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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

24. Sonntag nach Trinitatis, 02.11.2008

Predigt zu Der Prediger Salomo 3:1-15, verfasst von Heiko Naß

Predigtext:
3 1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;
6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;
7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;
8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.
9 Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.
10 Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen.
11 Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.
12 Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.
13 Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.
14 Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll.
15 Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.

Liebe Gemeinde,

was ist Zeit? Der belgische Ordenspriester Phil Bosmans hat auf diese Frage einmal geantwortet: Zeit, das ist keine Schnellstraße zwischen Wiege und Grab, sondern ein Platz zum Parken in der Sonne.

Liebe Gemeinde, das ist ein wunderbare Antwort auf diese Frage nach der Zeit, eine Einladung, sich für den Augenblick gewinnen zu lassen, ihn bewusst zu erleben, mit wachen Sinnen, so wie es ist, wenn man in die Sonne blinzelt und ihre Strahlen und ihre Wärme spürt.
Wenn es gelingt, Sie am Ende der Predigt zum Einstimmen in dieses Zitat zu bringen, dann bin ich mit Ihnen angekommen, dort, wo ich auch selbst hin will.
Es gibt wunderbare Plätze, Orte auf dieser Erde, die einladen zum Parken in der Sonne. Jede, jeder von uns hat einen solchen Ort, an dem sie oder er sich ganz besonders wach, gegenwärtig und zu Hause fühlt. Für mich selbst ist dieser Ort eine kleine Bank auf einer Düne in Dänemark. Hin einem liegen kilometerweit unbebaute Heide, Moor und Dünen, über die abendlich der Ruf der Kraniche geht. Voraus öffnet sich der Blick hin zum Meer, auf dem geradewegs gegenüber die Sonne langsam, gold spiegelnd im Wasser versinkt.
Wunderbar, man fühlt sich aufgehoben, eins mit dem Gang von Abend und Morgen und mit dem Lauf der Zeit. Und doch: es muss alles stimmen - will man sich so richtig hinein genommen fühlen.  Wenn ein Wind von Westen weht, und das ist nicht selten, kriecht der leichte Frost einem bald über die Schulter, und hebt die Stimmigkeit des Augenblickes auf.
So ist es auch im täglichen Gang des Lebens. Nicht immer scheint die Sonne, ja gibt es Zeiten, da verdunkelt sich das Leben ganz. Friedrich Hölderlin beschreibt in seinem Gedicht „Abendphantasie" diesen Bruch, diesen Einschnitt, in dem von einem Augenblick auf den anderen die Stimmigkeit vorüber geht, und der Zauber, der auf dem Abendhimmel liegt, plötzlich flieht,

„... dunkel wirds und einsam
Unter dem Himmel, wie immer bin ich -„

Ein Gedankenstrich schließt sich an. Auch wir müssen auf dem Weg durch unsere Predigt einen solchen Gedankenstrich vornehmen und merken, dass wir mit dem Empfinden der Zeit in unserem Leben zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, je nach dem, von welchem Standpunkt aus wir sie sehen: ob wir uns aufgehoben in der Zeit fühlen oder nicht doch uns das Gefühl beschleicht: wir stehen außen vor.

Genauso ist es darum auch bestellt, unter welchem Vorzeichen wir die Worte aus dem Buch des Predigers Salomonis, unseren heutigen Predigtext, hören und auf uns wirken lassen: dieses großartige Kunstwerk, Gedicht, Lied von der Zeit.
Alles hat seine Zeit...
Sieben Strophen umfasst dieses Gedicht, denn es sind sieben Tage, die eine Woche gliedern. Vier Gegensatzpaare sind jeweils zu einer Strophe zusammengestellt, um eine Vollständigkeit anzuzeigen, so wie wir mit dem Blick von der Erde aus nach Norden und Süden, nach Osten und Westen mit den Himmelsrichtungen unseren Horizont vollständig erfassen. Und schließlich bildet jeweils ein Gegensatz eine Zeile, weil wir ständig in der Unterscheidung stehen zwischen Licht und Dunkel, Tag und Nacht, Oben und Unten, zwischen Gut und Böse, Annehmen und Verwerfen, Arbeit und Ruhen.

Weisheit nannte man im alten Israel eine solche Beschreibung. Indem man aufschrieb, was man sah, und die komplexen und vieldeutigen Erfahrungen in begreifbare, nachsprechbare Zeilen goss, wollte man versuchen, dem Leben auf den Grund zu kommen, ihm seine inneren Ordnung, seinen geheimen Sinn ab zu lauschen. Es ist der anrührende, ja auch ergreifende Versuch, das eigene Lebensschiff wie ein Steuermann kunstvoll durch die Klippen der Zeit zu schiffen und die immer wieder anrollenden, aufkeimenden Bedrohungen durch das Unwägbare, das Chaos zu bezwingen.
So erlebten es die Menschen in Israel, und so erleben wir es ja auch heute, es gibt Augenblicke, Momente dieser inneren Zustimmung im Leben, da hören wir auch den Ton der Harmonie, in den wir einstimmen und unser eigenes Lied mit zum Klingen bringen dürfen.
... weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit,
klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.

