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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

15. Sonntag nach Trinitatis, 31.08.2008

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 2:4b-17, verfasst von Hans Joachim Schliep

Den ganzen Abend, liebe Gemeinde, dazu die halbe Nacht, liebe Freundinnen und Freunde, könnte ich erzählen von unseren Anfängen auf dem Kronsberg. Hier war ja immer Anfang, ist es nach wie vor und bleibt es hoffentlich noch lange. Heute jedoch beschäftigt mich mehr noch die Frage: Wo liegt der Anfang, der uns alles Anfangen ermöglicht, der Anfang in allen Anfängen? Dieser Frage gehe ich nach im Blick auf eine der ältesten biblischen Erzählungen:

Textlesung 1. Mose 2,4b-17 nach Zürcher Bibel 2007

Der Mensch im Garten Eden. Ein Mythos aus dem kollektiven Gedächtnis unserer abendländischen Kultur. Jedes Wort ist Dichtung - und Wahrheit. Wer sich nämlich einlässt auf diese wirkmächtigen Bilder, merkt sofort: sie sind wahr, wahrer als das, was wir an Weltwissen erforschen können. Sie wollen keine Theorie der Weltentstehung sein, sondern uns den inneren Daseinssinn erschließen. Selbst wenn sämtliche wissenschaftlichen Fragen beantwortet wären, wären dann unsere Lebensfragen überhaupt schon gestellt?

Zur Zeit, als der Herr, Gott, Erde und Himmel machte... benennt keinen feststellbaren Zeitpunkt, sondern das Anfangen überhaupt, das Geschehen, das in, mit, unter allen Geschichten geschieht. „Schöpfung" ist stetiges Geschaffenwerden: ständiges Anfangen, nach vorne offenes, nie abgeschlossenes Werden! Für die Bibel ist „Urknall" immer und die Existenz vieler Universen im Grundsatz kein Problem. Die Frage ist nur: Woraus erschließt sich Lebenssinn? Die Bibel sagt: Lebenssinn erschließt sich dir nur, wenn du weißt, wem sich alles Leben verdankt, also auch dein Leben.

Ja, verdankt. Denn die Erde, obwohl schon geschaffen, ist noch leer, auf ihr fehlen die Feldgewächse: Gott hat es nämlich noch nicht regnen lassen. So geht es hier mehr um die Ausstattung als um die Erschaffung der Erde. Dabei wohnt den schlichten Worten eine überschießende Erwartung inne: Was noch aussteht, was um des Lebens willen unbedingt zu erhoffen ist - es kommt, es wächst!

Kommen und Wachsen hängen ab von Gott und vom Menschen: Es ist nämlich auch noch kein Mensch da, den Erdboden zu beackern. Die Bibel sieht die Menschheit, schon bevor sie da ist, als Partnerin Gottes! Zugleich ganz im Zusammenhang mit der Erde: der homo aus humus, die humanitas, Menschlichkeit, kraft der humilitas, Demut. Keine Menschlichkeit ohne Mitgeschöpflichkeit! Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will! (nach Albert Schweitzer)

Es geht um des Menschen Mitwelt - und damit um Grundlegung und überhaupt den Grund des Lebens. Darum wird hier erst einmal von Gott gesprochen. Israel gibt dem Göttlichen, dem unbegreifbar Umgreifenden, einen Namen: JHWH. Dieser Name kommt von „sein", „hajjah"! Das zunächst un-persönliche Sein bekommt einen ur-persönlichen Namen: „Gott". Sein-Selbst als Sein für uns Menschen. Leben in Beziehung, im Werden. Gott sorgt für die Versorgung des Menschen gleichsam schon, bevor dieser geschaffen ist.

Leben im Überschuss. Das drückt auch das Wort „Eden" aus: „Wonne". Doch zuerst ist da nur Erde und kein Eden. Die Erde selbst enthält Überschuss: Aus ihr bricht ein Wasserschwall hervor, feuchtet den trockenen Staub vom Acker und macht ihn formbar - und geformt wird Mensch: „adam" wird gebildet von der „adamah", der Ackererde. In einer Gestalt, Mann und Frau noch in sich tragend, die ganze Menschheit.

