Träume als Geschenk am Lebensende

Bericht in der Zeitschrift reformiert über das Forschungsprogramm «Lebensende» des Nationalfonds (NFP67) unter der Koordination von Simon Peng-Keller.

Viele sterbende Menschen erleben Wachträume und traumartige
Visionen. Eine Nationalfonds-Studie hat die schwer greifbaren Phänomene erforscht und zeigt auf, dass sie Sterbenden Vetrauen schenken können.

Herr T. träumt, dass er einen Feuerwagen in den Himmel fahren sieht. Der von Demenz betroffene Mann erzählt der Seelsorgerin mit Begeisterung davon – der Traum gab ihm sichtlich Energie und Freude. Kurze Zeit später stirbt er.
Ob er einen Traum hatte oder ei
ne Vision im Wachzustand, lässt sich bei Herrn T. wegen der Krankheit nicht sagen. Beides kommt vor bei sterbenden Menschen. «In Todesnähe intensiviert sich die Kraft der Imagination», sagt Simon Peng-Keller, Professor für Spiritual Care an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich.
Peng-Keller hat eine Studie zum
bildhaften Erleben von Sterbenden geleitet (Kasten unten) und Traum- und Wachvisionen, Nahtod­erfahrungen sowie das sogenannte «oneroide Erleben» in komatösen Zuständen erforscht, eine extrem realistisch wirkendes imaginäres Erleben. «Die Medizin disqualifiziert all diese Phänomene leider oft als Delirium, als etwas Krankhaftes.» Diese einseitige Wahrnehmung will die Studie korrigieren.
Die insgesamt sechs Projektver
antwortlichen aus Theologie und Psychologie haben die bereits vorhandene Forschungsliteratur ausgewertet. Ihr Fazit lautet: Intensives traumartiges Erleben am Lebensende scheint eher die Regel als die Ausnahme zu sein.
Dies bestätigten knapp fünfzig reformierte und katholische Spital- und Heimseelsorgende, die für die Studie befragt wurden. Die grosse Mehrheit war vertraut mit den Phä
nomenen und lieferte zahlreiche Beispiele. So wie jenes einer Frau, die im Traum ein neues, im Bau begriffenes Haus sah. Die oberste Wohnung sei «schön und licht» gewesen, erzählte sie. «Ich weiss genau: Dort werde ich wohnen. Ich schaue es an, und es ist Vorfreude spürbar.» Im Seelsorgegespräch wurde deutlich, dass die Wohnung für die Frau ihren «Wohnort» nach dem Tod symbolisierte.

Visionen können aufrütteln

Andere Sterbende träumen, wie sie von bereits verstorbenen Bekannten abgeholt werden, oder sie sehen sich in Visionen ihre letzte Reise vorbereiten. Peng-Keller betont, dass die Träume und Visionen am Lebensende sehr vielfältig seien. Meistens hätten sie tröstliche Inhalte und lösten positive Gefühle aus.
Doch nicht immer: Manche Sterbende träumen bedrängende Dinge. Ein Mann durchlebte eine traumatische Kriegserfahrung aufs Neue, eine Frau wurde am Himmelstor zurückgewiesen, woraus sie schloss, sie sei für Gott unwürdig. Andere Träume deuten auf unerledigte Aufgaben hin. «Sie können einen Menschen aufrütteln und dazu führen, dass er vor dem Sterben etwa eine schwierige Beziehung bereinigt», sagt Peng-Keller. Doch nicht immer sei dies möglich unter dem Zeitdruck, der oft vor dem Tod bestehe.
Trotzdem glaubt der Theologieprofessor, dass die Träume und Visionen am Lebensende grundsätzlich «gute Gaben» seien. Insbesondere bei den Träumen mit tröstlichem Inhalt hat sich die These der Studie bestätigt: Solche «positiven» Träume können das Vertrauen der Sterbenden im Sterbeprozess stärken und ihn erleichtern. Die Menschen empfänden sie als Geschenk und Unterstützung, sie seien danach ruhiger und geordneter.
Bei den unangenehmen Träumen oder Visionen wäre oftmals eine län­gere seelsorgerliche Begleitung nötig, halten die Forscher fest. «Grund­sätzlich stecken auch in diesen Träumen Ressourcen, aber es braucht unter Umständen viel Zeit, um sie hervorzuholen», sagt Peng-Keller. Er appelliert an professionelle Begleitpersonen und Angehörige, Träume und Visionen ernst zu nehmen und auf sie einzugehen.

Das Klischee vom Tunnel

Auf einen spannenden Punkt weist die Studie bei den Nahtoderfahrungen hin. Damit sind Berichte von Menschen gemeint, die sich vorübergehend in Todesnähe befunden haben. «Die wissenschaftliche und öffentliche Wahrnehmung leidet unter starken Stereotypisierungen», kritisiert Peng-Keller.
Oft wird angenommen, bei jeder Nahtoderfahrung gehe der Mensch durch einen Tunnel ins Licht. Doch die Erlebnisse seien vielfältig. Die Studie berichtet etwa, wie ein Mann in einer Landschaft mit bedrohlichen Feuern landete. Peng-Keller warnt: «Die Gefahr der Stereotypisierung ist, dass Menschen unter Druck geraten und meinen, ihre Nahtoderfahrung sei nicht echt oder tief genug».

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Quelle: Sabine Schüpbach auf reformiert.info