Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

23. Sonntag nach Trinitatis, 26.10.2008

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 18:20-21.22b-33, verfasst von Jochen Riepe

 I

‚Hier war einmal Sodom...', sagt der Vater zum Sohn und zeigt auf den Fels, den Asphalt, das Salz. Über den Ort , an dem nichts mehr wächst, legen sich die Stimmen der Nachgeborenen. ‚Hier war einmal Sodom'.

 II

Es gibt Wörter in unserer Sprache , liebe Gemeinde, die sind vorsichtig und scheu. Wörter , die aber in bestimmten Zusammenhängen eine unwahrscheinliche Kraft zeigen und soz. alles aus den Angeln heben können. Sechsmal kommt dieses Wort im heutigen Predigttext vor, und wenn wir seiner innewerden, haben wir gleichsam einen sprachlichen Statthalter der Gnade ergriffen. ‚Willst du den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen. Es könntenvielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein'.

III

Er werde diese Bilder nie vergessen , erzählte der Mann. Als Kind , aufgewachsen in Ost-england, hatte er erlebt , wie des Nachts die Bomber aufstiegen , die Nazi-Deutschland in die Kniee zwingen sollten. ‚Abend für Abendsah ich die Bombengeschwader über Somerleyton hinwegziehen, und Nacht für Nacht malte ich mir vor dem Einschlafen aus, wie die deutschen Städte in Flammen aufgingen'*. ‚Moral bombing' nannten es die Politiker , und als Hamburg verrauchte , nannten sie es: ‚Operation Gomorrha'.

 IV

Das Böse muß vernichtet werden. Der Verrat des Bundes, ‚dessen was recht und gut ist', ist unerträglich. 'Es ist ein großes Geschrei über Sodom und Gomorrha , dass ihre Sünden so schwer sind', sagt Gott zu Abraham , und in diesem Satzsammelt sich der ganze Ernst seines gerechten Zorns. ‚ So kann es nicht weitergehen !' ‚ Wer hier gleichgültig bleibt, wird selber schuldig.' ‚ Wer hier aus Mitleid zögert , wird das Unheil größer machen.' Er , der Abraham in seinen Bund aufgenommen hat , er kann nicht zulassen , dass seine Geschöpfe mit erbarmungsloser Gewalt das ihnenAnvertraute zerstören. Abraham als sein Bundespartner soll zum Mitwisser werden : Was Leben vernichtet , muß selbst vernichtet werden.

V

Fels. Asphalt. Salz. Hier wächst nichts mehr . ‚ Hier war einmal Sodom'. Über das , was ein-mal war , legen sich die Stimmen der Nachgeborenen. Wer ist dieser Gott , fragt der Sohn den Vater ,der Gott, der solches geschehen ließ ?

VI

Uns ist , liebe Gemeinde , als wir selber Kinder waren , diese Geschichte von den beiden verdorbenen Städten erzählt worden. Gleichsam mit einer ersten Stimme als Demonstration und Bestätigung : Gott straft das Böse... und in derGenugtuung , ja: Zufriedenheit dieses Wissens verrauchte das zerstörte Sodom noch einmal. Aber es gibt noch eine zweite Stimme , und die fragt, erschreckt , scheuund unsicher , und Gott selbst gibt ihr den Anstoß unddann auch den Raum . Er , der gerechte Richter , er will zunächst sehen, ob das , was man von diesen Städten erzählt, ob dies auch stimmt , und diese göttliche Öffnung, dieses Prüfenwollen,gibt den Weg für das nun folgende Gespräch frei. Abraham, der Bundesgenosse, der Mitwisser, kommt darin Gott sehr nahe , vertraulich nahe. Er unterscheidetum Gottes , um seiner Gerechtigkeit willen , denUnschuldigen vom Schuldigen. Der Zorn sieht das Ganze , die ‚Fürbitte' Abrahams wagt den Gedanken: Könnte nicht ein noch so kleiner ‚Rest' von Gerechten so viel Gewicht haben, dass das GanzeVergebung erfährt ?

