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ISSN 2195-3171

Predigtreihe: Reformationsfest - Reformationens dag - Reformation Day - Día de la Reforma - Dzieñ reformacji , 2017

Römer 3, 28, verfasst von Peter und Wiltraud Schuchardt

A: Liebe Schwestern und Brüder,

das ist ein wunderbarer Tag heute. Wir feiern miteinander 500 Jahre Reformation. Martin Lutherveröffentlichte am 31. Oktober 1517, vor 500 Jahren, seine 95 Thesen. Damit hat er die Kirche, ja, die ganze Welt verändert. Auf der ganzen Welt feiern Christen und Christinnen das schon ein ganzes Jahr lang. Heute ist der große Tag endlich da – und wir feiern mit. Ein großartiges Fest! Findest du nicht auch?

B: Naja, das stimmt alles schon. Aber ganz ehrlich: Ich kann das eigentlich nicht mehr hören. Luther hier, Luther da … Das ganze ist für mich ein einziges Jahr, um irgendwelche Luthersachen zu verkaufen: Luthersocken, Lutherbier, Lutherkekse, Lutherbrot und Bücher ohne Ende.

A: Du hast Recht, das ist viel, und einiges ist zu viel. Aber Lutherbrot haben wir nachher auch noch für alle, und das ist sehr lecker! Und es wäre doch schade, wenn du nach dem Jubiläumsjahr nun die Bücher von und über Luther nicht mehr lesen würdest.

B: Das wäre wirklich schade. Denn er hatte ja ein ganz faszinierendes Leben, mit allen Höhen und Tiefen. Doch für mich sind diese Feierlichkeiten immer mehr zum Lutherjahr geworden. Ständig geht es nur um seine Leben, seine Haltung zu den Juden, zu den Bauern, zu den Frauen und was er gegessen und nicht gegessen hat.

A: Das stimmt, es ist ein Leben mit allen Facetten. Vieles stört mich heute an ihm, da war er ein Kind seiner Zeit. Aber seine Zeit ist eben nicht unsere Zeit.

B: Der, der das am besten wusste, war Luther selber. Er hat sich immer gegen den Kult um seine Person gewendet. Am liebsten wäre mir, sie würden alle meine Schriften verbrennen, sagt er einmal. Nur die Bibel, die sollen sie behalten. Denn darum ging es ihm: Gottes Wort zu den Menschen zu bringen. Für mich ist er ein Mensch mit einer unglaublichen Sprachbegabung. Wie schön, dass die Lutherbibel in diesem Jahr neu überarbeitet wurde. Das ist doch wunderbar zu merken: Die Sprache der Bibel, die Sprache Luthers prägt uns bis heute. Und zugleich sind da riesige Abgründe in seiner Seele und in dem, was er schreibt. Ich glaube, es gibt keine Menschen in unserer Geschichte, über den wir so gut Bescheid wissen. Aber noch mal: Das kann es doch nicht sein, wenn wir heute 500 Jahre Thesen Anschlag feiern, dass wir nur an ein Ereignis von früher denken. Es geht doch um uns heute.

A: Du willst also mehr. Worum soll es denn gehen?

B: Na, um das, worum es in diesen Thesen geht: Um den Ablasshandel.

A: Also, den haben wir ja nun nicht mehr in unserer Kirche. Die Katholiken aber haben ihn ja immer noch. Da ist Luther sich ja gegen angegangen: Ich kann doch nicht Geld dafür bezahlen, dass Gott mir meine Sünden vergibt.

B: Das weiß ich. Für mich geht es mehr um die Frage, die hinter dem Ablass steht. Wie finde ich einen gnädigen Gott?

A: Soll ich dir was sagen? Diese Frage versteht heute kaum ein Mensch. Von Gott redet sowieso kaum jemand in der Öffentlichkeit. Für Luther war das anders. Ihm geht es immer nur um Gott. Sein ganzes Leben ist darauf ausgerichtet. Er würde unsere Zeit, in der Gott an den Rand gedrängt ist, kaum verstehen. Dabei ist seine Frage natürlich immer noch richtig. Du musst sie aber anders ausdrücken. Wie würdest du denn seine Frage heute stellen?