Wissen Evolutionstheorie und moderne Kosmologie mehr, wenn sie das Leben aus dem Wasser sich entwickeln sehen und den Menschen letztlich aus Sternenstaub? Ja, wir sind Sternenstaub, mit allem Lebendigen zusammen. Sternenstaub, hier zu klebrigen Ackerkrumen - Denkt ihr jetzt an den Lehm, der in den ersten Jahren hier auf dem Kronsberg von unseren Schuhen nicht ab- und aus unserer Kleidung nicht herauszubekommen war? - zusammengeballt, aus denen ein Erdling geformt wird, den wir „Mensch" nennen.

Das also bist du, Mensch: ein Erdklumpen! Ein Erdklumpen, der atmen kann - weil er beatmet ist. Die >Bibel in gerechter Sprache< übersetzt Vers 7 sehr schön: Da wurde der Mensch atmendes Leben. Atmet einmal tief durch - - - Ja, das sind wir: atmendes Leben, im Hebräischen: „näphäsch hajjah". „Näphäsch" bedeutet ursprünglich „Kehle". Daraus wurde das Wort „Seele". Ist die „Seele", wie man sich später vorgestellt hat, ein Teil des Menschen, dazu der wichtigste, weil zur Auferstehung fähige? Nein. Im Sinne der Bibel hat der Mensch keine „Seele", sondern er ist „Seele", wie er Leib ist und Geist ist! Die „näphäsch hajjah" ist der Mensch als lebendes Selbst, als lebendiges Individuum, als personale Vitalität.

Im Einatmen also strömt Menschlichkeit in uns hinein, im Ausatmen geben wir sie wieder frei. So leben wir von dem, was uns umgibt - statt aus uns selbst. Der Lebensatem macht uns keineswegs göttlich, sondern erweist den Atem als Gabe und mit ihm das Leben selbst.

Wo aber ist dabei eigentlich Gott - und was ist dann der Mensch?

„Gott" ist, wie schon angedeutet, der Name für dieses Geschehen, das die Gabe und so die Voraussetzung des Lebens darstellt. Gleichsam im Leben Gottes werde ich von außerhalb meiner selbst zu einem lebendigen Selbst. Dafür kann es nur ein Bild geben: Gott als personaler Grund des Lebens, als mir verbundenes Gegenüber, in dessen „Angesicht" ich lebe. Aus diesem Angesehenwerden, wie es uns in jedem Segen am Schluss eines Gottesdienstes zugesagt wird, erwächst ein elementares Verbundensein mit dem Sein selbst und daraus Mut zum eigenen Sein. Darin erfahre ich das ganz Andere, das über mein eigenes Leben, über Raum und Zeit hinaus ist.

Was ist nun der Mensch? Ein Erdklumpen, aber ein beatmeter, belebter. Kein bisschen mehr. Kein bisschen weniger. Erdenstaub im Gottesglanz, also wirklich „Sternenstaub". Wie sagte Rabbi Bunam? „Ein Mensch muss über seinen Schultern zwei Taschen tragen, um, je nach Bedarf, entweder in die eine oder in die andere greifen zu können. In der rechten Tasche liegt das Wort »Um meinetwillen ist die Welt erschaffen worden«. In der linken Tasche das Wort »Ich bin Erde und Asche.«"

Auf die ewige Frage nach dem Menschsein habe ich nirgendwo sonst als in der Bibel eine illusionslosere und ideologie-kritischere Antwort gefunden. Die will erst einmal ausgehalten werden. Und ist mehr eine Frage zu unseren Antworten als eine Antwort auf unsere Frage.

Offenbar ist die Bibel mit dieser Aussage über den Menschen sogar zufrieden. Als Erdklumpen ist ein Mensch belebt vom Gottesatem. Als Geschöpf, als Kreatur, die zu Staub zerfällt, ist ein Mensch Gottes Ebenbild! Wer auf die göttliche Herkunft des Menschen blickt, erkennt in ihm ein Stück Erde - und wer seine erd-stoffliche Herkunft annimmt, achtet ihn als Gotteskind. Die Erde: Meine Wiege, meine Heimat, mein Grab! Und Gott: die Liebe, die mich darin umfängt in Raum und Zeit und Ewigkeit!

