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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

23. Sonntag nach Trinitatis, 26.10.2008

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 18:20-21.22b-33, verfasst von Stefan Knobloch

Gerecht durch Vertrauen

Beim ersten Hören der Erzählung, in der Abraham mit Gott zu feilschen scheint, könnte sich bei uns eine spontane Reaktion einstellen: Wir haben es ja schon immer gewusst: Gott meint es mit uns nicht sonderlich gut. Wo sein Zorn auftrifft, da wächst kein Gras mehr! So ist Gott! Bloß gut, dass sich Abraham alle Mühe gab, Gott vom Schlimmsten abzuhalten. Abraham ist hier sozusagen „in", Gott aber „out", wenn nicht „mega out".

Beim ersten Hören könnte unsere Reaktion so oder ähnlich ausfallen. Sie würde dann unsere Schwierigkeiten, die wir vielleicht ohnehin mit Gott haben, verstärken. Wenn es nicht gar schon so ist, dass wir von ihm ohnehin nicht mehr viel halten. Heutige Gesellschaftsanalysten - ich meine jetzt nicht die Börsianer und ihre augenblicklich gefragten Analysen, sondern Forschungsergebnisse von Soziologen - sprechen davon, dass viele vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben. Wir gehören wohl eher nicht zu dieser Gruppe, sonst hätten wir uns an diesem Sonntag nicht zum Gottesdienst versammelt. So etwas wie Gottsuchende oder zumindest Sinnsuchende scheinen wir wohl zu sein. Die Abrahamerzählung aber und Abrahams Feilschen mit dem Herrn könnte unsere Gottsuche nachhaltig demotivieren. Beim ersten Hören jedenfalls.

Wir müssen damit rechnen, dass wir beim ersten Hören nicht alles erfassen. Bei ihm kann sich unser Vorverständnis in einer Weise der Erzählung bemächtigen, dass wir ihr nicht gerecht werden. Wir sollten deshalb fragen, welches Bedingungsgefüge, welche Einflüsse und Umstände überhaupt zu dieser Erzählung in 1. Mose 18 geführt haben. Wir wissen ja, dass die Bibel insgesamt und in ihren einzelnen Teilen nicht sozusagen bis hinter Punkt und Komma wortwörtlich Gottes Wort ist. Gott hat sich vielmehr in der Bibel in die menschliche Sprache und in menschliches Denken hineinbegeben, was nicht heißt, dass sie nun nichts weiter sei als ein ausschließlich menschliches Produkt. Wir sprechen von der Inspiration der Bibel, von ihrer Urheberschaft in Gott. Gottes Urheberschaft aber verschlingt nicht die menschliche Mitwirkung bei der Schriftwerdung der Bibel wie ein planetarisches „schwarzes Loch", sondern befähigt erst zu ihr. So nimmt es nicht wunder, dass zeit-, gesellschafts- und kulturellbedingte Einflüsse in die biblischen Texte eingegangen sind, Einflüsse, die die so genannte historisch-kritische exegetische Forschung an den Texten zu erheben und so ihre eigentliche Aussageintentionen herauszuarbeiten versucht. Von daher verhält es sich mit der Bibel anders als mit dem, jedenfalls bisher maßgebenden, Verständnis des Koran. Dieser gilt nach der landläufigen Auffassung als dem Propheten Mohammed wortwörtlich diktiertes Wort Gottes, so dass der Koran für manche den Charakter des Wortes Gottes nur in der „arabischen Rezitation" bewahrt. Darüber ist heute freilich auch innerhalb der Koranschulen eine Diskussion in Gang, ob man in Zukunft an einer solch strengen Interpretation des Wort-Gottes-Charakters des Koran festhalten muss.