 VII

Es gibt Wörter in unserer Sprache , die sind vorsichtig und scheu, als trauten sie sich nicht , aber dann sind sie ‚da', ‚unwahrscheinlich da', underöffnen neue Blickwinkel. ‚Vielleicht' - sechsmal kommt dieses Wortvor und entwickelt die Kraft einer zweiten Stimme, und das Wunder ist : Gott lässt sich auf diese Stimme ein. Vielleicht sind es fünfzig oder vierzig oder dreißig oder zwanzig oder nur zehn - und dürfen wir ergänzen : vielleicht ist es nur einer ? - : Abraham wird vorsichtiger und waghalsiger in einem , aber Gott , sein Bundesgenosse , geht mit und bleibt klar. Er lässt diese Ungewissheit, diese Grauzone gewissermaßen , zu . ‚Ich will sie nicht verderben um der zehn willen'. Gott , liebe Gemeinde, ist kein Purist. Er kann mit gemischtenVerhältnissen leben und sein Wille zum Recht , sein absoluter Wille zum Recht,hat ein Maß und auch eine Schranke : Kein unschuldiges Blut soll um der Gerechtigkeit willen fließen.

 VIII

Er werde diese Bilder nie vergessen , erzählte der Mannaus East Anglia ... die Nacht für Nacht aufsteigenden Flugzeuge. ‚Noch heute kann ich kein Auge zutun, ohne die Formationen der Lancasterund Halifax-Bomber ... über die graueNordsee hinweg nach Deutschland hineinfliegen ... zu sehen'*. ‚Moral bombing' - was Leben vernichtet , muß selbst vernichtet werden, wer Wind sät , wird Sturm ernten, das ist der eherne Grundsatz der Gerechtigkeit , aber gerade um der Gerechtigkeit , um der Gottes Gerechtigkeit willen, ist in dieser Bewegung auch immer eine Gegenbewegung : Frage, Erschrecken, Protest ... vielleicht übersehen wir etwas , vielleicht hätten wir nach einem anderen Weg suchen können ...Wie gut tat es den verschreckten, hochmütigen oder deprimierten Deutschen , dass auch in England sich Stimmen fanden, kirchliche Stimmen, für ihr böses Land. Durfte man die Zivilbevölkerungso in Haft nehmen? Muß nicht , so fragte Bischof George Bell 1944,jede militärische und politische Zielsetzungdie Verhältnismäßigkeit der Mittelwahren ? Wird schließlichdas Böse wirklich überwunden, wenn Unschuldige sterben müssen?

 IX

‚Hier war einmal Sodom'. Über Fels, Asche und Sand legen sich die Stimmen der Nachgeborenen. Sie richten , sie erinnern , sie widersprechen ,brechen und spiegeln einander ...Oh Gott, fragen wir : Gab es nicht einen Unschuldigen in Sodom?

X

Nach der Vernichtung der Städte sah Abraham hinüber , ‚und siehe , da ging ein Rauch auf vom Lande wie der Rauch von einemOfen'. Menschen, Tiere, Pflanzen - restlos verbrannt...hier wächst nichts mehr. Darf man in Gottes Namen um Sodom trauern, um seine Menschen,um seine Kinder , um seine Tiere (Jona 4,11)? Darf man um das böse Hamburg , um unsere zerstörtenbösen Städte und die mit ihnen untergegangenen Menschentrauern - ohne Ressentiment oder Ignoranz unsere Schuld betreffend ?Ist Gott gerecht , fragt der Sohn den Vater , der Vater den Sohn immer wieder...'Ja, lieber Mensch , wer bist du denn , dass du mit Gott rechten willst', mahnt der Apostel. Aber das ‚Vielleicht des Abraham' , die ‚Fürbitte' des Bundespartners , die zweite Stimme, hat auch ihr Recht : eine scheue und bestimmte Bewegung , die Gott zulässt , auf dass wir zu Zeugen seiner Feindesliebe werden . Seine Liebe erträgt nicht die Sünde , abersie will , dass der Sünder lebt..

 



Pfarrer Jochen Riepe

E-Mail: Jochen.Riepe@gmx.net

(zurück zum Seitenanfang)