Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171

Predigtreihe: Reformationsfest - Reformationens dag - Reformation Day - Día de la Reforma - Dzieñ reformacji , 2017

Röm 1, 16f, verfasst von Hans-Christoph Askani

Liebe Festgemeinde!

Oder sollte ich nicht gleich sagen: Liebe Reformationsgemeinde?!

 

Eine Frage oder einen Ausruf kennt wohl jeder von uns: „Wenn der oder die das noch erlebt hätte!“

„Wenn das die Oma Anna noch erlebt hätte, dass ihr Urenkelkind auf die Welt kommt – oder dass in ihrem Garten jetzt ein Hochhaus steht…!“

Und so fragen wir uns heute alle, die hier in der Lutherkirche zusammengekommen sind, auch: „Wenn das der Martin Luther noch erlebt hätte: dass an jenem Tag, an dem man an seinen Thesen-Anschlag erinnert – 500 Jahre danach! – nicht nur in Wittenberg, nicht nur in Erfurt, nicht nur in Eisenach, nicht nur in Berlin und in Paris und in New York und Lund und Oslo und in Hongkong und in Lusaka und in Zürich und in Rom und in Genf, nein, auch in Möhra (natürlich in Möhra, denn ohne Möhra wäre doch alles andere gar nichts!), wenn er also das noch erlebt hätte, dass in der ganzen Welt, das Reformationsfest begangen wird, ja was hätte er dann wohl gedacht oder gesagt?

Wir wissen es nicht, liebe Gemeinde. Denn dass er das 471 Jahre nach seinem Tod noch erleben sollte, ist in der Tat etwas schwer vorstellbar.

– Vielleicht hätte er gar nichts davon gehalten. Und vielleicht hätte er in etwa dasselbe gesagt, was er sagte zu der Idee, eine kirchliche Gemeinschaft nach ihm zu benennen.  „[…] bitt ich, man wolt meynes namen geschweygen und sich nit lutherisch, sondern Christen heyssen. Was ist Luther? Wie keme denn ich armer stinckender madensack datzu, das man die kynder Christi solt mit meynem heyloszen namen nennen?“ (WA 8,684f.)

– Vielleicht wäre er auch unendlich erstaunt gewesen, welche Ausmaße die Reformation angenommen hat, wie sie sich in der ganzen Welt verbreitet hat!

– Aber womöglich hätte ihn das zwar persönlich und geschichtlich erstaunt, aber theologisch doch letztlich gar nicht gewundert. Wie sollte das Wort Gottes, das freilich nicht mit der Reformation angefangen hat in der Welt zu reden, das aber in der Reformation (und durch die Reformation) mit so großer Entschiedenheit ins Zentrum gestellt wurde, dass es nicht mehr in den Hintergrund treten konnte, wie sollte also das Wort Gottes, das Evangelium von Gottes Gnade nicht unaufhaltsam durch die Welt seinen Weg nehmen?!

Und so, liebe Brüder und Schwestern in Christus, ist es einerseits erstaunlich und andrerseits doch gar nicht erstaunlich, dass wir hier zusammen sind, um diesen Festgottesdienst zu feiern.

Und so ist es wiederum gar nicht erstaunlich, dass wir letztlich nicht hier Martin Luther, ja dass wir sogar nicht einmal die Reformation und mit ihr uns selber feiern, sondern dass wir eigentlich zusammen sind, um auf dies Evangelium zu hören, das für Luther im Leben und im Sterben das alles Entscheidende war, und um dessetwillen er gemeint und gewusst hat, die Kirche wieder zu ihrem Ursprung zurückrufen zu müssen.

 

 

 

Was ist aber denn der Ursprung der Kirche, liebe Gemeinde?

Wenn wir nur ein Wort hätten, um diese Frage zu beantworten, was würden wir sagen?

Ich glaube, wir könnten dann nur das eine Wort sagen: der Ursprung der Kirche ist das Evangelium, auf deutsch: die „gute Botschaft“, die „gute Nachricht“, oder, wie Luther einmal gesagt hat; „ein gut geschrey“.

