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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

3. Sonntag nach Trinitatis, 08.06.2008

Predigt zu Hesekiel 18:1-4.20-24.30-32, verfasst von Sven Keppler

I. „Der kleine Leon von unseren Nachbarn ist immer noch nicht getauft. ‚Er soll später mal selbst entscheiden', sagen sie. Aber die Eltern interessiert das doch gar nicht. Kein Wunder, dass man keine jungen Leute mehr in der Kirche sieht." Frau Altenburg ist bei ihrem Thema. Die weißhaarige Dame sitzt in ihrem Lehnsessel und macht sich ernsthaft Sorgen.
Aber ihre Freundin auf dem Sofa widerspricht: „Unsere Ursula hat damals auch gesagt, ihre Beiden sollen selbst entscheiden. Und letztes Jahr haben sich die Mädchen taufen lassen. Sie wollten im Religionsunterricht nicht immer außen vor sein. Was war das für eine schöne Feier!"
So schnell lässt sich Frau Altenburg jedoch nicht überzeugen: „Das ist doch die Ausnahme gewesen. Deine Tochter hat doch jeden Abend mit den Mädchen gebetet und ihnen vorgelesen. Aber wer macht das denn heute noch? Wenn ich früher meine Kinder nicht zur Taufe gebracht hätte - das hätte ein Theater gegeben!"
An diesem Punkt sieht der junge Pfarrer seine Chance, der auch bei der kleinen Geburtstagsrunde zu Gast ist. „Frau Altenburg, Sie haben schon recht. Die Zeiten haben sich geändert. Aber darin liegt ja vielleicht auch eine Chance. Früher sind vielleicht manche auch nur deshalb in die Kirche gegangen, weil ihre Umgebung es von ihnen erwartet hat. Man wurde getauft, weil es sich so gehörte. Es ist doch wunderbar, wenn die zwei Enkelinnen von Frau Freundlieb aus vollem Herzen Ja zu ihrer Taufe gesagt haben!"
Sein Gegenüber schweigt skeptisch. Deshalb versucht der Gast, seinen Standpunkt mit neuen Argumenten zu stützen: „In den Zeitungen steht doch jetzt so viel von Bildungsgerechtigkeit. Jedes Kind soll unabhängig von seiner Herkunft eine Chance auf Bildung haben. Das heißt doch: Es soll nicht mehr auf die Familientradition ankommen, sondern auf die freie Entscheidung und auf die Gaben, die ein Kind hat. Das könnte doch in der Kirche auch so sein. Es gibt Jugendliche mit frommen Eltern, die nur langsam zu Gott finden. Und andere entdecken das Christentum für sich, obwohl ihre Eltern distanziert sind. Die freie Entscheidung ist das Wichtigste."
„Junger Mann, tut mir leid, da kann ich Ihnen nicht mehr folgen. Aber möchten Sie vielleicht noch eine Tasse Kaffee?" Vielleicht hätte es dem Pfarrer mehr genützt, wenn er sich statt auf die Zeitung auf einen biblischen Text berufen hätte...

II. Liebe Gemeinde, der heutige Predigttext könnte solch ein Text sein. Er steht beim Propheten Hesekiel und ist ein flammendes Plädoyer Gottes dafür, dass jeder Mensch seinen eigenen Lebensweg mit Gott zu gehen hat - in voller Verantwortung. Ich lese Verse aus dem 18. Kapitel [Hes 18,1-4.20-24.30-32].

„Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden." Was für ein treffendes Sprichwort. Modern gesagt: Die nächste Generation zahlt die Zeche. Die Väter fahren Geländewagen, aber die Kinder erben den Klimawandel. Die Eltern leisten sich ein üppiges Haushaltsdefizit und den Kindern bleibt der Schuldendienst. Die Eltern parken die Kinder vor dem Fernseher, aber die Kinder werden verhaltensauffällig.
Das menschliche Handeln hat oft lang anhaltende Folgen. Für diese Folgen müssen häufig erst die folgenden Generationen gerade stehen. Erst unsere Zeit beginnt das wieder in vollem Umfang zu begreifen. Der Klimawandel führt diese Zusammenhänge drastisch vor Augen.

