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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

19. Sonntag nach Trinitatis, 28.09.2008

Predigt zu Jesaja 58:11b - ?Kürbispredigt", verfasst von Reinhard Pappai

„Kürbispredigt" - Jes. 58, 11b Erntedank

(auf der Kanzel liegen ein großer Kürbis und kleine Zierkürbisse)

Du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

 

Auf der Bestsellerliste der Sachbücher nimmt seit vielen Monaten Schotts Sammelsurium einen vorderen Platz ein. Es ist eine wunderbare Sammlung von ganz verschiedenen Informationen. Auf einer Seite ist das längste Wort der Welt abgedruckt: Es ist ein medizinischer Begriff, er hat 1184 Buchstaben. Ein Zungenbrecher ist gar nichts dagegen. Mir reicht es schon, wenn ich im Urlaub bin und versuche, ein paar Worte in der Landessprache auszusprechen. Trotzdem enthält Schott Sammelsurium nicht das aller schwerste Wort. Kennen Sie es? Das schwerste Wort? Für viele ist es das Wort - danke. O, das kommt manchmal schwer über die Lippen. Danke. Wer dankt, erkennt an, dass er einem anderen verpflichtet ist. Wer dankt, hat immer ein Gegenüber im Blick. Wer dankt, gibt etwas zurück, und wenn es nur ein Gruß ist. Entweder mit Worten, oder mit einem Handzeichen, früher durch Verbeugen oder gar durch Abnehmen des Hutes. Aber das ist lange her. Selbst wenn man etwas ablehnte, sagte man früher höflich: nein, danke.

 

Heute fällt es vielen Menschen schwer zu danken. Vieles ist selbstverständlich geworden, was ich habe und bekomme, ist mein gutes Recht. Da bin ich keinem einen Dank schuldig. Doch wer nicht dankt, vergisst ganz einfach, dass vieles im Leben ein Geschenk ist.

 

Wir feiern Erntedank, weil wir uns daran erinnern, wem wir unser Leben mit all seinen Gaben verdanken. Wir wollen nicht vergessen: Alle gute Gabe, kommt her, von Gott, dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihn, dankt, und hofft auf ihn.

Die meisten Menschen in der Stadt erleben nicht mehr unmittelbar, wie Lebensmittel angebaut und geerntet werden. In den wenigsten Gärten wird noch Gemüse produziert wie zu DDR-Zeiten. Aus vielen Vorgärten sind Parkplätze geworden. Ich freue mich immer, wenn der Platz wenigstens für Blumen reicht. Und weil in der Stadt wenig angebaut wird, fällt der Ernteschmuck in der Kirche eher bescheiden aus. Dekorativ freilich sind Kürbisse. Die machen wirklich etwas her. Die sind unübersehbar. In der Zeit der 68er hat jemand ein Spottlied über den Kürbis zum Erntedank gedichtet. Die erste Strophe lautete:

"Volkswagen vor der Türe, ein Konto auf der Bank. Ich spende einen Kürbis und feiere Erntedank.
Nein, ich will mich heute nicht über den Kürbis zum Erntedank lustig machen. Ich will vielmehr versuchen, ihn zum Symbol für den Glauben werden zu lassen.

 

Zunächst gehe ich noch einmal sechzig Jahre zurück. In Deutschland war nach dem 2.WK vieles zerstört. Nur langsam kam die Wirtschaft wieder in Gang. In der sowjetisch besetzten Zone erschwerten die Reparationsleistungen den Wiederaufbau. In der englisch besetzten Zone hatte man sich etwas anderes ausgedacht. Alle deutschen Waren mussten ein Kennzeichen tragen - das „Made in Germany", wie wir als Kinder sagten. Die Engländer erhofften sich damit, dass die deutschen Waren nicht so sehr gekauft würden. Es war wie eine zusätzliche Strafe. Doch die Strafe wurde zum Gegenteil, zum Markenzeichen. Gerade diese Waren wurden gekauft, weil man deutsche Wertarbeit schätzte.

 

 

Nun zurück zu diesem Kürbis. Trägt der auch so ein Markenzeichen? Und wie ist es mit den Äpfeln und den Birnen, den Gurken und anderen Früchten? Welches Markenzeichen tragen sie? Sie sind alle gestempelt. Mit unsichtbarer Farbe. Und man benötigt ein dankbares und gläubiges Herz, um das Markenzeichen zu erkennen: Wisst Ihr, was drauf steht?

„Made by God". Gemacht von Gott. Und auch hier fällt mir der Refrain eines Liedes ein: es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott.

 

Das ist ein Sinn von Erntedank, dass wir diesen geheimnisvollen Stempel auf allen Gütern erkennen, die unser Leben absichern und es reich machen. Wir leben von dem, was Gott uns schenkt. Ein bekanntes Kindergedicht sagt es so:

 

Die Schnecke hat ihr Haus, ihr Fellchen hat die Maus, der Sperling hat die federn fein, der Falter schöne Flügelein. Nun sage mir, was hast denn Du?