Das „gut geschrey“ davon, dass Gott in die Welt kam, zu uns Menschen. Denn genau das heißt ja das Evangelium: Gott will die Welt, Gott will den Menschen, Gott will uns Menschen; jeden von uns will er als sein Gegenüber. Das hört sich nun schön und fromm an. Aber ist es so einfach und ist es so harmonisch, wie das klingt, weil es uns seit Jahrhunderten gepredigt wurde? – Wenn Gott wirklich in die Welt kommt, wenn er mit uns zu tun haben will, wenn er uns anspricht (so wie Menschen einander ansprechen, aber nun eben nicht ein anderer Mensch, sondern Gott selbst), kann dann alles beim Alten bleiben, kann dann alles weitergehen, wie es läuft und wie es sich so schön eingespielt hat?

Denn irgendwie richtet der Mensch sich doch immer ein. Irgendwie schafft er sich einen Rahmen, in dem alles und auch er selbst einen Platz hat. Er nimmt sich etwas vor, dann setzt er alles daran, es zu erreichen; manchmal gelingt es, manchmal gelingt es nicht, manchmal gelingt es nur zur Hälfte. Warum aber tut er das alles? Warum strebt er so gierig nach Erfolg, nach Anerkennung, nach Absicherung? Weil er seinen Platz finden will. Weil er wissen will, was das denn alles soll, und wer er denn ist darin! Kommt nicht all der Umtrieb, den wir veranstalten, letztlich daher, dass wir nicht alles Mögliche, sondern dass wir uns selber suchen? – Und dass wir, je mehr wir uns suchen, umso mehr doch das Gefühl haben, dass wir uns nicht finden!

 

 

III.

 

Und nun sind wir auf einmal mitten in dem Thema des Predigttextes, der über dem heutigen Tag stehen soll. Es sind die zwei Verse aus dem ersten Kapitel des Römerbriefs, die für Luther von so kolossaler Bedeutung waren.

„Denn im Evangelium wird offenbart die Gerechtigkeit Gottes, welche kommt aus Glauben in Glauben.“

Wie Luther selber es ein Jahr vor seinem Tod dargestellt hat, ist ihm aus diesen Worten die entscheidende Erkenntnis seiner Theologie und seines Lebens hervorgegangen. Es sind die Verse, die von der „Gerechtigkeit Gottes“ sprechen. Und Luther sagt, die Vorstellung, dass Gott gerecht urteile, hätte ihn in eine solche Verzweiflung gestürzt, dass er die Worte, die davon sprechen und dass er um ihretwillen Gott gehasst habe. Dass sie ihm aber dann, als er sie neu verstand (und wie er sie neu verstand, wollen wir heute hören und zu begreifen versuchen), dass sie ihm also dann zu den „Pforten des Paradieses“ wurden, und die liebsten Worte der ganzen Bibel.

„Denn darin (im Evangelium) wird offenbart die Gerechtigkeit Gottes (wie Luther übersetzt: die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt), welche kommt aus Glauben in Glauben.“

– Dass der Mensch vor Gott gerecht ist, was heißt denn das, wenn man es in eine heutige Sprache übersetzt? (Denn unübersetzt sind uns diese Worte doch ganz fremd.) Was heißt es denn? Geht es nicht darum, ob wir im Dasein und in der Welt und im Universum verloren sind oder nicht? Geht es nicht darum, dass wir einen Boden unter die Füße kriegen, der trägt, dass wir aus uns etwas machen können, an das wir glauben. Denn irgendwie würden wir doch gerne an uns glauben. 

Aber, an uns glauben, ist das so einfach?

Als ich über diese Frage nachdachte, fiel mir eine Geschichte wieder ein. Sie spielt vor einigen Jahrzehnten, aber sie hat eigentlich nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.

„Wir waren damals in unserem Büro sieben oder acht Angestellte. Jeden Arbeitstag der Woche sahen wir uns. Und mit den Jahren begannen wir uns auch persönlich ein wenig zu kennen. Am wenigsten vielleicht einen von uns: Herrn Schreiner. Er war bescheiden und höflich, er war freilich auch etwas scheu. Und das Besondere war, jeden Tag kam er zur Arbeit mit seinem Geigenkasten. Behutsam stellte er ihn neben seinen Schreibtisch, als wolle er ihn keinen Moment aus den Augen lassen. Und abends, nach der Arbeit nahm er ihn wieder unter den Arm; jetzt endlich, zu Hause angekommen, würde er seine Geige auspacken und spielen können. Jetzt endlich könnte er sich dem hingeben, woran er sicher den ganzen Tag dachte und wonach er sich sehnte.

