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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Buß- und Bettag, 19.11.2008

Predigt zu Jesaja 1:10-17, verfasst von Jorg Christian Salzmann

 

I

Die Herren von Sodom und das Volk von Gomorrha, das sind immer die anderen. Die, von denen wir schon immer gewusst haben, dass sie nur geldgierig sind. Die, welche ihre Kinder verkommen lassen. Die marodierenden Soldaten, die in Afrika die Menschen quälen. Die Leute, die nur auf ihre eigene Macht schauen und nicht auf das Wohl des Landes. Der Nachbar, der seine Frau schlägt. Die mit ihren großen Schlitten die Luft verpesten. Die Gewalttätigen und die Mörder. Und so weiter, und so weiter.

Als der Prophet Jesaja im Tempel Gottes Botschaft an das Volk verkündigte, werden die Leute sich die Augen gerieben haben. Offensichtlich nämlich waren sie selbst gemeint. Denn Gott nahm sich nicht die draußen vor, sondern genau diejenigen, die da im Tempelvorhof standen. Was zertretet ihr meinen Vorhof? Warum betet ihr überhaupt noch? Meint doch nicht, ihr seid fromm! Frevel und Festversammlung mag ich nicht. Eure Opfer stinken mir!

Das ist eine erschreckende Möglichkeit: dass Gott zu dem, was wir hier machen, überhaupt keine Lust hat. Dass es hier nicht Vergebung gibt, sondern nur eine Abreibung. Dass Gott auf unsern Bußtag pfeift und uns nicht hören will. Was dann?

Aber unsere Hände sind doch nicht voll Blut, sagst du. Keine Ahnung, was die damals verbrochen haben, dass Gott ihnen so kommen musste, aber auf uns trifft das doch nicht zu. Klar, wenn wir Bußtag halten, dann zeigen wir nicht nur mit dem Finger auf die anderen. Aber ich und Sodom und Gomorrha? Das kann es doch nicht sein.

Es werden damals wohl die wenigsten unter den Tempelbesuchern gewesen sein, an deren Händen tatsächlich Blut klebte. Gott aber machte sie alle mit haftbar: die Zustände, die bei euch herrschen; die Art und Weise, wie die Großen sich über das Recht hinwegsetzen; das, was bei euch als normal gilt: all das kann es nicht sein. Eine Gesellschaft, in der die Schwachen untergehen, wo Witwen und Waisen keine Chance haben, die will ich nicht.

 

II

Am Buß- und Bettag machen wir uns Gedanken darüber, dass doch auch wir die sein könnten, die da angeredet werden. Es sind eben nicht nur die anderen, die in Schuld verstrickt sind. Es ist doch nicht so, dass alle Welt Schlechtes tut und nur die Christen sind daran völlig unbeteiligt. Das war nicht so in der Geschichte; und das ist auch heute nicht so. Nehmen wir nur einmal die Probleme, welche die Globalisierung für viele Menschen schafft: die einen klagen über Arbeitslosigkeit, weil ihre Arbeitsplätze in Billiglohnländer verlegt werden; die anderen sind nicht zufrieden mit den Weltmarktpreisen, weil sie durch den Preisdruck nicht mehr von ihrer Hände Arbeit leben können. Die meisten von uns aber profitieren und kaufen die günstigen Waren aus fernen Ländern ein. Wir Christen stecken da mit drin; wir können nicht aussteigen und sagen: Globalisierung, damit habe ich nichts zu tun. - Oder das allgemeine Klima, in dem Menschen sagen: jeder ist seines Glückes Schmied; wer seine Ellenbogen nicht gebraucht, ist selber schuld, auch das geht nicht spurlos an uns vorbei. Ich ertappe mich dabei, wie ich denke und fühle: Egal was mit den andern ist - Hauptsache, mir geht es gut. Ich trage keineswegs mit allem, was ich bin und tue, dazu bei, dass es gut ist, in meiner Umgebung zu leben.

