«Die Mutter ist das häufigste Trostbild am Lebensende»

Interview mit Simon Peng-Keller im Tages Anzeiger vom 26.10.2015

Herr Peng, sind Sie ein ­Nahtodforscher?
Ich beschäftige mich nicht nur mit Nahtoderfahrungen. Daher wäre mir das eine etwas zu enge Bezeichnung. Mich interessiert hauptsächlich Spiritual Care, also wie man schwerkranke und sterbende Menschen spirituell gut begleiten kann.

Warum unterrichten Sie ­Spiritual Care nicht an der ­medizinischen Fakultät?
Dort unterrichte ich auch. Mein Angebot an der Uni Zürich gehört zum Wahl­pflicht­programm des Medizinstudiums. Die Lehrveranstaltungen sind inter­disziplinär für Medizin- und Theologie­studierende. Es wäre aber schwierig, Spiritual Care an der medizinischen Fakul­tät zu verorten. Es gibt dort (noch) keinen Lehrstuhl für Palliative Care. Und an einer so grossen Fakultät würde eine so kleine Professur untergehen. Darum ist sie besser an der theologischen Fakultät angesiedelt, wo man sich ohnehin mit Spiritualität beschäftigt.

Was können Sie angehenden Ärzten und Pflegenden mitgeben?
Ich möchte ihnen ein praxisnahes An­gebot machen und Erfahrungen ermög­lichen, indem ich sie über mehrere ­Wochen einen schwerstkranken oder sterbenden Menschen begleiten lasse. Dazu gehört Reflexion und Supervision

In Todesnähe ist das bildhafte, symbolische Erleben offenbar ­ausgeprägt. Was für Bilder sind typisch?
Das Hauptmotiv, das sich in Nahtod­erfahrungen findet, ist die Begegnung mit nahestehenden Verstorbenen, Angehörigen und Freunden. Manchmal sind es auch Tiere, ein Hund oder eine Katze. Am allerhäufigsten kommt die ver­storbene Mutter vor, Ehegatten etwas weniger, noch seltener verstorbene ­Väter. Engel, Jenseitswesen oder Marien­erscheinungen sind jedenfalls viel weniger häufig als alltägliche Gestalten.

Sie untersuchen die Bildwelt am Lebens­ende wissenschaftlich.
Ich arbeite im Projekt «Hermeneutik des Vertrauens am Lebensende» mit. Das ist das einzige theologische Projekt des grossen Nationalen Forschungsprogramms zum Lebensende. In Todesnähe machen Menschen starke bildhafte Erfahrungen, viel intensiver als sonst. Darüber gibt es bereits eine reiche Literatur, die wir auswerten. Wir möchten der Vorstellung entgegenwirken, alle Nah­tod­erfahrungen würden nach dem gleichen Schema ablaufen. Eine starke Schematisierung kann bei den Sterbenden Druck auslösen, sodass sie sich fragen: Entspreche ich den Vorgaben? Oder bin ich auch im Sterbeprozess ein Versager? Unser Zugang macht auf eine Vielfalt von Erfahrungen aufmerksam, auch auf belastende Nahtoderfahrungen und Angstvisionen. Elisabeth Kübler-Ross oder Raymond Moody haben diese syste­matisch ausgeblendet.

Doch auch bei Ihrem Projekt ­stehen Bilder des Vertrauens im ­Vordergrund.
Wir überprüfen, warum Bilder des Ver­trauens am Lebensende besonders wichtig sind. Bilder geben eine gewisse Orientierung in chaotischen Lebens­situationen. In der Ungewissheit des Todes, wenn die Kontrolle verloren geht, geben Bilder Halt. So sind Toten­tanz­bilder entstanden. Die Bilder der Wach- und Traumvisionen sind tatsächlich mehrheitlich positiv. Und je näher man dem Tod kommt, um so mehr nehmen positive Bilder zu. Weil man sie eben braucht. Man kann das palliative Imagination nennen.

Wie sollen Seelsorgende und ­Pflegende damit umgehen?
Wichtig ist, dass sie offen sind für Visionen. Menschen am Lebensende sollen solche erzählen dürfen, ohne pathologisiert zu werden. Gerade davor haben Betroffene Angst. Manchmal ist das Erlebte schambesetzt. Es braucht aber meistens keine Ausdeutung des Bilderlebens. Ausgenommen dann, wenn es negativ besetzt ist und es darum geht, ein Angstbild aufzulösen.

