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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

15. Sonntag nach Trinitatis, 31.08.2008

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 2:4b-9.15, verfasst von Christoph Ernst

Die Gnade Gottes, unseres Schöpfers und Erhalters, sei mit uns allen. Amen

I.

Liebe Gemeinde, Klimawandel ‑ kein Tag vergeht heute, an dem wir diesem Wort nicht begegnen. Das sich verändernde Weltklima, die Klimakatastrophe - das Thema hat inzwischen sogar Nordamerika und seine Wahlkämpfe erreicht. Auch hierzulande ist es inzwischen nirgends mehr chic oder cool, einen Hummer zu fahren, mit dem man an jeder Straßenecke tanken muss.

Wenn wir den Naturwissenschaftlern glauben, dann lässt sich die globale Katastrophe nicht vorstellbaren Ausmaßes kaum aufhalten. „CO2" - Kohlendioxid, das unscheinbare, unsichtbare Klima-Killer-Gas, wird schon morgen in unserem „Treibhaus Erde" dafür sorgen, dass sich die Fenster nicht mehr öffnen lassen. Die Klimafalle schnappt zu und der Angstschweiß treibt uns um, vor allem wegen unserer Kinder und wegen der immer häufiger über uns hereinbrechenden Naturkatastrophen.

Früher belächelten viele die Öko-Freaks, die auf ihren alten, runden VW-Bussen große Stickers verteilten mit Sätzen wie: „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt!" oder: „Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss verschmutzt und der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann."

Heute weiß man das auch bei BMW, und die berühmt-berüchtigte „Freude am Fahren" ist inzwischen vielen gründlich vergangen.

Liebe Gemeinde, ich gestehe, dass ich es bis letzte Woche nicht gewusst habe. Aber ich habe jetzt mal nachgerechnet: allein mit Auto, Heizung und Stromverbrauch produziert unsere Familie trotz aller Bemühungen um Sparsamkeit pro Jahr etwa 20 Tonnen Kohlendioxid. Ja, Tonnen! Und ich vermute, Ihre Ökobilanz wird nicht viel positiver ausfallen...

Die Klimafalle ist auch eine Lebensfalle - ganz entkommen können wir ihr einfach nicht, so sehr wir uns auch mühen. Sollten wir deshalb schweigend und schulterzuckend aus dem Fenster starren ‑ und hoffen, dass der Orkan und die Sintflut, die gerade über uns niedergehen, bald nachlassen?

Doch: den Kopf abwenden hilft nicht viel, denn irgendwo trifft unser Blick wieder auf eine Wanduhr, die auf fünf nach zwölf zeigt...

 

II.

Liebe Gemeinde, gibt es angesichts des Unausweichlichen noch Hoffnung? Ich weiß es nicht. Vielleicht kann es wenigstens tröstend oder gar bewegend sein, ins Bücherregal zu greifen, die ein wenig angestaubte Bibel herauszunehmen und einigen der schönen poetischen Texte aus dem Alten Testament nachzusinnen. Texte, die vor Jahrtausenden schon eine Antwort auf die ursprüngliche Bestimmung der Welt versucht haben: wie das wohl alles einmal angefangen haben mag; wie alles geworden ist, was ist; und schließlich, was meine Bestimmung inmitten all dessen sein mag.

Wenn ich diese alten Passagen mir wieder neu vergegenwärtige, wenn ihre Poesie mich innerlich erwärmt, dann kann sich meine Seele am Ende doch noch erfreuen, trotz allem, auch wenn die Klimakatastrophe vor meiner Haustür tobt. Erfreuen daran, dass die Menschheit seit Urzeiten so wundervolle und mythisch-verklärende Geschichten über den Anfang erzählt hat. Und in dieses herzerwärmende Gefühl hinein erwacht dann auch in mir die Frage, wo ich, heute, von „der Schöpfung" berührt werde...