B: Vielleicht so: Was muss ich tun, damit Gott mich liebt?

A: Das ist es noch nicht ganz für die Menschen heute. Von Gott reden heute nicht mehr so viele. Ich würde es so sagen: Wie gelingt mein Leben? Wie wird mein Leben glücklich? Denn das ist ja das Ziel von allen: ein Leben voller Glück. Ich geb dir ein Beispiel: „Wir wollen, dass du glücklich bist!“ Mit diesem Slogan wirbt seit vielen Jahren ein großes schwedisches Möbelkaufhaus. Na klar, alle wollen glücklich sein. Aber ich werde doch nicht glücklich, wenn ich dann in dem Kaufhaus viele Möbel kaufe. Denn das Kaufhaus will ja nicht mein Glück, sondern mein Geld. Es ist schön, wenn ich mich an meinem neuen Schrank freue. Aber darum geht es gar nicht. Die Hauptsache ist, dass der Umsatz stimmt und das Geld fließt - aus meinem Portemonnaie in die Kasse des Geschäfts.

B: Das ist heute ja ganz weit verbreitet. Wenn ich shoppen gehe, dann werde ich glücklich. Das ist für ganz viele ihre Freizeitbeschäftigung. Ich könnte ja auch ein Buch lesen, einen Film angucken, mich mit meiner Frau unterhalten oder mit den Kindern spielen. Aber ich habe den Eindruck, das machen immer weniger. Eine Zeitlang ist das sicher schick und schön, bummeln zu gehen und in den Geschäften zu stöbern. Das kenn ich auch. Aber irgendwann ist der Kleiderschrank voll oder ich habe keinen Platz mehr für neue Schränke.

A: Was ich für noch wichtiger halte: Das können viele gar nicht, weil sie gar nicht genug Geld haben. Wenn Kaufen und Shoppen mich glücklich machen sollen, dann bleiben ganz viel unglücklich, weil sie sich das nicht leisten können. Und selbst wenn ich so viel Geld hätte: die wahren Probleme und Sorgen werden ja mit dem Shoppen überhaupt nicht gelöst.

B: Guck mal, und nun sind wir ganz dicht bei Luther und bei dem, worum es ihm geht: „Wir wollen doch, dass es dir gut geht, dass dein Seelenheil gerettet wird!“ Das war der Slogan der Kirche vor 500 Jahren. Das ist im Grunde das Gleiche wie die Werbung des Möbelhauses. Nur ging es nicht um neue Schränke oder Schuhe, sondern um Ablassbriefe. Kauf diesen Ablass, dann wird deine Seele erlöst. Und viele machten das. Denn das war eine grausame Vorstellung: Meine Seele und die meiner Liebsten leiden im Fegefeuer. Auch Martin Luther quält das. Er versucht alles Mögliche. Er kauft sogar einen Ablass. Er versucht alles, um besser zu werden, Gott keinen Anlass zu geben, ihn zu strafen. Aber er scheitert immer wieder. „Bin ich gut genug, habe ich genug getan?“ Erst ein Wort der Bibel reißt ihn aus dieser Herzensqual heraus.

