Das letzte Gesicht

Eine Lebensgeschichte manifestiert sich in den Veränderungen, die sich einem Gesicht einschreiben. Zwischen unserem ersten und dem letzten Gesicht spannt sich, unter normalen Umständen, ein weiter Bogen. Während dem ersten Gesicht durch Geburtsanzeigen viel Beachtung geschenkt wird, beschränkt sich die Aufmerksamkeit, die dem letzten Gesicht zugewendet ist, gewöhnlich auf kurze Momente im engsten Familienkreis. Dabei ist das Gesicht eben Verstorbener in ähnlicher Weise einzigartig wie ihre letzten Worte.
Das zeigt die Ausstellung «Noch mal Leben vor dem Tod», die gegenwärtig in Zürich zu besichtigen ist. Den Besucher erwarten grossformatige Schwarz- Weiss-Porträts mit vorletzten und letzten Gesichtern. Der deutsche Fotograf Walter Schels und die Journalistin Beate Lakotta haben unheilbar kranke Frauen, Männer und Kinder in den letzten Tagen und Wochen ihres Lebens begleitet. Die ausgestellten Fotografien wurden kurze Zeit vor und unmittelbar nach ihrem Sterben aufgenommen.
Der Unterschied zwischen den paarweise aufgehängten Bildern ist sofort erkennbar. Aus den ersten Porträts wird der Betrachter angeschaut, auf den zweiten sind die Augen geschlossen. Dass zwischen beiden Bildern oft nur wenige Tage liegen, rückt die besondere Qualität letzter Gesichter ins Licht. Eine schwebende Präsenz liegt auf ihnen. Das entschwundene Leben ist noch präsent, ein letzter Hauch des Persönlichen vor dem biologischen Verfall. Auffällig ist, dass die Gesichter von Verstorbenen nicht starr wirken, obwohl jede Bewegtheit aus ihnen gewichen ist. Sie erwecken den Eindruck, als sei das spannungsreiche Leben ihnen zur Ruhe gekommen. «Sie/Er sieht friedlich aus», hört man nicht selten an Totenbetten. Was als frommer Wunsch der Zurückbleibenden erscheint, deckt sich mit der überprüfbaren Realität. Die von Walter Schels Porträtierten machen einen entspannten und in sich gekehrten Eindruck. Manchmal wirken die letzten Gesichter sogar jünger als jene der Todgeweihten. Die Begleittexte stellen die Fotos in ihre lebensgeschichtlichen Kontexte. Die meisten Biografien, die hinter diesen zur Besinnung einladenden Bildern stehen, sind alles andere als rund verlaufen. «Ich habe nichts geschaffen, kann nichts vorweisen», teilt die 47-jährige Roswitha Pacholleck der Journalistin mit. Mehrfach habe sie versucht, sich das Leben zu nehmen.
Nach dem Eintritt ins Hospiz lebte sie nochmals auf: «Ich geniesse jeden Tag, an dem ich noch da bin. Es ist so verrückt: Jetzt, wo ich den Krebs habe, will ich zum ersten Mal leben.» In dieser Aussage steckt auch der programmatische Titel der Ausstellung «Noch mal Leben vor dem Tod». Vor Augen geführt wird, dass auch ein von schwerer Krankheit und schmerzlichen Verlusten geprägter Lebensabend leuchtend sein kann. Bis zum Ende gibt es Dinge, die sich erfüllen können. Roswitha Pachollecks letzter Wunsch war es, nach ihrem Tod noch vierundzwanzig Stunden lang in ihrem Zimmer liegen zu bleiben: «Das Fenster soll weit aufgemacht werden, damit meine Seele gehen kann.» Während dieser vierundzwanzig Stunden besuchten sie Walter Schels und Beate Lakotta noch einmal. «Das letzte Porträt wurde für uns zu einem Abschiedsritual. »Nicht selten scheuen wir davor zurück, einen verstorbenen Menschen, mit dem wir vertraut waren, nochmals zu sehen. «Ich will ihn als Lebenden in Erinnerung halten, nicht als Toten», sagen wir dann. So ging es auch Beate Lakotta, als sie mit 26 ihren Vater verlor. Anders als ihre Mutter entschied sie sich, nicht nochmals an den Ort zu gehen, an dem ihr Vater mit 58 Jahren an Krebs starb. Sie habe noch nicht begriffen, dass sein letztes Gesicht ebenso zu ihm gehörte wie die Zeit davor. «Heute fehlt mir dieses Gesicht.» Das letzte Gesicht eines Menschen hat eine besondere Ausdrucksqualität. Es ist das allerletzte persönliche Zeugnis, das Menschen hinterlassen: eine letzte Gabe, ein letzter Gruss an die Zurückbleibenden.

Quelle: Bündnder Tagblatt

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