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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

11. Sonntag nach Trinitatis, 03.08.2008

Predigt zu 2. Samuel 12:1-10.13-15a, verfasst von Irene Mildenberger

Die Königsfamilie ist immer für einen Skandal gut.
Das galt schon für den Vorgänger des jetzigen Herrschers. Der war psychisch krank, hatte Depressionen und plötzliche Wutanfälle, in denen er andere gefährdete. Ein junger Mann allein konnte dem kranken König mit seiner Musik bei seinen Anfällen helfen (1 Sam 16,14.23; 18,10-11; 19,9-10).
Aber der und der Sohn des Königs waren zu eng befreundet. Der König war eifersüchtig, auf das Ansehen des Mannes im Volk und bei seinen Kindern. So machte er ihn zum Offizier und versuchte, ihn durch seine Feinde töten zu lassen. Ohne Erfolg. Im Gegenteil, mit seinem Kampfgeschick erobert der junge Held die Tochter des Königs zur Frau (1 Sam 18). Es gelingt dem König auch nicht, zwischen seinen Sohn und dessen Freund zu treten (1 Sam 20).
Der alte König lässt Priester umbringen, die seinen Konkurrenten unterstützt haben (1 Sam 21-22), er sucht nach dem Konflikt zu seinem Mentor und dessen Tod Rat bei einer illegal tätigen Totenbeschwörerin (1 Sam 28). Schließlich nimmt er sich selbst das Leben, nach einer verlorenen Schlacht in der auch seine Söhne gefallen sind (1 Sam 31).

Die Königsfamilie ist immer für eine Skandalgeschichte gut.

Das gilt auch für den jungen Helden, der schließlich sein Nachfolger wird - sein erfolgreicher Nachfolger. Lange schafft der es, von der Drecksarbeit anderer zu profitieren und selbst ausdrücklich und öffentlich seine sauberen Finger zu behalten.
So dass nur kleinere Skandälchen ihn selbst betreffen - wie damals der Ehekrach mit der Tochter seines Vorgängers, als er das Heiligtum in die neu eroberte Hauptstadt überführt hat und sich dabei in religiöser Ekstase unsittlich entblößte. Das hat das Paar endgültig einander entfremdet, das schon vorher unfreiwillig voneinander getrennt und ebenso unfreiwillig - zumindest was die Frau anging - wieder vereint wurde (2 Sam 3,13ff; 6,20-23).

Skandale und Skandälchen - und nun nimmt ein neuer seinen Anfang, einer, bei dem die Finger des Königs nicht sauber bleiben werden.

