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ISSN 2195-3171

Predigtreihe: Reformationsfest - Reformationens dag - Reformation Day - Día de la Reforma - Dzieñ reformacji , 2017

Matthäus 5:1-10, verfasst von Gottfried Brakemeier

Liebe Gemeinde!

 

Endlich haben wir das Ziel erreicht. Ich meine den heutigen Tag, den 31. Oktober 2017, an dem vor 500 Jahren die Reformation begann. An eben diesem Tag soll ein Mönch mit Namen Martin Luther 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen haben. Der Anlass war die Ablasspraxis der damaligen Kirche, das heisst der Handel mit dem Erlass zeitlicher Strafen, die laut offizieller Lehre im Fegefeuer zu verbüssen waren. Der Protest setzte eine Bewegung in Gang, die die Welt erschütterte.

 

Seitdem gibt es Christen „lutherischen Bekenntnisses“. Zu ihnen gehören auch wir, Glieder der „Evangelischen Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien“, IECLB. Wir betrachten uns als Erben jener Bewegung, die in M. Luther ihren wohl grössten Vorkämpfer hatte. Natürlich ist er nicht der Gründer unserer Kirche. Eine solche Behauptung, wie man sie gelegentlich hört, wäre ein grobes Missverständnis. Die IECLB ist Kirche Jesu Christi, gegründet an Pfingsten durch den Heiligen Geist. Aber wir verdanken dem Mönch aus Wittenberg eine Kirchenreform, die das Evangelium wieder in das Zentrum des Christseins rückte. Gründer zu sein oder Reformator sind verschiedene Dinge. Luther hatte nie die Absicht, eine neue Kirche zu gründen. Ihm ging es um Reform, um nicht mehr und nicht weniger.

 

Und er war nicht der einzige. Viele wünschten sich seinerzeit eine Reform der Kirche „an Haupt und Gliedern“, und nicht wenige versuchten, dem Wunsch Gestalt zu geben. Ich erinnere an Petrus Waldus, Jan Hus, Ulrich Zwingli und Johannes Calvin, ich denke an so dezidierte Mitstreiter Luthers wie Philipp Melanchthon oder Martin Bucer, aber auch an kämpferische Frauen wie Katharina von Bora, der Ehegefährtin Luthers, an Argula von Grumbach und Elisabeth von Rochlitz. Die beiden zuletzt genannten Namen sind weniger bekannt und doch der respektvollen Erinnerung wert. Die Reformation konnte sich auf eine Vielzahl von Mitträgern stützen. Sicherlich gebührt M. Luther in dieser Geschichte ein hervorragender Platz. Aber die Verengung des Blickwinkels auf seine Person wäre unangebracht. Ohne die Unterstützung von Anderen hätte die Reformation nicht die Wucht entfaltet, die sie auszeichnet.

 

Ähnliches gilt für die Reichweite der Bewegung. Gewiss, sie begann in Deutschland. Aber schon sehr bald überschritt sie die Landesgrenzen und nahm mehr und mehr universale Dimensionen an. Inzwischen ist sie bis in die letzten Winkel der Erde vorgedrungen. Dem Lutherischen Weltbund mit Sitz in Genf gehören heute 145 Kirchen mit 72 Millionen Lutheranern in 79 Ländern an. Auch die IECLB ist Mitglied dieser Organisation. Das Luthertum ist zu einem globalen Phänomen geworden. Es weiss sich geschwisterlich mit anderen protestantischen Kirchen verbunden, die sich gleichfalls der Reformation verpflichtet wissen. Das schliesst auch die katholische Kirche nicht aus. Damals weigerte sich der Papst, auf die Apelle Luthers zu hören. Der Reformator wurde verurteilt und exkommuniziert. Später freilich sah sich die römische Kirche gezwungen, ebenfalls Reformen einzuleiten. Luther und seine Gesinnungsgenossen haben einen indirekten Einfluss auf die katholische Kirche ausgeübt. Sie ist heute nicht mehr die gleiche wie vor 500 Jahren.

