Die Integration spiritueller Aspekte in die Gesundheitspolitik der WHO seit 1984

SNF-Forschungsprojekt: Die Integration spiritueller Aspekte in die Gesundheitspolitik der WHO seit 1984. Spiritualitäts- und medizinhistorische Untersuchung zur Grundlegung interprofessioneller Spiritual Care.

Beteiligte: Prof. Dr. Simon Peng-Keller und Dr. Thomas Fries

Im Zusammenhang interprofessioneller Spiritual Care und Palliativ Care wird häufig auf die Forderung der WHO verwiesen, dass die „spirituelle Dimension“ in die Gesundheitsversorgung einbezogen werden müsse. Das Projekt untersucht die Diskussionsprozesse, die zu dieser gesundheitspolitischen Weichenstellung innerhalb der WHO geführt haben.

Projektseite des Schweizerischen Nationalfonds

Inhalt und Ziele

Seit 1984 hat sich in Dokumenten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zunehmend die Sicht durchgesetzt, dass zu einer umfassenden Gesundheitsversorgung auch die Berücksichtigung der „spirituellen Dimension“ des Menschen gehört. Indem das Bundesamt für Gesundheit sich in seinen Dokumenten zur Nationalen Strategie Palliative Care ebenfalls von diesem Konzept leiten lässt, ist diese Sicht auch für das Schweizerische Gesundheitswesen normativ. Wie es zu diesem gesundheitspolitischen Paradigmenwechsel innerhalb der WHO kam, ist jedoch bislang erst ansatzweise geklärt. Ziel des Forschungsprojekts ist es, die diesbezügliche Diskussion innerhalb der WHO systematisch zu rekonstruieren und zu analysieren. Neben der Frage nach den maßgeblichen Einflüssen und Akteuren nimmt das Projekt auch die konzeptionellen Probleme in den Blick, die diese Diskussion bestimmten.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

Die gewonnenen Einsichten werden im Horizont aktueller gesundheitspolitischer Entwicklungen auf nationaler und internationaler Ebene diskutiert. Das Forschungsprojekt leistet dadurch einen Beitrag zu einer differenzierten Rezeption der WHO-Diskussion. Innerhalb des neuen Forschungs-, Lehr- und Praxisgebiets „Spiritual Care“ tragen die Projektergebnisse zu einer historischen und konzeptionellen Selbstvergewisserung bei.

Abstract

Seit 1984 hat sich in Dokumenten der Weltgesundheitsorganisation zunehmend die Sicht durchgesetzt, dass zu einer umfassenden Gesundheitsversorgung auch die Berücksichtigung der „spirituellen Dimension“ gehört. Die Integration dieser Dimension in den globalen Gesundheitsdiskurs bedeutet nach Andreas Heller eine „kleine Revolution“. Inzwischen wurde das Anliegen weltweit in vielen Ländern aufgenommen. Indem das Bundesamt für Gesundheit sich in seinen Dokumenten zur Nationalen Strategie Palliative Care ebenfalls von diesem Konzept leiten lässt, ist es auch für das Schweizerische Gesundheitswesen normativ. Angesichts von gegenläufigen Tendenzen im Gesundheitsbereich ist ein solcher Wandel bemerkenswert. Wie es zu diesem gesundheitspolitischen Paradigmenwechsel kam, ist jedoch bislang erst ansatzweise geklärt. An dieser Stelle setzt das beantragte Projekt an. Indem es die publizierte Dokumente und Sekundärliteratur sowie unveröffentlichte Sitzungsprotokolle und Diskussionsberichte vor dem Hintergrund relevanter Diskussionsfelder systematisch auswertet, rekonstruiert und analysiert es den Diskussionsverlauf innerhalb der WHO. Neben der Frage nach den massgeblichen Einflüssen und Akteuren nimmt das Projekt auch die konzeptionellen Probleme in den Blick, die diese Diskussion bestimmten. Die gewonnenen Einsichten werden im Horizont aktueller gesundheitspolitischer Entwicklungen diskutiert. Dabei sollen auch mögliche Konsequenzen für die weitere gesundheitspolitische und wissenschaftliche Diskussion erwogen werden. Die übergeordnete Zielsetzung des Projektes besteht in einer historischen und konzeptionellen (Selbst-)Vergewisserung des neuen Forschungs-, Lehr- und Praxisgebiets „Spiritual Care“. In methodischer Hinsicht ist das Projekt einem diskurs- und begriffsgeschichtlichen Ansatz verpflichtet, der gezielte Quellenforschung mit konzeptionellen Analysen verknüpft. Insofern dabei auch auf konzeptionelle Spannungen, gesundheitspolitische Kompromisse und Diskussionslücken hingewiesen werden soll, wird kein unilineares Narrativ angezielt. Beabsichtigt ist vielmehr eine kritische Genealogie des genannten gesundheitspolitischen Wandels. Indem das Projekt die Genese und den Spannungsreichtum des untersuchten Konzeptes rekonstruiert, analysiert und evaluiert, trägt es dazu bei, den aktuellen Diskussionshorizont zu erweitern und zu vertiefen. Die Relevanz des Projektes liegt auf mehreren Ebenen: (1.) Auf der Ebene akademischer Grundlagenforschung leistet das Projekt dadurch einen essenziellen Beitrag zur Medizin- und Spiritualitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts, dass es einen bisher nur ansatzweise erforschten gesundheitspolitischen Wandel auf globaler Ebene untersucht. (2.) Indem das Projekt einen längst nicht abgeschlossenen Diskussionsprozess innerhalb der WHO rekonstruiert und evaluiert, trägt es selbst zu einer Klärung dieser Diskussion bei. (3.) Nicht zuletzt leistet das skizzierte Forschungsprojekt auch einen substanziellen Beitrag zur gegenwärtig im Schweizer Gesundheitswesen stattfindenden Rezeption der WHO-Vorgaben. Indem es beispielsweise auf bisher wenig beachtete Hintergründe der WHO Dokumente zur Palliative Care aufmerksam macht, unterstützt es die Nationale Strategie Palliative Care des Bundesamtes für Gesundheit. Vor dem Hintergrund der anhaltenden religiös-spiritueller Pluralisierung (u.a. durch die Immigration aus Ländern des Nahen Ostens, Afrikas, Asiens und Lateinamerikas) schafft das Projekt nicht zuletzt wissenschaftliche Grundlagen, um divergente religiös-spirituelle Hintergründe in professioneller Weise in die Schweizerische Gesundheitsversorgung einzubeziehen.

Kooperationspartner

Prof. Dr. Flurin Condrau, Universität Zürich
PD Dr. Walter Bruchhausen, Uniklinik Aachen und Bonn
PD Dr. Hansjörg Schmid, SZIG Univ. Freiburg