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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

19. Sonntag nach Trinitatis, 28.09.2008

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 34:4-10, verfasst von J.-Stephan Lorenz

         4 Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und       stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der       HERR geboten hatte, und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand.

         5 Da kam der HERR hernieder in einer Wolke, und Mose trat daselbst zu          ihm und rief den Namen des HERRN an.

         6 Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus:      HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue,

         7 der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung    und Sünde, aber ungestraft läßt er niemand, sondern sucht die Missetat           der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte        Glied!

         8 Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an

         9 und sprach: Hab ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so     gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und    vergib uns unsere Missetat und Sünde und laß uns dein Erbbesitz sein.

         10 Und der HERR sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen: Vor       deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in       allen Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen     Mitte du bist, soll des HERRN Werk sehen; denn wunderbar wird sein,     was ich an dir tun werde.

Diese Geschichte steht im Alten Testament, aber als  Predigttext  steht sie am heutigen 19. Sonntag nach Trinitatis neben den anderen Texten, die wir heute im Gottesdienst gehört haben. Und daraus bezieht sie ihre besondere Bedeutung.

Schon von Anfang an ist in christlichen Gottesdiensten immer ein Psalm gelesen worden, dann eine Schriftlesung aus dem Alten Testament, eine Lesung aus dem Evangelium und eine Lesung aus den Episteln. Alle diese Schriftstelen zusammen, die gelesen werden, sind nicht zufällig zusammengestellt, sondern ergeben einen inneren Sinn. Sie behandeln nämlich eine Lebensfrage. Und das wiederholen wir jedes Jahr. Wir Christen machen das nicht, weil wir zu dumm sind oder zu langweilig, sondern weil die Texte eines Sonntages in ihrer Gesamtheit immer eine ganz bestimmte Lebensfrage stellen und zu deren Beantwortung beitragen wollen. Es geht hier um Lebensfragen,  die die Menschen seit Urzeiten beschäftigen und auf die jede Generation von Menschen, aber auch jeder Einzelne von uns immer wieder neue Antworten aus dem Glauben finden muss. Denn unser Glaube will uns ja dabei helfen, dass wir unser Leben heilsam führen können.

Worum geht es also an diesem heutigen Sonntag, dem 19. nach dem Trinitatisfest?

Der Psalm ist es oft, der die Lebensfrage formuliert, dort lesen wir:
Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist!
(Psalm 33)

Es geht also an diesem Sonntag um die Vergebung. Es geht darum, ob wir unser Leben im Verschweigen, Verschmachten, in täglichen Klagen oder in  Angst verbringen wollen oder ob wir fröhlich sein können im Leben und ob uns Güte umfängt - wie es der Psalm sagt, ob wir unser Leben im Jauchzen, in der Freude über Gott Gnade leben können.

Dazu ist es offensichtlich ganz wichtig, wie wir Menschen uns Gott vorstellen. Welche Bilder wir von Gott in unserem Kopf haben. Und hier spielt der Predigttext aus dem Alten Testament, die wir gerade gehört haben eine wichtige Rolle.

Viele Texte im Alten Testament sind Geschichten, die die Auseinadersetzung der Menschen mit einem sich vielleicht in der Not automatisch einstellenden Gottesbild erzählen, das aber doch archaisch anmutet. Solche Gottesvorstellung findet sich noch heute immer wieder in den Köpfen und Herzen der Menschen und verbreiten dort Angst und Schrecken.

Eine solch archaische Gottesvorstellung formuliert Moses hier am Berg Sinai, wenn die Geschichte erzählt:

        

          Gott lässt niemand ungestraft, sondern sucht die Missetat der Väter        heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!

Ich denke, diese Worte spiegeln ohne Zweifel das Denken und Fühlen von vielen Menschen durch alle Generationen wieder. Mir begegnet sie öfters, wenn ich mit Menschen in meinem Krankenhaus spreche und sie nach einem Sinn, einer Bedeutung für das suchen, was ihnen geschehen ist. Sie fühlen sich von Gott bestraft, ja nicht nur sie selber, sondern auch noch ihre Kinder und Kindeskinder.

Ich verstehe das Gebet des Mose in der Geschichte so, dass er Gott fragt, ob er wirklich so - als strafender rachsüchtiger verfolgender Gott - von seinen Menschen verstanden und gesehen werden will. Die Geschichte erzählt, wie Gott sich die Vorstellungen und Phantasien über ihn anhört, ja sieht, wie sich Moses vor ihm in den Staub wirft. Doch am Ende der Geschichte  sagt Gott dem Moses, wie er wirklich ist, wenn die Geschichte erzählt:

         Ich will einen Bund mit meinen Menschen schließen: Vor allen meinen     Menschen will ich     Wunder tun, wie sie noch keiner gesehen hat! Und alle          Menschen  sollen mein Werk sehen. Ja, und  wunderbar wird sein, was ich     an ihnen tun werde!

