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ISSN 2195-3171

Predigtreihe: Reformationsfest - Reformationens dag - Reformation Day - Día de la Reforma - Dzień reformacji , 2017

Römer 1:13-19, verfasst von Juraj Bándy

Dieser Abschnitt des Römerbriefes enthält einige Sätze, die für Martin Luther viel zur Klärung in Angelegenheiten Gottes beigetragen haben. Er begann das große Werk der Reformation aufgrund der Erkenntnisse des Glaubens, die er auch diesem Bibelabschnitt gewann. Er selbst sprach darüber so: „Bis Gott sich erbarmte und ich, der ich Tag und Nacht nachgedacht hatte, den Zusammenhang der Worte begriff, nämlich: der Gerechte wird aus Glauben leben. Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes zu verstehen, durch die der Gerechte als durch ein Geschenk Gottes lebt, nämlich aus Glauben heraus. Und dass dies der Sinn sei: dass durch das Evangelium Gerechtigkeit Gottes offenbart werde, nämlich eine passive, durch die Gott uns in seiner Barmherzigkeit durch Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: der Gerechte soll aus Glauben leben. Hier spürte ich, dass ich völlig neu geboren sei und dass ich durch die geöffneten Pforten in das Paradies selbst eingetreten sei, und da erschien mir von nun ab die Schrift in einem ganz anderen Licht. Ich eilte durch die Schrift hindurch, wie es mein Gedächtnis hergab, und verglich in anderen Wörtern die Analogie, dass nämlich das Werk Gottes das ist, das Gott in uns tut, die Kraft Gottes, durch die er uns mächtig macht, die Weisheit Gottes, durch die er uns weise macht, die Stärke Gottes, das Heil Gottes, die Ehre Gottes. Und so sehr ich die Vokabel Gerechtigkeit Gottes gehasst hatte, so viel mehr nun hob ich dieses süße Wort in meiner Liebe empor, so dass jene Stelle bei Paulus mir zur Pforte des Paradieses wurde.“

            Heute, wenn wir bei dem feierlichen Anlass des 500-jährlichen Jubiläums der Reformation über diesem Bibelabschnitt nachdenken wollen, können wir erlernen, wie anno dazumal Luther,

1) was der Zorn Gottes ist,

2) was die Gerechtigkeit Gottes ist und

3) wie groß die Macht des Evangeliums ist.

 

Ad 1) Von dem Zorn Gottes schreibt der Apostel so: „Denn Gottes Zorn vom Himmel wird offenbart über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit gefangen halten.“ (V. 18).

            Der Mensch, der mit der natürlichen „gesunden“ Vernunft denkt, stellt Gottes Zorn wie einen vergrößerten menschlich Zorn vor. Irgendwie so, dass Herr Gott in größeren Maße als ein Mensch zürnen kann, er ist wütender und die Folgen seines Zornes sind schrecklicher als des Menschenzornes. Aus solchen Überlegungen kommt der Mensch zu dieser Schlussfolgerung. Wenn es ratsam einem zornigen Menschen auszuweichen ist, dann es ist umso ratsamer dem zornigen Gott aus dem Wege gehen und ihn nicht zum Zorn provozieren.

            Es gibt aber auch solchen Leute, die meinen: „Ist Gott zornig? Lasset ihn zornig sein! Ich kümmere mich nicht darum. Wenn ich mich nicht darum kümmere, wenn ein Mensch mir böse ist, dann muss ich mich nicht darum kümmern, wenn Gott mir böse ist. Ist er zornig? Lasset ihn zornig sein!

            Gottes Zorn ist aber etwas ganz anderes. Gottes Zorn ist keine Eigenschaft, ein Gefühl, ein Affekt, sondern eine Tat.

            Gottes Zorn zeigt sich „nur“ darin, dass Gott mit uns so handelt, wie wir es verdienen. Um nichts schlimmer und um nichts strenger. Gottes Zorn besteht darin, dass Herr Gott seine Gerechtigkeit und sein Gesetz ohne Erbarmen und ohne „Milderungsgründe“ zur Geltung bringt. Gottes Zorn ist also die gnadenlose Gerechtigkeit.

            Wenn Gottes Zorn nur daraus bestünde, dass Herr Gott hinter einer Wolke mit der Faust drohte, hätten wir dann keinen Grund Angst zu haben. Gottes Zorn besteht aber darin, dass Gott so mit uns schon jetzt handelt und beim letzten Gericht so handeln wird, wie wir es verdienen: er wird uns um unsere Sünden willen verdammen. So ernst, todernst ist Gottes Gericht. Wenn Martin Luther es erkannte, begann er die dringende Frage zu stellen. Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Das war die Frage, die sehr viele aufrichtig gläubigen Menschen in seiner Zeit quälte. Viele Leute haben festgestellt, dass sie mit ihrer Frömmigkeit und guten Werken, die sie als Verdienst gehalten haben, können sie nicht den Zorn Gottes vermeiden und Gottes Gnade auszwingen.

