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ISSN 2195-3171

Predigtreihe: Reformationsfest - Reformationens dag - Reformation Day - Día de la Reforma - Dzieñ reformacji , 2017

Matthäus 10,26b-33, verfasst von Friedrich Seven

 

 

Text:

Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.

Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht, und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.

Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.

Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind eure Haare auf dem Kopf alle gezählt.

Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.

Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.

Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

 

(Kanzelgruß)

 

Liebe Gemeinde, mit diesem Gottesdienst beschließen wir die Feste, Gottesdienste, Ausstellungen, und Gemeindetage, mit denen wir in diesem Jahr Martin Luthers legendären Thesenanschlag an die Schlosskirche zu Wittenberg am 31. Oktober 1517 bedacht haben. Wir haben beim Predigthören, in Filmen und auf der Bühne viel davon gesehen und aus Ausstellungen und Büchern noch mehr von dem erfahren , was dieser Anschlag für die Kirche, die Gläubigen und die Welt bedeutet und noch bedeuten kann.

Mit dem 31. Oktober 1517 hat sich das Koordinatensystem zwischen Kirche und Kaiser, zwischen Glauben und Vernunft, vor allem zwischen Gott und Mensch verändert.

Da überrascht es zunächst, dass in unserem heutigen Predigttext das zentrale Thema Luthers, die Rechtfertigung allein aus Gnaden, gar nicht direkt zur Sprache kommt.

Die Worte, die wir gerade gehört haben, stammen aus der zweiten Rede Jesu im Matthäusevangelium und sind, anders als die erste Rede, die Bergpredigt, nicht an alle gerichtet, sondern nur an die Jünger. Die sollen auf Jesus hören und sollen das Gehörte predigen.

Hier steht also die Verkündigung im Zentrum und es wird sogleich der Kern evangelischen Kirchenverständnisses erkennbar: Kirche ist nicht ein Ort, der besteht, sondern der Ort, an dem etwas geschieht. Kirche ist da, wo Gottes Wort gepredigt und geglaubt wird. Ein solches Verständnis ist schon von sich aus geeignet, dass sich aus der Kirche immer wieder Kirchen bilden können, und erklärt die sogenannte konfessionelle Vielfalt, in der wir heute leben können.

Deswegen gehört dieser Abschnitt aus dem Matthäusevangelium mit vollem Recht zu den

Texten, die für einen Reformationsgottesdienst vorgeschlagen werden.

Der Glaube kommt aus dem Hören auf Gottes Wort und geht über in die Weitergabe dieses Wortes an andere, geht über in Verkündigung. Wir sollen nicht Empfangende bleiben, an denen mit der Rechtfertigung etwas nur geschieht, sondern können zu Gebenden werden, durch deren Tun es hell wird.

Mit Vehemenz werden wir dazu aufgefordert, und die parallelen Sätze vom Verborgenen und Offenbaren, von der Finsternis und vom Licht, vom Hören und vom Predigen verraten auch ein geschicktes rhetorisches Kalkül.

Wenn wir dann aber im weiteren ermahnt werden, uns nicht zu fürchten vor denen, die den Leib töten, dann begreifen wir schnell, dass sich unser kirchliches Tun heute zumindest in Europa unter ganz anderen Bedingungen ereignet als zur Zeit der ersten Christen oder der Reformatoren. Martin Luther indes konnte sich noch für seine Gegenwart an diese Worte einfach anschließen und dichten: Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr,, Kind und Weib, lass fahren dahin, sie haben's kein Gewinn, das Reich muss uns doch bleiben.

Die Unterscheidung einer Seele, um die es uns allein gehen solle, von einem Leib, den wir getrost fahren lassen können, mutet uns heute fremd an und weckt bei denen, die uns zuhören das bekannte Vorurteil: Christen und insbesondere die Evangelischen schätzen den Leib nicht nur gering, sondern verachten ihn gar...Viele unserer Kritiker hegen gegen uns geradezu den Verdacht, dass wir, weil wir uns zumindest in Europa nicht mehr um unser Leben fürchten müssen, begonnen hätten, unseren Leib zu fürchten. Sind wir die, die -weil sie keine Feinde mehr haben-, sich Feinde machen müssen?

Dann, als brauchten wir unbedingt etwas, das wir mehr fürchten als den Tod, mutet uns der Text noch die Rede von der Hölle zu, dem Ort, an dem Leib und Seele verderben.

Wir lassen uns inzwischen gern dazu verleiten, nicht mehr zu den Menschen von diesem Ort zu sprechen, von der Situation der absoluten Trennung zwischen Gott und Mensch.

Gott sei Dank, möchten wir sagen, geht es mit schöneren Worten dann in unserem Predigttext weiter: Da hören wir von Gott als einem Vater, der uns kennt, der uns nicht vergisst, der alles sieht und vor allem dich und mich sieht und ohne dessen Wissen und Willen nichts geschieht.