Wohltuend anders als in den allgegenwärtigen Schreckensmeldungen lese ich hier nicht vom Ende, sondern vom Neubeginn, von der ursprünglich-göttlichen Bestimmung all dessen, was geschaffen wurde - zu der Zeit nämlich, da Gott der Herr Erde und Himmel machte...

Und allerlei Bäume auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und allerlei Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und es war kein Mensch, der das Land baute.

Aber ein Nebel ging auf von der Erde und feuchtete alles Land. Und Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und er blies ihm den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele. Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Morgen und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, lustig anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, daß er ihn baute und bewahrte.

(1. Mose 2, 4b-9.15, Übersetzung aus: W. Jens (Hg.), Assoziationen Bd. VI, Stuttgart 1983, 189)

 

III.

Liebe Gemeinde, das also soll das Paradies sein, als solches ist es uns zumindest bekannt geworden. Aber was ist das, das Paradies? Eine unrealistische Weltdeutung, der wir allenfalls in unseren traurigen, melancholischen Stunden nachhängen? Ein schöner Traum, der sich durch die Menschheitsgeschichte hindurch träumt?

Ich sehe ein Gemälde, das ein begabter Maler vor meinen Augen entstehen lässt. Schaumalen. ‑ Lassen Sie uns noch einmal genauer hinsehen, was der Schöpfer dieses Bildes hier vollbringt...

Zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte... Die weiße Leinwand ist aufgespannt. Die ersten groben Striche mit breitem Pinsel: Erde und Himmel werden so geschaffen. Zu der Zeit eben, als Gott der Herr und Maler Erde und Himmel machte.

Sonst ist noch nichts da, denn der Schöpfermaler hatte noch nicht regnen lassen. Also Feuchtigkeit dazu - Nebelschwaden steigen auf und trennen Himmel und Erde (Caspar David Friedrich hätte fast schon seinen Meister gefunden...).

Nebelfeuchte Erde - der Schöpfermaler formt einen Menschen daraus. Der Mensch, Adam - nichts als Wasser und Staub, gemacht aus Adama (Erde). Der menschliche Körper ‑ Materie pur. Grau-brauner Umriss auf grau-braunem Grund: Erde und Mensch, verschmolzen, kaum zu unterscheiden.

Dass der Mensch zum lebendigen Menschen wird, verdankt er dem lebenschaffenden Atem Gottes. Jetzt erst, mit göttlichem Atem beseelt, hebt sich der Umriss des Menschen von der Erde ab. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.

Der nackte, beseelte Mensch auf der nackten Erde - hier hält der Maler plötzlich inne. Ging das vielleicht doch ein bisschen schnell? Müsste hier noch nachgebessert werden...?

Da pflanzt er einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzt sein Geschöpf, den Menschen, mitten hinein.

Das Paradies - eine Baustelle. Erst langsam wächst etwas, eher zögerlich verschafft Gott, der Herr, seinem Geschöpf die Lebensgrundlagen. Das Bild gewinnt an Farbe, vor allem an Grün, und so wächst sich der Garten in Eden, wenngleich zögerlich, zum Garten Eden aus, zum Paradies. Mit Lebensbaum in der Mitte, und mit dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gleich daneben.

Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn baute und bewahrte.

 

IV.

Liebe Gemeinde, so traurig es ist: diesen paradiesischen Garten hat es nie gegeben. Wir Menschen sehnen uns wohl nach dem Paradies, wir träumen auch vom ursprünglich Reinen und Vollkommenen, aber was dieses Leben für uns bereit hält, ist diese Erde, so wie sie nun einmal ist. Mit Umweltzerstörung, mit Kriegen, mit Klimakatastrophe. Das ist die Spannung, in der wir Menschen seit Urzeiten leben.

Und weil unsere Realität unsere Sehnsüchte nicht einzulösen vermag, versuchen wir ihr zu entfliehen. Ins Hollywood-Kino zum Beispiel oder ins Musical. Wir wollen das Leben absichtlich so sehen, wie es nicht ist. Wir wollen uns ins Paradies verführen lassen. Oder in die Südsee...

