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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

15. Sonntag nach Trinitatis, 31.08.2008

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 2:4b-9(10-14)15, verfasst von Birgit Weyel

Liebe Gemeinde,

die Erzählungen von der Erschaffung der Welt haben zu allen Zeiten die Phantasie der Menschen beflügelt. Jede Kultur, jede Religion hat eine Vorstellung bewahrt, in der die Entstehung der Welt und die Erschaffung des Menschen ins Bild gesetzt werden. Diese Erzählungen über den Ursprung allen Seins treten nicht in Konkurrenz zu naturwissenschaftlichen Erklärungsmodellen. Sie sind nicht als Alternativen zu wissenschaftlicher Theoriebildung gedacht. Nicht die Frage nach der Entstehung des Universums und der Entwicklung der Arten steht im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Frage nach dem, was der Mensch ist und was es bedeutet, auf der Welt zu sein und das Leben zu haben. Es ist daher als eine Verstehenshilfe zu begreifen, dass die Bibel mit zwei Schöpfungsberichten einsetzt, die unterschiedliche Akzente setzen. Der Plural signalisiert dem Leser, dass es sich um Erzählungen handelt, die uns hineinziehen in die Schilderungen, in denen es um uns selbst geht und zu denen wir uns verhalten können und müssen, und dass sie keine spekulativen Theoriegebilde sind. Eine Urgeschichte wird erzählt, in der es um den einen Menschen geht, Adam, was schlicht Mensch heißt, ein Mensch, der beispielhaft für uns alle steht und um das Leben, das wir auf denkbar vielgestaltige Art und Weise haben. Die Zeitangabe „zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte" zielt auf einen eigentümlichen undatierbaren Schwebezustand. Nicht eine historisierbare und kontextualisierbare Geschichte wird uns überliefert, sondern eine Lebensgeschichte wird erzählt, die die Lebensgeschichte aller Menschen aller Zeiten ist.

Die Bedeutung dieser Lebensgeschichte schließt sich allerdings erst vom Ende her auf. Während unser Predigttext nur den Anfang bietet, geht die Geschichte weiter. Sie handelt vom Sündenfall, der Verführung durch die Schlange, dem Apfel vom Baum der Erkenntnis und den Konsequenzen dieser Tat, der Vertreibung aus dem Paradies.

Wenn wir über den Beginn der Geschichte sprechen, müssen wir also auch ihr Ende mit in den Blick nehmen: Es ist keine in sich geschlossene Paradiesgeschichte, sondern vielmehr eine Erzählung, die jenseits von Eden ihren Standort hat. Der Mensch ist aus dem Garten vertrieben. Im Schweiße seines Angesichts muss er sein Brot essen, der Ackerboden nährt ihn nur mühselig und vieles von dem, was der Mensch tut, erweist sich als sinnloser Kampf gegen Dornen und Disteln. Der Mensch als Geschöpf Gottes ist bedroht. Nirgends wird dies deutlicher als in der Verfluchung Adams durchs Gott: Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden. Adam soll wieder zu Erde werden. In hebräischer Sprache heißt Adamah Ackerboden. Mensch, Adam, verweist somit auf den Ursprung und das Ende des Menschen. Die Bestattungsliturgien haben diese Formulierung aufgenommen: Von Erde bist Du genommen, zu Erde wirst Du werden. Die Schöpfung und Belebung des Menschen spielt von Beginn an auf den Tod an. Angesichts des Todes als Realität menschlichen Lebens fragt die Geschichte zurück danach, was das Leben ist. Erst im Lichte der Vertreibung aus dem Paradies rückt das Paradies in den Mittelpunkt der Geschichte. Nicht Realitätsflucht motiviert die Erzählung, sondern sie ist ein Versuch, Aufschluss über das Leben zu geben. Sehen wir uns einmal genauer an, worauf hier Wert gelegt wird.

Der Predigttext erzählt, anders als die vorausgehende Schilderung der Schöpfung der Welt in sieben Tagen, kein Nacheinander von der Erschaffung des Himmels und der Erde bis hin zur Schöpfung des Menschen und dem 7. Tag als dem Ruhetag Gottes. Es werden nicht etwa die einzelnen Bestandteile der Welt nacheinander hergestellt und von Gott für sehr gut befunden, unser Schöpfungsbericht kreist vielmehr um den Menschen. Ausdrücklich heißt es, alle Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut war auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Nur ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. Die Voraussetzung für das Leben ist von Beginn an da, das Wasser, Lebenselixier des Menschen. Gott trifft hier gewissermaßen Vorsorge, noch bevor er den Menschen selbst erschaffen hat. Die Welt kommt dem Menschen schon lebensfreundlich entgegen.

Die Schöpfung des Menschen wird lapidar erzählt. Ganz kurz und knapp. Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Der Mensch ist Teil der Natur, von der er leben wird: Erde vom Acker. Erst im weiteren Verlauf der Erzählung gewinnt dieser menschliche Rohstoff eine problematische Bedeutung und wird vom Leben spendenden Nährboden zum Symbol für den Kreislauf der Vergänglichkeit. „Du bist Erde und sollst zu Erde werden." (1 Mose 3, 19b) Erst nach dem Sündenfall ist das Ende des Lebens in die Erzählung eingetragen. Hier, am Anfang zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte, ist davon noch keine Rede. Gott bläst dem Menschen das Leben ein. Er gibt ihm den Atem und damit ist dieser erste Mensch nicht nur Staub, und nicht nur ein beseelter Leib, sondern von Beginn an ein Wesen vor Gott.

