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ISSN 2195-3171

Predigtreihe: Reformationsfest - Reformationens dag - Reformation Day - Día de la Reforma - Dzieñ reformacji , 2017

Matthäus 10, 26-33, verfasst von Michael Bünker

Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

Willkommen im Club! Mit dem heutigen Tag, dem 31. Oktober 2017, betreten wir mit allen, die mit uns heute feiern, den Club der Fünfhunderter! Hunderte, ja tausende Veranstaltungen auf der ganzen Welt und auch hier bei uns haben darauf hingearbeitet und jetzt ist es soweit: 500 Jahre Reformation! Der Club der Fünfhunderter – das waren bisher nur Fans eines ganz bestimmten kleinen Autos aus Italien oder aus Österreich (die Marken darf ich natürlich nicht nennen, aber alle kennen sie), ab heute sind es alle, die sich von der Freiheitsbotschaft der Reformation angesprochen fühlen, die sich dafür interessieren oder davon bewegt sind.

Wir erinnern uns an den Aufbruch, der vor 500 Jahren ganz Europa erfasst hat. Von Wittenberg ist er ausgegangen, mit 95 Thesen gegen einen sehr konkreten Missstand in der damaligen Kirche, aber bald ging es nicht mehr nur um ein bestimmtes Anliegen, sondern um eine breite Veränderung in allen Bereichen des Lebens, in der Kirche zuerst, aber auch in der Schule, in der Kunst und Kultur, in der Wirtschaft und der Politik. Alles wurde vom Elan der Reformation erfasst und das Leben der Menschen stand auf neuen Grundlagen. Willkommen im Club der Re-formierten!

Der Kern, die Mitte, das Herz dieses Aufbruchs war die Wiederentdeckung des Evangeliums, das verdunkelt war unter zahlreichen Missständen und wieder ans Licht gekommen ist. Dass Gott Ja zu uns sagt und wir sein Ja voll Vertrauen, voll Glauben aufnehmen und so fähig sind, von falschen Wegen umzukehren und unser Leben nach dem Evangelium auszurichten. Willkommen im Club der Bejahten!

Diese Erkenntnis der Reformation, das wieder entdeckte Evangelium, hat eine unglaubliche Befreiung bewirkt. Stell dich hin vor alle Autoritäten, vor alle, die etwas zu sagen und anzuschaffen haben, vor alle, vor denen alle in die Knie gehen. Aufrecht und ungebeugt. Selber denken. Dem eigenen Gewissen folgen. Um die Wahrheit streiten. Das ist die Freiheit eines Christenmenschen. Das ist auch die Freiheit der Kirche, weil sie an Christi statt die frohe Botschaft von Gottes freier Gnade ausrichtet an alles Volk. Willkommen im Club der Befreiten!

Dieses Evangelium kann nicht im Finsteren bleiben. Es will ans Licht! Es kann nicht nur wie eine Geheimbotschaft von Ohr zu Ohr weiter geflüstert werden wie eine stille Post. Es will laut werden, dass es alle hören! Verkündigt von den Dächern, nicht nur hinter den Kirchenmauern. Eine öffentliche Kirche für eine offene Gesellschaft, eine mutige Kirche in einer Zeit der Sorgen und Ängste. Fürchtet euch nicht! Zweimal sagt es Jesus: Fürchtet euch nicht! Willkommen im Club der Furchtlosen!

Nicht, weil wir tapferer sind als andere, wagemutiger oder risikofreudiger. Nicht wir sind es, Gott ist es. Seine Liebe ist es. Der sich um die Geringsten und das Geringste kümmert, um unwichtige Dinge wie die Spatzen oder die Haare auf dem Kopf, um wieviel mehr wird er sich nicht um dich kümmern, um deine Seele, dein Herz, dein Heil? Willkommen im Club der Geliebten!