Der exzentrische und erfolglose Maler Paul Gauguin macht sich 1891 auf den Weg in die Südsee nach Tahiti, weil er sich dort, anders als in Paris, das ursprüngliche, einfache und glückliche Leben erhofft ‑ ein exotisches, sorgenfreies Paradies. Natürlich findet auch Gauguin dieses Paradies nicht. Er wird vielmehr schmerzhaft daran erinnert, dass auch sein Bild vom Paradies nichts als Illusion, nichts als Sehnsucht ist. Und er kehrt nach Frankreich zurück.

Bei seinem zweiten Aufenthalt auf Tahiti entsteht dann 1897 eines seiner aussagekräftigsten Gemälde, das Sie vorn auf Ihrem Bulletin sehen können. Es heißt: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (http://de.encarta.msn.com/media_102618817/Paul_Gauguin_Woher_kommen_wir_Wer_sind_wir_Wohin_gehen_wir_.html)

 

Gauguin zeichnet hier einen weiten Lebensbogen: von rechts nach links sieht man das Leben einer Maori-Frau von der Geburt (Woher kommen wir?) bis zum Tod (Wohin gehen wir) - all das ereignet sich im Paradies. In der Mitte des Bildes und des Lebens (Wer sind wir?) greift die Frau senkrecht nach oben in den Baum der Erkenntnis und pflückt eine exotische Frucht, sie greift nach Erkenntnis, fast schon nach den Sternen. Diese Frau leuchtet heller als ihre Umgebung, so als wollte Gauguin hier sagen: unser Streben nach Erkenntnis ist doch etwas Positives, etwas Lebensbejahendes!

Vielleicht hilft diese Erkenntnis sogar, nicht nur zu bauen, sondern auch zu bewahren?

Nicht für Gauguin selbst. Er unternimmt kurz nach Vollendung dieses Gemäldes einen Selbstmordversuch. Gauguin überlebt zwar, doch das exotische Paradies scheint auch ihm jetzt endgültig verloren. Als er sechs Jahre später in den Tropen stirbt, ist das letzte Bild auf seiner Staffelei ausgerechnet eine Winterlandschaft in der Bretagne. Das Paradies - der Ort, an dem wir gerade nicht sind und nach dem wir uns darum sehnen.

Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn baute und bewahrte.

Liebe Gemeinde, trotz aller Sehnsüchte wissen wir, dass ein Paradies unerreichbar ist und bestenfalls in unseren Träumen und im Kino existiert. Vielleicht, weil ein Paradies einfach nicht menschengerecht ist. Denn Adam und seine Gehilfin haben ganz bewusst von den äußerst schmackhaften Früchten der Erkenntnis... ‑ zuerst genascht, dann gegessen, schließlich sind sie nach ihnen süchtig geworden. Und werden konsequenterweise mit ihrem Forscherdrang von Gott in die Welt entlassen: Geht jetzt, baut und bewahrt!

Als beim ersten Mal alles schief geht und Gott das Rad der Geschichte mit der Sintflut zurückdreht, als er die Menschen noch einmal fast ganz von vorn anfangen lässt, schenkt er ihnen noch weit mehr als nur die blanke Erde: sein Versprechen „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernste, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht."

Liebe Gemeinde, auch wenn es das Paradies nicht gibt - auf dieses Versprechen der Bewahrung möchte ich weiterhin vertrauen und mich gegen alle Hoffnungslosigkeit und gegen alle harten Fakten für die Zukunft der Erde engagieren. Denn die Hoffnung stirbt auch mir zuletzt, und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute gern noch ein paar Apfelbäumchen pflanzen. Und vielleicht gelingt es ja, die Klima-Uhr doch noch um 10 Minuten zurückzudrehen.

Amen



Pfarrer Christoph Ernst
Martin-Luther-Gemeinde Ottawa, Kanada
www.glco.org
E-Mail: pfarrer.ernst@sympatico.ca

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