Für das Verständnis von Texten sind also das Bedingungsgefüge und die Einflüsse ihres Entstehens von Bedeutung. Vieles erschließt sich dabei aus den Texten selbst. Das gilt auch von unserer Erzählung. Ihr unmittelbar voraus geht die Ankündigung Gottes an Abraham, dass ihm (nach Ismael) noch ein Sohn geschenkt werde, Isaak mit Namen, mit dem Gott einen ewigen Bund schließen werde, der Generation und Generation überdauern werde. Abraham versteht sich als Träger dieser Verheißung, die er offensichtlich nicht allein auf sich als Einzelperson und auf seinen Sohn bezieht, sondern in deren verheißungsvolles Licht er die Menschen überhaupt gestellt sehen möchte. Er hat ein Interesse, dass alle unter den Schutzschild der Bundesverheißung kommen, auch die Städte Sodom und Gomorra. So könnte man eine erste subjektive Begründung der Argumentation Abrahams gegenüber Gott rekonstruieren.

Plausibler ist eine andere Begründung. 1. Mose 18 hat gewissermaßen Theodizee-Charakter. Die Autoren von 1. Mose 18 verknüpfen mit der Figur Abrahams und seines Sohnes Isaak einen alten Erzähltopos, der sich auf ein Ereignis irgendwo im Umfeld des Toten Meeres abgespielt haben sollte. Ein Ereignis der Vorzeit, bei dem Städte einen schrecklichen, unerwarteten Untergang erlebten, durch Vulkanausbrüche oder tektonische Beben, man wusste es nicht. Es wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Dieser Erzähltopos wurde von den Autoren der Abrahamgeschichte in 1. Mose 18 eingewoben, nicht nur weil es ein belebendes Erzählelement darstellte, sondern weil die drängendere Frage sich stellte, wie Gott, der mit Abraham und Isaak einen Bund eingeht, etwas so Schlimmes wie den Untergang ganzer Städte, einer ganzen Region, hatte zulassen können. Wo war Gott gewissermaßen damals, in dieser Vorzeit?

Mit dieser Frage verband sich die weitere Frage nach den Gründen einer solchen, die Phantasie beflügelnden Katastrophe. Es lag nahe, ihre Urasche in einer Anhäufung menschlicher Schuld und in einer göttlichen Strafaktion zu fixieren. Dieses Motiv ist unserer Erzählung unschwer anzusehen.

Aber, genau genommen, und das ist ein entscheidender Punkt, erscheint die Strafsanktion nicht als Gottes Motiv, sondern als von Abraham Gott und Gottes Absichten unterstelltes Motiv. Oder, um genau zu sein, als ein seitens der Autoren von 1. Mose 18 von Abraham dem Herrn unterstelltes Sanktionsmotiv. In unserer Erzählung ist nicht davon die Rede, dass Gott Sodom und Gomorra vernichten will, sondern lediglich davon, dass er hingehen und sehen will, „ob ihr Tun wirklich dem Klageschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist." Von Vernichtung ist hier nicht die Rede. Den Gedanken der Vernichtung bringt erst Abraham ein: „Willst du, Herr, mit den Ruchlosen auch den Gerechten wegraffen?" Interessanterweise ist hier vom Gerechten in der Einzahl die Rede, wo wir vom Verlauf der Feilscherei her eigentlich eine Mehrzahl an Gerechten erwarten würden.

Abraham also ist es, der von Vernichtung, vom Wegraffen spricht. Wenn es da fünfzig Gerechte gibt, dann kannst du, Gott, die Stadt nicht dem Untergang weihen. Das wäre nicht recht! Nein, Gott tut's nicht. Wenn es fünfzig Gerechte gibt, dann will er dem Ort vergeben. Gottes Motiv geht in Richtung Vergebung, nicht in Richtung Strafsanktion. Und zwar die ganze Prozedur der Feilscherei hindurch. Auch bei nur zehn Gerechten wird Gott der Stadt vergeben. An dieser Struktur der Erzählung zeigt sich das Entscheidende: Während Abraham an Vernichtung denkt und Gott diesen Vernichtungswillen gewissermaßen unterschiebt und ihn gleichzeitig davon abzubringen versucht, denkt Gott von Anfang an strukturell an Vergebung.