Es fängt ganz harmlos an - was heißt harmlos, typisch fängt es an:
Zur Jahreswende aber, zu der Zeit, da die Könige ausziehen (2. Sam11,1 ff) - im Frühjahr also, wenn die Bedingungen für einen Feldzug günstig sind. Alles hat seine Zeit, auch der Krieg, der nur zu einer bestimmten Jahreszeit dran ist. Und der König ist so erfolgreich, seine Armee so geübt, dass er gar nicht mehr selber mit muss. So schickt er seinen Heerführer und seine Soldaten los, den Nachbarstaat zu bekämpfen und dessen Hauptstadt zu erobern. Er selbst kann in seiner Hauptstadt und in seinem Palast bleiben, das Leben genießen. Nach der nachmittäglichen Hitze - der Zeit, in der Könige Siesta zu halten pflegen - ergeht er sich auf dem Dach seines Palastes und schaut auf „seine" Stadt hinunter.
Da sieht er eine Frau. Sie ist gerade dabei, sich zu waschen - erfüllt damit das Gebot, sich den monatlichen Reinigungsriten nach der Menstruation zu unterziehen. Der König wird neugierig, erkundigt sich nach ihr - sie ist die Enkelin eines seiner Berater (vgl. 2. Sam 23,34, 15,12), ihr Mann einer seiner heldenhaften Soldaten (vgl. 23,39), also abwesend. Schließlich kommt es, wie es kommen muss, er lässt die Frau zu sich holen, schläft mit ihr und entlässt sie wieder nach Hause.
Doch die Affäre bleibt nicht ohne Folgen. Ich bin schwanger, so lässt sie dem König melden. Und es gibt keinen Zweifel, von wem das Kind stammt.
Nun entfaltet der König hektische Aktivität, um einen Skandal zu vermeiden. Der Ehemann wird aus dem Feldzug zurückgerufen, unter dem Vorwand, vom Fortgang des Feldzuges zu berichten. Und dann schickt ihn der König in sein Haus: Geh deine Füße waschen - Geh zu deiner Frau und nutze die Gelegenheit, mit ihr zu schlafen, das ist mit dieser verblümten Rede gemeint.
Ob der Mann etwas ahnt? Oder ist er tatsächlich so ein ehrlicher, überzeugter Soldat, seinen Kameraden verpflichtet? Mein Herr - dein Feldherr - und die Diener meines Herrn lagern auf dem Feld, und ich soll in mein Haus gehen, um zu essen und zu trinken und mit meiner Frau zu schlafen? Er übernachtet in der Wachstube. Auch kräftige Mengen Alkohol, mit denen es der König am nächsten Abend versucht, bleiben erfolglos. Der Soldat lässt sich das Kind des Königs nicht unterschieben.
Also muss ein Alternativplan her, um den Skandal doch noch zu vermeiden. Ein Brief an den Feldherrn wird geschrieben und der Soldat als Bote genutzt. Ein versiegelter Brief, der sein eigenes Schicksal besiegelt. Und es geschieht, was der König befohlen hat. Der Feldherr führt ein riskantes Manöver dicht an der Stadtmauer durch, der tapfere Soldat steht in der vordersten Reihe und kommt um - und einige andere Kämpfer kostet die Aktion auch noch das Leben, der Kollateralschaden der Skandalvertuschung.
Der Plan ist erfolgreich, nach der kurzen Trauerzeit kann der König seine Geliebte heiraten. Bis das Kind geboren wird, ist Gras über die Sache gewachsen - und Siebenmonatskinder gibt es schließlich öfter.

Dem HERRN aber missfiel, was David getan hatte.
Und der HERR sandte Natan zu David. Und der kam zu ihm und sprach zu ihm: Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine war reich, und der andere war arm. Der Reiche besass Schafe und Rinder in grosser Zahl, der Arme aber besass nichts ausser einem einzigen kleinen Lamm, das er gekauft hatte, und er zog es auf, und zusammen mit seinen Kindern wurde es bei ihm gross. Es ass von seinem Bissen, trank aus seinem Becher und schlief an seiner Brust, und es war für ihn wie eine Tochter. Da kam ein Besucher zu dem reichen Mann, und diesen reute es, eines von seinen eigenen Schafen oder Rindern zu nehmen, um es für den Reisenden zuzubereiten, der zu ihm gekommen war. Und so nahm er das Lamm des armen Mannes und bereitete es für den Mann zu, der zu ihm gekommen war.
Da entbrannte der Zorn Davids heftig über den Mann, und er sprach zu Natan: So wahr der HERR lebt: Der Mann, der das getan hat, ist ein Kind des Todes! Und das Lamm soll er vierfach ersetzen, weil er das getan hat und weil er kein Mitleid hatte.[1]
(2. Sam 11,27b-12,6)

Der König - der berühmte, heilige König David - er kann sich diese Geschichte nicht einfach nur anhören - er reagiert mit großer Empörung. Er weiß, was Recht und Unrecht ist. Er weiß es und er spricht sein Urteil über andere. Er verhängt doppelte Strafe: Nicht nur Ersatzleistung für das Schaf ist zu leisten, der reiche Mann ist des Todes schuldig - hat er doch dem Armen die Lebensgrundlage entzogen.