Oft wünschen sich Brautpaare diesen Text als Lesung bei ihrer Trauung. Und auch in Traueranzeigen, bei der Abschiednahme von einem alt gewordenen Menschen, hat dieser Text seine Berechtigung und seinen Sinn. Leben erhält seine Gewähr durch die Beständigkeit, für die schließlich und letztlich Gott als der Schöpfer der geheimen Ordnung in allen Dingen steht. Die Erfahrung, die wir machen, erkennen wir wieder als die Erfahrungen, die Menschen schon vor uns erlebt haben und wohl auch noch nach uns erleben werden. Wir sind ein Baustein in dem großen Gang des Lebens, und in dem wir uns eingeordnet wieder finden können, empfinden wir darin einen eigenen Wert, finden wir uns ein Stück ewigkeitswert.

Und dennoch: diese Erfahrung ist brüchig, gefährdet, angefochten, dadurch, was Menschen eben auch erleben: Die Zeit geht und geht, aber sie geht an mir vorbei.

... suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;
behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit.

Der Rhythmus und die Ordnung der Dinge geben nur einen schwachen Trost, dem, der sucht und nicht findet, dem, der aus Scheitern und Vergeblichkeit den Eindruck gewonnen hat, dass sein Leben weggeworfen wird, verschleudert, vergeudet. Zeitarbeitsplätze werden seit kurzem durch die Kursverluste an den Börsen in großem Umfang wieder gestrichen. Der Reichtum, den wenige sich in den letzten Jahren angedeihen lassen konnten, wird heute auf Kosten der Arbeitsexistenz vieler nachfinanziert. Dem Verlierer klingen die Worte des Predigers nur zynisch.  Dem Gedanken, dass diese Welt von einer inneren Ordnung bestimmt ist, in der alles seinen Gang geht nach einem vorherbestimmten Plan, diesem Gedanken steht ohnmächtig der gegenüber, der sich von dieser Ordnung her ausgeschlossen oder benachteiligt sieht.

 Sterben hat seine Zeit...

Was ist aber, wenn Sterben, wenn Unglück, Krankheit und Tod zur Unzeit passieren, einbrechen in ein vorher glückliches Leben und die betroffenen Menschen mit Leid überfällt? Ich kann es mir nicht vorstellen, dass diese Worte von der rechten Zeit des Sterbens an einem Kindergrab angemessen wären oder dass sie in einer Situation, in der ein Mensch durch ein Unglück aus dem Leben gerissen wurde, einen Sinn entfalten könnten.
Der Versuch, aus dem Lauf dieser Welt eine ihm einwohnende, gute Ordnung zu erkennen, wird in dem Augenblick brüchig, wo der einzelne mit seinem Schicksal, mit seinem persönlichen Anliegen und Erleben, sich darin nicht mehr wieder finden kann.

Es ist nicht so, dass der Prediger, der Autor unseres alten Textes aus der Bibel, an solchen Widersprüchen vorbei geht. Er sieht diesen Zwiespalt zwischen den Erfahrungen von Leid und Ungerechtigkeit auf der einen Seite und der Frage nach einem Sinn auf der anderen. Aber seine Erkenntnis schmeckt bitter. Weil es aus seiner Sicht keine Möglichkeit gibt, etwas an dem Lauf der Welt zu ändern, etwas wegzunehmen oder hinzuzutun,  empfiehlt er als sein Resümee, „dass es nichts Besseres dabei gibt, als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben", denn essen und trinken und guten Mutes sein bei seinen Mühen, sind eine Gabe Gottes.
 
Liebe Gemeinde, kann Sie diese Antwort überzeugen? Mich überzeugt sie nicht!  Ich vermisse den Protest, ich vermisse die Klage. Ich vermisse, als einzelner wahrgenommen zu werden,  mit all meinem Empfinden. Dazu gehören meine Ängste, meine Sorgen, dazu gehören auch meine Dankbarkeit und mein Glück. Ich finde es vermessen zu sagen, es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Denn mit mir selbst geschieht in jedem Augenblick etwas Neues. Ich kann die resignierende Haltung des Predigers nachvollziehen, verstehen, das Seufzen, dass sich augenscheinlich nichts ändert in den Mühlen des Lebens. Aber ich teile diese Haltung nicht. Ich glaube nicht, dass mein Lebenssinn darin bestehen soll, in einem Vergleich mit vielen anderen aufzugehen. Ich glaube nicht, dass Gottes Wirken in eine unerreichbare Ferne rückt, das mit mir und meinem Leben eigentlich nicht mehr viel zu haben will. - Was berechtigt mich zu diesem Widerspruch?