A: Und das ist bewegt mich immer wieder: Luther liest keinen Lebensratgeber, von denen es heute so viel gibt. Er liest auch keinen Werbeprospekt. Er liest die Bibel, immer wieder. Er lässt nicht locker. Er ärgert sich über Gott, der ihn so sehr unter Druck setzt. Du musst, du musst, du musst, so hatte er Gottes Wort an sich immer verstanden. Aber dann liest er diesen Satz im Brief an die Römer: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ (Rö 1, 16). Und nun versteht er plötzlich: Ich muss gar nichts tun, um vor Gott gut zu sein. Da scheitere ich immer wieder. Nein, es ist ganz anders: Aus dem Glauben heraus, aus dem Vertrauen zu Gott heraus darf ich leben. Und ich darf mich Gott anvertrauen, weil er mich doch liebt, auch trotz meiner Fehler. Gott schenkt mir seine Liebe. Wenn ich darauf vertraue, wenn ich Gott vertraue, dann werde ich ohne Angst leben. Gott lässt mich leben. Das zeigt Gott mir in seinem Sohn Jesus Christus. Und davon lese ich immer wieder in der Bibel. Das Vertrauen zu Gott, mein Glaube, Christus und die Bibel: Das ist für Luther die Basis für ein glückliches Leben. Das ist auch die Basis unserer evangelischen Kirche.

B: Luther erkennt nun, was die Liebe Gottes wirklich ist. Vertrau dich einfach Gott an. Denn nur dieses Vertrauen wird dir das Leben schenken. Gott will nicht, dass du dich quälst, er will, dass du dich freust. Gott will, dass du glücklich bist. Und dafür will er kein Geld von dir und keine guten Taten. Er möchte nur, dass du ihm aus ganzem Herzen vertraust. Dazu noch ein Vers aus dem Römerbrief: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ (Rö 3, 28). Nichts, was du tust, wird dir Gottes Liebe erkaufen. Denn kein Geld der Welt wird dir das kaufen können, was Gott dir schenkt. Das Vertrauen zu Gott ist völlig umsonst. Und das allein macht dich wirklich glücklich. Das feiern wir in diesem Oktober beim großen Reformationsjubiläum. Und ich hoffe doch: Das feiern wir auch weiter. So wie es Luther frei gemacht hat, will auch uns die Liebe Gottes befreien von allem, was uns quält. Damit wir wirklich glücklich sind!

A: Es bleibt als großer Schmerz auch in diesem Jubiläumsjahr: Luther wollte die eine Kirche erneuern, reformieren, von Grund auf an. Das ist nicht gelungen. Es entstanden die beiden Kirchen, evangelisch und katholisch. Aber es bleibt doch das Ziel, die eine Kirche zu bauen auf der Basis von Gottes Liebe, Christus und der Bibel.

B: Eins gehört unbedingt noch dazu: Gottes Vergebung. Denn auch in unserer evangelischen Kirche läuft vieles verkehrt. Wir sind doch nicht die Guten, nur weil wir evangelisch sind. Auch wir scheitern immer wieder und sind nicht die Kirche, die Gott eigentlich haben will. Aber Gottes Liebe und seine Vergebung sind größer als unsere Fehler. Auch in unserem eigenem Leben. Und in einer Zeit, in der mein Einkommen, meine Hautfarbe, meine Herkunft immer entscheidender werden, ist für mich es gut, das ganz andere zu hören: Gottes Liebe allein entscheidet über dein Leben. Sie macht dich frei von allem, was dich gefangen nehmen will, auch vom Zwang, ständig shoppen zu gehen. Sie tröstet dich. Sie gibt dir Kraft, Gutes zu tun.

A: Siehst du, es geht beim großen Jubiläum heute um viel mehr als Luthersocken und Lutherkekse. Es geht um dein Leben. Auch dein Leben ist in Gottes guten Händen geborgen, an jedem Tag deines Lebens, wenn du stirbst und noch darüber hinaus. Das ist doch wirklich ein Grund, heute diesen Tag zu feiern – und dann fröhlich und getröstet den Weg weiterzugehen. Denn wir gehen immer unter Gottes Segen. Und der erneuert dein Leben jeden Tag neu. Dieses große Vertrauen zu Gott spricht aus jedem Wort Jesu. Dieses Vertrauen ist doch der Grund unseres Lebens.

B: Du hast Recht. Dazu kann ich nur noch sagen: So ist es. Amen

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.



Pastor und Pastorin Peter und Wiltraud Schuchardt
Bredstedt
E-Mail: pw-schuchardt@versanet.de

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