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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Ostermontag, 09.04.2007

Predigt zu Jesaja 25:8-9, verfasst von Friedrich Hauschildt

Liebe Gemeinde!

Das kurze Textstück, das eben hier erklungen ist, stammt aus einer ganz fernen, uns sehr fremden Zeit, von einem Verfasser, der im Dunkel bleibt - aber trotzdem spüren wir die Kraft dieser Worte ganz unmittelbar. In ihnen ist eine unbändige Hoffnung, eine überschwängliche Lebensbejahung enthalten, die ihresgleichen sucht. Dabei findet sich dieses Textstück in einem Zusammenhang, in dem viele Kapitel lang von Strafe und Untergang die Rede ist. Aber plötzlich ist ein Textteil eingestreut, der überraschend einen ganz anderen Ton anschlägt. Und ein späterer Bearbeiter hat dem Text mit dem Spitzensatz „Der Herr wird den Tod verschlingen auf ewig" ein Licht aufgesetzt, das weit über seine Entstehungszeit hinausragt. Wir hören in dieser Hoffnung eine Vorausahnung des Ostergeschehens und können nur staunen, diese Hoffnung auf uns wirken, uns von ihr anstecken lassen - oder betrübt und ohne Hoffnung zurück bleiben. „Wär` er geblieben, wo des Todes Wellen branden, so hofften wir umsonst" (EG 117, 3) „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist ...euer Glaube vergeblich", schreibt Paulus den Christen in Korinth (1. Kor. 15,14) . Und er fährt fort: Dann „sind wir die elendesten unter allen Menschen" (V. 19). 

 
Die Hoffnung, die in diesem alten Textstück laut wird, ist eine, die nicht unserem Leben entsprungen ist, zu der wir uns nicht selbst ohne weiteres aufschwingen können. Gewiss: Unser Leben wird auch von Sehnsüchten und Hoffnungen bestimmt. Aber wenn diese sich im Ernstfall bewähren müssen, dann erweisen sie sich häufig als oberflächlich und zerplatzen. Dann bleibt oft nur noch Resignation übrig. Gegen den Tod kommt keine menschliche Sehnsucht an.

In zwei kraftvollen Bildern spricht sich diese Hoffnung aus. Das erste:

Der Fels, an dem unsere menschlichen Hoffnungen zuletzt stranden, ist der Tod. Angesichts des Todes zerbirst jede noch so kraftvolle Erwartung. Der Tod bringt jeden noch so sicher vorgetragenen Hochmut zu Fall. Nichts und niemand sind vor dem Tode sicher, „den Tod niemand zwingen konnt" (EG 101,2) Der Tod verschlingt alles. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns dem Tode zu ergeben. Er hält „uns in seinem Reich gefangen" (EG 101,2).

Sich dem Tod zu ergeben, alle Hoffnung fahren zu lassen ‑ unser Textstück macht da nicht mit. Es gehört in jene Tradition, in der das Leben den Kampf mit dem Tod aufnimmt. Da gibt es keinen schiedlich-friedlichen Kompromiss, sondern nur einen erbitterten Kampf. „Es war ein wunderlich Krieg, da Tod und Leben rungen" (EG 101 ,4). Wie oft haben wir erlebt, dass der Tod siegt. Hier aber geschieht das Wunder: „Die Rechte des Herrn behält den Sieg" (Psalm 118,16; ähnlich EG 113, 4). Vom Tod, dem letzten Feind, dem anscheinend allmächtigen Feind, der alles verschlingt, heißt es nun umgekehrt: er wird verschlungen, das Leben „hat den Tod verschlungen" (EG 101,4), der Tod ist zu einem „toten Bild" geworden (vgl. EG 112, 4), die Erlösten spotten sogar über den Tod (EG 112,4). 

Wenn das zutrifft, wenn das unserer Lage im tiefsten entspricht, dann wird unsere sonstige Sicht des Lebens völlig auf den Kopf gestellt. Dann ist dort, wo wir hinter der Todesgrenze das Nichts fürchten, in Wahrheit Leben, und das Leben, an das wir uns hier klammern, das ist oft nichtig, bestenfalls ein Vorschein des Künftigen. Dann kann dort, wo wir verzagen, neue Kraft wachsen. Wo irdisches Leben zerbricht, scheint das unverbrüchliche Leben auf

„Der Herr wird den Tod verschlingen auf ewig", das ist ein überwältigendes Bild.