Darum verschwendet die Bibel keinen Gedanken daran, der Mensch müsse irgendwie verbessert werden. Sie steht gegen alle Versuche, im Sinne einer „Eugenik" menschliche Gene auf ein optimaleres Menschsein hin umzuprogrammieren. Die Heilung von Krankheiten ist aller Mühe, Kosten und vor allem Liebe wert. Jedoch gehen Ideen, den Menschen zu perfektionieren, in die Irre. Der Mensch ist nicht verbesserungs-, sondern vergebungs-, mehr noch: erlösungs-bedürftig!

Ein moderner Wissenschaftler wie der Harvard-Professor Michael Sandel verlangt in seinem „Plädoyer gegen die Perfektion" ein neues Gespür für das Gegebensein des Lebens, verbunden mit einer neuen Offenheit für das Unerbetene. Mit unserem Wissen wächst auch unsere Verantwortung. Darum brauchen wir heute beides mehr denn je: Einsicht in das Gegebensein  des Lebens und Offenheit für das Unerbetene!

Damit bin ich wieder bei der „Garten-Eden-Erzählung". Hat ein wildes Sturmgebraus Erdling erweckt? Es war nur ein sanfter Lebenshauch! Auch der Name des ersten Opfers der Menschheitsgeschichte, Abel, bedeutet: „Hauch"! Dann ist Gott auch in diesem Hauch! So deute ich es, über den Text hinaus. Denn seit ich von Jesus Christus gehört habe, entdecke ich Gott vor allem im verletzlichen, fragmentarischen Leben! Von dieser Christusentdeckung her habe ich mich, auch wenn es nur ein kläglicher Versuch war, um eine „Theologie von unten", eine „Theologie des Kreuzes" bemüht, um eine „memoria passionis": Erinnerung des Leidens, die des geschichtlichen Unrechts, der Gewalt eingedenk ist. Eine unzeitgemäße, störende und verstörende Erinnerung! Doch Gottes Spuren in Jesus Christus  führen nun einmal zu einem konsequenten Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung und damit für die Würde und das Recht der jeweils Schwächeren, die für viele nur ein wertloser „Hauch" sind.

Ach, wie oft habe ich aufgrund von Rücksichtnahmen und eigenen menschlichen Schwächen die - zumal sozial - radikale biblische Botschaft halbiert! Ich kann Gott nur um Verzeihung bitten...

Nun ist „adam", Menschheit, da. Jetzt könnte es weitergehen - mit ihr. Doch keinen Augenblick könnte menschliches Dasein allein bestehen. Dasein ist Zusammensein, Hineingenommensein in einen umgreifenden Lebensrahmen: Dann pflanzte der Herr, Gott, einen Garten in Eden im Osten, und dort hinein setzte er den Menschen, den er gebildet hatte.

Das Geschöpf Mensch wird nicht einfach dem Ackerboden überlassen - ihm wird ein Garten gepflanzt, ein umfriedeter Bezirk - das genau bedeutet „Paradies". Der Garten ist zwar auch Acker, doch schon als besonders angelegte Pflanzung. Zuerst ein Garten in der Landschaft Eden, später heißt der Garten selbst „Eden".

„Eden" - wo liegt das denn? Im Osten. Wo sollten wir sonst die Anfänge des Lebens suchen als dort, wo die Sonne aufgeht?! Wo anders als im Blick nach Osten könnten wir feststellen, ob der Nacht ein Tag, dem Dunkel ein Licht folgt?! Gerade diese ungenaue Ortsangabe, diese Unbestimmtheit bewahrt den Überschuss, das noch Ausstehende. Kein Navi ließe sich einstellen auf ein Daseinsziel, einen Daseinssinn.

Wie der Garten für den Menschen ist der Mensch für den Garten gedacht und gemacht. Doch in ganz bestimmter Weise. Er wird durch die beiden Kulturströme Euphrat und Tigris (in der Zürcher Bibel Chiddekel) bewässert. Die sind dem Menschen zugänglich, sie machen sein Land, obschon unter Gefahren, fruchtbar. Zudem ist noch von zwei Urströmen die Rede, die dem Menschen un-zugänglich bleiben: Pischon, der „Entspringende", und Gichon, der „Aufbrodelnde". Wasserfluten, die hinter dem Horizont Unbekanntes, Neues bergen. So umfließt der Pischon das Goldland Chawila. Damit soll Mensch nicht zum Goldgräbertum aufgefordert, sondern ausgedrückt werden: Diese Welt enthält Potentiale, die über das hinausgehen, was uns in Raum und Zeit erreichbar ist. Sie stehen uns nicht einfach als ausbeutungsfähige Ressourcen zur Verfügung. Erst wenn wir um das Unverfügbare wissen und es achten, kann der Garten Gottes zu einem Garten des Menschlichen werden.

