Das Leben nicht um jeden Preis erhalten

Sterbehilfe / Immer mehr Menschen scheiden mit Exit aus dem Leben. Gleichzeitig leisten die meisten Ärzte in der Schweiz in irgendeiner Form Sterbehilfe. Zwei Trends, die den Blick auf das Sterben verändern.

«Jeder Suizid ist eine Verzweiflungstat und sollte von der Gesellschaft hinterfragt werden.» Mit diesen deutlichen Worten kommentiert Rita Famos die jüngste Statistik der Sterbehilfeorganisation Exit. Dreissig Prozent mehr Menschen sind 2015 gegenüber dem Vorjahr mit dem tödlichen Medikament Natrium-Pentobarbital aus dem Leben geschieden; in absoluten Zahlen bedeutet dies eine Zunahme von 199 auf 782 Menschen. Famos leitet die Abteilung Spezialseelsorge der reformierten Landeskirche Zürich. In dieser Funktion treibt sie auch das kirchliche Engagement im Bereich Palliative Care voran, von der Synode vor zwei Jahren zu einem Arbeitsschwerpunkt erklärt. Sie setzt sich dafür ein, dass bereits bestehende Angebote in der ambulanten Palliative Care ergänzt und durch die Ausbildung von Freiwilligen Lücken bei der Versorgung geschlossen werden.

Die Tatsache, dass immer mehr Menschen den Notausgang mit Exit wählen, bereitet ihr grosse Sorgen. Auch wenn es, gemessen an allen Todesfällen, vielleicht nur wenige sind. «Wurden die Patienten wirklich aufgeklärt über die Möglichkeiten von Palliative Care, die ebenfalls ein selbstbestimmtes Sterben ermöglicht?» Famos warnt vor dem Druck auf alte und kranke Menschen, die aus Angst, jemandem zur Last zu fallen, Exit als letzten Ausweg sehen. «Nur weil der lange, beschwerlichere Weg oft mehr Kosten verursacht.» Für sie ist klar: ­«Politisch muss etwas passieren!»

Dennoch kann Famos dem 1982 gegründeten Sterbeverein auch etwas Positives abgewinnen: «Exit ist es zu verdanken, dass die unsägliche Entwicklung, Leben um jeden Preis zu erhalten, von der Gesellschaft nicht mehr länger so hingenommen wurde.» Tatsächlich kann heute mithilfe der technologischen Möglichkeiten und durchgeführten Behandlungen das Leben von Schwerstkranken verlängert werden. Doch um welchen Preis? Während die Spitzenmedizin immer bahnbrechendere Erfolge vermeldet, ist bei den meisten Ärzten ein Bewusstseinswandel in die gegenteilige Richtung im Gang. Sie verzichten zunehmend auf lebensverlängernde Massnahmen am Lebensende, wie eine neue Studie belegt (siehe unten).

Ausbildungsbedarf. Mit Interesse hat Simon Peng-Keller die Studie zur Kenntnis genommen. Der Theologe ist Lehrstuhlinhaber der neuen Professur Spiritual Care an der Universität Zürich. Sein Fazit: «Das Bedürfnis der Patienten nach Selbstbestimmung ist bei den Ärzten angekommen.» Dennoch bestehe noch Ausbildungsbedarf: In zehn bis zwanzig Prozent der Fälle wurde der Entscheid eines Behandlungsabbruchs oder -verzichts laut Studie nicht in Absprache mit Patienten und Angehörigen getroffen.

An diesem Punkt setzt seine Arbeit an. «Angehende Ärztinnen und Ärzte sollen sensibilisiert und befähigt werden, die existenziellen Aspekte miteinzubeziehen.» Dazu gehöre insbesondere die «Beratungskompetenz», gewichtige medizinische Entscheidungen mit dem Patienten zu besprechen. Viele Ärzte fühlten sich diesbezüglich einer ak­tu­ellen Umfrage zufolge noch zu wenig vorbereitet. Bei den Medizinstudenten ist das Interesse am Fach Spiritual Care daher gross: «Das dieses Semester erstmals angebotene Modul war bald ausgebucht», bestätigt Peng-Keller. In den Spitälern setze sich das Bewusstsein mehr und mehr durch, dass die Patienten auch auf ihre spirituellen Bedürfnisse angesprochen werden sollten.

