Vom «Züriputsch» zur Religionspsychologie

Der Theologieprofessor Konrad Schmid zeichnet in einer neuen Publikation die Geschichte der Theologischen Fakultät nach. Die Gründungsjahre waren turbulent – und brachten die gesamte Universität in Bedrängnis.

Kaum war die Universität Zürich 1833 gegründet worden, drohte ihr 1839 bereits wieder die Schliessung. Grund dafür war ein Vorkommnis an der Theologischen Fakultät – der so genannte «Straussenhandel». Gemeint sind damit die Wirren um die Berufung des deutschen Theologen David Friedrich Strauss. Dessen Buch «Leben Jesu, kritisch bearbeitet» beschrieb die Evangelien nicht als Berichte über historische Tatsachen, sondern als mythologische Ausgestaltungen. Diese Ansicht gehört heute zum Allgemeingut der neutestamentlichen Wissenschaft. Damals aber erregte sie die Gemüter. So rief die Berufung von David Friedrich Strauss einen Sturm der Entrüstung im Zürcher Volk hervor. Bürgerkomitees organisierten eine Volksbefragung, worauf die Regierung – gegen ihren eigenen Willen – den 32-jährigen Theologen noch vor seinem Amtsantritt in Pension schickte.

Die Liberalen im Grossen Rat reagierten darauf drastisch und stellten den Antrag, die Universität zu schliessen: Wenn es nicht möglich sei, Strauss zu berufen, genüge die Universität den geforderten wissenschaftlichen Ansprüchen nicht. Eine parlamentarische Kommission stellte der jungen Hochschule allerdings ein gutes Zeugnis aus. Doch die Turbulenzen nahmen kein Ende: Wegen weiterer Volksversammlungen liess die Züricher Regierung die Infanterie aufbieten. Bei einem Zug von Freischärlern nach Zürich kam es zum Tumult und Schiessereien – dem so genannten «Züriputsch». 14 Putschisten und ein Regierungsrat kamen dabei ums Leben, die Regierung trat zurück, der Grosse Rat beschloss Neuwahlen.

Katholiken umerziehen

Seither hat die Theologie an der Universität Zürich wohl nie mehr eine derart dramatische Rolle in der Geschichte der UZH gespielt. Trotzdem hat sie eine beachtliche Entwicklung hinter sich, wie Konrad Schmid, Professor für Alttestamentliche Wissenschaft und Frühjüdische Religionsgeschichte an der UZH, in seiner Publikation «Die Theologische Fakultät der Universität Zürich. Ihre Geschichte von 1833 – 2015»  aufzeigt.

Schmid zeichnet den Weg minutiös nach – von den anfänglichen Schwerpunkten wie der Bibelauslegung und Kirchengeschichte über die Einrichtung des Studiums der Religionswissenschaften und der Bologna-Reform bis zu der kürzlich geschaffenen Gastprofessor für Islamische Theologie und Bildung und der Stiftungsprofessur für Spiritual Care. 

Der Autor blickt aber auch vor die Zeit der Gründung als Fakultät zurück. Die Theologie gehörte 1833 nämlich nicht nur zu den Gründungsfakultäten der Universität Zürich. Die Vorgängerinstitutionen der Theologischen Fakultät bilden die ältesten Wurzeln der Universität überhaupt – sie reichen zurück bis in die Reformation. 1523 hatte der Rat von Zürich beschlossen, die bestehende Lateinschule des Grossmünsters um eine theologische Lehranstalt auf reformatorischer Grundlage zu ergänzen. Diese wurde später als «Prophezei» bekannt und diente zunächst vor allem dazu, die bislang katholischen Geistlichen der Stadt umzuerziehen.

Grenzfragen stellen

Für Schmid hat die Theologische Fakultät eine spezifische Bedeutung für die Universität, indem sie Grenzfragen stellt: «Sie greift auf das Ganze der Wirklichkeit als eines möglichen Sinnzusammenhangs aus und thematisiert dabei die grundsätzliche Limitierung menschlicher Erkenntnisfähigkeit.» Mit ihrem interpretatorischen und hermeneutischen Vorgehen sei die Theologie nicht zuletzt Taktgeberin der Geisteswissenschaften gewesen.

Auch innerhalb des Fachgebietes der Theologie habe die Fakultät an der Universität Zürich in ihrer Geschichte eine wichtige Rolle gespielt. Beinahe alle wichtigen theologischen Strömungen, welche die europäische und zum Teil auch globale Theologie geprägt haben, seien in Zürich prominent bearbeitet oder massgeblich entwickelt worden oder hätten gar hier ihren Anfang genommen: von der Unterscheidung zwischen positiver und liberaler Theologie – dabei stehen entweder die wortgetreue Bibelauslegung oder deren Vermittlung mit einem humanistischen Menschenbild und den Naturwissenschaften im Zentrum –  über die Sozialethik bis zur Religionspsychologie.

Quelle: UZH-News