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ISSN 2195-3171

Predigtreihe: Reformationsfest - Reformationens dag - Reformation Day - Día de la Reforma - Dzieñ reformacji , 2017

Matthäus 10:26b-33, verfasst von Waldemar Pytel

Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt.  Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel; wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel. 

 

Fünf Jahrhunderte sind für den Menschen eine lange Zeit. Im Laufe von fünfhundert Jahren wechseln die Generationen; die Ideen, die Kunst und die Technik entwickeln sich weiter; die Welt, wie sie der einfache Mensch sieht, verändert sich; es wechseln sich Regierungen und Verfassungen ab; die Medizin und die Wissenschaft entwickeln sich weiter. Dieser Antrieb bewirkt, dass wir heute das Leben anders betrachten, andere Bedürfnisse als unsere Vorfahren haben, uns eine andere Landschaft umgibt und die Grenze zwischen dem, das jetzt ist und was früher war, sich immer deutlicher abzeichnet. Wir nennen das Fortschritt. Eine Veränderung des Umfelds nach Ideen, Erfindungen und Bedürfnissen des Menschen. Das ist der Motor für diese Veränderungen. Allerdings nicht der einzige.

Das ist auch eine andere Kraft, die die Welt verändern will. Eine unveränderliche und beständige Kraft. Die bis zum menschlichen Gewissen durchdringt. Seit Jahrhunderten bemüht sich Gott, auf die Menschen Einfluss zu nehmen; ihre Entscheidungen zu ändern und ihr Gewissen zu formen. Sein Wort und sein Willen sind zeitlos und universell. Der Mensch, der in das Licht des Wortes Gottes gestellt wird, sieht, dass die Welt sich verändert. Aber er beginnt auch, darüber nachzudenken, ob diese Veränderung eine gute Richtung nimmt... und wenn nicht, dann gibt der Strahl, der auf ihn fällt, den Impuls zum Handeln und die Kraft, sich manchmal ganz der vorgefundenen Ordnung zu widersetzen, nur um sich nicht von Gott zu entfernen.

Heute erinnern wir gerade an eine solche Veränderung. Versuchen wir, uns diesen Augenblick vor 500 Jahren vorzustellen. Stellen wir uns im Jahr 1517 vor der Schlosskirche zu Wittenberg auf die Zehen. Sehen wir, was da passiert? Die Menschen sehen anders aus, sind anders angezogen. Die Bebauung ist eine andere. Die Sitten sind anders als unsere. Wir stehen vor dem Eingang zur Kirche und rundherum treiben sich die Massen herum, die hierher gekommen sind, um nach ihrer Auffassung „die Erlösung zu berühren“. Zu sehen ist die große Sammlung von Friedrich III., dem Weisen, der sich rühmen konnte, im Besitz von über 19.000 heiligen Reliquien zu sein. Über eine Million Jahre Sündenvergebung an einem Ort! Wichtiger noch, alles zum Greifen nah. Andererseits haben diese Massen auch gehört, dass man sich die Erlösung auch kaufen kann. Seit einiger Zeit tauchen in deutschen Städten Verkäufer auf, die eine außergewöhnlich wertvolle Ware in ihrem Sortiment haben. Die Vergebung der Sünden, also den Fahrschein ins Paradies. Daran denken die Menschen des 16. Jahrhunderts. Das zieht sie nach Wittenberg auf den Platz vor der Schlosskirche.

Aber da ist noch eine andere Person. Sie scheint nicht begeistert zu sein, von dem, was sie sieht. Gleichzeitig ist sie durch den Anblick der sie umgebenden Massen irritiert und - machen wir uns nichts vor - verängstigt von der Last dessen, was sie wahrnimmt. [These 1] Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei. - und nicht, dass die Haushaltskasse um eine entsprechende Summe erleichtert wird. Denn [These 36] Jeder wahrhaft reumütige Christ erlangt vollkommenen Erlass von Strafe und Schuld; der ihm auch ohne Ablassbriefe zukommt. Und schließlich [These 62] Der wahre Schatz der Kirche ist das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes. Und ihn sollte man suchen. In ihn die Hoffnung legen. Für ihn das sündhafte Leben aufgeben und den Felsen seines Herzens durchbohren, bis das Wort Gottes bis in sein Zentrum durchdringt. Darin ist die Sicherheit der Erlösung verborgen.