Das ist ja auch das Thema von Frau Altenburg: Sie selbst gehört noch zu der Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine Blüte des kirchlichen Lebens erlebt hat. Sie war dankbar, das große Morden überlebt zu haben. Dankbar, an den braunen Trauben der Väter nicht gänzlich erstickt zu sein. Auch wenn ihre Zähne nach dem Krieg furchtbar stumpf waren. Sie war dankbar für den Neuanfang, der dem deutschen Volk trotz allem geschenkt wurde.
Sie hat die Zeit erlebt, als die Kirchen voll waren und überall neue Gemeindezentren entstanden. Und als markante Persönlichkeiten des Protestantismus das öffentliche Leben mit prägten.

Aber dann war eine andere Generation gekommen. Deren Parole war Emanzipation. Die berühmt-berüchtigten 68er. Dem Urteil, dass ihre Väter und Mütter saure Trauben gegessen haben, hätten sie vorbehaltlos zugestimmt: die sauren Trauben des Nationalsozialismus, des Mitläufertums, des Judenhasses und der Kriegsverbrechen. Und der Verdrängung während des Wiederaufbaus.
Aber diese 68er weigerten sich, von den Sünden der Väter selbst stumpfe Zähne zu bekommen. Mit Freuden hätten sie deshalb gehört, was Hesekiel als Gottesspruch überliefert: „So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: dies Sprichwort soll nicht mehr umgehen in Israel."
Von nun an sollte jeder selbst mit den Trauben zurechtkommen, die er verspeist. Und niemand sollte gezwungen sein, den Irrwegen der Väter immer neu zu folgen. Jede neue Generation hat die Pflicht, sich von den Fehlern ihrer Vorgänger zu distanzieren. Und zu versuchen, es besser zu machen. Emanzipation war die Losung der Zeit.

III. Frau Altenburg hat das mit Skepsis beobachtet. Vielleicht hatte sie ein besonderes Gespür dafür, wie schwierig Emanzipation ist. Wie es doch immer wieder dazu kommt, dass das Verhalten der Eltern das Leben der Kinder prägt und belastet.
„Glaubt doch nicht, dass Eure Kinder von Euren süßen Trauben keine stumpfen Zähne bekommen!", hätte sie vielleicht gesagt. Und als Beispiel hätte sie dann wieder einmal die Geschichte vom kleinen Leon nebenan erzählt. Mag ja sein, dass seine Eltern gute Absichten haben. Dass sie ihren Jungen freiheitlich erziehen und nicht auf religiöse Formen festlegen wollen, mit denen er später vielleicht nichts mehr anfangen kann.
Aber sie geben dem Jungen doch gar nicht die Chance, sich frei für oder gegen den Glauben zu entscheiden. Weil er gar nicht erst kennen lernt, wofür er sich entscheiden sollte. Wie soll der Junge beten, wenn er es nie eingeübt hat? Wie soll er mit den biblischen Geschichten leben, wenn sie ihm als Kind niemals erzählt worden sind? Wie soll er Vertrauen zu einem Gott entwickeln, für den er keinen Namen hat?
Beliebigkeit, Gleich-Gültigkeit, Desinteresse. Die alten Traditionen über Bord werfen, ohne etwas Gleichwertiges an ihre Stelle zu setzen. Das sind die Trauben, deren Genuss Frau Altenburg den jungen Eltern vorwirft. Trauben, von denen die Kinder nicht bloß stumpfe Zähne bekommen. Sondern durch die sie den Geschmack an allem verlieren, was das Leben lebenswert macht.