Auf der anderen Seite erstaunen den katholischen Theologen auch die neuen Exit-Zahlen nicht. Dieser Trend werde sich wie jener der Palliative Care fortsetzen. «Das Lebensende ist eine Herausforderung.»

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Quelle: reformiert

Nicht um jeden Preis am Leben erhalten

Sterbehilfe / Immer mehr Menschen scheiden mit Exit aus dem Leben. Gleichzeitig leisten die meisten Ärzte in der Schweiz in irgendeiner Form Sterbehilfe. Zwei Trends, die den Blick auf das Sterben verändern.

«Jeder Suizid ist eine Verzweiflungstat und sollte von der Gesellschaft hinterfragt werden.» Mit diesen deutlichen Worten kommentiert Rita Famos die jüngste Statistik der Sterbehilfeorganisation Exit. Dreissig Prozent mehr Menschen sind 2015 gegenüber dem Vorjahr mit dem tödlichen Medikament Natrium-Pentobarbital aus dem Leben geschieden; in absoluten Zahlen bedeutet dies eine Zunahme von 199 auf 782 Menschen. Famos leitet die Abteilung Spezialseelsorge der reformierten Landeskirche Zürich. In dieser Funktion treibt sie auch das kirchliche Engagement im Bereich Palliative Care voran, von der Synode vor zwei Jahren zu einem Arbeitsschwerpunkt erklärt. Sie setzt sich dafür ein, dass bereits bestehende Angebote in der ambulanten Palliative Care ergänzt und durch die Ausbildung von Freiwilligen Lücken bei der Versorgung geschlossen werden.

Die Tatsache, dass immer mehr Menschen den Notausgang mit Exit wählen, bereitet ihr grosse Sorgen. Auch wenn es, gemessen an allen Todesfällen, vielleicht nur wenige sind. «Wurden die Patienten wirklich aufgeklärt über die Möglichkeiten von Palliative Care, die ebenfalls ein selbstbestimmtes Sterben ermöglicht?» Famos warnt vor dem Druck auf alte und kranke Menschen, die aus Angst, jemandem zur Last zu fallen, Exit als letzten Ausweg sehen. «Nur weil der lange, beschwerlichere Weg oft mehr Kosten verursacht.» Für sie ist klar: ­«Politisch muss etwas passieren!»

Dennoch kann Famos dem 1982 gegründeten Sterbeverein auch etwas Positives abgewinnen: «Exit ist es zu verdanken, dass die unsägliche Entwicklung, Leben um jeden Preis zu erhalten, von der Gesellschaft nicht mehr länger so hingenommen wurde.» Tatsächlich kann heute mithilfe der technologischen Möglichkeiten und durchgeführten Behandlungen das Leben von Schwerstkranken verlängert werden. Doch um welchen Preis? Während die Spitzenmedizin immer bahnbrechendere Erfolge vermeldet, ist bei den meisten Ärzten ein Bewusstseinswandel in die gegenteilige Richtung im Gang. Sie verzichten zunehmend auf lebensverlängernde Massnahmen am Lebensende, wie eine neue Studie belegt (siehe unten).

Ausbildungsbedarf. Mit Interesse hat Simon Peng-Keller die Studie zur Kenntnis genommen. Der Theologe ist Lehrstuhlinhaber der neuen Professur Spiritual Care an der Universität Zürich. Sein Fazit: «Das Bedürfnis der Patienten nach Selbstbestimmung ist bei den Ärzten angekommen.» Dennoch bestehe noch Ausbildungsbedarf: In zehn bis zwanzig Prozent der Fälle wurde der Entscheid eines Behandlungsabbruchs oder -verzichts laut Studie nicht in Absprache mit Patienten und Angehörigen getroffen.

An diesem Punkt setzt seine Arbeit an. «Angehende Ärztinnen und Ärzte sollen sensibilisiert und befähigt werden, die existenziellen Aspekte miteinzubeziehen.» Dazu gehöre insbesondere die «Beratungskompetenz», gewichtige medizinische Entscheidungen mit dem Patienten zu besprechen. Viele Ärzte fühlten sich diesbezüglich einer ak­tu­ellen Umfrage zufolge noch zu wenig vorbereitet. Bei den Medizinstudenten ist das Interesse am Fach Spiritual Care daher gross: «Das dieses Semester erstmals angebotene Modul war bald ausgebucht», bestätigt Peng-Keller. In den Spitälern setze sich das Bewusstsein mehr und mehr durch, dass die Patienten auch auf ihre spirituellen Bedürfnisse angesprochen werden sollten.

