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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

24. Sonntag nach Trinitatis, 02.11.2008

Predigt zu Der Prediger Salomo 3:1-14, verfasst von Uwe Tatjes

Liebe Gemeinde!

Alles hat seine Zeit... Die Worte des Predigtextes, die wir gerade gehört haben, zählen zu den bekanntesten biblischen Texten. Die Botschaft des Textes hat dabei Eingang in den Volksmund gefunden. „Et kütt, wie et kütt", es kommt, wie es kommt, sagt der Kölner. „Wat kummt, dat kummt", formulieren wir auf Plattdeutsch.

Diese Sprichworte signalisieren eine schnelle Zustimmung zu der Lebensphilosophie, die der Weise, den wir den Prediger nennen, in seinen Worten ausbreitet.

Man kann ja die Worte des Predigers so verstehen, dass es für alles eine bestimmte, eine gute Zeit gibt. Einen idealen Zeitpunkt, um Dinge anzugehen. Um das Leben in die Hand zu nehmen. Eine Zeit zu bauen, eine Zeit zu pflanzen, eine Zeit zu suchen.

Auf diesem Hintergrund wären die Worte unseres Predigttextes quasi ein Kommentar zu der Aufforderung, seines Glückes Schmied zu sein. Sei auf der Hut! Nutze die Zeit gut! Verpasse den richtigen Augenblick nicht.

Das klingt einerseits sehr verlockend und einleuchtend für uns. Wir als moderne, autonome Menschen möchten unser Leben doch gerne in die Hand nehmen. Wir möchten unsere Chancen nutzen. Aber wenn unsere Lebenszeit eine Abfolge von Möglichkeiten und Chancen ist, dann erzeugt das auch einen subtilen Druck. Denn was, wenn ich meine Chancen nicht nutze, wenn ich den richtigen Zeitpunkt nicht abpasse? Wie erkenne ich den richtigen Augenblick?

Aber hat der Prediger seine Worte auch so gemeint? Denn er benennt ja nicht nur positive Dinge, weist hin auf die Chancen des Lebens. Jeder Lebenserfahrung, die er beschreibt, ist ein Gegensatz zugeordnet, kunstvoll geordnet wie in einem Gedicht.

Geboren werden - sterben; pflanzen - ausreißen; töten - heilen; bauen - abbrechen; lachen - weinen; suchen - verlieren; klagen - tanzen; streiten - sich versöhnen.

Um uns nur einige in Erinnerung zu rufen. In all diesen Gegensatzpaaren drückt sich die Erfahrung aus, dass wir als Menschen nicht über unsere Zeit verfügen. Welche Lebenszeit kommt, das liegt nicht in unserer Hand. Gute Zeiten, schlechte Zeiten, sie wechseln sich im Lebenslauf immer wieder ab. Umso älter wir werden, umso mehr spüren wir, dass wir das Leben nicht in der Hand haben, dass Dinge oft anders kommen und sich entwickeln, als wir uns das vorgestellt und geplant haben.

Das Leben ist eben immer der ganze Weg, mit allem Auf und Ab, nicht nur mit Höhepunkten und Erfolgen, sondern auch mit Niederlagen und Grenzen.

Darin ist der Prediger erfrischend nüchtern. Er macht sich und uns keine Illusionen darüber, dass unsere Lebenszeit nicht von uns selbst bestimmt wird. Letztlich liegt unsere Lebenszeit in Gottes Hand. Er schenkt uns Lebenszeit. Er gewährt uns einen Lebensraum in der Zeit. Und wenn wir die Lebenszeit als Geschenk annehmen wollen, dann können wir es nur, wenn wir gute und schlechte Zeiten annehmen. Denn unsere Lebenszeit mit ihrem Auf und Ab ist umschlossen von Gottes Ewigkeit.

Wir erleben zur Zeit eine große Verunsicherung, ausgelöst durch die weltweite Finanzkrise. Wir spüren, wie das auf einmal auf unser Leben Einfluss nimmt, wie das in vielen Fällen sogar in Lebensgeschichten eingreift und sie verändert. Der Optimismus und auch Hochmut, mit dem diese Krise sich angebahnt hat- wir machen das schon! - erleben eine schmerzhafte Bruchlandung. Bitter ist das für alle, die gar keine direkte Schuld daran tragen und doch davon betroffen sind. Wie schnell kann sich in unserem Leben etwas ändern! Eine Krankheit; eine Liebe, die vergeht; Veränderungen, die wir nicht vorhergesehen haben.

Am Ende haben wir unsere Lebenszeit nicht in der Hand.

Ist das aber nicht eine frustrierende Erfahrung, die uns in die Resignation treiben kann? Wenn unser Leben nicht in unserer Hand liegt, was sollen wir uns dann noch anstrengen? Dann ist doch alles über uns verhängt und wir haben es eben, wie es kommt, hinzunehmen. Wie ein dunkles Schicksal, das über uns hängt und dem wir uns nicht entziehen können.  Hat am Ende Gott unseren Lebensplan schon geschrieben? Gibt es für uns keinen Spielraum mehr? Das wäre dann in der Tat ein völliger Gegensatz zu dem eingangs beschriebenen Optimismus und passt vielleicht ganz zu einer Zeitstimmung und Erfahrung, in der nichts mehr sicher zu sein scheint und sicher Geglaubtes sich von einem Augenblick auf den anderen in Luft auflöst. Veränderungen machen ja auch immer Angst, stellen uns vor neue Fragen und Herausforderungen.

