Göttinger Predigten im Internet
hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch
(Tipps zum Speichern und Drucken: Hier klicken)

(Zur Übersicht der Predigtreihe)
Predigtreihe "Facetten gelebter Frömmigkeit"

"Den Blick öffnen", Wolfgang Steck

Den Blick öffnen

Begrüßung zur Predigtreihe

‚Wenn du fromm bist, dann kannst du den Blick frei erheben.‘ Mit diesem Wort aus der uralten Geschichte von Kain und Abel begrüße ich Sie alle zu unserem 1. Universitätsgottesdienst in diesem Semester.

‚Facetten gelebter Frömmigkeit‘ – so lautet diesmal das Thema unserer Gottesdienstreihe. In 7 Gottesdiensten werden wir das Album der Frömmigkeit durchblättern, Seite für Seite. Jedesmal wird uns die im Alltag gelebte Frömmigkeit in einer anderen Gestalt begegnen. Zuerst nehmen wir die Relflexionsfrömmigkeit in den Blick, den religiösen Wissensdurst, der uns dazu drängt, den Rätseln des Lebens auf die Spur zu kommen und ‚die Welt zu ergründen‘. Dann wenden wir uns der persönlichsten aller Frömmigkeitspraktiken zu, dem intimen Zwiegespräch, in dem miteinander vertraute Menschen einander ‚das Herz ausschütten‘. In der Adventszeit konzentrieren wir den Blick zuerst auf die meditative und dann auf die festlich gestimmte Frömmigkeit: ‚In sich gehen‘ und ‚Sich verzaubern lassen‘. Im neuen Jahr werden wir dann die Tatfrömmigkeit betrachten, die den Lauf der Welt nicht sich selbst überläßt, und die rituelle Frömmigkeit, die den Ablauf des Alltags regelt: ‚In Angriff nehmen‘ und ‚In Ordnung bringen‘. Jede und jeder von uns wird sich im Panorama der Frömmigkeitsstile wiederfinden, die eine hier, der andere dort. Vielleicht entdecken wir bei der Betrachtung der Frömmigkeitsgalerie aber auch, wie sich die Formen alltagspraktischer Spiritualität miteinander vermischen. Am Ende entsteht dann ein neues, ein persönlich getöntes Bild individueller Frömmigkeit, selbst entworfen und selbst koloriert.

Heute schlagen wir das Titelblatt unseres Frömmigkeitsalbums auf, die Frömmigkeit des freien Blicks oder: Frömmigkeit als Lebensoptik. Fromm zu sein ist nicht jedermanns Sache, jedenfalls dann nicht, wenn wir an eine bestimmte Sorte von Frommen denken, an die Frömmler, die sonntags mit gesenktem Blick zur Kirche gehen und werktags mit Scheuklappen durch die Welt stolpern - so als würde einem die Frömmigkeit die Aussicht auf die Wirklichkeit verstellen und einen vom wirklichen Leben fernhalten. Je mehr einer sich der Frömmigkeit verschreibt, umso eingeschränkter wäre dann sein Gesichtsfeld. Wer die Frömmigkeit für sich entdecken, wer ihr in ihren vielfältigen lebendigen Gestalten begegnen will, der muß sich eine andere Sichtweise angewöhnen; er muß den Kopf heben, hinauf zum Himmel, und den Blick öffnen, hinaus in die Weite.

Der freie Blick des Glaubens meint aber nicht nur die Fähigkeit, sein Auge über das weite Feld der Frömmigkeit schweifen zu lassen. Wenn du fromm bist, dann kannst du deinen Blick frei erheben - das meint zugleich auch eine religiöse Grundeinstellung, die alle Frömmigkeitsformen untereinander verbindet, eine religiöse Leitperspektive, in der sich die vielfältigen Strahlen der Wirklichkeitssicht bündeln.