Was sind die häufigsten ­Angstbilder?
Ein wiederkehrendes Thema ist das Feuer, das aber im Erleben vieldeutig ist. Für Menschen mit eng katholischem Hintergrund kann es ein Angstbild sein, weil sie damit die Hölle assoziieren. Licht und Feuer, von der Metaphorik her verwandt, werden mal negativ, mal positiv erlebt. Dunkelheit in Form eines Tunnels ist eine gängige Metapher der Angst. Es tauchen auch fratzenhafte ­Wesen und dämonische Gestalten oder bewegte Tücher auf. Ganz ähnlich wie bei Albträumen.

Sie selber haben viele Menschen in den Tod begleitet.
Ja, aber unabhängig vom aktuellen Projekt. Während des Theologiestudiums wurde ich als Militärdienstverweigerer zu siebenmonatiger «Arbeitsleistung» verurteilt. Ich verbüsste sie als Spitalseelsorger am Kantonsspital Luzern. Auch später, als Pastoralassistent in ­Zürich Liebfrauen, sammelte ich Er­fahrung in der Begleitung von Menschen in Todesnähe und in Trauer.

Sehen Sie in den Nahtoderfahrungen Formen des mystischen Erlebens?
Längst nicht in allen. Ich wäre da zurück­haltend. Mystische Erlebnisse sind ja die unmittelbar erfahrene Gegenwart des Göttlichen.

Geben gewisse Nahtoderlebnisse dennoch Hinweise auf ein Leben nach dem Tod?
Das ist gerade ein Teil meines Unbe­hagens mit den Nahtoderfahrungen: dass sie auf diese Frage fixiert sind. Für mich sind es Erfahrungen im diesseitigen Leben, die zum Leben dieser Person gehören und für sie Bedeutung haben. Alles andere ist spekulativ. Ich fände es problematisch, meine theologischen Überzeugungen mit Nahtoderfahrungen zu unterfüttern. Mir geht es um die Begleitung. Und da ist es für Sterbende – und natürlich auch für ihre Begleiter – äusserst tröstlich, wenn sie durch das Bild der eigenen Mutter oder eines Angehörigen zur Ruhe kommen können. Da taucht dann unvermittelt jemand auf, der einem die Sterbebegleitung abnimmt. Es ist eine grosse Entlastung, wenn man das Leben versöhnt loslassen kann.

In einer Woche ist Allerseelen. Wie stellen Sie sich das Leben nach dem Tod vor?
Das «Ins-Licht-Kommen», wie es oft in Nahtoderfahrungen erlebt wird, ist auch für mich eine passende Metapher. Philosophisch würde ich es mit Schelling halten, der sagte: Im Sterben passiere eine «Essenzifikation» des Lebens, das heisst, eine Verdichtung dessen, was im Leben wertvoll war, es schwingt in einer höheren Frequenz. Wenn es ein Leben in Fülle ist, hätte ich Mühe, es allein mit Ruhe und Frieden zu umschreiben. Zum intensiven Leben gehört Spannung, Bewegung, Dynamik.

Erleben Sie Todeskämpfe?
Ja, recht oft. Häufig ist es ein Auf und Ab: Phasen des Kämpfens, die in ruhigere Phasen übergehen. Sterben ist ein Klärungs­prozess. Selten sind Menschen so abgeklärt, dass sie nicht noch etwas verarbeiten müssen.

Wird Ihr Fach von Ärzten nicht ­belächelt? Wie grenzen Sie sich von der Esoterik ab?
Ich hatte von den Ärzten mehr Reserviertheit vermutet, als ich jetzt tatsächlich erfahre. Es wird sich noch zeigen, wieweit sich Ärzte in diesem Bereich enga­gieren. Für mich ist die Jenseitswelt der Esoterik viel zu technisiert, sie wird verfügbar gemacht. Das ist eine falsche Investition. Das Jenseits kommt früh ­genug. Nah­tod­erlebnisse sind für mich Erfahrungen diesseits der Lebens­grenze. Und als Theologe interessiere ich mich mehr für Gott als für Engel oder Geister.

Quelle: Tages-Anzeiger