So ging das viele Jahre hin. Er erzählte nie etwas von seiner Leidenschaft, und wir fragten ihn auch nie danach. Es war wie ein Geheimnis, das zwischen ihm, seinem Instrument und uns waltete.

Und dann kam der Tag, als er in den Ruhestand ging. Wir hatten am Abend eine kleine Einladung für ihn organisiert, die er mit Dankbarkeit annahm. Und wieder kam er mit seinem Geigenkasten, und wieder stellte er ihn neben sich. Als der Abend etwas fortgeschritten war, drangen wir alle in ihn ein, er solle uns doch nun endlich, nach so vielen Jahren einmal etwas spielen. Anfangs wollte er sich weigern, aber schließlich gab er doch nach; hob den Geigenkasten auf den Tisch, öffnete den Deckel und zeigte ihn uns. – Er war leer.

‚Mein ganzes Leben, sagte er, wollte ich eigentlich Violinist werden…‘ Dann machte er den Geigenkasten wieder bedächtig zu, und verließ langsam den Raum.“

 

– „Mein ganzes Leben wollte ich eigentlich Violinist werden.“

Vielleicht wollte jeder von uns einmal dies oder das werden. Und vielleicht sind auch wir nicht ganz geworden, was unser Traum eigentlich war. Aber darauf kommt es jetzt nicht an, sondern auf das, was ich vorhin erwähnt habe. Machen wir nicht alle alles Mögliche um uns herum? Und müssen wir es nicht. Damit es nach etwas aussieht – vor den andern und vor uns. – Und wenn alles dies von uns wegfiele? Was würde dann noch übrigbleiben?

Liebe Gemeinde, ist das nicht die große Frage unseres Lebens: wenn all der „Schaum“, den wir um uns herum schlagen (so wie man Sahne schlägt), wenn all die Dekorationen, die wir um uns herum aufbauen an Erfolg, oder Besitz oder Anerkennung und Facebookfreunden und „Likes“… wenn all dies einmal abgezogen wäre, wie würden wir dastehen?

Bliebe dann noch etwas übrig oder wären wir dann ganz nackt? Wären wir dann zufrieden mit uns oder würden wir uns letztlich schämen? Schämen? Ich denke, vor unseren Mitmenschen gar nicht so sehr, denn sie sehen ja nie ganz, wie wir wirklich sind. – Aber vor uns selbst.

–– Und vor Gott!

Wenn wir uns aber vor Gott schämen müssten, liebe Freunde, dann müssten wir vergehen. Dann bliebe letztlich gar nichts mehr von uns übrig. („Vor Scham vergehen“, heißt es ja.)

Und nun kommt dieser ungeheure Satz aus dem ersten Kapitel des Römerbriefs: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht.“

Was heißt denn das?

 

Ich schäme mich vielleicht meiner,

aber ich schäme mich Gottes nicht.

 

Auch wenn ich selber vielleicht nichts gelte oder gelten würde, so lasse ich mich doch nicht dahin bringen, dass ich Gott nichts mehr gelten lasse.

Was soll mir aber das denn bringen, dass ich Gott „gelten lasse“? Nach dem Evangelium von Jesus Christus, so wie es Luther auf einmal verstand (und die „Pforten des Paradieses“ gingen ihm darüber auf), dies:

 

Gott sieht mich viel genauer als ich mich selber sehe;

aber Gott sieht mich freundlicher an.

 

Gott sieht mich freundlich an.

 

Und damit komme ich zum Schluß meiner Predigt.

Wenn ich auch meinen könnte, vor Gott stehe ich ganz nackt da, nichts schützt mich mehr (kein Erfolg, keine Leistungen, kein Geld und kein Ruhm und nicht einmal meine Bescheidenheit), so bin ich doch vor Gottes Blick nicht nackt, sondern er bekleidet mich mit seinem Blick, er umgibt mich mit seinem Sohn Jesus Christus;

und so wird mir das Größte geschenkt, was mir in meinem Dasein und für mein Dasein geschenkt werden kann. Das Größte, weil es mir in meinem Dasein, in meinem Leben und Sterben einen Platz und ein Recht gibt:

 

vor Gott schäme ich mich nicht.

 

Amen

 

 

 

 



Prof. Hans-Christoph Askani
Genf
E-Mail: Hans-Christoph.Askani@unige.ch

(zurück zum Seitenanfang)