Gerade von diesem Unverfügbaren lebt die Menschheit. Als die Menschen, nun Frau und Mann, aus dem Garten entlassen werden, kommen sie nicht in eine leere Welt, sondern in einen Lebensraum, der in verborgener Weise von den Strömen des Urgartens fruchtbar gehalten wird.

Aber nicht erst dort, jenseits von Eden, ist der Mensch zum tätigen Leben bestimmt. ...damit er ihn bebaute und bewahrte. Schon im Garten Eden bittet der „große Gärtner" den „kleinen Gärtner" um seine Mitarbeit, um beides: weitergehende Gestaltung und hegende Erhaltung. Von Anfang an gehört zum Menschen die Arbeit. - Da war es ganz richtig, dass in der Bauphase unseres Kirchenzentrums der schwere Baukran genau dort stand, wo sich jetzt unser Garten, „Paradies" genannt, befindet. „Ich führe Sie jetzt ins Paradies!", habe ich Besuchern gesagt, und bin mit ihnen um den Baukran herumgegangen. -  Dabei stellt der biblische andere alte Schöpfungsmythen auf den Kopf. Denen zufolge sollen die fleißigen Menschen die faulen Götter entlasten. Doch in der Bibel ist der Mensch gerade nicht als Arbeitssklave für die Götter geschaffen, sondern um im tätigen Leben ein kreatives Selbst zu sein.

Martin Luther sagt treffend: „Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen." Darum ist die Welt solange in schlimmer Unordnung, solange das Menschenrecht auf Arbeit uneingelöst bleibt. Niemand darf von der Teilhabe an der Lebensgabe und den Lebensgaben ausgeschlossen werden! Wenn wir nicht bald Arbeit, Brot, Bildung für alle schaffen, bleibt uns die Axt an die Wurzel gelegt, mögen die Börsenkurse auch gen Himmel klettern!

Langsam beginne ich zu verstehen: Mit der Schöpfung ist ein weites Feld eröffnet für menschliches Wirken an der Güte und Schönheit der Welt. Im Garten hat der Mensch seinen Raum - durch den Menschen wird der Garten zum wirklichen Lebensraum. In diesem Sinn denkt die Bibel Menschsein fundamental mit Arbeit, wenngleich nicht durch Arbeit. Im tätigen Leben entfaltet, äußert sich unser Menschsein, Lebenssinn aber empfangen wir von jenseits unseres Handelns: aus der Gnade und Liebe Gottes, erfahrbar nicht zuletzt in der Annahme durch andere Menschen.

Diese Unterscheidung ist unaufgebbar. Sie findet sich im Kern schon in der „Garten-Eden-Erzählung", auf die ich jetzt ein letztes Mal zurückkomme. „Eden", das dürfte klar geworden sein, ist weder Lustgarten noch Traumland, also alles andere als ein „Paradies" nach Art von Urlaubsprospekten. Aber dort wachsen Bäume. Sie sind Anlass einer großen Freigabe. Wir Menschen verdächtigen Gott ja immer, uns klein halten zu wollen. Was sind wir doch für Kleingeister?! Zuallererst kommt nämlich die Erlaubnis: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen! Vorher schon wurde der Baum des Lebens, der erste von zwei Bäumen im Lebensgarten, so beschrieben, dass er ganz für den Menschen da ist und Lust aufs Leben macht.

Warum aber soll der Baum der Erkenntnis von Gut und Schlecht - so wäre „Böse" treffender übersetzt - bleiben wie er ist? Weil im tätigen Leben der Mensch seine Freiheit verliert an die bloße Nützlichkeit seines Tuns. Zur Freiheit des Handelns gehört die Freiheit des Lassens. Und die Freiheit, die Freigabe der Lebensgaben ereignet sich schon im Garten Eden.

