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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Gründonnerstag, 05.04.2007

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 12:1.3-4.5-7.11-14, verfasst von Rainer Stahl

Liebe Leserin, lieber Leser,
liebe Schwestern und Brüder,

zuerst eine Vorüberlegung:

Normalerweise verkündigt eine Predigerin oder ein Prediger die Glaubenswahrheit, die von einem biblischen Text her gewonnen worden war, die dieser Text aufgedrängt hatte. Neben der Bezeugung dieser Glaubenswahrheit wird es beim Predigen dann immer darum gehen, die Hörerinnen und Hörer, die Leserinnen und Leser in ihrer Situation abzuholen und schließlich diese Bezeugung der gewonnenen Glaubenswahrheit in praktische Beispiele oder Erlebnisgeschichten zu führen.

Eine Predigt zu 2. Mose 12, zu Exodus 12 am Fest zu Gründonnerstag nötigt aber dazu, grundsätzliche Überlegungen in diese Predigt selbst mit einzubeziehen, sie zu einem Bestandteil des Bezeugens der Glaubenswahrheit zu machen.

Denn es ist ja noch gar nicht ausgemacht, ob und wenn ja, welcher Zusammenhang zwischen dem in Exodus 12 vorliegenden alten Glaubens- und Lebenszeugnis und dem am Gründonnerstag und dann am Karfreitag und am Osterfest begangenen Schicksal und Wirken Jesu besteht, ja: zu der Glaubensverkündigung - zu dem Trost und zu der Herausforderung - bestehen mag, die wir heute brauchen.

Denn, dass Exodus 12 einer der Predigttexte in unserer Kirche zu Gründonnerstag ist, ist Ausdruck besonderer Entscheidungen mit Blick auf die Ahnungen über Gott, mit Blick auf das Wissen und Hoffen, das sich mit Jesus Christus verbindet. Und diese Entscheidungen reichen in die Anfangszeit von Kirche und christlicher Theologie zurück. Sind diese uns heute bewusst? Teilen wir sie?

Als wäre dies alles nicht genug, kommen ja auch noch die ganz normalen Herausforderungen des Verstehens eines biblischen Textes hinzu, die gerade im Falle von Exodus 12 die Bereitschaft verlangen, sich aus diesem Text in besonderer Weise ansprechen zu lassen. Ich darf ein Bild zeichnen: Wer zu Gründonnerstag auf Exodus 12 tritt und Stand gewinnen will, tritt auf die Abdeckplatte eines ganz tief in die Geschichte des Glaubens zurückreichenden Brunnenschachtes! Und: Wer das tut, muss in diesen Brunnenschacht hinabsteigen!

Das Passahfest als Identitätsträger:


Die hier dargestellte Situation
- dass Gott direkt zu Mose gesprochen habe,
dass ein Volk in Ägypten gemeint gewesen sei,
dass Gott an den Ägyptern zerstörend und mordend gehandelt habe -
ist eine „Glaubenssituation", liebe Schwestern und Brüder,
ist ein beispielhaftes, aber kein historisches Geschehen.

Nachprüfbare Lebensbedingungen treten eigentlich nur am Rande in den Blick
- durch die Bezeichnung des Volkes als „Gemeinde Israels",
durch den Gedanken, dass ein zu schlachtendes Lamm für eine Familieneinheit zu viel wäre, so dass die Nachbarfamilie hinzugenommen werden soll,
durch die Zeitfestlegung, nach der das Lamm am zehnten Tag eines bestimmten Monats ausgewählt und vier Tage lang verwahrt werden solle.

Mit all dem leuchtet die Situation auf, in der die Menschen lebten, die hier angesprochen sind: Bauernfamilien in kleinen Städten und Dörfern in Juda, das selbst keine wirkliche staatliche Form hat, sondern eine Gemeinschaft ist, die sich von religiösen Bedingungen her bestimmt, kurz: das Juda des 5. Jahrhunderts vor Christus im Machtbereich des persischen Großreiches. Diese Menschen sind es,
die das Fest begehen, das hier begründet wird,
die Passah feiern.
Ihr Passah-Feiern soll bestimmt und geprägt werden.
Das ist für uns der unterste Raum des Brunnenschachtes der Geschichte.

Worum geht es da?
Die Notwendigkeit, Glauben und Leben vor dem eigenen Gott
- vor Jahwe, vor Adonaj, vor dem Herrn, vor dem Namen -
durchzuhalten,
war jährlich neu zu vergewissern.
Das vielleicht Alt-Bekannte oder auch durchaus Jüngst-Erkannte galt es zu vergewissern.

