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Spirituelle Theologie

Spiritualität - ein Containerbegriff

Wer sich als Theologe aufmacht und Spiritualität erforschen möchte, muss mit skeptischen Rückfragen aus der scientific community und nicht zuletzt aus den eigenen Reihen rechnen. Worum geht es da eigentlich? Wie definiert man Spiritualität? Was ist denn der Gegenstand der Forschung?  Es scheint fast, als habe der Begriff Spiritualität eine so grosse konnotative Aura, dass es schier unmöglich ist, ein Denotat auszumachen. Er steht für zu vieles und zu widersprüchliches. Spiritualität ist ein Containerbegriff.  Wenn aber fast alles drin liegt, gibt es am Ende nichts zu erforschen. Also läge es doch nahe, die Finger davon zu lassen!?

In der Diskursanalyse gelten Containerbegriffe tatsächlich als Termini, die verschiedene Attribute enthalten und gerade deshalb in abstrakten Abhandlungen sinnvoll verwendet werden können. Sie können Beobachtungen zusammenfassen und übergreifende Interpretationen ermöglichen. Problematisch wird die Verwendung solcher Begriffe dann, wenn sie widersprüchlich und missverständlich wird. Der Begriff wird gleichsam zu einem "falschen Freund" – man meint zu verstehen, was er sagt, aber versteht ihn doch falsch. Die Gefahr ist mit Blick auf das schillernde Konstrukt "Spiritualität" sicher virulent und eine gewisse Skepsis durchaus am Platz. Wenn der Gegenstand der Forschung ein Containerbegriff ist, kann dies freilich auch als ein möglicher Ansatz der Forschung begriffen werden. Das Potential des Missverstehens stiftet dazu an, die zwiespältige Wortverwendung genauer zu untersuchen.

Wer sich mit der Diskussion befasst, wird zwei sich widersprechende Grundpositionen im gegenwärtigen Spiritualitätsdiskurs erkennen.  Für die Einen markiert der Begriff die Ablösung und Verflüssigung des Religiösen – ein Prozess der charakteristisch ist für die Postmoderne. Für Andere bezeichnet er gerade das Gegenteil: nämlich das an eine bestimmte religiöse Praxis gebundene und mit religiösen Praktiken verbundene geistige Leben der Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft. Diese beide Verwendung des Begriffs – nennen wir die eine religionswissenschaftlich und die andere theologisch – kollidieren. Wenn Spiritualität im religionssoziologischen oder religionswissenschaftlichen Diskurs gerade nicht das Religiöse meint, wäre die theologische oder historische Rede von einer christlichen oder muslimischen Spiritualität gleichsam ein schwarzer Schimmel. Umgekehrt stellt sich aus theologischer Warte die Frage, was "spirituell" meinen kann, wenn es nicht religiös sein darf. Gibt es Religion, die nicht spirituell ist? Ist spirituelle Religiosität ein weisser Schimmel?

Der Konflikt könnte dadurch entschärft werden,  dass man religiöse von nicht-religiöser Spiritualität unterscheidet. Was für diejenigen, die sich in dieser Debatte nicht auskennen, absurd klingen mag, wird tatsächlich ernsthaft diskutiert. Es trägt aber wenig zur Klärung der Begriffe bei und stiftet eher noch mehr Verwirrung. Diskursanalytisch betrachtet ist der Konflikt aber aufschlussreich! Es geht um unterschiedliche Verwendungen desselben Begriffs, die im jeweiligen Referenzsystem der disziplinären Perspektiven Sinn machen, aber die inter- und transdisziplinäre Verständigung erschweren. Anders gesagt: es wird um Definitionsmacht gestritten. Müsste man um der Klärung willen der Theologie empfehlen, sich auf Frömmigkeitsforschung zu beschränken und das Feld der Spiritualitätsforschung den Religionswissenschaften zu überlassen? Rät dies aus wissenschaftsstrategischer Ebene zu einer Vorwärtsstrategie? Oder wäre es am besten, alle verzichten auf den auf den "falschen Freund"?

Wer so argumentiert, hat nicht begriffen, dass es gar keine wahren Freunde gibt. "Religion", "Glauben" oder "Frömmigkeit" haben ihre Unschuld verloren.  Wir haben in gewisser Hinsicht nur "polluted terms". Sie sind alle kulturell kontaminiert und nicht mehr zu gebrauchen für objektive Beschreiben. Solche und andere prinzipiellen Schwierigkeiten der begrifflichen Abgrenzungen sind schon längstens Gegenstand (religions)-philosophischer und hermeneutischen Metadiskurses. Ob schwarzer Schimmel oder weisser Rappen – exklusive Besitzansprüche auf Begriffsverwendungen haben mehr mit Schwarz-Weiss-Denken als wissenschaftliches Nachdenken zu tun. Für den Gegenstand der Spiritualität sei es auf eine simple Regel gebracht: Wer in diesem Feld Forschung treiben und nicht im Nebel stochern will, muss sagen, was er oder sie sucht und zu finden hofft.

Darum verbindet das Center for the Academic Study of Christian Spirituality den Anspruch der Wissenschaftlichkeit mit einer klaren Positionierung und Beschränkung auf eine bestimmte religiöse Praxis. Im Fokus der Forschung steht die christliche Spiritualität – nicht weil diese besser wäre oder die christliche Religion einen Exklusivanspruch auf den Geist (lat. Spiritus) erheben könnte, ohne in einen Selbstwiderspruch zu geraten. Die Fokussierung auf das Christentum ist vielmehr eine pragmatische wie inhaltliche begründete Selbstbeschränkung. Pragmatisch ist sie, weil wir auf diesem Feld über Expertise verfügen, inhaltlich ist sie, weil sie sich an einem Wertekosmos orientiert, der durch die christliche Tradition normiert ist. Spiritualität umfasst einer basalen Dimension der Glaubenspraxis und befasst sich mit Praktiken, die den Glauben als Habitus formen, einüben und ausdrücken.

Im Singen, Beten, Segnen und Lesen und Hören auf die Heilige Schrift wird aktualisiert, was die Lehre postuliert: eine heilige Lebensführung. Was Spiritualität innerhalb dieses Referenzrahmens meint, lässt sich nicht fest-stellen, weil nicht fest-steht, was das Heilige ist. Der Begriff bleibt insofern ein Container im Container, aber weder eine Blackbox noch ein. In der Spiritualität steckt der Esprit eines geistigen Erbes, das erforscht sein will. Die Begriffsgeschichte von Geist liefert Anhaltspunkte und gibt eine Spur vor, auf der sich theologische Spiritualitätsforschung bewegt. Sie verläuft quer zu den Subdisziplinen, die sich in der enzyklopädischen Ausdifferenzierung der theologischen Wissenschaften etabliert haben. Die Container-Metapher hat in diesem Lichte betrachtet eine zweite Bedeutung. Wenn ein Begriff für zu Vieles oder gar Alles steht, könnte auch das Eine und Universale gemeint sein.  Dann könnte man von der Spur auf das Ziel schliessen, das sich dem akademischen Studium entzieht, aber Menschen, die den Glauben praktizieren, bewegt: die Erforschung der unerforschlichen Tiefen Gottes.