 

Trotzdem lohnt es sich, weiterhin das reformatorische Erbe zu pflegen. Es ist zu wertvoll, um in Vergessenheit fallen zu dürfen. Es hat schon seinen Grund, warum die IECLB auf ihre konfessionelle Identität als „evangelische Kirche lutherischen Bekenntnisses“ Wert legt. Allerdings wehrt sie sich dagegen, den Gedenktag gleichsam zu privatisieren. Das Ereignis vor 500 Jahren ist nicht nur für jene von Bedeutung, die sich für ihren Glauben ausdrücklich auf M.Luther berufen. Es besitzt Relevanz für die gesamte Christenheit. Eben deshalb haben die lutherischen Kirchen ihre Schwestern und Brüder zu gemeinsamem Feiern eingeladen. Wir wollen das Datum nicht getrennt, sondern miteinander begehen.

 

Man hat gemeint, dafür sei der Begriff „Jubiläum“ unangemessen. Denn was gibt es an der Reformation schon zu „bejubeln“? Sie hat die Kirche nicht nur erneuert, sie hat auch schmerzliche Trennungen verursacht. Sie hat Anlass zu Hass unter Geschwistern gegeben und zu Verfolgung, Gewalt und Krieg geführt. Diese dunkle Seite der Reformation darf nicht verschwiegen werden. Luther war oft hart in seinem Urteil und heftig in seiner Polemik, wenig „diplomatisch“ wie man heute sagen würde. Aber seine Gegner sind ihm darin nichts schuldig geblieben. Man bestand auf der Todesstrafe für den angeblichen Ketzer. Man hat ihn verleumdet und verteufelt. Ohne den Schutz seines Landesherrn Friedrich von Sachsen hätte Luther nicht überlebt. Die Schuld für die Spaltung der Kirche geht also nicht nur auf das Konto M. Luthers. Sie muss auf beiden Seiten gesucht werden, was eher Busse als Euforie und Jubel erfordert.

 

Trotzdem darf gefragt werden, ob das Wort „Jubiläum“ wirklich vermieden werden sollte. Mit ihm verbindet sich nicht unbedingt die Idee des Festes. Es ist häufig nur Ausdruck für einen Gedenktag. Deshalb hat die Mehrheit der lutherischen Kirchen keine Bedenken, von einem Reformationsjubiläum zu sprechen. So auch die IECLB. Nein! Wir wollen kein spektakuläres Trara. Wir wollen auch keinen Kult um die Person M. Luthers. Er und seine Freunde waren Menschen mit ihren je individuellen Stärken und Schwächen. Aber worum es gehen muss ist, dass das heutige Datum gebührend gewürdigt wird. Warum sollte es falsch sein, mit diesem Tag ein wenig Freude zu verbinden und sogar „Jubel“ zum Ausdruck zu bringen? Die Reformation hat der Christenheit unschätzbare Dienste erwiesen. Sie hat ihr Anstösse gegeben, die bis heute gültig sind. Sollten wir Gott nicht dafür loben und danken? Mir scheint, dass das Wort „Jubiläum“ keineswegs deplaziert ist, sofern wir auf Triumphalismus verzichten und die Feier in Bescheidenheit begehen.

 

Aus diesem Grund hatten die lutherischen Kirchen beschlossen, in einen Studienprozess zum fünfhundersten Jahrestag der Reformation zu investieren. Sie haben eine Dekade der Besinnung und Vorbereitung ausgerufen mit einer Vielzahl von Projekten, Programmen und Initiativen. Auch die IECLB hat sich daran beteiligt. Diese Dekade, die sich von 2007 bis 2017 erstreckt hat, geht heute zu Ende. Aber die Bemühung darum, die berechtigten Anliegen der Reformation auch fünfhundert Jahre später zur Sprache zu bringen, muss auf der Agenda bleiben. Zu ihnen gehört die Autorität der Schrift. In ihr begegnet das Wort Gottes, weshalb sie vorrangige Normativität beanspruchen darf. Als man Luther drängte, seine Lehren zu widerrufen, sagte er, dass er dazu bereit sei, sofern ihm mit biblischen Argumenten seine Irrtümer nachgewiesen würden. Die Gegner sind ihm die Antwort schuldig geblieben. So wie Luther selbst weiss sich eine Kirche, die auf dem Boden der Reformation steht, an das Zeugnis der Heiligen Schrift gebunden. Traditionen und kirchliche Verordnungen sind demgegenüber zweitrangig. Die Priorität der Schrift für Glauben und Handeln gehört zu den Grundprinzipien evangelischer Theologie.  