Darauf läuft diese ganze Geschichte hinaus: kein strafender Gott, sondern ein Gott, der einen Bund mit diesen Menschen schließt, die sich immer wieder in Angst und Schuld verstricken, weil sie sich falsche Bilder über Gott und sich selbst machen.  Das, was wir jetzt verstanden haben,  hört sich doch ganz anders an!

Ich will einen Bund mit meinen Menschen schließen: Vor allen meinen     Menschen will ich     Wunder tun, wie sie noch keiner gesehen hat! Und alle          Menschen  sollen mein Werk sehen. Ja, und  wunderbar wird sein, was ich     an ihnen tun werde!

Aber, was ist denn das Wunder, das das Alte Testament hier ankündigt?

Für uns Christen ist eine Antwort darauf: wir sehen Gottes Wunder in Jesus Christus. Dass er zu uns auf diese Welt gekommen  ist, mit uns gelebt und gelitten hat, und dass er für uns am Kreuz gestorben ist und auferstanden am dritten Tage, und uns das ewige Leben gebracht hat,  das ist das Wunder Gottes, das für uns Christen  in der Sinaigeschichte angekündigt und in Jesus Christi sich ereignet hat.

Und damit sind wir bei der Geschichte aus dem Evangelium des Markus, die wir als Lesung gerade gehört haben.  Dort wird beschrieben, wie die Menschen dieses Wunder Gottes erlebt haben. Erinnern  wir  uns!

Jesus ist in Kapernaum und viele Menschen sind zu ihm gekommen, um ihn zu hören, mit ihm zu sprechen, ihn zu sehen. Und dann kommen vier Leute und bringen einen gelähmten Menschen und weil sie die Menge nicht durchlässt, steigen sie aufs Dach des Hauses, decken das Dach ab und lassen die Trage mit dem Kranken zu Jesus herab. Jesus - so die Geschichte - sieht ihren Glauben und spricht zu dem Gelähmten: deine Sünden sind dir vergeben.

Es geht - wie schon gesagt - um die Vergebung. Es geht darum, wie wir der Lähmung unserer Seele, ja unserer ganzen Existenz entkommen können. Denn der Gelähmte ist ein Bild, mit Worten gemalt, das genau das meint. Die Starre des Leibes beschreibt die Unbeweglichkeit der Seele, die Angst vor dem Leben, der bedrückenden Schuldvorstellungen, die uns quälen können und er Flucht aus der Verantwortung für unser Leben. Es geht um die Erkrankung unserer ganzen Existenz, wenn sie entsteht, weil wir falsche Bilder  über Gott und uns selbst im Kopf haben.

Die Hilfeleistung der Träger ist in diesem  Bild wie ein Gebet. Und jedes Gebet, das wir beten, läuft schließlich darauf hinaus, dass 2 x 2 nicht  gleich 4 sein möge, dass sich unsere schrecklich falschen Vorstellungen doch nicht durchsetzen mögen!  Gebete, das wissen wir, können Hindernisse forträumen, so dass das Heil seinen Lauf nehmen kann.

Jesus, so erzählt diese Geschichte sieht diesen Glauben, das Gebet der Menschen und spricht den in seiner ganzen Existenz gelähmten Menschen frei.

Dabei wird von dem Gelähmten kein Geständnis, keine Beichte abverlangt, es wird nicht erzählt, dass er seine Sünden erforscht oder sie bereut hat. Nichts davon wird erzählt.  Ihm werden ganz einfach seine Sünden vergeben.  So wie sich in der alttestamentlichen Geschichte Gott ganz ruhig den Moses angehört hat und ihm dann seine Wirklichkeit erzählt und wirksam werden lässt.

Die alttestamentliche Geschichte und die Geschichte aus dem Markusevangelium schaffen damit einen Raum, indem ein Mensch nicht zensiert wird, in dem einer vorbehaltlos angenommen ist.

Diese Geschichten  schaffen für alle Menschen diesen Freiraum, und bilden überhaupt erst die Grundlange dafür, dass sich ein Mensch mit dem, was sein eigenes Leben zur Hölle macht, überhaupt erst einmal auseinandersetzen kann.

Ja, dieser Freiraum bietet zu allererst die Möglichkeit, sich mit seiner Schuld zu beschäftigen. Dieser totale Freiraum und Freispruch bereitet den Grund dafür, dass man sich selber wahr und aufrichtig gegenübertreten vermag und ein anderes Leben führen kann. Das können wir nur tun, wenn wir glauben können, dass Gott sich mit uns so verbünden will, wie er es in Jesus Christus gezeigt hat.

