Professur Spiritual Care – im Gespräch mit Simon Peng-Keller

Interview im Blog der Katholischen Kirche im Kanton Zürich vom 2. 10. 2015

Der Universitätsrat hat Simon Peng-Keller am 21. September 2015 zum ausserordentlichen Professor für Spiritual Care ernannt. Er nimmt seine neue Tätigkeit am 1. Oktober 2015 auf. Die mit einem 50%-Pensum ausgestaltete Professur, welche von der katholischen und reformierten Kirche finanziert wird, ist an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich angesiedelt und vorerst auf sechs Jahre befristet. 

Wie erklären Sie meiner 18-jährigen Tochter, was Spiritual Care ist?

Spiritual Care ist die Aufgabe, kranke und sterbende Menschen auch hinsichtlich ihrer spirituellen Nöte und Bedürfnisse zu unterstützen. Mit «spirituell» ist in diesem Zusammenhang ein weites Feld bezeichnet. Es umfasst sowohl die religiöse Praxis und die Frage nach Gott und einer transzendenten Wirklichkeit, aber auch die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens und Leidens.

Was für ein Menschenbild steht hinter Spiritual Care?

Spiritual Care ist in ihrem Selbstverständnis pluralistisch und weltanschaulich offen. Zugleich beinhaltet sie eine Kritik an einer materialistisch verkürzten Sicht des Menschen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), der auch kommunistisch regierte Länder angehören, vertritt die Ansicht, dass es zur medizinischen Aufgabe gehört, neben den körperlichen, sozialen und psychischen Aspekten einer Leidenssituation auch deren spirituelle Dimension mit zu berücksichtigen.

Wo liegen die Unterschiede zu Palliative Care?

Spiritual Care ist ein wesentliches Moment von Palliative Care, die nicht auf die Begleitung am Lebensende reduziert werden sollte. Das kommt in der Definition der WHO oder in den Nationalen Leitlinien des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) deutlich zum Ausdruck. Palliative Care schliesst medizinische, körperliche, psychologische, soziale und spirituelle Unterstützung mit ein. Klar ist, dass all diese Aspekte der Verbesserung der Lebensqualität dienen. Im Unterschied zu den spezifischen Aufgaben der Palliativmedizin ist Spiritual Care nicht ausschliesslich eine professionelle Aufgabe. Sie wird auch von An- und Zugehörigen sowie von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern wahrgenommen. In gewisser Hinsicht ist Spiritual Care eine gemeinschaftliche Aufgabe. Hier liegt m.E. eine besondere Herausforderung für die weitere Entwicklung in der Schweiz.

Was für Ziele sind mit der neuen Professur verbunden?

Die neue Professur soll das eben beschriebene Praxisfeld intensiv erforschen und an der Theologischen und Medizinischen Fakultät der Universität Zürich dafür angemessene Lehrformen aufbauen. Was die Lehre betrifft, plane ich derzeit ein interfakultär angelegtes Wahlpflichtmodul, in dem die Studierenden eigene Erfahrungen in der Begleitung von schwerkranken und sterbenden Menschen sammeln und sie reflexiv und im Austausch miteinander bearbeiten können. Sie sollen lernen, die Bedeutung der spirituellen Dimension in klinischen Situationen besser wahrzunehmen, und Gelegenheit bekommen, sich auch hinsichlich der spirituellen Dimension kommunikative Kompetenzen im Umgang mit Kranken und Sterbenden anzueignen

Treten damit Ärztinnen und Ärzte in Konkurrenz mit den Seelsorgenden an Spitälern und Kliniken?

Nein, im Gegenteil, die Rolle der Seelsorgenden wird meiner Meinung nach im Kontext einer interprofessionell verstandenen Spiritual Care gestärkt. Ärztinnen und Ärzte sollten sich jedoch als die zentralen Entscheidungsträger an dieser interprofessionellen Aufgabe beteiligen. Sie können die Seelsorgenden nicht ersetzen. Doch kommt ihnen die Aufgabe zu, in Krisensituationen Patientinnen, Patienten und ihre Angehörigen abzuholen und sie beim Entscheid über therapeutische Massnahmen umfassend zu beraten.

Was erwartet die Studierenden ab dem 1. Oktober 2015?