Und dabei war eine grundstürzende Spannung in diesem Gotteswissen durchzuhalten. Eine Doppelgesichtigkeit des Jahwe, des Adonaj, des Herrn, des Namens:
Deshalb erinnern die Feiernden eine Gefährdungssituation, die sie selber nicht erlebt haben und die sie - hoffentlich! - nie erleben werden:
Damals, in der Glaubenssituation „Ägypten", da ist der eigene Gott durch ihre Welt hindurch geschritten und hat gemordet oder verschont, ge-passaht.
Ihr eigenes Leben und ihr Heute begreifen sie als Folge der Verschonung durch Gott, als Folge des Passah Gottes.

Mit diesem Gedenken verkündigen seit dem 5. Jahrhundert vor Christus diejenigen, die bis heute in diesem Sinne Passah feiern
- unsere jüdischen Nachbarn -
auch uns, dass der Gott des Passah der wahre und der eigentliche Gott ist.
Alle anderen göttlichen Mächte, die wir Menschen uns zurechtlegen - Geld, Ansehen, Beziehungen, Planetenstände und Sternbilder, kurz: die „Götter der Ägypter" - sind wirkungslos und nichts. Insofern verpflichtet uns Exodus 12 zuerst und vor allem,
die Gottheit Jahwes,
die Gottheit Adonajs,
die Gottheit des Herrn,
die Gottheit des Namens,
die Gottheit Gottes zu verkündigen.
Wir sind verpflichtet, das Vertrauen auf den eigentlichen und wahren Gott zu predigen. Das ist die Aufgabe der Predigt heute!
Wirklich gegen die vielen Hoffnungen im Vorläufigen die Hoffnung auf das Endgültige, auf den Endgültigen zu predigen, zu leben und zu setzen.

Dieser Endgültige ist ein Gott, der sich aktiv für diejenigen einsetzt, die ihn glauben:
Er durchschreitet ihre Gemeinschaft. Er ist ihr nahe.
Und er geht vorüber an denen, die ihn glauben. Er verschont, die ihn glauben. Bewahrt sie so. Hält sie so am und im Leben. Übt selbst Passah.
Im Vertrauen auf dieses Gotteswissen lebt die jüdische Gemeinschaft bis heute. Mitten unter anderen Menschen. Mitten auch unter uns.

Das neue Passah Christi:


Liebe Schwestern und Brüder, eine völlige Umwertung der Werte dieser alten Tradition stellt die Glaubenseinsicht dar, welche die Christenheit, welche die Kirche im Gespräch mit dieser großen und alten Tradition gewonnen hat. Ein Drittel des Brunnenschachtes der Glaubensgeschichte sind wir nun hinaufgestiegen. Ganz am Anfang der christlichen Glaubensgeschichte stehen wir. Da wurde erkannt:

Die Symbolrolle, die auf den Lämmern liegt
- dass sie Unterpfand sind des Schutzes durch Gott -,
diese Rolle hat Gott selbst übernommen. In der Gestalt und im Schicksal des Jesus aus Nazaret sind alle Lämmer von Passah zusammengenommen und gebündelt.
Da ist also Gott nicht nur hindurchgegangen durch unsere Menschenwelt.
Er hat nicht nur beiseite gelassen. Er hat nicht nur verschont.
Sondern Gott ist in Gestalt und Schicksal des Jesus aus Nazaret für uns zum Lamm des Festtages geworden:
„Denn Jesus, der Messias, ist als unser Passahlamm geschlachtet worden" (1 Kor 5,7).

Mich beeindruckt, dass Paulus auf diese Tat des Jesus im Zusammenhang des argumentativen Ringens um eine neue Lebenspraxis von uns Christinnen und Christen zu sprechen kommt. Daraus wird deutlich: Unser Leben kann neu werden, weil unsere Existenz auf völlig neuem Handeln Gottes gründet:
Gott selbst ist den Weg des Sich-selbst-Drangebens gegangen.
So können auch wir zu neuen ethischen Verhaltensweisen vordringen.

Das ist tief bewegend: Unsere ethischen Entscheidungen fußen nicht eigentlich auf der Liebespredigt Jesu. Dies schon. Aber da sind wir sozusagen noch an der Oberfläche.
Wirklich in die Mitte kommen wir, wenn wir erkennen, dass unsere ethischen Entscheidungen darauf fußen, dass sich dieser Jesus hat für uns schlachten lassen, dass er sich hat opfern lassen!
Das Selbstopfer des Jesus aus Nazaret - das ist Voraussetzung meines Lebens.