Auf der anderen Seite erstaunen den katholischen Theologen auch die neuen Exit-Zahlen nicht. Dieser Trend werde sich wie jener der Palliative Care fortsetzen. «Das Lebensende ist eine Herausforderung.»

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Nicht um jeden Preis am Leben erhalten

Sterbehilfe / Immer mehr Menschen scheiden mit Exit aus dem Leben. Gleichzeitig leisten die meisten Ärzte in der Schweiz in irgendeiner Form Sterbehilfe. Zwei Trends, die den Blick auf das Sterben verändern.

«Jeder Suizid ist eine Verzweiflungstat und sollte von der Gesellschaft hinterfragt werden.» Mit diesen deutlichen Worten kommentiert Rita Famos die jüngste Statistik der Sterbehilfeorganisation Exit. Dreissig Prozent mehr Menschen sind 2015 gegenüber dem Vorjahr mit dem tödlichen Medikament Natrium-Pentobarbital aus dem Leben geschieden; in absoluten Zahlen bedeutet dies eine Zunahme von 199 auf 782 Menschen. Famos leitet die Abteilung Spezialseelsorge der reformierten Landeskirche Zürich. In dieser Funktion treibt sie auch das kirchliche Engagement im Bereich Palliative Care voran, von der Synode vor zwei Jahren zu einem Arbeitsschwerpunkt erklärt. Sie setzt sich dafür ein, dass bereits bestehende Angebote in der ambulanten Palliative Care ergänzt und durch die Ausbildung von Freiwilligen Lücken bei der Versorgung geschlossen werden.

Die Tatsache, dass immer mehr Menschen den Notausgang mit Exit wählen, bereitet ihr grosse Sorgen. Auch wenn es, gemessen an allen Todesfällen, vielleicht nur wenige sind. «Wurden die Patienten wirklich aufgeklärt über die Möglichkeiten von Palliative Care, die ebenfalls ein selbstbestimmtes Sterben ermöglicht?» Famos warnt vor dem Druck auf alte und kranke Menschen, die aus Angst, jemandem zur Last zu fallen, Exit als letzten Ausweg sehen. «Nur weil der lange, beschwerlichere Weg oft mehr Kosten verursacht.» Für sie ist klar: ­«Politisch muss etwas passieren!»

Dennoch kann Famos dem 1982 gegründeten Sterbeverein auch etwas Positives abgewinnen: «Exit ist es zu verdanken, dass die unsägliche Entwicklung, Leben um jeden Preis zu erhalten, von der Gesellschaft nicht mehr länger so hingenommen wurde.» Tatsächlich kann heute mithilfe der technologischen Möglichkeiten und durchgeführten Behandlungen das Leben von Schwerstkranken verlängert werden. Doch um welchen Preis? Während die Spitzenmedizin immer bahnbrechendere Erfolge vermeldet, ist bei den meisten Ärzten ein Bewusstseinswandel in die gegenteilige Richtung im Gang. Sie verzichten zunehmend auf lebensverlängernde Massnahmen am Lebensende, wie eine neue Studie belegt (siehe unten).

Ausbildungsbedarf. Mit Interesse hat Simon Peng-Keller die Studie zur Kenntnis genommen. Der Theologe ist Lehrstuhlinhaber der neuen Professur Spiritual Care an der Universität Zürich. Sein Fazit: «Das Bedürfnis der Patienten nach Selbstbestimmung ist bei den Ärzten angekommen.» Dennoch bestehe noch Ausbildungsbedarf: In zehn bis zwanzig Prozent der Fälle wurde der Entscheid eines Behandlungsabbruchs oder -verzichts laut Studie nicht in Absprache mit Patienten und Angehörigen getroffen.

An diesem Punkt setzt seine Arbeit an. «Angehende Ärztinnen und Ärzte sollen sensibilisiert und befähigt werden, die existenziellen Aspekte miteinzubeziehen.» Dazu gehöre insbesondere die «Beratungskompetenz», gewichtige medizinische Entscheidungen mit dem Patienten zu besprechen. Viele Ärzte fühlten sich diesbezüglich einer ak­tu­ellen Umfrage zufolge noch zu wenig vorbereitet. Bei den Medizinstudenten ist das Interesse am Fach Spiritual Care daher gross: «Das dieses Semester erstmals angebotene Modul war bald ausgebucht», bestätigt Peng-Keller. In den Spitälern setze sich das Bewusstsein mehr und mehr durch, dass die Patienten auch auf ihre spirituellen Bedürfnisse angesprochen werden sollten.

