritten Band seinen Abschluss findet. Magne Sæbø, der Herausgeber, lehrt als Alttestamentler in Oslo. In diesem dritten Band erhellen Sæbø und sechsundvierzig Beiträger aus vielen Ländern – von Norwegen bis Japan, von der Schweiz bis Australien – erstmals umfassend die Geschichte der alttestamentlichen Wissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Was diese Geschichte im Innersten zusammenhält, ist ebendie Erfindung und bis heute andauernde Erfolgsgeschichte des Alttestamentlers.

Durch die von ihm verlangten Sprachkenntnisse und die antiquarische Gelehrsamkeit, aber auch durch seine kritische Haltung zur kirchlichen Tradition wurde er zu einer imponierenden Aussenseitergestalt der Theologie. Gleichzeitig wurde er zu einem Erfolgsmodell, das sich an allen evangelisch-theologischen Fakultäten Deutschlands rasch durchsetzte und auch die katholischen Fakultäten nicht unberührt liess. Der mit klarem Kompetenzprofil ausgestattete Alttestamentler wurde zu einem internationalen Exportschlager. Heute findet man nach deutschem Vorbild ausgebildete Alttestamentler in allen Ländern, in denen evangelische oder katholische Theologie auf universitärem Niveau gelehrt wird – von Nordamerika bis Japan.

Schweizer in der ersten Liga

In die Schweiz fand der neue Typ des Alttestamentlers durch den Deutschen Bernhard Duhm Eingang, der ab 1889 den entsprechenden Lehrstuhl in Basel innehatte. Schweizer Alttestamentler spielen seitdem immer in der ersten Liga des Fachs. Zwei Schweizern verdankt die internationale Zunft der Alttestamentler ihr bis heute führendes Wörterbuch der hebräischen Sprache: Ludwig Köhler und Walter Baumgartner. Doch die Forschung orientierte sich bis um 1970 vorwiegend an deutschen Fachvertretern, als deren wichtigste nach dem Zweiten Weltkrieg Gerhard von Rad in Heidelberg und Martin Noth in Bonn galten.

Nach dem Tode der beiden Giganten – Noth verstarb 1968, von Rad 1971 – hörten die Deutschen auf, unter den Alttestamentlern der Welt die führende Rolle zu spielen. Deutsche Forschungsparadigmen gerieten in die Krise. Sie wurden mit geradezu deutscher Gründlichkeit auf ihre Schwächen untersucht und allmählich durch andere ersetzt. Immer noch gilt der Pentateuch als «Archiv» – wenn auch nicht mehr der gesamten Religionsgeschichte Israels, so doch konkurrierender Versuche, Israel nach dem Untergang seines Königtums im Jahr 586 v. Chr. eine neue Identität zu verleihen.

Am Aufbau solcher neuen Paradigmen waren und sind auch Schweizer und in der Schweiz wirkende Forscher massgeblich beteiligt – in den 1970er Jahren Albert de Pury in Genf und Hans Heinrich Schmid in Zürich, später weitere wie Thomas Römer, Ernst Axel Knauf und Konrad Schmid. Auch amerikanische, britische und skandinavische Forscher meldeten sich erfolgreich zu Wort. Heute wird über das Alte Testament überwiegend in englischer Sprache publiziert, doch immer noch «deutsch gedacht», um ein Wort des britischen Wissenschaftsjournalisten Peter Watson aufzugreifen.

Sind der deutsche und der Schweizer Alttestamentler – und seine weibliche Ausgabe: die Alttestamentlerin – bis heute fast ausnahmslos in einer theologischen Fakultät beheimatet, so gilt das in vielen Ländern längst nicht mehr. Es stehen einander zwei unterschiedliche professionelle Profile gegenüber. Nach dem einen Profil ist der Alttestamentler Kulturwissenschafter, der im grossen Verbund der Kultur- und Sprachwissenschaften historisch, religions- und literaturwissenschaftlich arbeitet. Nach dem anderen will er als Theologe biblische Theologie und Anthropologie betreiben, um der Theologenausbildung, der Kirche und dem religiösen Glauben zu dienen.

Doppelte Akzentuierung

Diese doppelte Akzentuierung ist der biblischen Forschung seit langer Zeit eigen. Wiederholt ist sie sichtbar geworden: als sich Julius Wellhausen 1882 von der theologischen in die philosophische Fakultät versetzen liess; als sich der Orientalist Friedrich Delitzsch in den Jahren 1903 bis 1905 mit Theologen unter dem Motto «Babel und Bibel» über den Einfluss der babylonischen Kultur auf die Bibel stritt. Und dann, als nach dem Zweiten Weltkrieg Gerhard von Rad seine «Alttestamentliche Theologie» veröffentlichte, während Martin Noth eine rein profanhistorischen Interessen verpflichtete «Geschichte Israels» vorlegte.

 

Magne Saebø (Hg.): The History of Its Reception. Band III/1: The Nineteenth Century. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013. 757 S. € 175.–; Band III/2: The Twentieth Century. 2015. 777 S. € 150.–

Quelle: NZZ