Von der Frömmigkeit und ihrem Gegenstück, von der freien Sicht und vom verblendeten Blick, handelt die kleine Szene aus der biblischen Urgeschichte. Sie spielt draußen in der Weite der Prärie, zwischen Himmel und Erde, dort wo sich der Blick frei entfalten kann; wenn er sich nicht selbst begrenzt. Kain und Abel stehen an ihren Altären. Beide tun dasselbe; sie feiern Gottesdienst. Aber ihre Augen sehen nicht das gleiche. Abels Augen gleiten an der dichten Rauchsäule entlang, die geradlinig in die Höhe steigt, bis sich der Blick in der Weite des Himmels verliert. Kain ist kurzsichtig. Er sieht nur, wie die dünnen Schwaden seines Brandopfers zur Seite wegziehen - so malen die Kinder die Szene noch heute. ‚Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.‘ ‚Warum ergrimmst du?‘ fragt Gott, fast so, als wären wir bei Don Camillo in der Kirche. ‚Warum senkst du deinen Blick? Wenn du fromm wärst, dann könntest du deinen Blick frei erheben. Dann könntest du die Linie sehen, die Erde und Himmel miteinander verbindet; aber der Weitblick ist wohl nicht so deine Sache. Du siehst nur die Dunkelheit in deinem Herzen.‘ Die Geschichte vom unfreien Blick - wir wissen es - nimmt ein schlimmes Ende. ‚Gehen wir aufs Feld‘, sagt Kain zu seinem Burder. Und als sie auf dem Feld waren, erhob er seine Hand und schlug seinen Bruder tot.

Vielleicht hatte Jesus die Geschichte vom bösen Blick im Kopf, als er seinen Zuhörern eine Lektion über die Anatomie der Frömmigkeit erteilte: ‚Das Auge ist das Licht des Körpers. Wenn dein Auge lauter ist, dann wird dein ganzer Körper licht sein. Wenn dein Auge aber böse ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein. Denn wenn das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein.‘

Wir feiern unseren Gottesdienst im Namen des Vaters, der am ersten Tag das Licht erschuf, im Namen des Sohnes, der den Blinden das Augenlicht zurückgab, und im Namen des Geistes, der die Wirklichkeit licht und klar werden läßt.

Bei dir, Gott, ist die Quelle des Lebens. In deinem Licht sehen wir das Licht.

PREDIGT Mt 23, 23-28

Wehe euch, ihr Verblendeten; ihr siebt Mücken aus und verschluckt Kamele! Wehe euch, ihr Heuchler, ihr reinigt Becher und Schüsseln von außen; aber im Innern seid ihr voller Raub und Gier! Du blinder Pharisäer, reinige zuerst das Innere des Bechers, damit auch das Äußere rein wird! Wehe euch, ihr seid wie übertünchte Gräber; von außen sehen sie hübsch aus, aber drinnen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat! Wehe euch, ihr Heuchler, ihr gebt den Zehnten und laßt das Wichtigste beiseite: das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben!

(Mt 23, 23-28)

1. Es gibt Situationen, da fehlen einem einfach die passenden Worte. Wenn einen der Zorn packt, wenn einem der Kragen platzt, dann reicht der feine Duden nicht mehr aus. Dann muß eine andere Sprache her. Zuerst ist man sprachlos; man ringt nach Worten und fängt zu stottern an. ‚Ihr seid doch alle ..., ach was, wenn ich euch sehe, dann bleibt mir einfach die Luft weg, da verschlägt es einem ja die Sprache‘. Dann folgt die zweite Runde. Die Gegner werden auf ein Feindbild festgenagelt: ‚Ja, jetzt weiß ich`s: Heuchler seid ihr, verlogenes Pack, blinde Pharisäer‘. Schließlich greift man in die Kiste mit den Stilblüten, pickt sich die deftigsten Metaphern heraus und wirft sie den anderen an den Kopf: ‚Ihr Mückensieber und Kamelschlucker, ihr seid wie schmutzige Schüsseln; einmal darüber gewischt und schon ist alles palletti, außen hui und innen pfui. Nein: übertünchte Gräber seid ihr, oben fein durchgerecht, das Unkraut ausgezupft, die Primeln gegossen; aber unter der Grabplatte nichts als Totengebeine, Moder, Unrat‘.

Es sind starke Worte, die der Wanderprediger den Frommen im Lande entgegenschleudert. Aber irgendwie müssen wir Jesus Recht geben; jedenfalls wenn es um eine bestimmte Sorte von Leuten geht, um die Frömmler mit dem aufgesetzten Heiligenschein. Die können einen schon in Rage bringen. Sie werfen sich zu Vorbildern für die anderen auf; sie stehen Modell für das rechtschaffene Leben und führen einem vor, wie man zu sein hat, wenn man sich zu den Frommen zählen will. Sie legen ihre Meßlatten an das Leben der anderen an und reden einem ständig ein schlechtes Gewissen ein. Aber in Wirklichkeit sind sie keinen Deut besser. Sie verbergen den Unrat ihres Lebens nur in Schüsseln und Gräbern, damit keiner die Innenseite ihres Lebens zu sehen bekommt.