Und das andere Bild? „Gott wischt ab alle Tränen". Wie viel Leid gibt es auf dieser Erde!? Unglück, Krankheit, Schmerz. Ich denke an die Mutter, die ihr Kind verloren hat, und der damit ihre Hoffnung geraubt ist. An den Mann, dessen Frau plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben ist, ohne dass er sich noch von ihr verabschieden konnte. Oder an die ältere Witwe, die nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr ins Leben zurückgefunden hat, weil der Tod des geliebten Ehepartners ihr das Herz gebrochen hat. Sollen am Ende unseres Lebens, unserer Welt Tränen, ein Meer von Tränen stehen? „Nein!" sagt unser Text: Gott wird alle Tränen abwischen. Du fällst nicht ins Nichts: „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand" (Arno Pötzsch, EG 533,1), es gibt einen Trost, der stärker ist als das tiefste Leid. Christus hebt den „schweren Sorgenstein" (EG 114, 4), Gott wischt alle Tränen ab. Was der Prophet des alten Bundes bereits sieht, das nimmt der Seher des neuen Bundes im Buch der Offenbarung wieder auf und bestätigt es: „Gott wird abwischen alle Tränen und der Tod wird nicht mehr sein noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen...Siehe, ich mache alles neu" (Offb. 21, 4f).

Und was können wir tun? Nichts ‑, außer auf Gott unsere Hoffnung zu setzen und alles von ihm zu erwarten. Wir Menschen neigen dazu, unsere Hoffnung auf uns selbst zu setzen. „Hilf dir selbst!" sagt der Volksmund, erst dann werde Gott helfen. Man könne sich nur auf sich selbst verlassen, heißt es. Und in der Todesanzeige steht als Motto eines Lebens, er sei sein ganzes Leben fleißig gewesen. Wer lässt sich schon gerne etwas schenken?! Wenn wir schon etwas annehmen müssen, wollen wir wenigstens etwas dafür tun. Hilft uns unser Fleiß angesichts des Todes?

Auch unserer Kirche fällt es schwer, sich ganz in Gottes Tun zu gründen. Sie setzt in aller Krisenerfahrung ihre Hoffnung auf günstige Bedingungen, auf die Tüchtigkeit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Auf Sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn" (Paul Gerhardt, EG 361,2).

In unserem kurzen Textstück wird nicht weniger als fünfmal „Gott" bzw. „Gott, der Herr" als Subjekt des Geschehens genannt. Um ihn dreht sich alles. Von ihm erwarten wir alles „Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen" (EG 352,1). 

Diese Hoffnung taucht in ferner Zeit beim Propheten Jesaja oder bei Frommen, die sein Werk fortführen, auf. Können wir diesen Worten vertrauen? Ist die Hoffnung, die sich in diesen Worten ausspricht, begründet? Gibt es für diese Hoffnung einen Bürgen? Ja, es gibt einen Bürgen. Diese Hoffnung ist in Jesus von Nazareth und seinem Geschick erfüllt, bestätigt, bekräftigt, offenkundig geworden. Gott selbst hat Jesus noch im Tode bestätigt. „Christus ... zerbricht der Hölle Schloss und Tür" (EG 113,3) „Er hat zerstört der Höllen Pfort" (EG 100,3). Seit Jesus auferstanden ist, gilt diese Hoffnung aller Welt. Was ihm widerfuhr, das gilt auch mir. Denn: „ich hang und bleib auch hangen an Christus als ein Glied; wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit" (EG 112, 6).

Darauf können wir nur mit Jubel antworten. Das große Leben, das ganze Leben wird uns geschenkt, das Leben, das uns umfasst, wenn unser kleines Leben zerbricht. Das unverbrüchliche Leben, das bleibt und neu geschenkt wird, wenn unser irdisches Leben vergeht. Und wir stehen staunend, anbetend, jubelnd vor Gott. „Lasst uns jubeln und fröhlich sein über unser Heil" (V. 9) Und dieser Jubel verneigt sich anbetend vor Gott: „ Siehe das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der Herr, auf den wir hofften". Viele Osterlieder locken uns, in das immer wiederkehrende „Halleluja" einzustimmen. Das Halleluja wird hier auf Erden angestimmt und in der Ewigkeit fortgesetzt. Es verbindet uns schon hier mit dem künftigen Leben. Es lässt schon hier einen Glanz aufscheinen, der aus der anderen Welt stammt. Unser irdisches Leben hier wird vergehen, das gilt auch nach Ostern. Aber wir sind Wesen, die Gott angesprochen hat. „Wo also und mit wem Gott redet, es sei im Zorn oder in Gnaden, der ist gewisslich unsterblich. Die Person Gottes, die da redet, und das Wort zeigen an, dass wir solche Kreaturen sind, mit denen Gott bis in Ewigkeit und unsterblicher Weise reden will" (M. Luther WA 43, 481). Tod, Teufel und Hölle können uns nichts anhaben, wenn Gott nach uns greift. Von seiner Liebe kann uns nichts trennen. „Des freu sich alle Christenheit und lobe die Dreifaltigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Halleluja" (EG 100,5).  Amen.



Dr. Friedrich Hauschildt
Amt der VELKD
E-Mail: hauschildt@velkd.de

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