Eine Theologin verlässt den Elfenbeinturm

Der Tagesanzeiger zur Wahl Christina Aus der Aus in das Präsidium der Deutschen Evangelischen Kirchentage

Grosse Ehre für Christina Aus der Au: Die Religionswissenschaftlerin präsidiert zusammen mit dem deutschen Aussenminister Frank-Walter Steinmeier den Deutschen Evangelischen Kirchentag.

Im Büro von Christina Aus der Au an der Zürcher Kirchgasse steht neuerdings eine meterhohe Luther-Figur aus schwarzem Plastik, daneben ein grosser farbiger Würfel mit Zwinglis Konterfei. Die 47-jährige Theologin und Geschäftsführerin des Zentrums für Kirchenentwicklung wird sich in den kommenden Jahren intensiv mit den Reformatoren aus Wittenberg und Zürich beschäftigen, denn ihr ist gerade Einmaliges widerfahren. Seit 2007 als einzige Schweizerin im rund 30-köpfigen Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags, ist sie in den leitenden Vorstand gewählt worden. Zusammen mit Andreas Barner, dem Vorsitzenden des Pharmariesen Boehringer Ingelheim, und dem neuen deutschen Aussenminister Frank-Walter Steinmeier.

Das Trio repräsentiert in den nächsten sechs Jahren im Kirchentag die Bereiche Wirtschaft, Theologie und Politik. Wobei Barner den Kirchentag 2015 in Stuttgart, Steinmeier jenen von 2019 und Aus der Au den Kirchentag 2017 vom 24. bis 28. Mai in Berlin und Wittenberg präsidiert. Die Schweizer Theologin ist damit verantwortlich für einen der Hauptevents im grossen Jubiläumsjahr aus Anlass des 500. Geburtstags der Reformation.

Auf den Leib geschrieben

Für den Sozialdemokraten Steinmeier, den sie von der gemeinsamen Tätigkeit im Präsidium bereits kennt, findet Aus der Au nur lobende Worte: «Er ist äusserst sympathisch, humorvoll und schlagfertig, unkompliziert und nahbar.» Nehme er an den Sitzungen teil, wie gerade an einer Tagung in der Geschäftsstelle von Fulda, sei er sofort voll präsent, gut vorbereitet und nicht ständig mit seinem Smartphone beschäftigt. Mit Steinmeier und Innenminister Thomas de Maizière sitzt Aus der Au auch in der Arbeitsgruppe, die einen Europäischen Kirchentag plant. Er könnte erstmals 2022 stattfinden, womöglich sogar in Zürich.

Die neue Aufgabe ist Christina Aus der Au, Theologin, aber nicht Pfarrerin, auf den Leib geschrieben. «Für mich muss Theologie raus aus dem Elfenbeinturm und gesellschaftsrelevant werden.» Genau dies sei der Anspruch des Evangelischen Kirchentags, der seit 1949 politisch – eher links – in die Gesellschaft hineinzuwirken versuche. Entstanden aus dem Bewusstsein heraus, dass die offiziellen deutschen Kirchen in der Kriegszeit versagt hatten, organisiert die Laien- und Basisbewegung alle zwei Jahre einen dreitägigen Grossanlass in einer deutschen Stadt – und greift von der Migrations- und Flüchtlingsthematik über Ökologie bis Ökumene alle gesellschaftsrelevanten Fragen auf.

Laut Aus der Au hat man sie gewählt, «weil ich eine Frau, noch nicht grauhaarig und reformiert bin». Zwar ist auch Steinmeier reformiert, und nicht etwa lutherisch. Mit der Wahl der einzigen Nichtdeutschen im Präsidium aber wolle man verdeutlichen, dass die Reformation nicht nur eine deutsche, sondern auch eine schweizerische Sache und mittlerweile auch eine afrikanische, asiatische und amerikanische geworden sei.

Aus der Au wird selbstredend die zürcherische Ausprägung der Reformation in den Kirchentag 2017 einbringen: etwa den von Zwingli betonten Föderalismus in Form der Gemeindeautonomie oder seine zivilreligiöse Absicht, das Religiöse in die Gesellschaft einfliessen zu lassen – in Abgrenzung zu Luthers Zwei-Reiche-Lehre, die die Bereiche Religion und Staat trennt.

Kontakte knüpfen in Berlin

Ihre Aufgabe bringt es mit sich, dass sich Aus der Au in den nächsten vier Jahren mehr und mehr in Berlin aufhalten wird. Dort wird sie bei Elisabeth Raiser, der Tochter des verstorbenen Physikers Carl Friedrich von Weizsäcker, wohnen. Die frühere Kirchentagspräsidentin kann der neuen helfen, all die notwendigen Kontakte zu Exponenten aus Politik, Wirtschaft und Kirche zu knüpfen. Schliesslich lebt der Grossevent Kirchentag mit seinem unzähligen Plenarveranstaltungen, Workshops oder Cabarets von den Referenten. Und auch von den jeweils 120'000 Teilnehmenden.

Verschiedenste Lehraufgaben

Für das Organisatorische ist die Geschäftsstelle vor Ort zuständig, die Präsidenten repräsentieren den Kirchentag nach aussen und arbeiten ehrenamtlich. Als Frau mit typischer Patchwork-Karriere könne sie sich das einrichten, sagt Aus der Au. Sie hat zwar habilitiert, über das Menschenbild in Theologie und Neurowissenschaften, und hält immer wieder Vorträge nicht nur zu diesem Thema. Einen Lehrstuhl aber hat die Mutter einer Tochter und Frau eines Deutschen nicht. Dafür verschiedenste Lehraufgaben: Sie ist Theologie-Privatdozentin an der Uni Basel, Dozentin für Medizinethik in Freiburg, sie sitzt im Ethikbeirat der «Schweizer Ärztezeitung» oder im Verwaltungsrat der Alternativen Bank Schweiz.

Ihr eigentlicher Brotjob ist ihre 50-Prozent-Anstellung als Geschäftsführerin des Zentrums für Kirchenentwicklung an der Theologischen Fakultät Zürich. An der Schnittstelle von universitärer Theologie und Kirche tätig, begleitet das Zentrum die grossen kirchlichen Restrukturierungsprozesse auf dem Weg zu einer überschaubaren Zahl von Kirch- und Profilgemeinden theologisch. Aus der Au freut sich über die zwei gerade vom Stadtverband bewilligten Stellen, welche die Nutzung und Umnutzung von Kirchengebäuden und Errichtung von Profilgemeinden reflektieren sollen. Die Theologin schätzt die Vielfältigkeit ihres Jobs.

Letztes Jahr hat sie sich mit Studierenden in Südafrika mit Theologen wie Desmond Tutu ein Bild gemacht, wie die reformierten Kirchen zur Entstehung und Abschaffung der Apartheid beigetragen haben. Demnächst organisiert sie eine weitere Fachtagung zum Thema, das ihr so sehr am Herzen liegt: «Theologie und Öffentlichkeit». «Zusammen mit Theologieprofessoren reflektieren wir, wie sie die universitäre Theologie für die Gesellschaft fruchtbar machen können.» (Tages-Anzeiger)

Quelle: TagesAnzeiger