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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

24. Sonntag nach Trinitatis, 02.11.2008

Predigt zu Der Prediger Salomo 3:1-14, verfasst von Wilhelm v. der Recke

[Zunächst werden die Verse 1-9 vorgelesen. - Näheres dazu am Schluss der Predigt.]

I.  Mit diesen Worten aus dem Buch des Predigers beginnt der Abschnitt, der uns jetzt beschäftigen wird und der dort im 3. Kapitel steht. Manchen von Ihnen werden die Verse bekannt vorkommen. Wortfetzten, Melodien, Rhythmen klingen im Ohr nach. Etwa aus „Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt" gesungen von der ostdeutschen Band der Puhdys. Oder Sie erinnern sich an Pete Seegers: „Turn, turn, turn - to everything there is a season, and a time to every purpose under heaven."

Offensichtlich sprechen uns die alten Worte heute an. Sie drücken ein vertrautes Zeitgefühl aus: Eine melancholische Lebenshaltung, das Gefühl der Vergänglichkeit - alles geht vorbei, und am Schluss bleibt nichts von dem übrig, was uns einmal wichtig war. Das biblische Buch des Predigers Salomon - auch bekannt unter dem Namen Kohelet - scheint dieses Empfinden zu bestätigen. Es beginnt mit den Worten: „Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel. Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne." Es ist eitel, was wir tun ist vergeblich. Man macht sich etwas vor, wenn man mehr erwartet. In Wirklichkeit gleicht all unser Treiben und Schaffen einem bunten, prall gefüllten Luftballon. Ein Nadelstich - und alle Illusionen sind zerplatzt.

Ist es das, was der Prediger in unserem Abschnitt meint? Sind es nur andere Worte und Bilder, die er wählt, aber letzten Endes läuft es auf dasselbe hinaus? - Ich glaube nicht. Es ist schon richtig: er macht sich keine Illusionen und keine falschen Hoffnungen über den Lauf der Welt. Er sieht sehr realistisch, aber pessimistisch ist er nicht. Auch wenn die Welt so ist wie sie ist, - es lässt sich leben. Man kann das Beste daraus machen. Es ist wie beim Segeln: auch wenn es stürmt, wenn Wind und Wellen uns entgegen stehen, - man muss nur geschickt kreuzen, dann kommt man trotzdem vorwärts. Womöglich macht es sogar mehr Spaß, als sich nur gemächlich im Wasser treiben zu lassen.

Ein jegliches Ding hat seine Zeit. Man kann nichts erzwingen, man kann nichts ungeschehen machen. Man muss es nehmen wie es kommt. Man kann Erdbeeren nur ernten, wenn Erdbeerzeit ist und die Rosen nur in die Vase stellen, wenn sie draußen im Garten blühen. Nein - werden Sie sagen - heute kann man das ganze Jahr über Erdbeeren und Rosen haben. So wie man im Januar Badeurlaub in der Südsee machen kann. So wie eine 59jährige Frau  mit medizinischer Hilfe noch Kinder bekommen kann. Oder wie man sich einen Wecker kaufen kann, der eine so raffinierte Lichtschaltung hat, dass er einen in stockfinsterer Nacht mit der Illusion weckt, dass es draußen langsam dämmert und die Sonne gleich aufgehen wird.

Alles ist immer möglich. Das ist der Wahn unserer Zeit. Die Frühstückszeitung überrascht uns mit immer neuen Wunderdingen: alles ist machbar, alles ist möglich. Leider macht sich das in den Niederungen unseres täglichen Zusammenlebens nur wenig bemerkbar. Da müssen wir immer wieder lernen: Alles hat seine Zeit, und alles braucht seine Zeit - das Schlafen und das Essen, der Haushalt und der Beruf, überhaupt das Familienleben und die Pflege von Kontakten.