Das macht auch noch einmal die Anrede deutlich. Jesus redet den Gelähmten mit „mein Kind" an. Das heißt nämlich nicht, dass wir Menschen vor Gott klein gemacht werden, sondern Jesus will hier deutlich machen, dass er zu uns Menschen steht, wie ein guter Vater, eine fürsorgende Mutter zu ihren Kindern.

Weil denke ich, erst mit dieser Vorstellung, dass Gott wie Vater/Mutter mir zu Seite steht, mein Verbündeter in den Widrigkeiten und Wirrungen meines Lebens ist, nur so seine Vergebung wirklich akzeptiert werden kann. So fangen wir an zu glauben: Meine Sünden sind mir vergeben.

Was aber heißt denn Vergebung?

In der hebräischen Sprache, bzw der aramäischen, die Moses und Jesus gesprochen haben gibt es gar kein Wort dafür. Das hebräische Wort dafür bedeute nämlich einfach das Angebot des Mittragens, der Ertragens. Und dann hieße Vergebung: Ich, dein Gott, dein Verbündeter,  will mittragen, will ertragen, was dein Leben zur Hölle macht, was deine ganze Existenz zerstören will, will die Schuld tragen, unter der du zusammenbrichst. Das ist das Bündnisangebot Gottes, das wir aus Jesu Mund für uns heute hören.

Dieses Angebot des Mittragens, des Ertragens, dieser Freispruch, dieser Freiraum, den Moses und Jesus für alle Menschen eröffnen, wirkt  ja wie ein Blancoschek.   Und es kommen Fragen und Argument dagegen.

In der Markusgeschichte sind das die Schriftgelehrten. Die wollen Moses gegen Jesus ausspielen und sagen: Es gibt doch das Gesetzbuch Mose, in dem steht, was Gott vom Menschen verlangt und wir Menschen - besonders die Vertreter der Religion - müssen doch prüfen, ob und wie wir es einhalten! Und erst dann... Hier melden sich die Vertreter einer archaischen Vorstellung von Gott, die aber schon Mose  überwinden wollte.

Dieser archaischen Vernichtungs- und Strafangst hält Jesus seine Autorität als Menschensohn entgegen. Wobei das Wort Menschensohn im hebräischen zwei Bedeutungen hat. Es meint einmal den armseligen, ohnmächtigen Menschen in seiner ganzen Kreatürlichkeit, Ohnmacht und seinem Ausgeliefertsein im Leben. Und als zweites meint es den zukünftigen Messias, den Erlöser. 

Und wenn Jesus hier vom Menschensohn spricht, der die archaischen Vorstellungen von Gott ein für allemal überwindet, dann meint er damit auch, dass alle Menschen, die an ihn glauben, über die Macht verfügen, im Namen Gottes andere Menschen von Angst und Schuld zu befreien.  Einem Jeden Menschen ist die Fähigkeit anvertraut, durch sein Verstehen und seine Weitherzigkeit einen Raum zu öffnen, in den ein anderer eintreten kann, um Zutrauen und Vertrauen in seine Leben (zurückzu)gewinnen.

Es ist dieses Mittragen, dieses Ertragen, dieses Sich-Vertragen, dieses sich verbünden, dass einen Menschen befähigt, sein lahmen Glieder, seine verängstigte Seele wieder zu bewegen; das Menschen  befähigt, einen eigenen Standpunkt zu bekommen, seinen Lebensmut wieder zu finden und aufrecht durchs Leben zu gehen.

 

Und, wer diese Güte und Gnade Gottes in seinem Leben immer wieder  und immer mehr glauben kann, der kann dann gar nicht sich anders verhalten, als wir es im Epheserbrief gehört haben. Wer Gottes an Gottes vorbehaltlose Vergebung glaubt, der wird

·        den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der ihn zugrunde richtet ablegen können

·        seinen Geist und Sinn erneuern und den neuen Menschen an ziehen in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

·        die Lüge ablegen  und die Wahrheit reden

·        die Sonne nicht über seinen Zorn untergehen lassen und  dem Teufel keinen Raum geben

·        nicht mehr stehlen, sondern arbeiten  und mit eigenen Händen das nötige Gut schaffen, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.

·        kein faules Geschwätz daherquatsachen, sondern das reden,  was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.

·        den heiligen Geist Gottes nicht mehr betrüben.

·        alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung samt aller Bosheit ablegen können wie ein verschlissenes Kleid

·        zu allen Menschen  freundlich und herzlich und  vergeben können

 

Weil er eben weiß und sich dessen gewiss ist: auch Gott hat mir schon lange vergeben hat in Christus.

 

Gottes Heiliger Geist befestige diese Wort in euren Herzen, damit ihr das nicht nur gehört, sondern auch im Alltag erfahrt, auf daß euer Glaube zunehme und ihr endlich selig werdet, durch Jesum Christum unseren Herrn. Amen

 



Pastor J.-Stephan Lorenz
Rinteln
E-Mail: johannstephanlorenz@t-online.de

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