Nur leider sind geraden diese so liebevoll bewegten Worte in hohe und harte theologische Lehren verkehrt worden: Aus den Worten vom behütenden Vater ist über die Theologiegeschichte hin ein Gott der Vorherbestimmung und Vorsehung geworden, an dem ich wie eine Marionette hänge und der mich nicht zu einem freien Tun einlädt.

Gerade in dem Gedanken, nur ein Rädchen in einem klar kalkulierten Weltgetriebe zu sein und mit den Mitmenschen wie mit den anderen Teilen einer Maschine zu leben, entgeht mir gerade jedes eigene Leben, jede seelische Regung. Da kehrt durch den Irrglauben an die Unfreiheit des Menschen, an die Herrschaft des Systems, die schon überwunden gemeinte Hölle zurück. Der Höllenglaube, das ist das Glauben daran, in einem System zu leben.

Da lebe ich an dem Ort, an dem aus dem Zuhören und dem Anreden nichts anderes mehr werden kann als Befehlsempfang und gehorsames Durchstellen des Befehls.

Väterliche Regung und kindliche Neigung sind da ersetzt durch Beugung und Verbeugung.

Es macht also durchaus Sinn für uns als Christen heute, von der Sünde und der Hölle zu reden, wenn wir die Gottesferne gerade da erkennen, wo wir meinen, Gott nahe zu sein.

Auch Luther, der doch wahrhaftig noch ganz anders der Realität des Bösen ausgesetzt und vom Bösen versucht war, hat in seinem berühmten Turmerlebnis, von dem in den Biographien so viel zu lesen war, erfahren, dass er da, wo er meinte, Gott am nächsten kommen zu können, ihn am sichersten verfehlte. Er verkannte Gottes freien Willen, sich uns in Liebe zuzuwenden, indem er seinem religiösen Eifer und Zwang bis in die tiefste Finsternis und Verzweiflung folgte.

Die Hölle beschrieb auch für den Reformator den seelenlosen Zustand, in dem der Mensch sich selbst und seinen Mitmenschen zum Schemen wird, zum Golem, der nicht sterben kann, weil er nie gelebt hat. Doch ist diese Hölle, die absolute Gottesferne überwunden. Gerade deswegen brauchen wir uns nicht davor zu fürchten, von ihr zu sprechen.

Wir haben als Gemeinden und als Kirchen viel zu sagen, aber wir haben Gott sei Dank nicht mehr das Sagen. Wir dürfen reden, und gerade unser diakonisches Tun ist geschätzt, aber wir müssen keinem anderen mehr Autorität zusprechen als Gott.

Ob wir mit dem Jubiläum und in den zehn Jahren, in denen wir auf dieses Jubiläum hingearbeitet haben, immer den richtigen Ton fanden und wirklich das sagen konnten, was wir eigentlich sagen wollten, also ob wir selbst im Glauben gestärkt worden sind und Glauben geweckt haben, kann letztlich nicht an Zahlen abgelesen werden, sondern sich nur im Glauben bewahrheiten.

Absicht und Ziel aller Aktivitäten in den nun hinter uns liegenden zehn Jahren konnte ja ohnehin nur sein, uns zu Christus zu bekennen, der sich für uns zu seinem Vater bekennt. Daran erinnert uns gerade der letzte Vers unseres heutigen Predigttextes: Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.

Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

Ein Lutherjubiläum, das dem Reformator, dessen Lehre und dessen Leben gerecht werden sollte, konnte nicht „den Begründer der Neuzeit“, nicht „den frühbürgerlichen Revolutionär“ oder nationalen Helden einer „Los- von- Rom- Bewegung“ ins Zentrum stellen, sondern Jesus Christus allein. Der ist das Haupt der Kirche und will ökumenisch gepredigt und gefeiert werden.

Darum ziehen wir heute keinen Schlussstrich unter eine Epoche, sondern unter eine Etappe auf dem langen Weg des Volkes Gottes mit seinem Herrn.

Keiner kann sagen, wie nahe wir möglicherweise wieder auf diesem Weg an die Gefahren, an die Finsternis herankommen, von denen unser Text und Luther gerade in seinem Lied spricht.

Unübersehbar ist jedenfalls, wie sehr unsere Schwestern und Brüder anderswo der Verfolgung ausgesetzt sind. Ihr Geschick verbindet sie und uns mit dem Leid der Menschen, die aus den verschiedensten Gründen um Leib und Leben fürchten müssen.

An anderer Stelle des Matthäusevangeliums spricht Christus: Was ihr getan habt, einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan (25,40).

Das Jubeljahr geht zu Ende, die Reformation geht weiter.

Amen!

 

(Kanzelsegen)

 

 

 



Pfarrer Dr. Friedrich Seven
Bad Lauterberg
E-Mail: friedrich.seven@t-online.de

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