Wir erkennen Unrecht, wenn wir es sehen - jedenfalls manchmal. Und besonders gut bei anderen. Gerade unsere eigenen Fehler erkennen wir an den anderen. Besser als bei uns selbst. Auf dem Auge sind wir blind.

Auf dem Auge ist David blind. Sieht nicht, warum diese Geschichte erzählt wird, hält sie in all ihrer Unwahrscheinlichkeit für einen echten Fall, der ihm vorgelegt wird.
Aber war denn sein Handeln weniger unwahrscheinlich? Mehrere Menschen - etliche vom Volk, von den Diener Davids (11,17) - die sterben mussten, um ein Schäferstündchen des Königs und seine Folgen zu verbergen.
Wie gut muss man seine Augen zumachen, um dies Unrecht nicht zuerkennen?

Natan aber sprach zu David: Du bist der Mann! (12,7a)

Mehr braucht Natan nicht zu sagen.
David macht keinerlei Versuch, den Skandal zu verbergen, irgendetwas zu leugnen. Ihm sind die Augen geöffnet. Und ihm bleibt nur noch eines übrig:

Da sprach David zu Nathan: Ich habe gegen den HERRN gesündigt. (12,13a)

Ein Psalm Davids, als der Prophet Natan zu ihm kam, nachdem er zu Batseba gegangen war.
Sei mir gnädig, Gott, nach deiner Güte
nach dem Mass deines Erbarmens tilge meine Freveltaten.
Wasche mich rein von meiner Schuld,
und reinige mich von meiner Sünde.
Denn meine Freveltaten kenne ich wohl,
und immer steht meine Sünde mir vor Augen.
An dir allein habe ich gesündigt,
und habe getan, was dir missfällt;
so bist du gerecht in deinem Spruch,
rein stehst du da, wenn du richtest.
Sieh, an Wahrheit hast du Gefallen, tief im Verborgenen,
und im Geheimen tust du mir Weisheit kund.
Lass mich Freude und Wonne hören,
frohlocken werden die Gebeine, die du zerschlagen hast.
Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden,
und tilge alle meine Vergehen.
Schaffe mir, Gott, ein reines Herz,
und gib mir einen neuen, beständigen Geist.
Verstosse mich nicht von deinem Angesicht,
und deinen heiligen Geist nimm nicht von mir.
Bringe mir wieder die Freude deiner Hilfe,
und stärke mich mit einem willigen Geist.

(Ps 51,1b-6.8.10-14)[2]

Da sprach David zu Nathan: Ich habe gegen den HERRN gesündigt.
Und Natan sprach zu David: So sieht der HERR über deine Sünde hinweg: Du musst nicht sterben!
(2. Sam 12,13)

So einfach ist das? Kann sich ein König alles leisten? Kann sich dieser König alles leisten?
Ist Gottes Antwort nicht ein neuer Skandal?

Reicht das aus - nicht nur für David, den besonderen, auserwählten König, auch für dich und mich - reicht das aus: Gott, sei mir Sünder gnädig!? Jesus meint: Ja. (vgl. das Sonntagsevangelium Lukas 18,9-14)

Und dennoch: unsere Fehler haben Folgen, auch noch nach dem Bekenntnis der Schuld, nach einer Beichte. Auch nach dem Zuspruch der Vergebung. Verletzungen bleiben - oder zumindest die Narben dieser Verletzungen.
Wie oft denkt Batseba an ihren ersten Mann, an Urija? Und sieht in ihrem neuen Mann den Mörder ihres vorigen? Wie oft wird Batseba den König an seine Tat erinnern? Kann er seine Soldaten noch auf riskante Missionen schicken, oder werden sie in Zukunft immer denken, er wünsche ihren Tod?

Unsere Sünden haben Folgen. Die Verfehlungen anderen Menschen gegenüber, unser Umgang mit Gottes Schöpfung, unser Verhalten uns selbst gegenüber.