Orhan Pamuk beginnt sein neues Buch ‚Das Museum der Unschuld‘ mit den Worten: „Es war der glücklichste Augenblick meines Lebens, und ich wusste es nicht einmal. Doch hätte ich es gewusst, wäre dann alles ganz anders gekommen und mein Glück mir erhalten worden? Ja, denn wenn ich begriffen hätte, dass ich nie wieder so glücklich sein würde, dann hätte ich dieses Glück doch nicht ziehen lassen!" Der Erzähler ist mit einer jungen Frau zusammen, aber er wird sich der Unwiederbringlichkeit dieses Glückes nicht bewusst. Gedankenträge folgt er dem, was seine Eltern und die Gesellschaft von ihm erwarten. Er ist schließlich dabei, sich mit einer anderen Frau zu verloben, einer sogenannten ‚guten Partie‘.

 

II.  Alles hat seine Zeit. Man kann es nicht verschieben, man kann es nicht erzwingen, je nachdem wie es einem gerade passt. Das ist die eine Seite der Medaille, die ernüchternde. Die andere, ermutigende Seite: Alles hat tatsächlich seine Zeit. Man muss nur abwarten können, man muss nur rechtzeitig zugreifen können. Es gibt die eine Chance, die vielleicht nie wiederkommen wird. Es gibt die Zeiten des Glückes, des großen, vielleicht des ganz großen Glückes: Zeit zum Pflanzen und Bauen, zum Tanzen und Lachen, zum Umarmen und Lieben. Sie sieht vielleicht anders aus, als wir sie uns ausmalen und erwarten. Aber es gibt sie.

Wahrscheinlich ist das unser Problem in einer Gesellschaft des Überflusses und des Gesundheitswahnes, dass wir uns mit unseren Bildern und Träumen ständig die Wirklichkeit verbauen. Es ist ja bekannt, dass Menschen in der Dritten Welt, denen all' die Dinge fehlen, die uns so selbstverständlich sind, häufig glücklicher sind als wir. Sie vermögen dem alltäglichen Leben viel leichter die kleinen Momente des entspannten Glückes abzugewinnen. Ähnliches trifft offensichtlich auf Körperbehinderte bei uns zu. Viele von ihnen fühlen sich besser in unserer Haut als wir, die doch gesunde Glieder haben. Warum? Vielleicht weil sie sich nicht in den Allmachtträumen verlieren, die uns die Werbung ständig vorgaukelt. Sie haben es gelernt, mit ihren Einschränkungen zu leben und aus ihrer begrenzten Welt mehr Funken des Glückes zu schlagen als wir es vermögen.

Es hängt wohl einfach damit zusammen, dass sie ihr Leben realistischer sehen; dass sie es - so mühsam und bitter wie es manchmal sein mag - doch besser gelernt haben, das Leben, ihr Leben, so zu nehmen, wie es nun einmal ist. Es ist eben nicht alles golden. Die Zeiten des Ausreißens und Abbrechens gehören im Leben dazu, ebenso die Zeiten des Schweigens, des Alleinseins und der Enttäuschung, die Zeiten, in denen wir nicht mit den anderen mitkommen und uns ausgeschlossen fühlen. Sie gehören dazu, und das wissen wir eigentlich alle. Das Schwere gehört dazu, das Harte, das eigentlich Unzumutbare gehört dazu. - Wenn wir lernen würden, das anzunehmen, lernten wir vielleicht auch, das Gute besser zu nutzen und auszukosten. Dann wären wir wahrscheinlich glücklicher.

 

III.  In den vorgelesenen Versen ist bisher keine Rede von Gott. Vielleicht haben diese Worte deshalb so leicht ihren Weg in unsere säkulare Welt gefunden. Trotzdem sind sie gut biblisch: Sie öffnen die Augen für das Leben, wie es nun einmal ist. Sie bestätigen den nüchternen Realismus, den wir aus den Psalmen, den Prophetenschriften und den Gleichnissen Jesu kennen. Luther war am Rande der Verzweiflung, ehe ihm aufging, dass wir nicht nur die Welt, sondern auch uns selbst so nehmen sollen wie wir nun einmal sind. Gott tut es schließlich auch. Wir können ihm nichts vormachen, und wir brauchen deshalb uns nichts vormachen. Die Bibel ist so realistisch, weil sie mit den Augen Gottes hinschaut. Und das sind wohlmeinende Augen. Er will den Menschen leben helfen, er will, dass sie unter den gegebenen Bedingungen glücklich sind.