Die Antwort ist eine Kurzform von Martin Luthers Erklärung zur Vaterunser-Bitte vom täglichen Brot. Im Gedicht heißt es so: Ich habe Kleider und auch Schuh und Vater und Mutter und Lust und Leben - das hat mir der liebe Gott gegeben.

 

Mein Leben, dein Leben - „Made by God". Auch dieser Kürbis und all die anderen Früchte und Erntegaben. Sie tragen den Stempel Gottes. Und wo Gott drauf steht, da ist auch Gott drin. Da ist der gute Sinn von Gottes Schöpfung hineingelegt. Wir können ihn erkennen, und sollen Gott danke sagen für alles, was er uns zum Leben schenkt.

 

Was erzählt nun der Kürbis? Er ist eine uralte Kulturpflanze. Die Indios in Mexiko kannten ihn schon 5.000 Jahre vor Christus. Auch in anderen Gegenden der Welt gab es und gibt es Kürbisse. Insgesamt mehr als 800 Sorten. Man kennt Rezepte aus dem ausgehenden Mittelalter. Heute hat ihn die die Kartoffel als Nahrungsmittel verdrängt.

Der Kürbis war vielseitig verwendbar. Sein Fleisch kann man essen, die Kerne fein geröstet sind eine Delikatesse. Auch ein Heilmittel für Nieren und Blase. Sie enthalten übrigens mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Ausgehöhlt verwendete man die Schale früher als Salztiegel, Vase, Suppenschüssel, als Wein- oder Wasserbehälter. Sogar als Musikinstrument.

 

Als Symbol diente der Kürbis zum Zeichen der Vielseitigkeit der Natur und als Zeichen besonderer Fruchtbarkeit. Wenn Jesus im Gleichnis vom vierfachen Acker davon spricht, dass ein Korn hundertfältig Frucht bringt, dann übertrifft der Kürbis das Korn um Längen. 400 - 600 Samen kann ein Kürbis enthalten. Der schwerste im Guinness-Buch der Rekorde wog 628 kg.

Kommt der Kürbis eigentlich in der Bibel vor? - Ja. 4. Mose 11: das murrende Volk Israel dachte nicht nur an die Fleischtöpfe Ägyptens, sondern auch an die Kürbisse, die Melonen, die Zwiebeln und den Knoblauch. Und die Staude, die einmal vor dem Hause Jonas wuchs und dann einging, die nannte ML in seiner Übersetzung auch Kürbis.

 

Der Kürbis - ein Glaubenssymbol? Zugegeben, das ist ein wenig konstruiert. Aber die Vielfältigkeit der Sorten erinnert zugleich an die Vielfältigkeit von uns Menschen. Jede und jeder hat seinen Sinn. Jede und jeder trägt die Zeichen des Schöpfers in sich. Wir sind „made by god". Und es ist gut, wenn wir Menschen Gott den Schöpfer sein lassen und ihm nicht ins Handwerk pfuschen. Einmal Reinhard Pappai ist genug (das meint auf jeden Fall meine Frau!). Ich möchte nicht geklont werden. Mir reicht das vollkommen, was von mir in meinen Kindern erkennbar ist. Gott hat das wunderbar gemacht.

 

Wir sind alle Gottes Geschöpfe. Doch niemand von uns erfüllt einen Selbstzweck. Wir sind Wesen, die mit ihrer Gegenwart und mit ihrem Dasein den Schöpfer loben. Auch dadurch, dass wir uns vermehren, dass wir ja sagen zu Kindern. Gott will das so. Er hat den Eltern ein Stück von seinem Schöpfungsauftrag übertragen. Und wir sollten alles tun, damit Kinder in diesem Land wirklich willkommen sind und Eltern die Unterstützung erfahren, die erforderlich ist. Also, bringt Frucht wie ein Kürbis, groß und rund, ihr seid als Christen nicht nur zur Zierde da, wir sind keine Zierkürbisse, wir sind nicht nur zum Anschauen da.

 

Damit unser Leben viel Frucht bringen kann, müssen wir wie ein Kürbis gut gewässert und an der Quelle Gottes angeschlossen sein. Die tägliche Verbindung mit Gott ist für uns so wichtig wie der Humus für den Kürbis. Wer die Verbindung zum Schöpfer verliert, geht ein wie ein Kürbis, der vertrocknet. Wir aber wissen, dass du der Brunn der Gnad und ewge Quelle bist, daraus uns allen früh und spät viel Heil und Gutes fließt.

 

Ein allerletzter Gedanke: In der christlichen Kunst ist der Kürbis das Sinnbild für Hinfälligkeit und Endlichkeit. Doch gerade bei dem Gedanken an das zeitliche Ende wollen wir bedenken, dass unser ganzes Leben mit Anfang und Ende in Gottes Hand liegt. Wenn wir das nicht vergessen, dann sagen wir heute von ganzem Herzen, dem Schöpfer und Vater im Himmel das Wort, das so schwer doch nicht ist, weil wir wissen, was er uns schenkt, wir sagen - danke.



Superintendent Reinhard Pappai
Bautzen
E-Mail: sup.pappai@evlks.de

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