Interview mit Silke-Petra Bergjan

Wissenschaftliche Arbeit versus andere Berufstätigkeit:
Weshalb haben Sie sich für die Wissenschaft entschieden?

Ich habe recht kurz studiert und wollte mir immer die Zeit für eine Promotion nehmen. Dass es wenn, dann eine Promotion in der Kirchengeschichte sein muss, war schon im ersten Semester klar. Nach der Promotion habe ich das Pfarramt, das für mich die Alternative zur Wissenschaft gewesen wäre, immer wieder verschoben, weil interessante, wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Angebote auf mich zukamen und ich nach Genf, dann Berlin und England ging.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit und was ist das Besondere dabei?

Die Fragen und Antworten in der Theologie sind immer Fagen und Antworten bestimmter Menschen zu bestimmten Zeiten. Eigentlich kann man Theologie doch nur als Kirchengeschichte treiben, aber das sagt die Kirchenhistorikerin. Ich bin beeindruckt von der Präzision, mit der die Theologen in der Antike die Texte geschrieben haben und natürlich auch von der Schönheit der Texte. Ich mag die Welt der antiken Sprachen, habe gern Altes in den Händen (Handschriften oder Drucke aus dem 17. Jahrhundert), habe auch eine gewisse Ehrfurcht vor dem Altem. Ich grabe gern in den „Realien“ der Antike. Vorstellungen bekommen ein Gesicht, wenn man Protokolle, Rechtstexte oder Briefe liest. Es ist das ständige Entdecken von Unbekanntem oder zumindest mir Unbekanntem und das Herstellen von neuen Zusammenhängen.

Gab es in Ihrer Karriere besonders prägende Durststrecken oder Misserfolge? Wie überwanden Sie diese?

Es gab vor allem das Elend der befristeten Verträge und der Unsicherheit sowie die Sorge, dass Durststrecken oder Misserfolge bevorstehen, aber sie kamen nicht. Drei Monate, nachdem ich die Habilitationsurkunde in Händen hatte, wusste ich bereits, dass ich nach Zürich gehen werde. In der Wissenschaft scheint der Weg alles zu sein, der Blick ist ständig auf die unsichere Zukunft gerichtet. Plötzlich ist man am Ziel angekommen und merkt, dass es darum geht, die Dinge zu gestalten und das Fach aufzubauen. Ich bin dort gelandet, wo ich immer gewünscht habe zu sein.

Welche Person oder welche Institution hat Sie in Ihrem beruflichen Umfeld am stärksten unterstützt?

Mein Doktorvater, ich habe erst im Nachhinein gemerkt, wie stark er mich geprägt hat.

Hatten Sie (besondere weibliche) Vorbilder, die Ihren Werdegang beeinflusst haben? Welche?

Keine Vorbilder, aber meine Mutter, die alles, was ich (bis zu ihrem Tod) geschrieben habe, gelesen hat.

Welche Massnahmen ergreifen Sie als Professorin, um den wissenschaftlichen Nachwuchs (insbesondere Frauen) an Ihrem Institut zu fördern?

Ich ermutige sehr, sich nach der Geburt Zeit für das Kind zu nehmen, aber die Habilitation nicht aus den Augen zu verlieren, sondern dran zu bleiben.

Welche Tipps geben Sie einer Jungforscherin auf den Weg, die eine akademische Karriere ins Auge fasst?

Nehmen Sie sich Zeit, das richtige Thema Ihrer Doktorarbeit oder Habil zu finden. In der Wahl des Themas liegt schon ein gutes Stück der Leistung.

Wie stellen Sie Ihre persönliche Work-Life-Balance sicher?

Es ist wunderbar, wenn mein Sohn völlig gebannt auf die Bühne im Kindertheater schaut oder meine Tochter ein Lied singt. Ich freue mich unendlich an den Kindern. Aber eine Professur und Kinder gleichzeitig zu haben, ist Knochenarbeit. Wenn ich morgens ins Büro komme, habe ich bereits ein Pensum hinter mir, und wenn die Kinder abends im Bett sind, geht es wieder an den Schreibtisch. Die Kinder brauchen Zeit, und ich nehme mir davon, soviel ich irgend kann. „Arbeit“ und „Leben“ sind erst auseinandergetreten, als die Kinder geboren wurden. Ansonsten leben wir ja in dem Luxus, das, was uns im innersten treibt, zum Beruf gemacht zu haben.