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Spirituelle Ausrichtung

Die Reformierte Tradition legt grössten Wert auf die Autonomie des Einzelnen in ihrer Beziehung zu Gott. Geistliche Leitung hat darum zunächst einmal einen negativen Klang. Wenn Einzelne sich auf ihrem Weg der Autorität anderer unterstellen, geben sie damit nicht die Eigenverantwortung für ihr geistliches Wachstum an andere Personen ab? Diese Sorge ist berechtigt.

Gleichzeitig aber sind geistliche Wege solche, in denen das Ziel der Heiligung, das Hineinwachsen in die Liebe Gottes zwar sehr individuell erlebt wird, aber für Menschen zugleich riskant ist. Es steht etwas auf dem Spiel. Bezogen auf Gott sind wir Menschen an die Welt verhaftet immer hinter unserer Fähigkeit zur Gottesnähe zurück. Von Beginn an leben Christinnen und Christen, leben Suchende darum mit dem Rat der und des anderen. Kritik an der Autorität und die Notwendigkeit von Führung verschränken sich also zur zentralen Frage: Wie kann geistliche Führung reformiert gedacht und gelebt werden?

Es wird darauf ankommen, die Fähigkeit und Kompetenz zur geistlichen Leitung zu beschreiben und sie einander zuzutrauen. Wie erweisen sich Lehrerinnen und Lehrer auf dem Weg ins Heilige? Durch eigene Erfahrung genauso wie durch die Reflexion darüber, durch eigene Übung genauso wie durch das Wissen um das eigene Scheitern. Als Menschen, mit einer Begabung zur "discretio", die den Weg der anderen sucht, nicht den eigenen vermitteln will. Prinzipiell können auf diesen Wegen alle einander Führende werden. Eine feste Verabredung genügt.  Den Rat eines anderen Menschen zu wollen, bedeutet zugleich, seine Autorität anzuerkennen. Vielleicht kann so von einem "freiwilligen Gehorsam" (Corinna Dahlgrün) gesprochen werden, der nicht aus der Eigenverantwortung entlässt, wenn zwei miteinander auf dem Weg der Vertiefung sind.

Pfr. Brigitte Becker