«Spiritual Care ist ein Fachgebiet mit Zukunft»

Interview bei palliative zh+sh mit Simon Peng-Keller zu seiner Professur für Spiritual Care an der Universität Zürich. Veröffentlicht am 24.9. 2015

Nun ist es offiziell: Der katholische Theologe Simon Peng-Keller erhält die erste Professur für Spiritual Care in der Schweiz. Er weiss bereits, wie er Medizinstudis für sein Fach begeistern kann. Er lässt sie schwerkranke Patienten und Sterbende begleiten.

Das Büchergestell ist halb gefüllt. Die Wände sind kahl. Simon Peng-Keller hat zwar sein Büro im theologischen Seminar in der ehemaligen Propstei St. Felix und Regula beim Grossmünster schon bezogen. Seine Stelle tritt er aber offiziell erst am 1. Oktober an. Der 46-jährige Theologe kommt ursprünglich aus Graubünden. Peng sei ein Valser Geschlecht und kein chinesisches, erklärt er geduldig. Er ist ein zurückhaltender Typ, spricht ruhig. Erst der Inhalt des Gesagten verrät das Feuer, das in ihm brennt für das neue Fach. «Ich erachte es als besonderes Privileg, hier einen Anfang zu machen. Mir wird etwas Kostbares anvertraut.» Er macht zudem unmissverständlich klar, wie nötig er es findet. «Ich bin überzeugt, dass Spiritual Care Zukunft hat.»

Finanziert wird die Professur vorerst von den beiden Landeskirchen. Sie ist auf sechs Jahre befristet. Peng-Keller ist jedoch zuversichtlich, dass Spiritual Care irgendwann fest verankert sein wird an der Universität. Der englische Begriff bezeichnet laut ihm spirituelle Unterstützung von Kranken und Sterbenden in klinischen und nicht klinischen Kontexten. «Das Gesundheitssystem trägt die Verantwortung dafür, dass bei der Behandlung von schwer und unheilbar kranken Patientinnen und Patienten auch spirituelle Aspekte berücksichtigt werden.»

«Goldrichtig in der Theologie»

Kritiker sagen, das Fach hätte an die medizinische Fakultät gehört, wie in München, wo die erste Professur für Spiritual Care im deutschsprachigen Raum geschaffen wurde. Doch Peng-Keller widerspricht: «Das Fach ist in der theologischen Fakultät goldrichtig.» Er sieht es nämlich als Gefahr, dass die Spiritualität instrumentalisiert wird. «Man kann sie als Medikament, als klinisches Phänomen sehen. Doch greift das zu kurz. Spiritualität ist primär ein Lebensphänomen.» Ein Fach transdisziplinär auf zwei Standbeine zu stellen, an zwei verschiedenen Fakultäten zu verankern, erachtet er mit Blick auf das interprofessionelle Arbeitsfeld als sinnvoll. Nicht zuletzt erforsche die Theologie seit jeher Spiritualität und Religion.

Bereits ab nächstem Semester wird Peng-Keller Spiritual Care nicht nur forschen, sondern auch unterrichten. Er hat sich genau überlegt, wie er die «pragmatisch orientierten» Studierenden der Medizin ansprechen kann. In Zusammenarbeit mit praktizierenden Ärzten möchte er ihnen ermöglichen, selbst Sterbende zu begleiten. Da die meisten von ihnen vermutlich keine starke spirituelle Prägung mitbrächten, müssten sie zuerst eine eigene Sprache finden, um spirituelle Aspekte anzusprechen, sagt Peng-Keller. In dem Wahlpflichtmodul, das sich auch an Theologie-Studierende richtet, könnten sie ihre Erfahrungen reflektieren und verarbeiten. «Man muss Sicherheit haben, um sensible Themen anzusprechen. Darum herum kommt keine Ärztin und kein Arzt, vor allem bei Entscheiden, die das Lebensende betreffen.» Das Fach gehört momentan nicht ins Pflichtprogramm, sondern kann im zwischen dem 2. und dem 4. Semester als eines von 30 Wahlpflichtfächern ausgewählt werden. Die einzelnen Kurse dauern jeweils ein Semester. Die Studierenden besuchen sechs verschiedene Wahlpflichtfächer. Peng-Keller sieht die Unverbindlichkeit nicht als Makel. «Das entspricht der Anfangssituation. Mir ist es recht, erstmals mit motivierten Studis zu tun zu haben.»

«Wir wollen Sterbende besser verstehen»

Mit der Berufung zum Professor für Spiritual Care ist Peng-Keller persönlich und beruflich angekommen. Als 20-Jähriger seien für ihn die Berufsbereiche Medizin, Theologie oder Pflege zur Auswahl gestanden, erzählt er. Nach einem viermonatigen Pflegepraktikum entschied er sich für Theologie. Bereits während des Studiums absolvierte er ein längeres Praktikum in der Spitalseelsorge. Nach dem Abschluss arbeitete als Seelsorger in verschiedenen Altersheimen. Fast verschämt sagt Peng-Keller: «An Spitälern habe ich mich immer an meinem Platz gefühlt. Irgendwie gehöre ich dorthin.»

Sein akademischer Weg hingegen führte ihn nicht direkt zum Feld Spiritual Care. Zu Beginn beschäftige er sich mit Spiritualitätsforschung im weiteren Sinne. Zwei aktuelle Nationalfondsprojekte brachten ihn schliesslich in Kontakt mit der Palliativmedizin. Das erste «Vertrauen verstehen» war interdisziplinär angelegt und beschäftigte sich unter anderem mit der Frage, wie in professionellen Kontexten Vertrauen aufgebaut wird. Peng-Keller konzentrierte sich auf die Bereiche Seelsorge und Medizin. In der zweiten Studie – «Hermeneutik des Vertrauens am Lebensende» – die noch läuft, geht es um die Frage, was am Lebensende vertrauensstiftend ist. «Sterbende teilen sich häufig in einer bildhaften Sprache mit. Unser Ziel war es, sie besser zu verstehen, damit wir sie besser begleiten können», erklärt Peng-Keller. In den Bildern, die am Lebensende auftauchen, scheine häufig eine transzendente Dimension durch, zum Beispiel erzählen Sterbende, von verstorbenen Angehörigen oder Lichtgestalten besucht worden zu sein.

Konfrontiert mit dem Tod tauchen bei vielen Menschen ausserdem die sogenannt letzten Fragen auf: Was ist die Essenz meines Lebens? Was bleibt von mir? Wie geht es weiter? Geht es überhaupt weiter? Die Fragen seien dabei wichtiger als die Antworten, sagt Peng-Keller. «In der Spiritual Care geht es darum, Fragen Raum zu geben. Artikulation ist ein Weg der Selbstklärung. Auch am Lebensende.»
 

palliative zh+sh, sa