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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

7. Sonntag nach Trinitatis, 06.07.2008

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 16:2-7.13b-15.31-35, verfasst von Thomas Oesterle

(2)Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste.

(3)Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lässt.

(4)Da sprach der HERR zu Mose: Siehe, ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen, und das Volk soll hinausgehen und täglich sammeln, was es für den Tag bedarf, dass ich's prüfe, ob es in meinem Gesetz wandle oder nicht.

(5)Am sechsten Tage aber wird's geschehen, wenn sie zubereiten, was sie einbringen, dass es doppelt soviel sein wird, wie sie sonst täglich sammeln.

(6)Mose und Aaron sprachen zu ganz Israel: Am Abend sollt ihr innewerden, dass euch der HERR aus Ägyptenland geführt hat,

(7)und am Morgen werdet ihr des HERRN Herrlichkeit sehen, denn er hat euer Murren wider den HERRN gehört. Denn wir, was sind wir? Denn gegen ihn habt ihr gemurrt?

Und tatsächlich, am Morgen lag Tau rings um das Lager.

(14)Und als der Tau weg war, siehe, da lag's in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde.

(15)Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Mah hu>? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat.

(31)Und das Haus Israel nannte es Manna. Und es war wie weißer Koriandersamen und hatte einen Geschmack wie Semmel mit Honig.

(32)Und Mose sprach: Das ist's, was der HERR geboten hat: Fülle einen Krug davon, um es aufzubewahren für eure Nachkommen, auf dass man sehe das Brot, mit dem ich euch gespeist habe in der Wüste, als ich euch aus Ägyptenland führte.

(33)Und Mose sprach zu Aaron: Nimm ein Gefäß und tu Manna hinein, den zehnten Teil eines Scheffels, und stelle es hin vor den HERRN, dass es aufbewahrt werde für eure Nachkommen.

(34)Wie der HERR es Mose geboten hatte, so stellte Aaron das Gefäß vor die Lade mit dem Gesetz, damit es aufbewahrt werde.

(35)Und die Israeliten aßen Manna vierzig Jahre lang, bis sie in bewohntes Land kamen; bis an die Grenze des Landes Kanaan aßen sie Manna.

Predigtbeginn

Liebe Gemeinde,

alles beginnt mit dem Exodus - so könnte man etwas zugespitzt behaupten. Die Befreiung Israels beginnt so und unser eigenes Leben mit Christus beginnt so. Das fortziehen aus der "Knechtschaft in Ägypten" - es ist in unserem Leben der immer wieder geschehende Auszug aus der Sinnlosigkeit, der Angst, der Ungewissheit und Entfremdung. Das kann der oder die Glaubende ganzheitlich erfahren, das macht uns den Glauben zu einem so hohen Gut. Die Last wird von den Schultern genommen, die Beherrschung unseres Lebens durch fremde Mächte bleibt hinter uns zurück, wir beginnen durchzufinden zu einem eigenen Wesen, zu dem was die Philosophen etwas kompliziert die eigene Identität nennen.

Teil II

Doch kaum haben wir aufgeatmet, kaum haben wir begonnen uns über dieses neue Glück zu freuen, da landen wir in der Wüste! Das Volk Israel kannte Wüste als Todeslandschaft - „... und ob ich schon wanderte im finsteren Tal", so beschreibt sie der Psalmist - und Israel kann es kaum fassen, dass der einfache Weg die Mittelmeerküste entlang versperrt ist und dass sie abgedrängt werden in diesen lebensfeindlichen Sinai. Sie hatten schon vor unserer Geschichte einmal gemurrt - nein so hatte sich keiner das gelobte Land vorgestellt.

Wir wissen selbst wie das ist! Mit wie viel Euphorie wird so manches Christenleben begonnen - da gibt es öffentliche Bekehrungen im Missionszelt , den großen Begeisterungsschwung nach einer Jugendfreizeit, sogar Wiedertaufen und vieles mehr: Das sind alles Dinge, die mir tiefe Bedenklichkeitsfalten auf die Stirn treiben, denn die momentane Euphorie ist sicherlich da, aber sie verschwindet auch so plötzlich wie sie gekommen ist. Warum treten wieder Ängste und Probleme in unser Leben, warum werde ich mir selbst und meinen Mitmenschen wieder fremd, warum zweifle ich erneut wo ich doch so sicher war? Da sitze ich nun plötzlich wieder im "finsteren Tal" in der wüsten Todeslandschaft und dabei ist mein Glaube noch jung und verletzlich. Wir hoffen, dass wir mit dem Glauben all' den Bosheiten des Erdenlebens entfliehen können und ganz schnell haben sie uns wieder eingeholt.

