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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

11. Sonntag nach Trinitatis, 03.08.2008

Predigt zu 2. Samuel 12:1-10.13-15a, verfasst von Paul Kluge

Liebe Geschwister, Töchter und Söhne Davids!

Die Anrede irritiert Sie? Hören Sie den für heute vorgeschlagenen Predigttext: Der Prophet Nathan wendet sich an den König David, denn dieser reiche Mann hat einem armen Mann das einzige weggenommen, was der hatte. Der dramatische Anstieg von Armut in der Welt hat ganz ähnliche Ursachen, und in diesem Fall verhalten wir uns wie David, sind quasi seine Söhne und Töchter. Hören wir also auf den Propheten Nathan: 2. Sam. 12, 1-10.13-15a ...

Nathan, der weise Prophet, würde heute vielleicht von einem Bauern in Südamerika erzählen, von seinem Acker und davon, wie eine Fast-food-Kette den Bauern besitzlos macht; von einem Land in Afrika, das ein paar Ölquellen hat, und wie ein Ölmulti das Land arm macht; vielleicht würde er auch von einem kleinen Dorf erzählen, von dessen Einwohnern einige wenige unter Fettleibigkeit leiden, während die Mehrzahl sich um eine Hand voll Reis prügelt - oder von benzinfressenden Maschinen, deren Abgase die Luft zum Atmen nehmen. Nathan, der weise Prophet, fände heute viele andere Beispiele als ein Lamm, und er würde wieder anklagend seinen Finger ausstrecken: Du bist der Mann, du bist die Frau! - und wir müssten antworten: Wir haben gegen Gott gesündigt!

Das alles ist uns hinreichend bekannt, wir haben es oft genug gehört. Geändert hat das bei uns wenig bis gar nichts. Wir bekennen uns schuldig und sündigen weiter, wir beichten, doch wir büßen nicht. Machen angerichteten Schaden nicht wieder gut.

Anders David. Nathan ist nach Hause gegangen, David hat es kaum bemerkt. Die Rede Nathans hat ihn aufgewühlt, und mehr noch sein eigenes Urteil, das David selbst über sich gefällt hat. Ein erster Zorn auf Nathan ist bald tiefer Scham gewichen. Zorn, weil dieser Prophet es gewagt hat, ihn, den König, anzuklagen. Zorn auch, weil David sich hereingelegt fühlt. Überführt, gesteht er sich ein, überführt von den eigenen Maßstäben. Solch ein Stachel sticht besonders tief und schmerzhaft. Nathan ist nach Haus gegangen, und David schämt sich, ist ratlos, ist allein. Die ganze Geschichte, die er sich da eingebrockt hat, muss er aushalten. Muss sich ihr stellen, die Verantwortung übernehmen, die Konsequenzen tragen. Muss das alles allein mit sich selber und allein ausmachen.

Die Geschichte fing damit an, dass ihm eine schöne Frau auffiel. Die Frau eines seiner Offiziere, wie er herausfand, Bathseba mit Namen. Ihr Mann Uria war an der Front. David lud sie ein, sie kam. Dann war sie schwanger. David verordnete ihrem Mann Heimaturlaub, wollte versuchen, ihm die Vaterschaft zuzuschieben. Uria blieb bei seinen Soldaten. David wies den Vorgesetzten Urias an, diesen auf ein Himmelfahrtskommando zu schicken. Uria fiel im Kampf. Nun kann er die Vaterschaft nicht mehr leugnen. David fühlt sich sicher.

Dann kommt Nathan, der weise Prophet. Erzählt eine Geschichte, über die David sich empört. Und dann: Du bist der Mann. Du bist der Vater. Ist die Sache also schon publik? Das gäbe privaten Ärger, das bedeutete politischen Schaden - und das hieße Steinigung für Bathseba, durchfährt es David.