Gut und Schlecht sind hier keine moralischen Begriffe. Schließlich geht es um das, was aller Moral vorausliegt, um die grundlegende Seinsbeschaffenheit, um die elementarsten Lebensbedingungen. Da kann kein Mensch, will er Mensch bleiben, Gott selbst sein wollen. Denn mit dem ganzen Wissen - das ist mit Gut und Schlecht gemeint: was zu wissen überhaupt möglich ist, die ganze Spannbreite möglicher Kenntnisse und möglichen Könnens - hätte der Mensch auch die ganze Verantwortung. Mit dieser geradezu galaktischen Aufgabe wäre die Menschheit heillos überfordert. Solche Unermesslichkeit ließe sie in Maßlosigkeit verkommen. Sie führte nur zu dem, was niemand wirklich wollen kann: Ein Mensch setzte sich an die Stelle Gottes und würde damit zum Übermenschen, also zum Unmenschen. Wir haben es erlebt, besonders in der deutschen Geschichte, gegen ganz Europa, gegen Millionen Menschen jüdischen Glaubens.

Und wie unglücklich bliebe ich, müsste ich selbst der Garant meines Lebensglücks sein?!

Grenzziehung macht Freiheit erst möglich. Zumal im Blick auf unser Weltwissen. Unser Wissen - und hoffentlich auch Können - wird weiter wachsen, vor allem, wie ich hoffe, in der Medizin. Doch werden wir jemals über ein wissendes Nichtwissen hinauskommen? Allein eine Haltung wissenden Nichtwissens könnte uns aus der Falle des Absolutheits-, des Perfektions-, ich sage: des Gotteswahns, befreien - und damit zur Humanität!

Nehmen wir also die Haltung eines wissenden Nichtwissens ein!

Der Mensch wird seine Grenzen immer wieder überschreiten. Doch es wäre ein fundamentaler Irrtum, im "Fortschritt" schon seine Größe, seine Humanität festmachen zu wollen. Das ist mir wieder deutlich geworden durch den neuen Roman "Die Prozedur" des niederländischen Autors Harry Mulisch. Darin nimmt er - keineswegs im ungebrochen christlichen Verständnis - mehrfach Bezug auf den biblischen Mythos von der Erschaffung des Menschen. Er erzählt fiktiv - man achte auf den Namen! - von Viktor Werker, der als der Molekularbiologe seiner Zeit an-organischem Material eine organische Existenz gegeben, gleichsam toter Materie Leben eingehaucht hat. Auf den Nobelpreis wartend, findet er freilich keine Wege und Mittel, den vorgeburtlichen Tod seiner Tochter zu verhindern. Seine Liebe scheitert und bald sein Leben.

An dieser Stelle mache ich einfach einen Gedankenstrich - und komme zum Schluss: Christen sind seltsame Leute, leicht ver-rückt. Sie blicken aufs Ende - sogleich schauen sie einen neuen Anfang. Schon die Bibel endet wie sie begonnen hat: mit dem Bild vom Garten, genauer: vom Neuen Jerusalem als Gartenstadt Gottes. Wer in der Johannesoffenbarung, Kapitel 22, nachliest, findet dort das Modell für das Neubaugebiet Kronsberg. Denkt nur an die Wasserläufe mit den Büschen und den Bäumen daran. Das Neue Jerusalem, die Gartenstadt Gottes, ist ja auch seit dem beginnenden Mittelalter das Urmeter der europäischen Architektur und Landschaftsgestaltung.

Wie lautet also die Botschaft? Im Ende - der Anfang. Selbst dann noch, wenn Erdling wieder zu Staub vertrocknet und unsere Galaxie verglüht. Nach dem Ende wird ein neuer Kosmos entstehen.

Und der Baum des Lebens? Er steht immer noch da: jenseits von Eden, aus unserer Kraft zwar unerreichbar, doch als Hoffnungszeichen leuchtet er zu uns herüber. Auch als Zeichen für unsere Menschwerdung, die geschehen ist und immer neu geschehen muss. Die Genesis ist stets auch vor uns! Ich sehe den Baum des Lebens im Kreuz auf Golgatha: das Zeichen dafür, wie Gott auch in Leid und Schuld, ja, selbst im Tod nicht verlorengeht, wer ihm im Leben gehört. Am Ende, heißt das, geht es gut aus.