IV. Das Sprichwort scheint also eine unentrinnbare Wahrheit auf den Punkt zu bringen: Jede Generation isst ihre eigenen Trauben. Und ihre Nachkommen müssen auf ihre je eigene Weise mit den stumpfen Zähnen zurecht kommen. Auch wenn die Eltern es bewusst mit besseren Trauben versucht haben.
Umso brisanter ist Gottes Versprechen, von dem Hesekiel berichtet: Dieses Sprichwort soll nicht mehr umgehen. „Der Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Schuld des Sohnes."
Aber wie soll das gehen? Wie soll es möglich sein, dass die Fehler der Eltern sich nicht auf die Kinder auswirken? Ein Neuanfang muss her. Vielleicht wünschen sich ja auch die Eltern des kleinen Leon solch einen Neuanfang: Dass der Junge aus freien Stücken ja sagt zum Glauben. Aber wie kann solch ein neuer Anfang gelingen?
So gesehen hatte der Pfarrer bei Frau Altenburg ja recht: Bei der Bildungsgerechtigkeit liegen die Probleme ja ganz ähnlich. Für die Kinder aus den so genannten „bildungsfernen Schichten" wünscht man sich von Herzen einen Neuanfang. Dass sie eine Chance im Leben bekommen, die ihre Eltern nicht hatten oder nicht genutzt haben. Aber wie soll das gehen?

Bei Hesekiel steht eine ganz konkrete Aufforderung, wie dieser Neuanfang aussehen soll: „Kehrt um und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist." Es geht um eine Veränderung von Grund auf. Um eine Lebenswende. Um eine völlige Neuausrichtung des eigenen Lebens.
Deshalb ist es so schwierig mit den praktischen Rezepten. Es reicht nicht, die eigenen Eltern moralisch für ihre Fehler zu verurteilen. Es reicht nicht, seinem Kind bei der Taufe die freie Entscheidung zu überlassen, ohne es auf diese Entscheidung vorzubereiten. Und es reicht auch nicht, Bildungsgerechtigkeit in Koalitionsverträge zu schreiben.

Wenn der Teufelskreis von sauren Trauben und stumpfen Zähnen durchbrochen werden soll, braucht es eine radikale Lebenswende. Aber wie soll diese möglich sein?

V. Die erste, die wichtigste Voraussetzung nennt Hesekiel gleich mehrfach. Diese Grundvoraussetzung muss nicht von dem Menschen erfüllt werden, der sein Leben verändern will. Sondern diese Voraussetzung betrifft Gott. Und von ihm ist sie bereits erfüllt worden.
„Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen?", fragt Gott. Und kurz später beantwortet er selbst seine Frage: „Ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden." Gott will nicht, dass Menschen scheitern. Er will nicht, dass sie sich verstricken in den Folgen ihres Handelns und des Handelns ihrer Eltern. Gott will den Neuanfang und er will das gelingende Leben.
Später im Buch des Propheten Hesekiel ist ein anderer Gottesspruch überliefert. Es heißt dort: „Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln." [Hes 36,26f.]
Die Aufforderung: „Macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist" gerät dadurch in ein anderes Licht. Die Grundlage ist Gottes Verheißung, dass er selbst uns erneuern, einen Neuanfang schenken will. Er selbst will das ewige Gesetz von sauren Trauben und stumpfen Zähnen außer Kraft setzten.

Und dennoch bleiben auch die Worte: Auch ihr seid aufgerufen, euch ein neues Herz zu schaffen. Wie geht das zusammen? Was kann mein eigener Anteil sein, wenn Gott an mir handelt?
Ich glaube, was ich tun kann, beginnt mit dem Gebet: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist." So heißt es im 51. Psalm. Ich soll mich nach der Erneuerung sehnen. Ich soll, ich darf Gott bitten um einen Neuanfang. Ich darf ihm mit meiner Sehnsucht in den Ohren liegen.
Mein Leben kann ich vor Gott bringen. Die Fehler meiner Eltern. Meine eigenen Fehler. Die Folgen, unter denen ich leide. Und die Hoffnung, wie es anders werden könnte. All das gehört in mein Lebensgespräch mit Gott.
Wie genau sich die Veränderungen auswirken werden, weiß ich jetzt noch nicht. Vermutlich werde auch ich nicht ohne Fehler auskommen, die meine Nachkommen belasten. Aber ich darf in dem Vertrauen handeln, dass Gott auch meinen Kindern eine Chance zum Neuanfang schenken wird. Das entlastet und befreit. Auch sie werden wieder neu Gottes verheißungsvolles Wort hören: „Bekehrt euch, so werdet ihr leben." Amen.

 



Pfarrer Dr. Sven Keppler
Lünen
E-Mail: sven.keppler@kirchengemeinde-luenen.de

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