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«Jeder Suizid ist eine Verzweiflungstat und sollte von der Gesellschaft hinterfragt werden.» Mit diesen deutlichen Worten kommentiert Rita Famos die jüngste Statistik der Sterbehilfeorganisation Exit. Dreissig Prozent mehr Menschen sind 2015 gegenüber dem Vorjahr mit dem tödlichen Medikament Natrium-Pentobarbital aus dem Leben geschieden; in absoluten Zahlen bedeutet dies eine Zunahme von 199 auf 782 Menschen. Famos leitet die Abteilung Spezialseelsorge der reformierten Landeskirche Zürich. In dieser Funktion treibt sie auch das kirchliche Engagement im Bereich Palliative Care voran, von der Synode vor zwei Jahren zu einem Arbeitsschwerpunkt erklärt. Sie setzt sich dafür ein, dass bereits bestehende Angebote in der ambulanten Palliative Care ergänzt und durch die Ausbildung von Freiwilligen Lücken bei der Versorgung geschlossen werden.

Die Tatsache, dass immer mehr Menschen den Notausgang mit Exit wählen, bereitet ihr grosse Sorgen. Auch wenn es, gemessen an allen Todesfällen, vielleicht nur wenige sind. «Wurden die Patienten wirklich aufgeklärt über die Möglichkeiten von Palliative Care, die ebenfalls ein selbstbestimmtes Sterben ermöglicht?» Famos warnt vor dem Druck auf alte und kranke Menschen, die aus Angst, jemandem zur Last zu fallen, Exit als letzten Ausweg sehen. «Nur weil der lange, beschwerlichere Weg oft mehr Kosten verursacht.» Für sie ist klar: ­«Politisch muss etwas passieren!»

Dennoch kann Famos dem 1982 gegründeten Sterbeverein auch etwas Positives abgewinnen: «Exit ist es zu verdanken, dass die unsägliche Entwicklung, Leben um jeden Preis zu erhalten, von der Gesellschaft nicht mehr länger so hingenommen wurde.» Tatsächlich kann heute mithilfe der technologischen Möglichkeiten und durchgeführten Behandlungen das Leben von Schwerstkranken verlängert werden. Doch um welchen Preis? Während die Spitzenmedizin immer bahnbrechendere Erfolge vermeldet, ist bei den meisten Ärzten ein Bewusstseinswandel in die gegenteilige Richtung im Gang. Sie verzichten zunehmend auf lebensverlängernde Massnahmen am Lebensende, wie eine neue Studie belegt (siehe unten).

Ausbildungsbedarf. Mit Interesse hat Simon Peng-Keller die Studie zur Kenntnis genommen. Der Theologe ist Lehrstuhlinhaber der neuen Professur Spiritual Care an der Universität Zürich. Sein Fazit: «Das Bedürfnis der Patienten nach Selbstbestimmung ist bei den Ärzten angekommen.» Dennoch bestehe noch Ausbildungsbedarf: In zehn bis zwanzig Prozent der Fälle wurde der Entscheid eines Behandlungsabbruchs oder -verzichts laut Studie nicht in Absprache mit Patienten und Angehörigen getroffen.

An diesem Punkt setzt seine Arbeit an. «Angehende Ärztinnen und Ärzte sollen sensibilisiert und befähigt werden, die existenziellen Aspekte miteinzubeziehen.» Dazu gehöre insbesondere die «Beratungskompetenz», gewichtige medizinische Entscheidungen mit dem Patienten zu besprechen. Viele Ärzte fühlten sich diesbezüglich einer ak­tu­ellen Umfrage zufolge noch zu wenig vorbereitet. Bei den Medizinstudenten ist das Interesse am Fach Spiritual Care daher gross: «Das dieses Semester erstmals angebotene Modul war bald ausgebucht», bestätigt Peng-Keller. In den Spitälern setze sich das Bewusstsein mehr und mehr durch, dass die Patienten auch auf ihre spirituellen Bedürfnisse angesprochen werden sollten.

Auf der anderen Seite erstaunen den katholischen Theologen auch die neuen Exit-Zahlen nicht. Dieser Trend werde sich wie jener der Palliative Care fortsetzen. «Das Lebensende ist eine Herausforderung.»

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