In diesem Semester starten wir mit einem Forschungsseminar für Doktorierende. Ab dem Frühjahressemester 2016 kommen weitere Angebote hinzu, insbesondere das bereits genannte Wahlpflichtmodul. Dafür braucht es noch einige Vorbereitung, da diese Veranstaltung in Kooperation mit Ärztinnen und Ärzten durchgeführt werden soll. Das Motto wird hier sein: «Der Patient ist der Experte seines Leidens – auch in spiritueller Hinsicht!»

Inwiefern profitieren Patientinnen, Patienten und Angehörige von dieser Professur?

Wenn angehende Ärztinnen und Ärzte lernen, sich in die Perspektive von schwerkranken und sterbenden Menschen hineinzuversetzen, um sie besser verstehen und begleiten zu können, ist das eine gute Investition in die Zukunft. Ich werde auch in meiner Forschung das Verstehen der Perspektive von Patientinnen und Patienten bzw. von Sterbenden in der Vordergrund rücken. Diesem Anliegen ist auch unser Laufendes Forschungsprojekt zum bildhaften Erleben und zum Erzählen am Lebensende gewidmet. Die Professur unterstützt im universitären Kontext das Anliegen des Bundesamtes für Gesundheit, Palliative Care im Schweizerischen Gesundheitswesen noch umfassender zu verankern.

Die Kirchen haben die Professur initiiert und finanzieren diese die ersten sechs Jahre. Ist die Unabhängigkeit gewährleistet?

Es kann nicht um Auftragsforschung gehen. Die Professur hat sich in einem nicht-kirchlich geprägten akademischen Kontext zu behaupten und zu bewähren. Die Universität legt grossen Wert auf die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre. Zu einer guten Spiritual Care-Forschung gehört es z.B. auch, zu untersuchen, wo eine rigide Religiosität in Krankheitssituationen zur Belastung wird und das kirchliche Seelsorgeangebot hinter den Bedürfnissen von Patientinnen und Patienten zurückbleibt.

Warum haben Sie sich für diese Professur interessiert?

Sie entspricht sowohl meinen Forschungsschwerpunkten als auch einer länger zurückreichenden persönlichen Faszination. Als 20-Jähriger erwog ich drei Berufsoptionen: Medizin, Pflege, Theologie. Ich habe mich dann nach einem viermonatigen Pflegepraktikum in einem Altersheim für die Theologie entschieden. Die Faszination für den klinischen Bereich hat mich jedoch nie verlassen. Seit ich 1993 während sieben Monaten im Kantonspital Luzern erste Erfahrungen als Spitalseelsorger machen konnte, bin ich neben meiner akademischen Tätigkeit auch als Seelsorger und geistlicher Begleiter tätig. Mir sind die Nöte von kranken, sterbenden und trauernden Menschen vertraut und ich möchte in Forschung und Lehre dazu beitragen, dass sie in Zukunft noch bessere Unterstützungsangebote erhalten.

Zur Person

Simon Peng-Keller (46) ist verheiratet und wohnt in Zürich. Geboren und aufgewachsen ist er in Chur, wo er auch die Primarschule und das Gymnasium besucht hat. In Fribourg und Luzern studierte er Theologie, promovierte und habilitierte an der Universität Fribourg, wo er von 2000 bis 2008 als Assistent und Dozent am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie wirkte. Seit 2004 unterrichtet er Theologie des geistlichen Lebens an der Theologischen Hochschule Chur und begleitet zusammen mit seiner Frau kontemplative Exerzitien im Lassalle-Haus und im Geistlichen Zentrum St. Peter im Schwarzwald. Er ist Kurs- und Studienleiter des von ihm entworfenen MAS-Lehrgangs „Christliche Spiritualität. Quellen, Geschichte und heutige Praxis“ (Universität Fribourg/Lassalle-Haus).  Im Theologischen Verlag Zürich und dem Herder Verlag veröffentlichte er mehrere Bücher im Bereich Spiritualität/Kontemplation, Vertrauens- und Lebensendforschung.

Zuhause fühlt sich Simon Peng-Keller am stärksten in Räumen der Stille, in den Bergen und in der Liturgie. Als politisch denkender Mensch hat er vor, sich in seiner neuen Aufgabe auch in den gesundheitspolitischen Diskurs einbringen.

Quelle