Welche Lebensformen können dem nun und nur entsprechen? Diese Frage darf ich für Sie - liebe Leserin und lieber Leser - so stehen lassen.
Wir begreifen sofort, dass die Glaubenswahrheit - sofern wir Christinnen und Christen sein wollen - nie Theorie bleiben kann. Sie muss sich niederschlagen in direktem Handeln, sich auswirken in einem Lebensstil, der uns immer von unserer Umwelt unterscheiden wird.

Glauben und Leben in Solidarität:


Wir sind längst in unserem Nachdenken in unserer Zeit, am Rand des Brunnenschachts des Glaubens angekommen. Dies kann noch klarer werden, liebe Schwestern und Brüder, wenn wir auf einen Zug des alten Textes in Exodus 12 genauer aufmerksam werden:

Das Fest soll in einer Situation des Aufbruchs begangen werden.
Nicht saturiert.
Nicht in Bequemlichkeit gefangen.
Sondern offen und bereit für Wechsel und Neues:
„Eure Hüften gegürtet, eure Schuhe an euren Füßen und eure Stecken in eurer Hand."

Diese Reihe mündet in einen Begriff, der in der Luther-Bibel übersetzt wird mit „als die, die hinwegeilen", und häufig wiedergegeben wird mit „in Hast", oder: „wie auf der Flucht" - in Hebräisch: Bechippazon. Der jüdische Ausleger Benno Jacob bestimmte diesen Begriff vor 64 Jahren anders: „in Angst":

„Wenn dein Feind fällt, freue dich nicht und wenn er strauchelt, juble nicht dein Herz. Denn was da geschieht, soll nicht etwa menschlichen Rachedurst befriedigen, sondern ein furchtbares, aber notwendiges Gottesgericht sein, mit dem ER in seiner Heiligkeit durch das Land daherwandelt."

Hier ist ein Glaubenswissen gegenwärtig, das uns Christinnen und Christen auch durch unsere Tradition zugänglich ist:
Das Wunder der eigenen Bewahrung können wir nicht feststellen und erinnern und feiern, ohne an diejenigen zu denken, die nicht bewahrt wurden.
Und seien sie noch so sehr selber schuld.
Auch deren Schicksal muss umfangen sein von der Rettung, die wir selbst erlebt hatten:

Sei es dadurch, dass wir staunend ahnen, dass Gott selbst sich für unsere Rettung geopfert hatte. Dann können wir darauf vertrauen, dass alles in diesem Gott aufgehoben ist!

Sei es dadurch, dass wir vom Versprechen einer heilen Welt wissen, die allen gilt:
Ein großes Hoffnungsbild beginnt so:
„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten,
die da Frieden verkündigen,
Gutes predigen,
Heil verkündigen..." (Jes 52,7).
Und es mündet in eine alles umfassende Vision, die von der Wahrheit her ausgedrückt wird, die in Exodus 12 vermittelt wird:
„Denn nicht in Angst zieht ihr hinaus,
und in Flucht geht ihr nicht los.
Denn gehend vor euch ist Jahwe, ist Adonaj, ist der Herr, ist der Name,
und eure Nachhut ist der Gott Israels" (Jesaja 52,12).

Werde uns diese große Vision schon am Gründonnerstag zu einem Angeld auf das Osterfest!
Amen.


Diesmal einige Literaturhinweise:

Klaus Berger und Christiane Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, Frankfurt am Main und Leipzig 52001, 91 - 1 Kor 5.

Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 2006 - Exodus: Erhard Gerstenberger

Martin Buber und Franz Rosenzweig: Die Schrift 1: Die fünf Bücher der Weisung, und: Die Schrift 3: Bücher der Kündung, Stuttgart 1992

Benno Jacob: Das Buch Exodus (1943), Stuttgart 1997

Hartwig Thyen: Art. θυσια und θυω, EWNT II, 1981, 399-405

Marie-Anne Vannier: Hindurchgang zum Leben. Die Geburt der christlichen Tradition des Pascha, in: Welt und Umwelt der Bibel 40 - 2/2006, 39-41



Dr. Rainer Stahl
Generalsekretär des Martin-Luther-Bundes
E-Mail: gensek@martin-luther-bund.de

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