Von Gott ist im zweiten Teil unseres Predigttextes die Rede. Ich lese auch den Anfang noch einmal vor, dieses Mal nach der Zürcher Bibel.

 

IV.  Gott alles so gemacht, dass es schön ist zu seiner Zeit. Schön im Sinne von gut. So wie es am Anfang der Bibel von der Schöpfung heißt: „Und siehe, es war gut", im Blick auf den Menschen sogar „sehr gut!" Das Leben ist eigentlich gut, es ist sinnvoll. Manchmal ist uns nicht danach zumute. Es fällt uns schwer, dem zuzustimmen. Doch diese Behauptung stützt sich nicht nur auf Stimmungen und Beobachtungen, sie ist in der tiefen Überzeugung begründet: Die Welt - so wie sie ist, mit ihren Licht- und Schattenseiten - ist gut. Das menschliche Leben - mit allem Auf und Ab - ist sinnvoll. Und wenn wir ehrlich sind, können die allermeisten von uns sagen: Ja, so ist es. Ich lebe gerne!

Das lässt sich sicher leichter sagen, wenn man weiß, dass Gott da ist. Unser Leben ist in seiner Hand. Wir können fest darauf vertrauen, dass er es gut mit uns meint. Das ist unser Glaube, - aber genau der ist für viele Menschen nicht mehr selbstverständlich. Sie zucken mit den Schultern. Sie sagen, dass sie es nicht wissen. Sie reden vom Zufall oder vom Schicksal. Der Prediger aber bestätigt uns in dem Vertrauen darauf, dass diese Welt nicht ein plan- und zielloses System ist, das nur den eingeschriebenen physikalischen und biologischen Gesetzen folgt. Dass wir eben nicht völlig beliebige Lebewesen sind, die die Evolution zufällig produziert hat.

Der Prediger bestätigt uns, dass diese Welt ihre verborgene Mitte hat, einen Fluchtpunkt und damit einen Horizont. Dass wir ein Gegenüber haben, vor dem wir uns verantworten sollen und dürfen. Es lässt sich leichter leben, wenn man sich nicht nur vorfindet (friss oder stirb), sondern sich jemanden verdanken kann. Wenn man sich selbst als Geschenk annehmen kann: Ich bin gewollt, so wie ich bin. Ich bin wertgeschätzt - und das kann ich im Grunde nicht verspielen. Ich bleibe es. Komme, was da wolle. Gott meint es gut mit mir.

Man kann gelassener leben. Man lernt, es so zu nehmen, wie es kommt: Das Harte, weil man darauf vertrauen kann, auch dahinter steht Gott. (Und man weiß ja auch nie, wozu selbst dieses Harte gut sein kann). Ebenso das unbeschwerte Glück, auch das darf man einfach empfangen, genießen und auskosten. Wir wissen zwar, nach der Sonne gibt es wieder Regen und Sturm. Aber wir wissen auch, dass nach dem Gewitter die Sonne wieder scheinen wird.

 

V.  Man kann es sich unbeschwert gut sein lassen, sagt der Prediger und fügt hinzu: „Und auch anderen Gutes tun." Also andere an dem Guten teilnehmen lassen. Gemeint sind natürlich keine guten Werke, die wir uns abringen, um unser Gewissen zu beschwichtigen und vielleicht Punkte zu sammeln. Dann ginge es in Wirklichkeit nur um uns selbst, um unser Ego. Der Prediger aber hat die Mitmenschen im Blick. Sie sind Gottes Kinder wie wir. Mit ihnen sollen wir das Gute teilen. Und alle Erfahrung lehrt, dass schenken nicht weniger Freude macht, als etwas geschenkt zu bekommen. Das höchste Gut ist doch die Gemeinschaft mit anderen Menschen. So fällt es eigentlich nicht schwer, Glück und Unglück zu teilen.