Also am Ende doch Sodom und Gomorrha bei uns? Wir wollen uns nicht einreden, dass wir alle Verbrecher sind. Aber genauso wenig lasst uns nach Ausflüchten suchen und meinen, dass bei uns alles in Ordnung ist, dass Gott im Blick auf uns und unsere Kirche und unser Land nur Grund hätte, zufrieden zu sein - im Gegenteil.

 

III

Fragt sich, was zu tun ist. Die Antwort des Jesaja für seine Leute damals ist klar und einfach: Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache! - Ein Sozialprogramm sollen sie auflegen, würden wir sagen; sie sollen aufhören, rücksichtslos das Recht zu beugen. Sie sollen ihr Leben so führen, dass sie sich trauen können, Gott unter die Augen zu treten. Das Volk Gottes kann doch nicht das Recht mit Füßen treten und dann mit denselben Füßen den heiligen Grund an Gottes Haus zertreten.

Nun können wir aber doch mit Fug und Recht sagen: was bei uns in der Gesellschaft passiert, das ist eben nicht nur eine Frage dessen, was die Kirche tut. Unser Land hat weder den Anspruch noch den Auftrag, das Volk Gottes zu sein. Wie sollen wir Christen dann Verantwortung für das übernehmen, was bei uns geschieht? Und selbst wenn wir erkennen, dass wir mit verantwortlich sind, wie sollen wir denn etwas ändern in einem Land, wo auf die Stimme der Kirchen immer weniger geachtet wird?

Das ist richtig. Und doch wendet das nicht Gottes Forderung von uns ab: Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten. Das gilt auch für unsern Alltag und muss nicht in Programmen zur Weltveränderung enden. Schon kleine Veränderungen in mir und meinem Leben könnten vielleicht dazu führen, dass es Menschen in meiner Umgebung gut aushalten können. So soll der Bußtag für uns ein Tag sein, wo wir zur Besinnung kommen. Denn es könnte ja wirklich sein, dass auch wir von Gott zu hören bekommen müssten: ich kann eure Gottesdienste nicht riechen, ich will euer Beten nicht hören, bleibt mir weg mit eurer aufgesetzten Frömmigkeit!

 

IV

Allerdings wissen wir auch, dass viele gute Vorsätze noch lange nicht viele gute Taten erzeugen. Am Buß- und Bettag erkennen wir auch, dass wir versagt haben und dass wir mit unsern Kräften und Möglichkeiten eben nicht alles einfach wieder gerade biegen können, was schief gelaufen ist. So fragen wir auch noch weiter und rufen zu Gott: willst du uns denn wirklich nicht hören? Und so lesen wir im Jesajabuch auch noch weiter, wo es gleich nach unserm Predigtwort heißt: „Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden." Als Christen hören wir darin die Bereitschaft Gottes zur Vergebung um Christi willen.

Das ist keine billige Gnade, die für uns mit der inneren Stimme verbunden wäre: alles klar, macht mal einfach so weiter wie bisher. Aber Gnade ist es doch, wenn Gott sich unserer verfahrenen Welt zuwendet. Und wir müssen erkennen, dass wir uns nicht selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen können. Gott allein kann den Neuanfang machen; auf seine Kraft lasst uns vertrauen und nicht auf unsere guten Vorsätze. So lasst uns seine Vergebung suchen und seiner Gnade vertrauen. Dann mag es auch gut werden, in unserer Umgebung zu leben, dann können wir auch Schritte tun zum Recht und zur Hilfe für unterdrückte Menschen. Buße heißt Umkehr. So lasst uns umkehren zu Gott. Denn er allein ist es, der die blutrote Sünde weiß machen kann und nicht wir selbst. Darauf lasst uns vertrauen durch Jesus Christus.



Prof. Dr. Jorg Christian Salzmann
Oberursel
E-Mail: dr.jchr@jmsalzmann.de

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