Martin Luther - ein junger Priester, ein Ordensmann, ein Dozent an der Universität, ein Bibelkundiger stand auf diesem Platz mit einem Blatt Papier und einem Hammer in seinen Händen und kämpfte mit seinen Gedanken. Schafft er es, etwas zu verändern. Er ist schließlich jung. Andererseits spricht Gott zu Jeremias: Sage nicht: Ich bin zu jung! Sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen, was ich dich heiße. Ist es vernünftig und sicher, gegen die Obrigkeit aufzutreten und die gesamte Weltordnung zu verändern! Schließlich ist es Gott, der versichert: Fürchte dich nicht vor ihnen, ich bin bei dir und werde dich beschützen! Vielleicht ist es besser, seine Gedanken für sich zu behalten, seine eigenen Überzeugungen zu haben und nach ihnen zu leben, aber sich nicht der Gefahr und den Mühen auszusetzen? Und dennoch ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Gott bemüht sich um seine Diener. Gott hinterlässt sein Wort und aus seinem Glanz entsteht in den Menschen eine Veränderung.

Meine Lieben!

Der Text des Matthäus-Evangeliums, das ein Fragment einer der großen Reden von Christus ist, ist direkt an seine Apostel gerichtet. Hier sind keine Massen versammelt, hier gibt es keine Bedürftigen oder Kranken, die sich beim Erlöser wärmen wollen, in dieser kalten und für sie unfreundlichen Welt. Da ist die Gruppe der Zwölf, die eine sehr schwierige und gefährliche Aufgabe vor sich hat. Sie sollen in die Städte und Dörfer gehen und das Evangelium verkünden. Nicht flüstern, sondern von den Dächern verkünden. Nicht im Verborgenen, sondern offen. Nicht nur untereinander, in der sicheren Gruppe der Vertrauten, sondern jedem, damit so viele wie möglich glauben und so viele wie möglich ihr Leben verändern.

Im Menschen kommt immer eine Unsicherheit vor der großen Tat auf. Die Apostel wurden vor eine große Mission gestellt, so wie viele Jahrhunderte später Pfarrer Martin Luther. Die Apostel hörten zum Trost: Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Fürchtet Euch nicht () Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel; wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel. Nach mehr als 1500 Jahren konnte der Pfarrer, der in der Bibel sehr belesen war, der gleiche Text in den Sinn kommen. Die Vergewisserung von Gottes Unterstützung und Segen. Nur mit einem solchen Glauben, der durch das Wort Gottes zum Leben erweckt wird, kann man etwas verändern. Nur mit dem Gefühl, den Wind Gottes in seinen Segeln des Lebens zu haben, kann man das Ziel erreichen. Nur mit Christus ist der Weg zur Veränderung möglich. Das Wort „nur“ ist besonders für das lutheranische Erleben von Glauben. Nur Christus, nur die Schrift, nur die Gnade und der Glauben, nur das Wort. Für diese Werte lohnt es sich, auch die reißendsten Strömungen der Geschichte und Tradition zu durchbrechen, „nur“ um nahe bei Gott zu bleiben.

Vor 500 Jahren hat dieses wichtige Wort „nur“ Pfarrer Martin Luther bewegt, auf den Platz zu gehen und seine Ansichten zu manifestieren, und später bis an sein Lebensende um sie zu kämpfen. Für andere bedeutete es, seinen Ort des Gebets aufzubauen, obwohl von den Machthabern Bedingungen auferlegt worden sind, die kaum zu erfüllen waren. Andere waren gezwungen, über die Grenze ihrer Fürstentümer zu flüchten, um nach ihrem Bekenntnis beten zu können. Noch andere waren der Verfolgung und Vertreibung ausgesetzt.

So war es... und das heutige Evangelium warnt die Zuhörer Christi, dass der Weg mit ihm steinig sein kann. Vor allem allerdings ist es ein Weg, der Glück bringt, das Leben erfüllt und zur Erlösung führt. Dank dessen ist das Luthertum nicht auf der Stelle stehen geblieben, sondern wurde von Menschen erfüllt, die - wie Luther - vom Erlöser fasziniert waren, die ihren Beitrag zum Reichtum der Reformation geleistet haben: in der Theologie, im Schrifttum, in der Musik, in der Dichtung, in der Kunst. Aber es ist nicht nur von den großen Künstlern die Rede.

Jeder von uns trägt etwas zu diesem Erbe bei. Sein Zeugnis, das er täglich vor der Welt ablegt. Wir sind Protestanten. Wir sind Evangelische. Wir sind Lutheraner. Wir sind ein Teil dieses Erbes und tragen es weiter in folgende Jahrzehnte und Jahrhunderte und das „nur“ aus einem Grund: Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Amen.



Bischof Waldemar Pytel
Breslau/Schweidnitz
E-Mail: waldemar@kosciolpokoju.pl

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