Müssen Medizinstudierende jetzt auch noch Spiritual Care lernen?

Die Universität Zürich hat seit Kurzem einen Professor für Spiritual Care. Am Montag nimmt Simon Peng-Keller mit seiner Antrittsvorlesung seine Lehrtätigkeit ganz offiziell auf. Weshalb man angehenden Ärztinnen und Ärzten diese zusätzliche Bürde ruhig zumuten darf, legt der Theologe in einer «Tribüne» in der «Schweizerischen Ärztezeitung» dar.

Wer Simon Peng-Keller kennt, weiss dass er ein vorsichtiger und sanfter Mensch ist. So kommt auch sein Plädoyer für eine Schulung der Medizinstudierenden in Spiritual Care daher: leise, sachlich, aber bestimmt. Die Gegenargumente nimmt er gleich vorweg: «Haben Medizinstudierende nicht schon genügend damit zu tun, sich in komplexe medizinische Forschungs- und Praxisfelder einzuarbeiten, als dass sie sich zusätzlich noch Kompetenzen in religiösen und spirituellen Belangen aneignen könnten?» Auch wenn die Aufgabe der Ärzte und Priester in früheren Epochen nahe beieinander lagen, sei es doch eine der bedeutendsten Errungenschaften der Moderne, dass sich das medizinische, psychotherapeutische und seelsorgerische Tätigkeitsfeld ausdifferenziert und professionalisiert habe?

Peng-Keller gibt Skeptikern Folgendes zu bedenken: Wer als Ärztin oder Arzt patientenzentriert arbeite – wie es die medizinischen Fakultäten in der Schweiz heute ohnehin einfordern – müsse auch religiöse oder spirituelle Aspekte berücksichtigen, wenn diese für ihre Patientinnen und Patienten wichtig seien. Empirisch ist es gut belegt, dass religiöse und spirituelle Haltungen den Umgang mit Krankheit und Entscheidungen am Lebensende beeinflussen. Die entsprechende Einstellung der behandelnden Ärztin oder des behandelnden Arztes stellt dabei einen wichtigen therapeutischen Faktor dar. Gerade wenn kurative Therapien ausgeschöpft sind, werden religiöse oder spirituelle Fragen wichtig. Peng-Keller zitiert eine Umfrage, die im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Lebensende» (NFP 67) unter Schweizer Hausärzten durchgeführt wurde: Gegen 60 Prozent gaben an, dass ein kompetenter Umgang mit spirituellen Bedürfnissen eines Patienten ein wichtiges bis sehr wichtiges Qualitätsmerkmal einer palliativmedizinischen Versorgung darstelle. Allerdings fühlten sich nur gerade 38 Prozent von den Befragten im Umgang mit spirituellen Bedürfnissen sattelfest.

Mediziner_innen müssen auch trösten und ermutigen

Wer jetzt immer noch findet, es sollten sich besser Seelsorger mit spirituellen Bedürfnissen von Patientinnen und Patienten auseinandersetzen, schliesslich gehöre zur ärztlichen Professionalität das Wissen um die Grenzen des eigenen Könnens, dem hält der Spiritual-Care-Professor Folgendes entgegen: «Genauer besehen geht es nicht um zusätzliche Pflichten, sondern um den Erwerb von spezifischen Kompetenzen im Umgang mit bereits bestehenden Aufgaben.» Es sei frustrierend in seiner Berufstätigkeit in Situationen zu geraten, auf die man nicht hinreichend vorbereitet wurde. Es kennt wohl jede frisch diplomierte Ärztin, jeder junge Arzt den unglaublich schwierigen Moment, in dem er einer Patientin oder einem Patienten die Diagnose einer unheilbaren Krankheit überbringen muss. Spiritual Care sei im Übrigen ein neues Wort für eine alte und nach wie vor wichtige Aufgabe, so Peng-Keller. Dass Ärzte Patienten ermutigten und trösteten und manchmal einen Seelsorger beizögen, habe eine lange Tradition.
Die Professur für Spiritual Care ist zwar in der theologischen Fakultät beheimatet und wird vorerst von den beiden Landeskirchen finanziert. Das Wahlpflichtmodul, das Peng-Keller Studierenden anbietet, richtet sich aber sowohl an angehende Ärztinnen als auch an angehende Theologen. In Zusammenarbeit mit praktizierenden Ärzten ermöglicht er den Studis, Sterbende zu begleiten. «Da die meisten von ihnen vermutlich keine starke spirituelle Prägung mitbringen, müssen sie zuerst eine eigene Sprache finden, um spirituelle Aspekte anzusprechen», sagte Peng-Keller gegenüber pallnetz.ch.

Quelle: palliative zh+sh