Alles konzentriert sich auf Jesus. Er spricht zu seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern. Er verbürgt mit seinem ganzen Leben, mit allem, was er gesagt und getan hat, ja mit seinem Tod und seiner Auferstehung, dass Gott für uns, für seine Welt da ist. Sag ja zu Jesus, denn er sagt ja zu dir. Wie soll er dich bejahen, wenn du ihn verleugnest, wenn du ihn verneinst? Martin Luther hat uns gelehrt, auf Jesus zu blicken. Christus allein – solus Christus – zeigt uns, wie und wer Gott für uns ist, was Gott für uns tut und wie er für uns da sein wird. Zu dieser Einsicht ist er auf einem mühevollen Weg voller Selbstzweifel und Fragen gelangt. Es war ihm nicht in die Wiege gelegt und leicht gemacht. Bis heute beeindruckt sein Lebensweg, sein Ringen mit dem Glauben, mit der Angst vor Gott. Bis er erkennt, dass Gott sich in Jesus uns zuwendet. Da gehen für ihn – wie er selber sagt – die Türen zum Paradies auf. Er fühlte sich wie neu geboren.

Dankbar erleben wir in diesem Jahr das große Interesse an der Geschichte der Reformation, aber auch am Leben der Evangelischen heute. Dankbar erleben wir, dass der Grundwasserspiegel des ökumenischen Miteinander – vor allem mit der römisch-katholischen Kirche – in diesem Jahr deutlich gestiegen ist. Was wir gemeinsam haben und gemeinsam machen können. Was wir voneinander empfangen und wie wir füreinander da sein können. Auf unsere eigene, evangelische Art natürlich, denn gerade als Evangelische, die hoffentlich immer evangelischer werden, tragen wir etwas bei zum Zusammenleben mit allen und zum Zusammenleben mit unseren Schwesterkirchen.

Was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern! In seinem letzten Lebensjahr sagt Martin Luther in einer Predigt: „Auch wenn man Christi Reich nicht sieht, wie man ein weltliches Reich sieht, so hört man es dennoch. Denn Christi Reich ist ein Hör-Reich, nicht ein Sehe-Reich. Die Augen leiten und führen uns nicht, sondern die Ohren müssen das tun. Das Reich Christi steht allein im Gehör.“ Selig sind die Hörenden. Willkommen im Club der Hörenden!

Bejaht, befreit und geliebt, voll Vertrauen und ohne Furcht, so sind wir ganz Ohr für das was Jesus uns sagt. Das ist die Berufung, der Auftrag jedes Christenmenschen. Das ist die Berufung, der Auftrag der Kirche. Ganz Ohr zu sein für das, was Jesus uns heute sagt. Dass wir niemanden verloren geben. Uns den Schwachen zuwenden. Den Nächsten lieben wie uns selbst und Jesus in denen unter uns wissen, die fremd, hungrig und in Not sind. Sie nennt er selig. Ihnen spricht er Gottes Liebe zu. Für sie sind die Befreiten aus dem Glauben verantwortlich. Denn Freiheit ohne Verantwortung bleibt ein leeres Wort. Gerade in Zeiten der turbulenten Veränderungen ist es gut, wenn wir ruhig und gelassen, aber auch entschlossen bei der Sache Jesu bleiben. Damit nehmen wir auch auf, was das Anliegen der Reformation gewesen ist. Die evangelischen Kirchen Europas haben das so gesagt:[1]

„Das Evangelium lässt aufatmen, vertreibt die Angst, schenkt neues Leben, macht frei, öffnet die Augen für die Not der anderen und vertreibt die Trauergeister. Wo auch immer das unter uns erfahren wird, werden die Impulse der Reformation unter uns lebendig. Die Reformation wird dann angemessen gewürdigt, wenn sich die christlichen Kirchen vom Evangelium leiten lassen.“

Willkommen im Club der Fünfhunderter! Es ist uns geschenkt worden, dass wir dieses besondere Jahr gestalten und miterleben können. Unseren Enkeln sollen wir erzählen können, dass wir dabei waren. Dass wir am 31. Oktober 2017 miteinander Gottesdienst gefeiert haben. Uns gefreut haben am Evangelium, daran, dass Jesus uns anredet und uns anspricht, uns ganz persönlich seine Botschaft ins Ohr sagt, zu Gehör bringt, unser Herz anrührt, damit uns, weil unser Herz voll ist – wie Luther so wunderbar formuliert hat – einfach der Mund übergeht. Wir sollten singen! Amen.

 

[1] Frei für die Zukunft. Texte der 7. Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa GEKE, hgg. von Michael Bünker und Bernd Jaeger, Leipzig 2013, 39.



Bischof Michael Bünker
Wien
E-Mail: bischof@evang.at

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