Darum, ihr Erdenstaub im Gottesglanz, lasst uns unsere ganze Kraft darangeben, wachsen zu lassen, was Menschen brauchen: Brot und Wein, Vertrauen und Verzeihen.

Darum lasst uns in der Stunde des Abschieds ganz tief durchatmen - - - Lebensatem strömt in uns hinein und heraus. Gotteshauch, kraft dessen wir einen Freudengesang anstimmen, ein Danklied, ein Bekenntnis zum dreieinigen Gott, zu Glaube, Hoffnung und Liebe. Amen

Anmerkung: Die Predigt zu 1. Mose 2,4b-17 habe ich bereits am 24.08.2008 um 18.00 Uhr in der Abendkirche im Ev. Kirchenzentrum Kronsberg gehalten zu meiner Verabschiedung nach neunjähriger Tätigkeit im Gemeindeaufbau im zur EXPO 2000 nach neueren ökologischen Standards und Grundsätzen sozialer Kommunikation errichteten Modellstadtteil Kronsberg im Südosten Hannovers (7.000 Bewohner, davon etwa 2.000 evangelischen Glaubens, Durchschnittsalter: 33,5 J.). Die Architektur des Ev. Kirchenzentrums Kronsberg (Sozial-, Behinderten-, Eigentumswohnungen verbunden mit einer Kirche) folgt der Idee eines modernen, von allen Seiten zugänglichen Klosters, hat also auch einen „Kreuzgang" und ein „Paradies". Das Gemeindekonzept entspricht einer „Citykirche am Stadtrand" mit neuen Gottesdienstzeiten, neuen Liturgien und anderen neueren Formen kirchlicher Arbeit.

Im Gottesdienst wurden - neben musikalischen Beiträgen von Klassik bis Gospel, Sologesang und Instrumentalmusik - von der Gemeinde u. a. folgende Lieder gesungen: „Halleluja! Pelotsarona..." (Lebensweisen. Lieder zum Kirchentag 2005, Nr. 38), „Du meine Seele, singe..." (EG 302), „Ich glaube, Gott schuf diese Erde..." (Mel.: EG 330, Text: Ulrich Tietze: Ich brauche dich, mein Gott, als Quelle, München 2006, Nr. 23 - ein neues Credo), „Kommt mit Gaben und Lobgesang..." (EG 229), „Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen..." (EG 272).

Viele Anregungen und manche Formulierungen verdanke ich folgender Literatur:

Thomas Assheuer in: DIE ZEIT v. 31.07.2008, S. 44. (Würdigung von Johann Baptist Metz); Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 2006; Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, 3. Bd., Frankfurt a. M. 1959 (Schlusskapitel); Ruthild Depke: Predigtmeditation zum 15. Sonntag nach Trinitatis (8.9.2002), GPM 56, S. 401-408 (mit originellem Ansatz und Angabe besonders viel anregender Literatur!); Walter Klaiber: Schöpfung - Urgeschichte und Gegenwart, Göttingen 2005; Georg Lämmlin: Lesepredigt zum 15. Sonntag nach Trinitatis, in: Er ist unser Friede, Textreihe VI/2, Leipzig 2008, S. 113-119 (sehr lesenswert); Jürgen Moltmann: Im Ende - der Anfang. Eine kleine Hoffnungslehre; Harry Mulisch: Die Prozedur. Roman, rororo 22710, 5. Aufl., Reinbek b. Hamburg 2007; Michael J. Sandel: Plädoyer gegen die Perfektion. Ethik im Zeitalter der genetischen Technik. Mit einem Vorwort von Jürgen Habermas, Berlin 2008; Horst Seebass: Urgeschichte - Genesis 1,1 bis 11,26, Neukirchen 1996; Wolfgang Schoberth: Auch jenseits von Eden Erde vom Acker und Odem des Lebens - 1. Mose 2,4b-9(10-14)15, GPM 62, S. 387-392;

Da m. E. die Verse 16 und 17 unmittelbar mit Vers 15 zusammenhängen und an dieser Stelle viele Missverständnisse bestehen (Gott als der Verbietende), habe ich diese Verse mit einbezogen.



Pastor Hans Joachim Schliep
Hannover
E-Mail: Hans-Joachim.Schliep@evlka.de

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