Kehrt mal zuerst in eurer eigenen Küche, putzt eure Schüsseln mal von Innen. Steigt endlich aus den Gräbern, in denen ihr euch verschanzt habt, und zeigt euch, wie ihr wirklich seid. Aber das wollt ihr ja nicht. Euch geht es doch nur um den frommen Schein. Das Sonntagsgesicht wahren und die bröckelnde Alltagsfassade übertünchen, das ist alles, worauf es euch ankommt. Aber das hat mit Sicherheit nichts mit Frömmigkeit zu tun. Das bringt die Frömmigkeit nur in Verruf. Kein Wunder, daß die Frömmigkeit diesen üblen Beigeschmack hat, den Geruch des Halbseidenen, des frommen Trugs, mehr Schein als Sein.

2. Was Frömmigkeit ist, versteht sich offenbar nicht von selbst. Wer der Frömmigkeit auf die Spur kommen will, der muß zuerst einmal unterscheiden lernen. Und dazu braucht er den scharfen, den kritischen Blick. Es gibt falsche Fromme und echte, verblendete Frömmigkeit und klarsichtige. Aber die Böcke sind leicht von den Schafen zu trennen. Dafür hat Jesus mit seiner bildhaften Scheltrede über Küchenhygiene und Grabpflege das Textbuch geschrieben, eine aus dem Zorn geborene Karikatur der Fassadenfrömmigkeit. Aber man kann die Sache auch in Ruhe betrachten; dann geht die Rechnung genauso auf.

Die halbseidenen Frommen entlarven sich selbst. Sie tragen ihre falsche Frömmigkeit ja regelrecht zur Schau. Man erkennt sie an ihrem auffälligen Verhalten. In der Kantine schauen sie sich erst einmal um; dann falten sie die frommen Hände. An jeder Ecke suchen sie nach einem Kind, das sie über die Straße geleiten können; und mitten auf der Fahrbahn vergewissern sie sich noch einmal, ob es auch bestimmt jemand gesehen hat. Für jeden guten Zweck haben sie einen Zehner übrig, Hauptsache, die anderen erfahren davon. Das hat nichts mit Frömmigkeit zu tun. Das ist Gutmenschentum in seiner abschreckendsten Gestalt.

Man erkennt die selbst ernannten Heiligen auch an ihrem typischen Gesichtsausdruck, an der suggestiven Einfühlsamkeit oder an dem mahnenden Ernst ihrer Mienen. Man erkennt sie an ihrer frömmelnden Sprache; warum können sie nicht wie andere reden, sondern müssen immer diesen salbungsvollen Ton anschlagen, immer einen frommen Wunsch auf den Lippen. Und warum müssen sie über die alltäglichsten Gedankengänge die Milch der frommen Denkungsart gießen. Vor allem: warum müssen sie ihre Rechtschaffenheit so demonstrativ herauskehren. Und dabei fällt ihnen gar nicht auf, daß keiner so sein will wie sie, so makellos, so fehlerfrei, so vollkommen wie ein frisch poliertes Gefäß oder wie ein fein geharktes Grab.

Man erkennt die falsche Frömmigkeit an der polierten Außenseite. Offensichtlich kommt es bei der Frömmigkeit also auf die Blickrichtung an. Betrachten wir die Frömmigkeit ohne die notwendige Tiefenschärfe, dann bleibt von ihr nur die glatte Fassade übrig, die gestanzte Maske, die äußere Form. Dann wirkt die Frömmigkeit wie ein hohles Gehäuse, wie eine leere Schüssel oder ein fest verschlossenes Grab. Da mag dann Sigmund Freud Recht gehabt haben, als er die Frömmigkeit mit einer Zwangsneurose verglich, mit einer unheilbaren Krankheit, von der der Fromme zeitlebens nicht loskommt.

