Sinnvoll mit Widersinnigem leben

Simon Peng-Keller möchte seinen Studierenden, angehenden Ärztinnen, Ärzten und Seelsorgenden eine erste positive Erfahrung in der Begegnung mit sterbenden Menschen ermöglichen.

aufbruch: Herr Peng-Keller, Sie sind habilitierter Theologe im Bereich Spiritualität und geistliches Leben. Wie integrieren Sie diese beiden Lebensaspekte in Ihrem Alltag, wie sind Sie heute z.B. aufgestanden?
Simon Peng-Keller: Oft beginnt der Tag damit, dass meine Frau und ich uns über unsere Träume austauschen. Vor der Arbeit nehme ich mir meist etwa eine Stunde Zeit zum kontemplativen Gebet und zur spirituellen Lesung. Ich sage mir: das Wichtigste muss gleich am Anfang kommen. Es fällt mir nicht immer gleich leicht, doch wenn diese stille Stunde einmal nicht möglich ist, fehlt sie mir. Für den Rest des Tages habe ich mir die Regeln von Frère Roger zu eigen gemacht: »Lass in deinem Tag Arbeit und Ruhe vom Wort Gottes ihr Leben empfangen; wahre in allem die innere Stille, um in Christus zu bleiben; lass dich durchdringen vom Geist der Seligpreisungen: Freude, Barmherzigkeit, Einfachheit.«


Wissenschaftlich beschäftigen Sie sich seit Jahren mit den Themen christliche Spiritualität und geistliches Leben. Hat sich Ihr Verständnis der christlichen Spiritualität im Laufe der Zeit verändert und entwickelt?
Peng-Keller: Ich würde es so beschreiben, dass sich im Laufe der Jahre gewisse Intuitionen differenziert und angereichert haben. So ist mir beispielsweise die Wirklichkeit von Gottes Geist im Laufe der Jahre zunehmend wichtiger geworden und ich denke, dass sie in den grossen Kirchen des Westens bis heute zu wenig gewichtet wird. Wenn ich mich in christlich-theologischen Zusammenhängen bewege, betone ich deshalb auch, dass sich das »Spiritus« in »Spiritualität « ursprünglich auf den göttlichen Geist bezieht. Im paulinischen Sinne bedeutet spirituell leben: aus der Kraft des göttlichen Geistes zu leben. Im säkularen Zusammenhang von Spiritual Care schliesse ich mich einem weiter gefassten und deshalb auch etwas unbestimmteren Verständnis von »Spiritualität« an und verstehe darunter eine erfahrungsbasierte Orientierung in einem umfassenden Sinn.

Wo in unserer postchristlichen, industrialisierten und digitalisierten Gesellschaft begegnet Ihnen christliche Spiritualität?
Peng-Keller: Ich nehme die Schweiz nicht als postchristlich wahr, auch wenn die öffentlichen Räume stark säkular geprägt sind und bei uns anders als in den USA die Mentalität vorherrscht, Religion und Spiritualität seien Privatsache. Dahinter verbergen sich jedoch sehr vielfältige Formen von spiritueller Praxis. So beten erstaunlich viele Menschen, auch wenn sie nicht in die Kirche gehen und vielleicht nicht einmal an Gott glauben. Ich erlebe derzeit auch eine gewisse Rückkehr von Religion und Spiritualität in öffentliche Räume. Nicht nur im Spital, sondern sogar im Hauptbahnhof Zürich trifft man auf Menschen, die auf unterschiedliche Weise beten und meditieren. Die Bahnhofkirche zählt beispielsweise über 300 Besucher pro Tag.

Wo ist Spiritualität Ihrer Meinung nach unbedingt nötig?
Peng-Keller: Wenn man wie ich überzeugt ist, dass Gott die Wirklichkeit der Wirklichkeit ist, dann gibt es keinen Augenblick und keinen Ort, in und an dem es nicht wichtig wäre, sich mit dieser Wirklichkeit zu verbinden. Und genau das ist Spiritualität. Viele Menschen erleben die Wichtigkeit dieser Wirklichkeit besonders in Krisensituationen. Wir nehmen dann deutlicher wahr, dass wir unser Leben in einem nur begrenzten Bereich kontrollieren können. Die jüdische, die christliche und die muslimische Religion setzten der begrenzten Kontrollierbarkeit des Lebens das Gottvertrauen entgegen. Sein Leben im Letzten nicht kontrollieren zu müssen, ist befreiend.

Unter anderem sind Sie Professor für Spiritual Care an der Universität in Zürich. In dieser Funktion führen Sie ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zu Sterbenarrativen durch. Was sind Sterbenarrative?
Peng-Keller: Wir untersuchen das Erzählen am und vom Lebensende. Es gibt aktuell einen richtigen Boom von solchen Erzählungen – und das nicht nur in gedruckter Form, sondern auch online in Form von Blogs und Youtube-Videos. Uns interessiert zum einen das Paradox, dass auch für diese Erzählungen gilt: »endings matter«, das Ende jedoch von den Betroffenen gerade nicht mehr erzählt werden kann. Unter Sterbenarrativen verstehen wir bestimmte Erzählmuster. Man kann sein Sterben als Kampfgeschichte erzählen oder aber als eine Geschichte des Suchens und der spirituellen Transformation.