Darin liegt die Pointe der Schöpfung des Menschen: Der Mensch hat sein Leben von Gott. Er ist nie ohne Gott, sondern stets ein Mensch vor Gott. Der Mensch steht im Mittelpunkt der Schöpfungsgeschichte, aber doch nicht selbstherrlich, sondern so, dass er stets von Gott umgeben ist, der ihn umsorgt und umhegt und ihm das Leben schenkt, ohne ihn sich selbst zu überlassen. Der Garten Eden, von Gott bebaut, in den er den Menschen setzt, ist das Symbol für den vollkommenen Lebensraum, den Gott für den Mensch schafft, noch ehe der Mensch etwas bebauen kann.

Diese umfassende Sorge für den Menschen hat Martin Luther in seiner Erklärung des ersten Artikels des Glaubensbekenntnisses entfaltet: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Was ist das? Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mit Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält: dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit".

Mit allem, was not tut für Leib und Leben, soziale Gemeinschaft und Bewahrung vor allem Übel eingeschlossen. Konkreter und umfassender zugleich kann Schöpfung nicht gedacht sein.

Die Urgeschichte deutet das Leben in seinen Anfängen und sie antwortet auf die Frage nach dem, was der Mensch ist und was es bedeutet, das Leben zu haben. Soviel steht fest: Der Mensch als Geschöpf Gottes ist nie allein. Er ist ein umsorgter und bewahrter Mensch, der sich sein Leben nicht selbst geben und erhalten kann, sondern es von Gott empfangen hat und jeden Augenblick auf Neue empfängt. Und damit ist nicht nur an die nackte Existenz gedacht, sondern an alles, was wir brauchen. Auch noch Kleider und Schuh, wie Luther mit Sinn fürs Detail aufzählt. Mensch sein, heißt bedürftig sein: nach Leben und Liebe, nach Nahrung und Kleidung und vielem mehr. Das ist die Bedingung des Menschseins.

Ist die Erzählung über die Schöpfung des Menschen nicht nur ein phantasievoller Traum? Unzählige Paradiesvorstellungen hat die bildende Kunst hervorgebracht, in der die Träume vom Garten Eden konkrete Gestalt gewinnen. Wieviel Realität verträgt die Schöpfungsgeschichte?

Schon hier am Anfang der Erzählung klingt an, was später in Kontrast treten wird zur Schöpfung Gottes: Bereits hier zu Beginn ist die Rede vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Gott wird dem Mensch verbieten, von diesem einen Baum zu essen und der Mensch wird es trotzdem tun: der Sündenfall kommt in die Welt.

Die Erzählung vom Sündenfall tritt nicht an die Stelle der Schöpfungsgeschichte, sie ergänzt sie und sie kommentiert diese vielmehr. Beide Erzählungen bleiben aufeinander bezogen. Die eine ist nicht ohne die andere zu lesen. Die Welt ist eben nur so zu deuten, dass man beide Erzählungen wie Folien aufeinander legt: Da ist der Garten Eden als das Paradies aus dem wir kommen, das Gott für uns gemacht hat, nach dem wir uns sehnen und das unter unserer Welt immer noch durchschimmert. Hier und da mögen wir es so empfinden können. Und da ist der Sündenfall, der unser Menschsein bestimmt. Keine moralische Verfehlung, nichts anderes als die Realität, wie sie ist, wird am Ende erzählt: die erlebte Sinnlosigkeit des Daseins, letztlich der Tod als stete Bedrohung und als das Ende des Lebens. Und diese ambivalente Realität bleibt dem Menschsein namentlich eingeschrieben: Adam, der von Gott in seiner Bedürftigkeit Umsorgte und Adam, der das Leben verlieren wird.

Die Bibel ist nicht ein Buch der kleinen Geschichten, der Episoden, sondern sie bietet große Erzählungen. Genauer gesagt: eine große Erzählung, die über die Schöpfung des Menschen und über den Sündenfall weit hinausreicht. Nicht der Tod des Menschen steht am Ende der biblischen Geschichte, sondern die Auferstehung und das Leben. Das Leben als Schöpfung am Anfang und als Erlösung am Ende - das Leben ist der rote Faden der biblischen Großerzählung. Das Leben als von Gott geschenktes, das Leben als Fürsorge von Gott zugunsten von uns Menschen, auch dann noch, wenn wir unser Leben verlieren und zur Erde zurückkehren. Erst vom Ende der Erzählung her ist der Anfang zu verstehen. Von der Zusage der Neuschöpfung und dem Geschenk neuen, ewigen Lebens her ist der Anfang, die Schöpfung richtig zu verstehen. Die Fürsorge Gottes für den Menschen ist mit dessen Tod nicht zuende. Der Mensch ist und bleibt ein Wesen vor Gott, auch über den Tod hinaus.

Unsere je eigene Lebensgeschichte ist urbildlich mit in der Geschichte Adams hineingenommen. Sie wird auf die große Erzählung der Bibel abgebildet und aufgespannt zwischen Schöpfung und Erlösung. Unsere Lebensgeschichte hat einen Anfang und ein Ende, der weit über biographische Stationen und Daten hinausreicht. Oft ist unser Blick verengt auf den Augenblick. Wir sehen manchmal nur die Dornen und Disteln und bleiben in der Sorge um unseren täglich zu bestellenden Ackerboden gefangen. Und wir sehnen uns in den Garten Eden zurück. In Wirklichkeit aber sind wir von Gott umsorgte Menschen, jeder Atemzug kommt von Gott.



Prof. Dr. Birgit Weyel
Tübingen
E-Mail: birgit.weyel@uni-tuebingen.de

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