Als hätte er die Diagnose vorausgesehen, so beschreibt Jesus die Symptome der zwanghaften Frömmigkeit. Sie ist eine Art Putzfimmel, der einen ständig in Atem hält und einen nicht zu sich selbst kommen läßt. Penibel werden die letzten Krümel von der Oberfläche des Lebens gewischt. Immer feinere Siebe werden geflochten, um auch die kleinsten Mücken aus dem klaren Wasser auszusieben. Aber man verliert beim religiösen Hausputz leicht den Überblick. Während man sich lebenslang mit Kleinigkeiten beschäftigt, schluckt man die großen Brocken, ohne es zu merken. Das Gespür für das wirkliche Leben geht verloren. Man pflegt das Leben wie ein akribisch ausgezirkeltes Grabbeet und merkt gar nicht, wie es dabei an Farbe verliert. Die von außen aufpolierte Frömmigkeit ist zwanghafte Frömmigkeit, unnatürlich und gezwungen. Wenn es nur darum geht, die äußere Form zu wahren, dann verliert die Frömmigkeit ihre Leichtigkeit, ihre Lebendigkeit. Je routinierter einer das Handwerk der Frömmigkeit beherrscht, umso trister wird sein Leben. Wer sich an den Äußerlichkeiten festhält, der ist ein Mückensieber und Grabrecher.

Betrachten wir die Frömmigkeit aber aus der umgekehrten Blickrichtung, von Innen heraus, dann entdecken wir sie in ihrer wirklichen, ihrer vitalen Gestalt. Frömmigkeit - das sind nicht die Äußerlichkeiten eines rechtschaffenen Lebenswandels, die einem sofort in den Blick stechen. Frömmigkeit - das meint eine verborgene, eine innere Bewegung des Menschen: die Sammlung der Sinne, die Entspannung des Körpers, innere Gelassenheit und Ruhe, Andacht und Meditation. Frömmigkeit - das meint eine Umkehr der Blickrichtung: die Augen schließen, sich von der äußeren Welt abwenden, sich in sich selbst versenken, zu sich selbst kommen oder - wie wir die Bewegung nach Innen im Programm der Gottesdienstreihe benannt

haben - :‘in sich gehen‘. Wirkliche, echte Frömmigkeit taugt nicht für die Öffentlichkeit; sie macht keinen Eindruck, denn sie bleibt unsichtbar, eingeschlossen in die Herzkammer, das Allerheiligste eines frommen Lebens. Dort, tief im Innern, kann die Frömmigkeit gedeihen, dort erwacht sie zum Leben. Dort, in der letzten Einsamkeit, kommt es zu der intimen Zwiesprache des Herzens mit Gott, wie Martin Luther das Gebet genannt hat. Und von dort geht auch die Frömmigkeitsbewegung aus, die zwei Herzen miteinander verbindet. ‚Das Herz ausschütten‘ haben wir das intime Gespräch untereinander Vertrauten in unserem Gottesdienstprogramm genannt. Und wenn wir uns heute in unserer Kirche umschauen, dann fällt unser Blick auf das Organ der Frömmigkeit, das pulsierende Herz.

Jesus war ein vehementer Kritiker der veräußerlichten Religion und zugleich ein Liebhaber der Herzensfrömmigkeit. Er hat nicht nur die äußerliche Frömmigkeit mit scharfen Worten gegeiselt, sondern auch für das fromme Innenleben die passenden Regeln aufgestellt. Wenn du betest, dann mach es nicht wie die Heuchler, die sich gern in die Kirchen und an die Straßenecken stellen, damit sie von den anderen Leuten gesehen werden. Mach es umgekehrt: Geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür hinter dir zu. Wenn du fastest, dann schau nicht so sauer drein wie die Heuchler; die verstellen ihr Gesicht, um den Leuten zu beweisen, wieviel Mühe sie sich mit ihrem frommen Leben machen. Und wenn du Almosen gibst, dann laß es nicht vor die her posaunen auf den Gassen, damit du von den Leuten gelobt wirst. Du bist ja nicht für andere fromm, sondern für die selbst.