 

Teil III

Da ist es sehr verständlich, dass wir zu murren beginnen, ein herrlich-lautmalerisches Wort, das nicht groß erklärt werden muss. Etwas salopp gesprochen würde ich sagen: Die Israeliten begannen zu maulen. Es wird sehr plastisch beschrieben wie das aussah: "Wären wir doch bei den Fleischtöpfen Ägyptens geblieben, wo es dazu auch noch genug Brot gab". Das wandernde Gottesvolk legt seinem Gott geradezu eine Speisekarte vor - es rechnet auf, was es alles verloren hat. Dass dabei der Blick zurück die Realität in ein rosarotes Licht taucht, dass aus Prügel und Fronarbeit plötzlich Fleischtöpfe und Brot werden - wer kennt ihn nicht aus seinem eigenen Leben, diesen verklärenden Rückblick?

Unser murren ist doch oft ganz ähnlich. So schlimm war das doch gar nicht, ohne Orientierung an Werten und Sinn zu leben! Da war man doch auch ganz schön frei, konnte von einem Tag auf den anderen leben und brauchte kein großartiges Lebenskonzept. Ein Christ zu sein heißt doch nur auf Lebensgenuss zu verzichten, der mir aber früher so süß erschien! Also: Kehrt marsch -und zurück zu unseren alten Lebensgewohnheiten. Die unterschiedlichen Mosesfiguren, die uns heute aus der Alltäglichkeit herausgerufen haben, sie erhalten noch einen verbalen Tritt und schon ist aus Sinnlosigkeit und Angst wieder ein dampfender Fleischtopf geworden.

 

Teil IV

Doch hier kommen wir an ein platonisches atopon - jetzt gerät die Geschichte aus ihrem gewohnten Gang, jetzt müssen wir zu staunen beginnen über das Ungewöhnliche, denn mit dem Staunen beginnt die Erkenntnis. Statt eine geballte Wut im Bauche zu haben über diese seine undankbaren Kinder, reagiert Gott in unserer Geschichte ganz anders. Er versteht das murren als Stoßgebet, er sieht, dass sein Volk tatsächlich Hunger hat, dass der Reiseproviant, der beim Auszug eingepackt worden war, nun zu Ende ist .Was als Anklage verstanden wurde, versteht Gott als Hilferuf.

So ist es oft in unserem Leben, dass wir entdecken: Gott versteht uns besser, als wir uns selbst verstehen, ist uns näher gekommen, wie wir uns selbst nahe kommen können.

 

Teil V

Und was erfahren diejenigen, die in der Wüste murren ? Gott hat sie nicht vergessen, er ist nicht der Gott:, der einen Impuls in die Geschichte hineingibt, um sich dann zurückzuziehen und aus erhabener Höhe mit verschränkten Armen zuzusehen, wie die Menschen nun alleine wursteln. Er kümmert sich um sein Volk, gerade dann, wenn es ihm dreckig geht. So ist es auch mit unserem Lebensweg. Es ist uns das Himmelreich versprochen, die Herrschaft Gottes, wo Leid und Geschrei nicht mehr sein wird. Aber dieses Versprechen ist keine Vertröstung, kein Opium, das uns betäuben soll. Gott kümmert sich heute bereits um uns, will dass wir mitten in dieser Welt sinnvoll leben können. Christen sind nicht Menschen, die nur nach vorne oder nach oben schauen und die miese Gegenwart so überspielen. Sie wissen: Gott will uns heute und hier schon helfen, wie er den Israeliten auf dem Weg in das gelobte Land bereits geholfen hat. Er geht mit auf unseren Wegen, wir sind gemeinsam mit ihm in Bewegung, denn es kümmert ihn unser je und je geschehendes punktuelles Schicksal, nicht nur das Ende des Weges

 