 

Eben deshalb darf selbst bei einer so hervorragenden Gelegenheit wie heute ein Predigttext nicht fehlen. Am Anfang der Reformation stand das Hören auf das Wort Gottes. So geschieht Erneuerung auch heute. Das Jubiläum verpflichtet zu Dank und Busse. Genau so wichtig aber ist das Gespür für das, was Gott der Welt zu sagen hat. Jesus Christus verkündete „Evangelium“, also eine Freudenbotschaft. Worin besteht es in den Krisen der Gegenwart? Der für die Predigt am diesjährigen Reformationsjubiläum vorgesehene Text erinnert daran auf seine Weise. Er dürfte weitgehend bekannt und doch immer wieder überraschend sein. Es handelt sich um den Beginn der Bergpredigt im Matthäusevangelium. Ich lese die ersten zehn Verse des fünften Kapitels:

 

(...)

 

Natürlich ist es in der Kürze einer Predigt nicht möglich, dem Reichtum des Textes auch nur annähernd gerecht zu werden. Ich werde mich auf einen einzigen Aspekt beschränken müssen. Jesus stellt die Dinge auf den Kopf. Normaler Weise werden Menschen glücklich geschätzt, die etwas besitzen, also die Reichen, Gesunden, Starken. Wer mit mit Ansehen, Schönheit, Jugend, Intelligenz oder sonstigen Qualitäten beeindrucken kann, wird applaudiert und hofiert. Solche Menschen gelten etwas. Sie machen Schlagzeilen und sind die Lieblinge der Medien und der Massen. Bei Jesus ist es anders. Er preist jene glücklich, die nichts haben, die Armen, Trauernden, Elenden, Verfolgten. Das widerspricht menschlicher Logik, weil die Bedingungen des Glücks eben andere sind. Das Sprichwort sagt, dass Reichtum nicht glücklich macht und doch dabei behilflich ist. Jawohl! Geld ist wichtig, wenn man das Leben geniessen will. Wer Hunger hat, auf der Strasse lebt, an einer unheilbaren Krankheit leidet, wer schwere Verluste hinnehmen musste, wie kann man solche Leute selig preisen? Jesus sagt: Weil Gott auf ihrer Seite steht. Ist das nicht ein bisschen wenig?     

 

In seinem Brief an die Römer fragt der Apostel Paulus: „Wenn Gott für uns ist, wer kann gegen uns sein?“ (Röm 8.31) Die Antwort ist klar: „Niemand!“ Wer Gott auf seiner Seite hat, braucht sich vor nichts zu fürchten. Jesus spricht den Armen das Reich Gottes zu. Ebenso werden jene hervor gehoben, deren Verhalten diesem Reich entspricht, das heisst den Barmherzigen, denen, die reinen Herzens sind, die sich um Frieden in der Welt bemühen. Das sind die Bevorzugten Gottes. Sie werden aus der Vergessenheit geholt, ihnen wird Würde geschenkt, sie werden geehrt. Ich frage, ist das nicht ein herrliches Beispiel für die Rechtfertigung allein aus Gnade und Glaube? Gott wendet sich Menschen zu, die nichts haben, womit sie sich rühmen können. Er adelt die Armen, seien sie es geistlich oder materiell. Für Luther bestand darin das Zentrum des Evangelums. Auch der Sünder darf auf Gottes Barmherzigkeit hoffen. Er gehört ja zu den Armen, die Jesus selig preist.

 

Ich muss abbrechen, obwohl zu dem Text noch viel zu sagen wäre. Für die Reformation gilt Gleiches. Es gibt noch viele Schätze in diesem Acker, die darauf warten gefunden zu werden. Also sollten wir nicht nachlassen zu schürfen in der Hoffnung auf neue interessante Entdeckungen. Vielleicht können wir in Zukunft weitere Jubiläen dieser Art feiern, und zwar gemeinsam mit allen, denen es darum geht, mit Ernst Christen zu sein und in den Nöten der Welt den Trost des Evangelium zu verbreiten.      

Amen.



Prof. Dr. Pastpräsident des Luth. Weltbundes Gottfried Brakemeier
Nova Petrópolis, RS, Brasilien
E-Mail: brakemeier@terra.com.br

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