Der Gedanke lässt ihn in sich zusammensinken, die Schuld erdrückt ihn fast. Es saust ihm in den Ohren, sein Kopf ist wie leer und dröhnt ihm doch, ihm ist schwindlig. Wie von fern, wie durch Watte hört er noch einmal Nathans Stimme, hart und erbarmungslos, hört noch einmal seine Drohung. Angst steigt auf in Davids Herz und macht seinen Kopf noch leerer, in den Ohren nun ein Brausen. Und wieder Nathans Stimme, doch weich diesmal und warm: Gott hat deine Sünde vergeben, du wirst nicht sterben.

David wiederholt die Zusage, erst in Gedanken, dann flüsternd, schließlich lauter. Seine Stimme ist brüchig, er wiederholt den Satz, bis er klar und deutlich von seinen Lippen kommt: Gott hat meine Sünde vergeben, ich werde nicht sterben.

Mit der Stimme klären sich auch seine Gedanken, formen wie ein Gebet den Wunsch: Bathseba soll auch nicht sterben. Deshalb wird er sie in seinen Harem nehmen. Einen Moment durchzuckt ihn der Gedanke, sein Vorhaben als Großmut darstellen zu lassen: Aus Dank für Urias Tapferkeit habe er dessen schwangere Witwe aufgenommen. Doch er lässt den Gedanken schnell wieder fahren - er fürchtet, Nathan ginge dann mit einer Gegendarstellung an die Öffentlichkeit. Und ein Prophet ist nun mal glaubwürdiger als ein Politiker ...

David schüttelt seinen roten Lockenkopf über sich selbst: Wie sehr hat doch sein Königsein ihn verändert! Und er denkt an die Zeit, als er Schafe hütete, denkt an die anderen Hirten von damals und wie sie gerade und direkt miteinander geredet, wie die Tiere ihr Tun bestimmt haben und sie sein konnten, wie sie waren. Engel waren sie nicht, Streit gab es untereinander, mit Worten und oft genug mit Fäusten ausgetragen. Doch danach war die Luft rein, und die Streithähne konnten wieder miteinander trinken, einander beistehen, wenn Gefahr drohte.

David merkt, wie einsam er ist: Menschen, die seine Nähe suchen, suchen ihren Vorteil, nicht ihn. Menschen, die er gern in seiner Nähe hätte, wecken Argwohn und Neid der anderen. Wohin er gehen soll und wohin nicht, wer ihn besuchen darf und wer nicht, was er öffentlich zu sagen hat und was nicht: alles wird ihm vorgegeben. Seine Neider, seine politischen Gegner lauern auf Fehler, die ihm unterlaufen. Sägen mit diesen Fehlern an seinem Thron.

Und auf der anderen Seite eine früher unbekannte Macht über Menschen. Sein Wunsch ist Befehl. Solche Macht verführt zum Missbrauch; verführt auch andere zu Dingen, die sie sonst nicht täten. Siehe Bathseba. Wäre er noch der Hirte von früher, sie hätte ihn ausgelacht. Wenn sie von ihm überhaupt Notiz genommen hätte. Ein Sonnenkönig aber hat viele Monde.

Doch er fühlt sich nicht als Sonne. Weiß genau: Es ist die Macht, die ihn leuchten lässt. Und er genießt die Macht. Jetzt ist sie bedroht, er selbst hat sie gefährdet, er selbst ist in Gefahr. Nathan, der weise Prophet, hat es gesagt, und was der Prophet verkündet, klingt unausweichlich: Gewaltsames Ende der Macht, öffentliche Demütigung. Was David zu besitzen meint, wird ihm entrissen werden. Er aber wird leben, wird alles erleben. Ihm kommen ernste Zweifel, ob die Macht das wert ist, Und er begreift die Tragweite dessen, dass jede Macht geliehen, bestenfalls verliehen ist: Er kann, er wird sie wieder verlieren. Diese Einsicht erleichtert ihn, macht ihn ein wenig unabhängig von der Macht und ihren Verführungen, und an der Erleichterung spürt er: Seine Sünde ist ihm vergeben. Amen



Pfarrer i.R. Paul Kluge
Magdeburg
E-Mail: Paul-Kluge@t-online.de

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