Teil VI

Weil Gott sich um unser hier und heute kümmert, kann auch mitten in unserem Alltag das geschehen, was Mose und Aaron so umschreiben: "Ihr werdet die Herrlichkeit des Herrn sehen !" Weil Gott uns begleitet, kommt er oft ganz greifbar nahe, vielleicht in einer Sonntagspredigt, vielleicht in der selbstlosen Hilfe des Nachbarn, vielleicht in der Ehefrau und den Kindern, die am Bett des krebskranken Vaters aushalten, bis er seinen letzten Atemzug getan hat. Diese Ereignisse sind eine Gabe Gottes, der Menschen mit der Kraft ausstattet, für Andere Gott erfahrbar zu machen. Aber diese Gabe ist ja nie vom Geber loslösbar. Wenn Gott einem Prediger die Idee gibt, die wie ein Funke in die Seele des Hörers springt und dort manchmal den Frohsinn des Evangeliums entzündet, dann tritt der Prediger zwar nie an Gottes Stelle, aber Gottes Geist gebraucht seine Worte, um seinem geliebten Menschenvolk in so manches Wüstensituation beizustehen. Wenn Gott einer Familie die Kraft gibt, einen Sterbenden bis zum Ende zu begleiten, dann ist zwar die Familie nicht der Gott, der den Toten in Gnaden aufnehmen wird, aber in ihrer Nähe zum Sterbenden wird eine Gabe Gottes zu erkennen sein, in der Gott selbst den Sterbenden begleiten will. Wieder will unser Schöpfer einen Menschen in der Wüste nicht alleine lassen, sondern ist bei ihm, mittels der Gemeinschaft, die eine Familie dem Sterbenden anbietet. Die Gottesgaben, die wir alle haben, sie sind nicht abzutrennen von dem Geber der Gaben, durch sie begleitet er uns auf unserer Wanderung durch die Welt.

 

Teil VII

Gott ist gegenwärtig - das habe ich an einigen Beispielen versucht deutlich zu machen und gerade in dieser Gegenwart erscheint seine Herrlichkeit. Eine letzte ganz konkrete Frage bleibt: Was war es konkret, was die Israeliten in der Wüste als Hilfe bekamen. Was ist Manna ? Nun gibt es eine einfache naturwissenschaftliche Erklärung: Manna ist das Sekret, die Ausscheidung von Schildläusen an den Blättern der Tamariske. Nachts wird diese Substanz hart, fällt von den Blättern und wirkt am morgen wie Tau. Diese Sekrettropfen können aufgelesen und gegessen werden. Noch heute ist es bei den Nomaden des Sinai wegen seines süßlichen, honigartigen Geschmacks sehr geschätzt. Ich war selbst schon im Sinai und kann daher gut verstehen, wie das Manna - Wunder naturwissenschaftliche zu erklären ist. Doch diese Richtigkeiten waren ja im Alten Testament gar nicht gemeint, es ging viel mehr um eine geistliche Aussage. Gott selbst gibt uns sein Himmelsbrot, etwas das wir zum Leben nötig brauchen. Das Alte Testament hat lange gerätselt und zu erklären gesucht, was dieses Brot denn ist. Schon im Name Manna steckt das hebräische „mah hu>", was übersetzt einfach fragt: "Was ist das?" Erst der Evangelist Johannes, dieser sensible Grübler und Spekulant, findet auf diese Frage eine Antwort: "Das .Brot Gottes kommt vom Himmel und gibt der Welt Leben" (Joh. 6,33). Und was ist das was vom Himmel kommt und der Welt das Leben gibt? Johannes lässt Jesus sagen: "Ich bin das Brot des Lebens, wer zu mir kommt, der wird nicht hungern." Das höchste Gut das Gott uns auf unsere Wüstenwanderung genannt „Leben" mitgegeben hat, haben wir im Leben und Sterben Jesu. In diesem Menschen aus Nazareth bleibt Gott uns nahe, sättigt uns oft geistig Verkrüppelte und geistlich Entleerte, uns die wir alle Werte verloren zu haben scheinen, weil wir der Lüge geglaubt haben, dass materieller Besitz satt macht. Also ist dies, die Erkenntnis zum Schluss: Manna, das ist das Vertrauen auf den Weg und das Werk Jesu Christi, das so anders ist, als unsere reiche hochtechnisierte Welt, Manna ist die bleibende Nähe Gottes, die uns in dem .geschenkt wurde, der das Lebensbrot ist. Es ist die eiserne Ration mit der wir leben und sterben können, und es geht nur um das eine: Es den murrenden Israeliten nachzutun, das Manna aufzusammeln und durch es gestärkt weiterzuziehen, in dem festen Glauben, dass Jesus Christus immer von uns gefunden werden kann. AMEN

Wir singen: EG 326, Verse 3-7

 



Pfarrer Thomas Oesterle
Schorndorf
E-Mail: ev.pauluski.ost.schorndorf@t-online.de

Bemerkung:
(Textabgrenzung nach A. Gunneweg in: ?Der Gott der mit uns geht" 1972, S. 47ff. Dieselbe Abgrenzung findet sich bereits in: H. J Krauss, Göttinger Predigtmeditationen 14, 1959/60 S.115ff)


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