Und Natan sprach zu David: So sieht der HERR über deine Sünde hinweg: Du musst nicht sterben! Aber weil du mit dieser Tat den HERRN so verachtet hast, muss nun der Sohn, der dir geboren worden ist, sterben!
Und Natan ging in sein Haus
(2. Sam 12,13b-15a).

Unsere Sünden haben Folgen - aber doch nicht so! Ist Gott nicht ungerecht?! Ein weiterer Skandal?

Es gibt verschiedene Sichtweisen, verschiedene Versuche, zu verstehen, Gottes Urteil zu verstehen:

Der Tod des Kindes ist Strafe für David, nicht für das Kind selbst - bevor Kinder 40 Tage alt geworden sind, werden sie in dieser Zeit sowieso noch nicht als endgültig am Leben geachtet, dazu ist die Kindersterblichkeit nach der Geburt zu hoch.

Nur Davids Todesurteil ist aufgehoben. Die übrige Strafe bleibt. Und das betrifft ja nicht nur den Tod dieses Kindes von Batseba und David. Hier zeigen sich Folgen seines Handelns.
Natan hat es im Auftrag Gottes verkündet:
So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König über Israel gesalbt und habe dich aus der Hand Sauls gerettet. Und ich habe dir das Haus deines Herrn gegeben, und die Frauen deines Herrn habe ich an deine Brust gelegt, und ich habe dir das Haus Israel und Juda gegeben, und wenn das zu wenig ist, will ich dir darüber hinaus noch manches geben. Warum hast du das Wort des HERRN verachtet und getan, was ihm missfällt? Urija, den Hetiter, hast du mit dem Schwert erschlagen, und seine Frau hast du dir zur Frau genommen, und ihn selbst hast du durch das Schwert der Ammoniter umgebracht. So soll nun das Schwert nie von deinem Haus weichen, weil du mich verachtet und die Frau Urijas, des Hetiters, genommen hast, damit sie deine Frau werde. (2. Sam 12,7b-10)

So soll nun das Schwert nie von deinem Haus weichen. Die Skandale, die Konflikte und Kämpfe und Verbrechen in der Königsfamilie, im Haus Davids, sie hören tatsächlich nicht auf: inzestuöser Missbrauch, Brudermord, Aufstand des Sohnes gegen den Vater - dabei bleiben im übrigen auch dessen Frauen nicht tabu - all das in nur einer Generation.

Aber nicht nur das Unheil geht weiter mit Mord und Totschlag, auch das Leben geht weiter:
Und David tröstete Batseba, seine Frau, und er ging zu ihr schlief mit ihr. Und sie gebar einen Sohn, und er nannte ihn Salomo, und der HERR liebte ihn. (2. Sam 12,24)

Gott erbarmt sich seines Dieners David, dieses unheiligen Heiligen, und er erbarmt sich unser.
Das Leben geht weiter, das Haus und Geschlecht Davids wird weitergeführt durch diesen Sohn. - David zeugte Salomo mit de Frau des Urija, so heißt es im Stammbaum Jesu. -
Gottes Geschichte geht weiter, trotz uns Menschen und trotz unserer Skandalgeschichten. Gottes Geschichte mit uns. Gottes Heilsgeschichte.
Kein Skandal, sondern Grund zur Hoffnung.

Amen


[1] Alle Bibeltexte sind wiedergegeben nach der neuen Zürcher Bibel von 2007, die schweizerische Rechtschreibung ist dabei beibehalten.

[2] Ich verwende den Psalm hier in der Auswahl des EG, weil ich ihn so nach der Predigt bei der - in Sachsen in jedem Gottesdienst üblichen - Beichte mit der Gemeinde zusammen als Schuldbekenntnis beten werde.



Pfarrerin Dr. Irene Mildenberger
Liturgiewissenschaftliches Institut der VELKD in Leipzig
E-Mail: liturgie@uni-leipzig.de

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