Ich glaube, der Prediger will mit seiner Betrachtung der Zeit weder das eine noch das andere erreichen. Er redet weder einem ungebremsten Optimismus das Wort, nach dem Motto: Mit uns zieht die neue Zeit! Es geht auch nicht darum, Menschen in die Resignation zu treiben: Es kommt ja doch alles so, wie es kommt! Was kann ich daran schon ändern?

Beides wäre nicht angemessen. Dieser Weise, der Prediger, weist uns vielmehr ganz nüchtern auf die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen unseres Lebens hin. Denn in diesem Auf und Ab des Lebens, in den Gegensätzen, in den Gezeiten des Lebens liegen auch Chancen. „Wir haben so wenig Vertrauen in die Gezeiten des Lebens", schreibt die amerikanische Schriftstellerin Anne Morrow Lindbergh, „Wir jubeln der steigenden Flut entgegen und wehren uns erschrocken gegen die Ebbe. Wir haben Angst, sie würde nie zurückkehren."

Niemand von uns hält sein Leben, seine Lebenszeit in der Hand. Niemand kann Momente des Glücks für immer festhalten, aber auch schwierige Erfahrungen werden nicht für immer unser Leben bestimmen. Denn unsere Lebenszeit liegt in Gottes Hand. Ein Leben, das nur vom Glück bestimmt wäre, das wir alleine steuern würden, wäre glatt und oberflächlich. Und ein Leben, in dem uns nur Grenzen aufgezeigt würden, in dem wir alles hinnehmen müssten, wäre schlichtweg unerträglich. Aus beiden Erfahrungen zusammen formt sich unser Leben. So wie es Goethe unnachahmlich ausgedrückt hat: „Im Atemholen sind zweierlei Gnaden, die Lufte einziehen, sich ihrer entladen; jenes bedrängt, dieses erfrischt; so wunderbar ist das Leben gemischt. Du Danke Gott, wenn er Dich preßt, und dank ihm, wenn er dich wieder entlässt." Angesichts von Gottes Ewigkeit relativieren sich unsere Erfahrungen. Sie sind nicht das Letzte. Sie sind begrenzt und vergänglich, aber auch einmalig und unwiederbringlich. Das gibt ihnen Würde und Grenze zugleich.

Es gehört zu unserer Bestimmung als Mensch, dass wir begrenzt und vergänglich sind. Dass unsere Lebenszeit nicht in unserer Hand liegt, ist auch eine Gnade und eine große Entlastung.

Denn die Erinnerung daran, dass wir die Zeit nicht in Händen halten, dass sie unverfügbar bleibt, weist uns darauf hin, was wir positiv als Menschen tun können. Wir können uns an jedem Moment freuen und brauchen dem Glück nicht nachzujagen. Wir müssen uns nicht abrackern, um möglichst viel aus unserer Lebenszeit herauszuholen. Denn dadurch verschwenden wir nur Lebenskraft und verfehlen bei allem Eifer oft das, was uns als Glück am Ende doch geschenkt wird und gar nicht in unserer Hand liegt. Daran erinnert uns der Prediger mit seinen Worten:  Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. (V. 12-13)

Ich höre diese Worte als einen Aufruf zu Gelassenheit und Vertrauen. Gott möchte, dass unser Leben gelingt, er schenkt uns immer wieder Momente des Glücks, das Auf und Ab unseres Lebens liegt in seiner Hand und ist von seiner Ewigkeit umschlossen. Das bedeutet für mich ein Stück Demut. Sich nicht zu sicher zu sein. Daran zu denken, dass im Gefüge unseres Lebens sich schnell Dinge ändern können und guten Zeiten oft schlechte Zeiten nachfolgen. Das heißt für mich auf der anderen Seite aber auch, dass mein Leben eine ganz andere und weite Perspektive bekommt. Wenn ich nicht meines Glückes Schmied bin, wenn die Zeit nicht in meiner Hand liegt, dann entlastet mich das von vielem. Ich muss nicht alles hinnehmen. Nein, ich kann ganz bewusst leben, im Hier und Jetzt, jeden Augenblick als ein Geschenk Gottes wahrnehmen und mich über jedes kleine Glück freuen. Und wenn ich an Grenzen stoße, wenn ich schwierige Phasen durchmache, dann weiß ich mich dennoch von Gottes Liebe und Ewigkeit umschlossen. Alles hat seine Zeit. Im Fluss der Gezeiten, im Auf und Ab unseres Lebens weiß ich mich getragen von der Zusage Gottes. Er steht auf der Seite des Lebens und hält meine Lebenszeit liebevoll in seiner Hand. Aus dieser Einsicht kann eine große Gelassenheit und Freude wachsen, wie sie Hans Dieter Hüsch in einem seiner schönsten Texte ausgedrückt hat:

 

Wir alle sind in Gottes Hand
Ein Jeder Mensch in seinem Land
Wir kommen und wir gehen
Wir singen und wir grüßen
Wir weinen und wir lachen
Wir beten und wir büßen
Gott will uns fröhlich machen

Wir alle haben unsre Zeit
Gott hält die Sanduhr stets bereit
Wir blühen und verwelken
Vom Kopf bis zu den Füßen
Wir packen unsre Sachen
Wir beten und wir büßen
Gott will uns leichter machen

Wir alle haben unser Los
Und sind getrost auf Gottes Floß
Die Welt entlang gefahren
Auf Meeren und auf Flüssen
Die Straken und die Schwachen
Zu beten und zu büßen
Gott will uns schöner machen

Wir alle bleiben Gottes Kind
Auch wenn wir schon erwachsen sind
Wir werden immer kleiner
Bis wir am Ende wissen
Vom Mund bis zu den Zehen
Wenn wir gen Himmel müssen
Gott will uns heiter sehen

Amen



Pastor Uwe Tatjes

E-Mail: pastor_tatjes@imap.cc

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