Das ist die Botschaft unserer Erzählung. Gott ist Vergebung. Er ist als Vergebung zu identifizieren. Das aber trifft sich mit der Ansage der Verheißung seines Bundes an Abraham und Isaak, dass er nicht von ihnen lässt, dass er durch Dick und Dünn mit ihnen geht. Damit ist der Erzähltopos einer vorgeschichtlichen Katastrophe nicht aus der Welt geschafft, aber in unserer Erzählung setzt sich, entgegen menschlicher Zweifel an Gott, die Aussage durch, dass Gott nicht von den Menschen lässt, dass auf ihn Verlass ist, auch wenn das Schrecklichste, auch wenn ganz Unvorstellbares passiert. Die Theodizeefrage ist in der Abrahamerzählung nicht plausibel gelöst, aber die Erzählung ermutigt dazu, trotz aller Ungelöstheit auf Gott zu vertrauen. Für solch kontrafaktisches Vertrauen gibt es in der Bibel unzählige Belege. Zitieren wir lediglich einen Text aus Habakuk. Dort heißt es: „Zwar blüht der Feigenbaum nicht, an den Reben ist nichts zu ernten, der Ölbaum bringt keinen Ertrag, die Kornfelder tragen keine Frucht; im Pferch sind keine Schafe, im Stall steht kein Rind mehr. - Dennoch will ich jubeln über den Herrn und mich freuen über Gott, meinen Retter" (Hab 3,17-18).

Doch damit ist zu unserer Erzählung noch nicht alles gesagt. In ihr handelt es sich, neben dem bisher schon Gesagten, um eine so genannte „ätiologische Erzählung". Eine Erzählung, die über wichtige Dinge und Zusammenhänge informieren will. Sie will dabei nicht gelesen werden als Rekonstruktion von Fakten oder Ereignissen in ihrem genauen geschichtlichen Verlauf. Sie will stattdessen Einsicht geben in wesentliche Fragen und Erkenntnisse des Lebens. Machen wir es an unserer Erzählung deutlich. Jenseits des vorzeitlichen Untergangs irgendwelcher Städte, an dem sich immer wieder die Phantasie entzündete, einem Untergang, mit dem die Phantasie menschliche Schuld und eine göttliche Strafsanktion verband, lenkt unsere Erzählung die Aufmerksamkeit auf die Gerechten, und mögen es nur fünfzig oder nur zehn sein. Die Gerechten sind die zentrale Achse, um die sich die Erzählung dreht.

Die Gerechten sind ein zentraler Begriff der Bibel. Gerecht sind, biblisch gesehen, die, die auf den Bund Gottes, die auf Gott vertrauen, auf seine Verlässlichkeit, auf seine Liebe, komme, was da wolle. Gerecht sind sie nicht aus eigener Kraft. Gerecht sind sie, weil sie in dem Kraftfeld Gottes anvertraut haben, in allen Kämpfen, Zweifeln, bei aller Schuld, die ihr Leben weiter prägen. Sie vertrauen Gott. Ist das ein zu großes, womöglich farbloses Wort? Wie können wir solchem Vertrauen näher kommen? Es meint nicht nur einen mentalen Vorgang. Es meint einen auf unser Leben Einfluss nehmenden Prozess. Man kann ihn so beschreiben: Wir haben in unser Leben hineinzuhorchen, in unsere Antriebe, in unsere Traumwelt, in die Welt unserer Beziehungen, unserer Hoffnungen und Wünsche. Wo zeigen sich da Ansätze von Vertrauen? Wo zeigt sich da unsere Fähigkeit, zu vertrauen? Wo unsere Blockaden? So zu fragen, das sind unerlässliche Voraussetzungen, um an unserem gelebten Vertrauen und mitten in ihm bereits die kleine Flamme unseres Vertrauens in Gott zu entdecken, sie zu hegen, zu pflegen und zum Strahlen zu bringen.

Wir sind in manchem die „Ruchlosen" der Erzählung, wir sind aber immer auch schon die von der Wolke Gottes, die von seiner Liebe umgebenen Gerechten. Als solche können wir uns auf den Weg machen, mehr als bisher, Gott unser Lebensvertrauen zu schenken. Auch wenn es in uns und um uns Sodom und Gomorra gibt.



Prof. Dr. Stefan Knobloch
Mainz
E-Mail: dr.stefan.knobloch@t-online.de

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