Interview mit Daria Pezzoli-Olgiati

Wissenschaftliche Arbeit versus andere Berufstätigkeit: Weshalb haben Sie sich für die Wissenschaft entschieden?

Mich interessiert die Erforschung von religiösen Phänomenen in Geschichte und Gegenwart sehr. Natürlich könnte man dies auch in anderen Institutionen machen. Dennoch bietet die Universität ein ideales Umfeld, um Forschung mit Lehre zu verbinden und um Ergebnisse der eigenen Arbeiten mit Fachleuten und Studierenden aus unterschiedlichen Bereichen zu besprechen und kritisch zu überprüfen.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit und was ist das Besondere dabei?

Ich finde die Mischung zwischen persönlicher Forschungsarbeit und Austausch mit anderen Fachleuten besonders bereichernd. Auch die Verbindung unterschiedlicher Generationen innerhalb der Universität trägt der Attraktivität der akademischen Arbeit bei. Von der jungen Studentin bis hin zum älteren Experten: Alle beteiligen sich sowohl am Lehren als auch am Lernen. Dies gefällt mir.

Gab es in Ihrer Karriere besonders prägende Durststrecken oder Misserfolge? Wie überwanden Sie diese?

Für mich war die Arbeit an der Uni immer befreidigend, obwohl es wie überall immer wieder schwierige und strenge Phasen gibt. Besonders herausfordernd finde ich es, einen eigenen Stil und eine gewisse geistige Unabhängigkeit in einem Arbeitsumfeld zu bewahren, im dem zunehmend das Denken und Analysieren auf Zahlen reduziert wird – seien es ECTS Punkte, Beiträge von eingeworbenen Drittmitteln oder die Anzahl der Veröffentlichungen.

Welche Person oder welche Institution hat Sie in Ihrem beruflichen Umfeld am stärksten unterstützt?

Der Schweizerische Nationalfonds, eine Institution die sich sehr stark für (weiblichen) Nachwuchs, wissenschaftliche und strukturelle Innovation engagiert.

Hatten Sie (besondere weibliche) Vorbilder, die Ihren Werdegang beeinflusst haben? Welche?

An der Uni begegnet man vielen spannenden Persönlichkeiten, die einen inspirieren und motivieren. Ich hatte sehr gute Lehrer, die mich auf kluge Weise unterstützt haben. In meinem Fall waren es Männer, die in anderen Familienkonstellationen lebten als ich. Dennoch bin ich ihnen sehr dankbar, mich in den wissenschaftlichen Weg eingeführt und mich auf ihm begleitet zu haben. Neben der ausgezeichneten wissenschaftlichen Betreuung haben sie stets Verständnis für meine Situation als berufstätige Mutter gezeigt.

Welche Massnahmen ergreifen Sie als Professorin, um den wissenschaftlichen Nachwuchs (insbesondere Frauen) an Ihrem Institut zu fördern?

Ich versuche, in Rahmen der gegebenen, beschränkten Möglichkeiten, so gute Anstellungen wir möglich anzubieten und mit den Doktorierenden und PostDoc-Forschenden einen Plan für die zur Verfügung stehende Zeit zu entwerfen. Eine kontinuierliche und seriöse inhaltliche Betreuung der Projekte ist mir wichtig. Dazu biete ich die Möglichkeit, in die wesentlichen Tätigkeitsbereiche wissenschaftlicher Arbeit eingeführt zu werden. Die internationale Vernetzungsarbeit ist besonders zentral, um über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und die eigene Arbeit in unterschiedlichen akademischen Traditionen vorstellen und besprechen zu können. Dazu trage ich der Vereinbarung zwischen Arbeit und familiären Aufgaben Rechnung.

Welche Tipps geben Sie einer Jungforscherin auf den Weg, die eine akademische Karriere ins Auge fasst?

Junge Akademiker und Akademikerinnen sind kluge, unabhängige und selbstständig denkende Persönlichkeiten, die selber wissen, was sie wollen und was sie tun. Von daher würde ich ihnen empfehlen, Betreuungspersonen auszuwählen, die diese Qualitäten schätzen.