Ich fühle mich dazu berechtigt, weil ich auch wahrnehme, wie Menschen an anderer Stelle der Bibel vom Glauben reden und von Gott. Ich fühle mich dazu berechtigt, weil sich Gott in Jesus Christus uns mit einem Angesicht mitgeteilt hat.
„Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon", schrieb der Prediger. Jesus Christus sagt dagegen: „Kommt her zu mir alle, die ihr müheselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernet von mir, ... so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen".

So möchte ich dem Gedicht des Predigers über die Zeit ein anderes Gedicht aus der Bibel gegenüberstellen, das vielleicht als einziges vergleichbar kunstvoll geschrieben ist. Es ist das Gedicht des Apostels Paulus über die Liebe, das mit den Zeilen beginnt:

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.
Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.
Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze...
Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.
Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.

Aus diesem Text spüre ich Beziehung. Ich spüre, eine Verbindung mit dem konkreten Augenblick, mit dem, was ich wahrnehme, sehe, rede, mit den Menschen um mich herum, ihren Anliegen, Freuden, Sorgen und Nöten. Die Liebe denkt immer konkret. Sie gibt Aufmerksamkeit für die Not jedes einzelnen, sie ist das Gegenteil zur Gleichgültigkeit. Sie schenkt die Demut, weil sie zugibt, nicht alles zu wissen oder erklären zu können, doch sie greift da, wo es angebracht ist, ein und hilft.
 
Liebe Gemeinde, anfangs sagte ich, wir finden auf dem Weg durch die Predigt unseren Platz zum Parken in der Sonne wieder. Hier haben wir ihn. Wir haben ihn allerdings  nicht mit einem Dauerabo oder als Zuschauer auf einem Theatersitz.  Wir haben ihn, wo eine Beziehung gelingt:  das kann ein Ort draußen in der Natur sein, wo mich die Sinne aufmerksam mit der Schöpfung verbinden, das kann in einer ruhigen Minute mit mir selbst sein, oder in einer Beziehungsaufnahme zu Menschen, die mir nahe sind oder überraschend nahe kommen.

Müssen wir darum nun die Worte des Predigers Salomonis über die Zeit zur Seite legen?
Ich meine: Nein. Die Worte des Predigers von der Zeit sind umgeben von einem Hauch von Schönheit, in ihnen spiegelt sich ein Abglanz von Ganzheit und Heil in dieser Welt. Erfüllt mit Wärme und Licht werden sie allerdings erst, wenn wir sie mit den Augen der Liebe lesen. Die Liebe, die in ihrem Mitgehen und Handeln, in der Arbeit und der Ruhe, im Werden und Vergehen aufmerksam ist für die, die genau wie wir im Werden und Vergehen stehen und sich in den Momenten des Lebens, den Augenblicken in der Zeit, darin freuen oder daran leiden. Denn nicht, dass alles seine Zeit hat, ist der geheime Sinn der Welt, sondern es ist Liebe, die unsere Zeit und uns ihr annimmt und darin mit Gott verbindet. Denn Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm. 

Lassen Sie sich noch diese kleine Geschichte erzählen:
Ein alter Mann sitzt in einem Bus. In seinem Arm hält er einen wundervollen Blumenstrauß. Eine junge Frau kann ihren Blick nicht von der Blumenpracht lassen. Immer wieder schaut sie zu den bunten Blüten. Kurz vor der nächsten Haltestelle erhebt sich der Mann und geht zu der Frau. „Gefällt Ihnen der Strauß?" Er reicht ihr die Blumen und sagt: „Er ist eigentlich für meine Frau. Aber ich denke, sie hätte es gern, dass Sie ihn bekommen. Ich gehe jetzt zu ihr und erzähle ihr, dass ich die Blumen Ihnen geschenkt habe.
Erstaunt nimmt die Frau den Strauß entgegen. Als der alte Mann aussteigt, sieht sie ihm nach. Er verschwindet durch ein Tor, das auf einen Friedhof führt.

Liebe Gemeinde,
diese kleine Geschichte spiegelt, dass auf unserem Weg durch die Zeit, zwischen Wiege und Grab, die Liebe uns zu Augenblicken weisen wird, auf die die Sonne das Licht ihrer Strahlen fällt.

Amen.



Pastor Heiko Naß
Referent der Kirchenleitung der NEK
E-Mail: hnass.nka@nordelbien.de

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