3. Wer die Frömmigkeit in ihrer lebendigen Gestalt entdecken will, der muß seine Blickrichtung umkehren. Nicht die Außenperspektive, sondern der Blick von Innen zeigt die Frömmigkeit in ihrer wahren, unverstellten und reinen Gestalt. Aber so ganz ohne Rest geht die einfache Rechnung mit innen und außen doch nicht auf. Gewiß, Frömmigkeit ist alles andere als ein äußerlicher Verhaltenskodex. Aber sie ist auch nicht bloße Innerlichkeit, eine Regung des Gefühls, eine Gestimmtheit des Gemüts oder der Sinn und Geschmack fürs Unendliche. Wollen wir die Frömmigkeit nicht nur an ihrem Ursprung aufsuchen, tief im Innern des Menschen, sondern wollen wir das fromme Leben auch draußen wahrnehmen, in seiner alltagspraktischen Gestalt, dann müssen wir die Bühne des frommen Lebens noch ein drittes Mal ausleuchten. Wir müssen dem kritischen Scharfblick und der begrenzten Binnenoptik eine dritte Sichtweise hinzufügen: den alltagspraktischen Weitblick. Das Interieur ist nicht das Ganze der religiösen Lebensform. Zur Frömmigkeit gehört auch ein Ambiente, in dem sich das fromme Leben entfalten kann und in dem die Herzensfrömmigkeit sichtbare Gestalt gewinnt.

Betrachtet man die im Herzen verwurzelte Frömmigkeit in ihrer lebendigen Außengestalt, dann stellt sie ein bergendes Gehäuse dar, eine Gußform, in die sich die vielfältigen Äußerungen der Herzensfrömmigkeit einpassen, ein Gerüst, das den Aufbau des Lebens stützt. Manchen von uns wurde das Modell ihres frommen Lebens in die Wiege gelegt. Sie können sich den Ablauf des Tages nicht ohne Morgengebet vorstellen und ohne Abendsegen; dazwischen die Stille bei den Mahlzeiten und die Ruhepausen in der Tageseile, wo sich das Leben auf natürliche Weise nach innen kehrt, wo wir zu Besinnung kommen und Kraft schöpfen. Das ist die Frömmigkeit in ihrer rituellen Form. ‚In Ordnung bringen‘ – so heißt diese Gestalt alltagspraktischer Frömmigkeit in unserem Gottesdienstprogramm. Nicht jeder arrangiert sein Leben auf dieselbe Weise. Die rituelle Alltagsfrömmigkeit hat viele Gesichter. Aber ohne das Regelwerk einer festgefügten Lebensordnung würde der innere Rhythmus, der Pulsschlag des frommen Herzens, seinen Takt verlieren.

Auch die Ordnung des Jahres gehört zu den Gußformen der Alltagsfrömmigkeit: der Viertakt der natürlichen Jahreszeiten mit dem beständigen Wechsel von Saat und Ernte, Sommer und Winter, Tag und Nacht; und das religiöse Festjahr mit der immer gleichen Abfolge der frommen Stimmungslagen: im ersten Viertel des Jahreskreises die melancholische Passionsfrömmigkeit, mitten im Winter das sinnenfrohe Weihnachtschristentum, im Frühling Ostern und im Herbst der Erntedanktag. ‚Sich verzaubern lassen‘ – so haben wir die Faszination der festlich gestimmten Frömmigkeit im Programm unserer Gottesdienstreihe genannt. Das Wechselbad der Stimmungslagen hält das fromme Herz jung und frisch.

Die Frömmigkeit ordnet den Gang des Tages; und sie regelt den Ablauf des Jahres. Aber das Leben geht nicht in einer festgefügten Ordnung auf, das fromme Leben schon gar nicht. Sondern stünden auch die wirklichen Frommen immer mit einem Bein im übertünchten Grab; sonst wären sie bald Dauergäste in der Putzküche der Fassadenfrommen; sonst wären sie nicht gegen den Infekt der zwanghaften Religion gefeiht. Damit die Alltagsfrömmigkeit nicht ihre Vitalität verliert, braucht sie eine dynamische Komponente, das bewegliche und neugierige Auge, den weiten Blick für das Neue und Überraschende. Und sie braucht den Mut, sich von ausgetretenen Spuren zu verabschieden und die scheinbar so unumstößliche Ordnung des Lebens aufzubrechen, noch bevor die Gußformen der Frömmigkeit erstarrt sind. Die Frömmigkeitsgestalt, die zugleich Ordnung und Bewegung in das Leben bringt, ist die fromme Selbstreflexion, die religiöse Lebensbetrachtung und Weltanschauung.