Mit Gott ist es im Grunde nicht anders. Es ist so erleichternd zu wissen, dass er da ist, dass er die Welt und uns in seiner Hand hält. Darüber können wir nur heilfroh und dankbar sein. Deshalb werden wir ihm mit Dankbarkeit begegnen und mit Respekt, wie man es heute sagt. Das alte Wort Ehrfurcht bringt noch mehr zum Ausdruck: Gott muss sich ja nicht vor uns rechtfertigen. Sein Tun und Lassen steht nicht zur Diskussion. Wenn wir das akzeptieren, begegnen wir ihm mit Ehrfurcht. Fürchten müssen wir ihn nicht, aber die Ehre sind wir ihm schon schuldig.

 

 

Vorschlag zum Predigttext: Zunächst werden die ersten neun Verse gelesen, später der ganze Text V. 1-14. Aus exegetischen Gründen ist für den 2. Teil die Übersetzung der Zürcherbibel 2007 vorzuziehen (s.u.). Man könnte also zunächst die Lutherbibel zugrunde legen, und bei der vollständigen Lesung beim 2. Mal die Zürcher.

Der Prediger Salomo / Kohelet 3, 1-14 nach der Zürcher Übersetzung (2007)

 

1  Für alles gibt es eine Stunde, und Zeit gibt es für jedes Vorhaben:
2  Zeit zum Gebären und Zeit zum Sterben,
    Zeit zum Pflanzen und Zeit zum Ausreißen des Gepflanzten.
3  Zeit zum Töten und Zeit zum Heilen, Zeit zum Einreißen und Zeit zum Aufbauen,
4  Zeit zum Weinen und Zeit zum Lachen, Zeit des Klagens und Zeit des Tanzens,
5  Zeit, Steine zu werfen, und Zeit, Steine zu sammeln,
    Zeit, sich zu umarmen, und Zeit, sich aus der Umarmung zu lösen,
6  Zeit zum Suchen und Zeit zum Verlieren, Zeit zum Bewahren und Zeit zum Wegwerfen,
7  Zeit zum Zerreißen und Zeit zum Nähen, Zeit zum Schweigen und Zeit zum Reden,
8  Zeit zum Lieben und Zeit zum Hassen, Zeit des Kriegs und Zeit des Friedens.
9  Welchen Gewinn hat, wer etwas tut, davon, dass er sich abmüht?

10  Ich sah, was Gott den Menschen zu tun überlassen hat. 11  Alles hat er so gemacht, dass es schön ist zu seiner Zeit. Auch die ferne Zeit hat er den Menschen ins Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk, das Gott gemacht hat, nicht von Anfang bis Ende begreifen kann.

12  Ich erkannte, dass sie nichts Besseres zustande bringen, als sich zu freuen und Gutes zu tun in ihrem Leben. 13  Und wenn irgendein Mensch bei aller seiner Mühe isst und trinkt und Gutes geniesst, ist auch dies ein Geschenk Gottes. 14  Ich erkannte, dass alles, was Gott schafft, endgültig ist. Nichts ist ihm hinzuzufügen, und nichts ist davon wegzunehmen. Und Gott hat es so gemacht, dass man sich vor ihm fürchtet.

 

Ein paar wichtige exegetische Beobachtungen und Entscheidungen:

  

1.  Ab Kapitel 3 spricht nicht mehr der skeptische und resignierte König wie am Anfang des Buches, sondern ein anderer Weiser. Aus dem Namen Kohelet kann man schließen, dass er vielleicht der Gemeindesprecher oder -leiter ist. Seine Einsicht in das Treiben der Welt und seine Botschaft von Gott sind deutlich zuversichtlicher als die des Königs.

2.  ‘olam (Vers 11) heißt nicht Ewigkeit in dem Sinn, den wir damit verbinden, sondern die ferne Zeit hinter und vor uns, die wir in Gedanken wieder holen oder vorweg nehmen.

3.  In Vers 12b heißt es nicht sich gütlich tun wie es Luther und ähnlich die meisten älteren Übersetzungen vorschlagen, sondern mit Exegeten wie Thomas Krüger, BKAT XIX, 2000 und der Zürcher: (den anderen) Gutes tun.



Wilhelm v. der Recke
Cuxhaven
E-Mail: Wilhelm.v.der.Recke@t-online.de

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