Das von Ihnen angebotene Modul »Spiritual Care« findet zusammen mit Medizinern statt und ist sowohl für Medizin- wie Theologie- Studierende konzipiert. Was geben die Theologen den Medizinern mit auf ihren Weg im Umgang mit Krankheit, Schmerzen, Leiden und Tod? Und umgekehrt – was lernen die Theologen von den Medizinern?
Peng-Keller: Es ist tatsächlich ein gegenseitiger Lernprozess. Erfahrene Ärzte haben oft einen feinen Sinn für die Nöte der von ihnen betreuten Menschen. Angehende Seelsorger können viel von ihnen lernen. Die Medizin hat gegenüber der Seelsorge auch voraus, dass sie eine transparente Dokumentation ihrer Arbeit pflegt. Die Theologie bringt einerseits ihr Wissen um den Reichtum spiritueller und religiöser Praxis ein, die sich ja nicht auf den klinischen Kontext beschränkt. Andererseits ist die klinische Seelsorge schon seit Jahrzehnten ein wichtiges Thema der praktischen Theologie und des Clinical Pastoral Trainings, das viele Entwicklungen heutiger Spiritual Care vorwegnahm.

Ich stelle mir vor, dass es nicht ganz einfach ist, eine gemeinsame Sprache zwischen Theologen und Medizinern zu finden. »Leiden« oder »Schmerzen« sind in den beiden Disziplinen unterschiedlich konnotiert. Wie finden Sie und Ihre Kollegen eine gemeinsame Sprache?
Peng-Keller: Das Sprachproblem ist tatsächlich eine grosse Hürde. Es geht ja nicht nur um das gegenseitige Verstehen in der interdisziplinären Zusammenarbeit, sondern vor allem auch um das Verstehen der Eigensprache der Patientinnen und Patienten. Ein Beispiel dafür ist die symbolische Kommunikation von Sterbenden, die auch für Seelsorgende oft nicht leicht zu verstehen ist. Es braucht ein geduldiges Hinhören, bis man ahnt, was jemand in einer von der Alltagssprache abweichenden Sprachform mitteilen möchte.

Arbeiten Sie im Modul Spiritual Care an konkreten Fallgeschichten oder geht es eher um grundlegende Überlegungen zum Umgang mit Krankheit und Tod?
Peng-Keller: Die Studierenden haben die Aufgabe, einen schwerkranken Menschen über den Zeitraum von zehn Wochen zu begleiten und seine Nöte, Wünsche und Herausforderungen immer genauer verstehen zu lernen. Das Modell wurde von Susan Block in Harvard entwickelt. Die leitende Idee ist ein Perspektivenwechsel: Die Patienten sind die Experten für ihre Erfahrungen; angehende Ärztinnen und Ärzte, angehende Seelsorgende können von ihnen lernen. Dabei geht es auch darum, im Rahmen einer Supervision das eigene Verhältnis zu Krankheit, Sterben und Tod zu reflektieren.

Wie entwickelte sich bei Ihnen das Interesse für Spiritual Care?
Peng-Keller: Parallel zu meiner Entdeckung christlicher Spiritualität hat sich früh schon ein Interesse an einem klinischen Beruf und am Grenzbereich des Sterbens entwickelt. Ich habe mir deshalb zunächst überlegt, Medizin zu studieren und Arzt zu werden. Später durfte ich prägende Erfahrungen im Bereich der Krankenhaus- und Altersheimseelsorge machen. In der Erforschung spiritueller Erfahrungen in Todesnähe kamen dann mein akademisches Schwerpunktgebiet und meine seelsorglichen Anliegen zusammen.

Haben Krankheit, Schmerzen und der Tod Ihrer Meinung nach einen Sinn?
Peng-Keller: Mir scheint es sinnvoller zu sein, Krankheit und Schmerzen und den Tod als widersinnig zu beschreiben: Sie irritieren und durchkreuzen unser Sinnverlangen. Da Krankheit, Schmerzen und der Tod zu unserer menschlichen Existenz gehören, stehen wir immer wieder neu vor der Aufgabe, in sinnvoller Weise mit Widersinnigem zu leben.

Wie gehen Sie mit unserer Sterblichkeit um? Haben Sie Angst vor dem Tod?
Peng-Keller: Ich habe Respekt vor ihm – und vielleicht mehr noch vor schmerzlichen Krankheitsverläufen und massiven medizinischen Eingriffen. Und was meine Sterblichkeit betrifft, habe ich es mir angewöhnt, mich selbst einmal am Tag an sie zu erinnern, um so auch bewusster und dankbarer zu leben. Auch der seelsorgliche Kontakt mit schwerkranken und sterbenden Menschen hilft mir, mir bewusst zu machen, dass jeder Tag mein letzter sein könnte.

Die erste Frage war die nach Ihrem Aufstehen. Die letzte ist die nach Ihrem Abrunden. Wie schliessen Sie Ihren Tag ab, bevor Sie sich schlafen legen?
Peng-Keller: Meine Frau und ich haben schlichte Rituale gefunden, die uns auch nach einem aufregenden Tag helfen, zur Ruhe zu kommen. So besprechen wir wichtige Ereignisse, tauschen uns über Gelesenes und Gehörtes aus und über unsere Planungen für den nächsten Tag. Ich liebe es, in der Ruhe des vorgerückten Abends zu meditieren und einen Blick über die Stadt zu werfen.

Quelle: aufbruch

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