Daß nichts im Leben so bleibt, wie es ist, das weiß jeder aus eigener Erfahrung. Auch die Frömmigkeitsgestalt eines Menschen bleibt im Wechsel der Lebensperspektiven nicht ein und dieselbe. Jede Lebensepoche hat ihre eigene Religion, ihre eigene Lebenseinstellung und ihre eigene Weltanschauung. Wenn wir aber einen Schritt zur Seite treten und den eigenen Lebensweg aus der Distanz betrachten, wenn wir uns einen Reim auf die Wechselfälle des Lebens machen, dann entdecken wir das innere Gesetz, das unserem Lebensweg die Richtung weist. Und wenn wir die Fortschritte und die Rückschritte in der Lebensentwicklung bilanzieren, nie verwundene Enttäuschungen und unvergeßliche Glückserlebnisse, dann bekommt jedes Leben seine eigene unverwechselbare Gestalt.

Nicht anders geht es einem mit der undurchschaubaren Wirklichkeit, in der wir tagtäglich leben und die wir doch nie endgültig begreifen können. Die Ordnung der Welt steckt voller Rätsel. Wenn wir aber den Dingen nicht einfach ihren Lauf lassen, sondern den Welträtseln auf die Spur zu kommen suchen, dann entdecken wir die geheimen Gesetze, die den Gang der von Gott geschaffenen Wirklichkeit bestimmen. Der freie Blick auf die innere und auf die äußere Wirklichkeit bringt aber nicht nur Ordnung ins Leben, sondern zugleich auch Bewegung. Wer die Übersicht über sein Leben gewinnt, der klammert sich nicht an die äußeren Formen der Frömmigkeit, nicht an Schüsseln und Gräber, nicht an Sitten und Gebräuche. Der läßt sich von der lebendigen Mitte der Alltagsfrömmigkeit, vom frommen Herzen leiten.

4. Noch ein letztes Mal müssen wir den Blick weiten. Die Frömmigkeit ist im Herzen zuhause; und sie gewinnt im Alltag ihre lebensstiftende und lebenssichernde Gestalt. Daß beides miteinander übereinstimmt, daß das fromme Herz und die äußere Frömmigkeitsgestalt harmonisch zusammenspielen, das ist das Grundgesetz der echten, der authentischen Frömmigkeit. Aber der Gleichtakt von innerer und äußerer Frömmigkeit entsteht nicht von alleine. Immer wieder entdecken wir Brüche und Verwerfungen in der eigenen Frömmigkeitshaltung; und wir leiden darunter. An den anderen fallen uns die Dissonanzen ihrer Frömmigkeitspraxis sofort auf. Im Blick auf einen selbst fällt das viel schwerer. Die Verwerfungen in der eigenen Frömmigkeitshaltung aufzuspüren und die Innenseite und die Außenseite der Frömmigkeit miteinander in Einklang zu bringen, stellt eine Aufgabe dar, an der wir immer wieder scheitern. Wenn die Frömmigkeit ihren Schwung verliert und zur leeren Form erstarrt oder wenn sich die Frömmigkeit in der Dunkelheit des Herzens verbirgt, dann tun wir gut daran, Jesu Wehe-Rufe nicht zu überhören. Aber wir tun auch gut daran, uns die letzten Worte seiner Scheltrede zu Herzen zu nehmen.

Ihr Verblendeten, sagt Jesus, ihr überseht das Wichtigste: die Barmherzigkeit, die Tugend der Herzensfrömmigkeit. Die Barmherzigkeit ist der Prüfstein, mit dem sich am leichtesten zwischen der verblendeten und der klarsichtigen Frömmigkeit unterscheiden läßt. Die zwanghaften Frommen gehen nicht nur mit den anderen, sondern auch mit sich selbst unbarmherzig um. Wenn sich Frömmigkeit und Barmherzigkeit aber nicht voneinander trennen lassen, dann müßten die wirklichen Frommen nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit den vermeintlich so Scheinheiligen barmherziger umgehen. Sie müßten von ihren Feindbildern, von den leeren Worthülsen, den Karikaturen und Klischees, Abschied nehmen und die anderen mit dem barmherzigen Blick betrachten. Sie müßten ihre feindselige Haltung aufgeben und ihnen mit dem Weitblick des frommen Herzens begegnen. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Prof. Dr. Wolfgang Steck


(zurück zum Seitenanfang)