 

Wie kann man also vor dem Zorn Gottes ausweichen? Wie kann man vermeiden, damit Herr Gott nicht so mit uns handelte, wie wir es verdienen? Wie können wir der Verdammung entgehen?

            Nur so, dass wir seine Gerechtigkeit annehmen. Martin Luther sagte, dass er dieses Wort hasste, bis er erkannte, was dieses Wort bedeutet. Zuerst dachte er, dass die Gerechtigkeit Gottes so zu verstehen sei, wie es die Juristen tun: den Gerechten soll man befreien und den Sünder soll man bestrafen. Er hat aber aus dem Römerbrief, gerade aus diesem Abschnitt, erkannt, dass Gottes Gerechtigkeit etwas anderes ist: es ist eine solche Gerechtigkeit, die auch vor Gott gilt. Die Gerechtigkeit Gottes bedeutet folgendes: „Der Gerechte wird aus Glauben leben“ (V. 17).

            Luther hat erkannt, dass die Gerechtigkeit, die auch vor Gott besteht, wurde uns durch den sühnenden Tod und durch die Auferstehung Jesu Christi gegeben. Es geht also gar nicht um meine Gerechtigkeit, weil noch bevor, als ich etwas Gutes tun konnte, hatte mich Gott durch seine Gnade gerechtfertigt. Deswegen lebt der Gerechte aus seinen Glauben. Er baut nicht auf seinen Verdiensten und auf seiner Gerechtigkeit, sondern auf seinen Glauben an Christus, der ihn vor dem Antlitz Gottes rechtfertigt.

            Wenn du erlaubst, lieber Bruder und liebe Schwester, damit die Gerechtigkeit Christi, die dir Gnade gibt und vor Gott dich rechtfertigt, auch auf dich sich bezieht, das ist Gerechtigkeit Gottes. Solches Verständnis der Gnade Gottes ist eine von der großen Entdeckung der Reformation, die in dem Prinzip sola gratia – allein aus Gnade ausgerückt ist. Allein aus Gnade erhalten wir das Heil.

 

Ad 3) Von dieser Gerechtigkeit spricht das Evangelium. Es sagt, dass die Gerechtigkeit Gottes sich in Christus offenbart hat. Es sagt: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh. 3, 16). Wir sterben nicht wegen seiner Sünden, sondern wir haben durchunseren Glauben an Christus das ewige Leben.

            Eben deswegen, weil das Evangelium davon spricht, wie man den Zorn Gottes vermeiden kann, und das ewige Leben erreichen kann, sagt Apostel Paulus: „Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn er ist eine Kraft Gottes, de da selig macht alle, die daran glauben“ (V. 16). Er schämte sich nicht, weil er fühlte, dass das Evangelium Gottes Kraft ist, griechisch Δυναμική του Θεού Aus diesem Begriff stammt unser Wort Dynamit. Das Evangelium ist also Gottes Kraft, Dynamis. Dynamit, die die Macht des Todes zersprengt und den Weg zum ewigen Leben öffnet.

            Schämen wir uns nicht des Evangeliums. Wie verkehrt ist es, wenn jemand sich damit rühmt, wofür er sich schämen sollte und umgekehrt: jemand schämt sich dafür, womit er sich rühmen könnte. Wie viele Leute rühmen sich mit einem unordentlichen Leben, mit dem unehrlich erworbenen Reichtum und mit dem unverantwortlichen Tun. Auf der anderen Seite wie wenige sind diejenigen, die sich mit dem Evangelium rühmen. Wie wenige sind diejenigen, die sich für ihr unsittliches und sündhaftes Leben schämen und wie viele sind diejenigen, die sich für das Evangelium schämen.

            Schäme dich nicht des Evangeliums, sondern sage dir so. Wenn mein Herr Jesus Christus sich nicht für die Schande des Kreuzes schämte, dann werde ich mich nicht des Evangeliums schämen. Gäbe Gott, dass der fünfhunderter Jahrestag der Reformation für uns ein Stimulus dafür würde, damit wir des Evangeliums, das in dem Namen unserer Kirche sich befindet, nicht schämten. Evangelischen, lasset uns evangelisch werden! Evangelischen, bleiben wir evangelisch! Evangelischen, schämen wir uns nicht des Evangeliums!

            Schäme dich nicht des Evangeliums, lieber Bruder, liebe Schwester! Bekenne das Evangelium und glaube an Evangelium. So wirst du dem Zorn Gottes entgehen, so wirst du gerecht und gerechtfertigt vor Gott. Schäme nicht des Evangeliums, weil der Herr sagt: „Wer nun mich bekennet vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater“ (Mt 10, 32).

Amen.



Prof. Dr. Juraj Bándy
Bratislava
E-Mail: Bándy Jbandy@fevth.uniba.sk

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