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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Buß- und Bettag, 19.11.2008

Predigt zu Jesaja 1:10-17, verfasst von Rudolf Rengstorf

Liebe Gemeinde!

Er fällt aus dem Rahmen der Buß- und Bettag. Als rein evangelischer Feiertag fehlte ihm seit jeher ohnehin die theologische Basis. Denn evangelischer Glaube lebt immer - Tag für Tag - davon, dass wir, die wir fern sind von Gott und ihm nichts zu bieten haben, von ihm angenommen und in den Stand von geliebten Töchtern und Söhnen versetzt werden. Das feiern wir in jedem Gottesdienst, das vergegenwärtigen wir uns in jedem Vater-

unser. Buáe tun, wahrnehmen, dass ich mich allein der Güte Gottes verdanke, und beten - das ist für Christen weiß Gott nicht nur einmal im Jahr dran. Und die Einrichtung eines solchen Tages kann nur zu unevangelischen Missverständnissen führen.

 

Aber es waren ja auch keine Theologen, die diesen Tag eingeführt haben Es war die Obrigkeit, die Wert darauf legte, sich mit dem Volk vor dem Allerhöchsten zu demütigen und seine Hilfe in Notzeiten zu erbitten. Doch die Zeiten der Verbindung von Thron und Altar sind längst dahin. Der demokratische Staat verhält sich der Religion gegenüber neutral,

und Kirchengemeinde ist längst nicht mehr das Abbild der Bürgergemeinde. Doch der Bußtag hatte den gesellschaftlichen Wandel überlebt, auch wenn er in der Volkskirche nur noch ein Schattendasein führte. So war es nur konsequent, dass der Staat diesen gesetzlichen Feiertag aufhob

 

Die Kirche aber hält an ihm fest. Theologische Gründe dafür hat sie nicht. Aber was schon immer so war, wird halt aus pragmatischen Gründen fortgeführt: Zum einen bietet ein kirchlicher Feiertag die Möglichkeit, zu Schulgottesdiensten in Stadt und Land einzuladen, zumal der Bußtag im Unterschied zum Reformationstag nie in die Ferien fällt. Und

zum andern kann ein Wochentag gut für ökumenische Gottesdienste genutzt

werden. In d er Regel dienen diese einer Standortbestimmung der Kirche in der Gesellschaft. Aufgrund des raschen Wandels, in der sich Gesellschaft und Kirche befinden, ist es durchaus sinnvoll, solche Bestimmungen jährlich von neuem vorzunehmen.

 

Der biblische Text, der  für diesen Buß- und Bettag vorgeschlagen wird, ist durchaus geeignet, für eine solche Standortbestimmung klare theologische Kriterien zu bieten. Und da der Gott, nach dem wir uns gemeinsam mit den Juden richten wollen, völlig aus dem Rahmen fällt,der sich in Religion und Kirche immer wieder von selbst bildet, ist es ein Segen, diesen aus dem Rahmen fallenden Tag zu haben und ihn von dem bestimmen zu lassen, was uns hier gesagt wird:

So heißt es beim Propheten Jesaja im ersten Kapitel:

      Höret des Herrn Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unseres

      Gottes, du Volk von Gomorra!~

      Was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der Herr. Ich bin satt der Brandopfer von

     Widdern und des Fettes von Mastkälbern  und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der

     Lämmer ünd Böcke Wenn ihr kommt ,zu erscheinen vor mir - wer fordert denn von euch,

     dass ihr meinen Vorhof zertretet? Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das

     Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt,   

      Frevel und Festversammlung mag, ich nicht! Meine Seele ist feind euren Neumonden und

      Jahresfesten; sie sind mir eine Last,  ich bin's müde, sie zu tragen. Und wenn ihr auch  

      eure  Hände ausbreitet,  verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel

     betet,  höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut.

     Wascht euch, reinigt euch,  tut etire bösen Taten aus meinen Augen,  lasst ab vom Bösen!

     Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht,  helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen

    Recht,     führet der Witwen Sache!

 

Im Tempel von Jerusalem wird ein großer Gottesdienst gefeiert - mit allem, was damals - siebenhundert Jahre vor Christus - dazu gehörte. Große Tiere wurden geopfert, um Gott zu zeigen: Das Beste, was wir haben, soll dir gehören, weil du uns mit allem - mit unserem Land, mit seinen Früchten, mit unseren Tieren, mit unserem Leben - beschenkt hast. Lob- und Danklieder wurden gesungen, und in innigen Gebeten wussten die Menschen sich mit ihrem Gott verbunden.

Da tritt der Prophet Jesaja auf und provoziert die fromme Menge in unerhörter Weise. Statt

"Liebe Gemeinde" heißt es "Ihr gottloses und hoffnungslos verkommenes Volk von Sodom und Gomorra!" Und dann lässt Jesaja einen Gott zu Wort kommen, der nichts zu tun haben will mit diesem und allen anderen Gottesdiensten und Andachten seines Volkes. Nein, nicht weil die Gottesdienste damals anders aussahen als unsere heute. Ich bin sicher; auch wenn sie damals schon  nach Agende 1 gefeiert oder sich gar in neuen Formen - wie etwa der Thomasmesse - geübt hätten, auch dazu hätte der Gott Jesajas gesagt: Ich will damit nichts zu tun haben, bleibt mir vom Leibe. ich bin's leid, mir wird übel. Ich verberge mein

Gesicht vor dem, womit ihr meine Aufmerksamkeit auf euch zu lenken sucht, ich verschließe meine Ohren vor euren Gebeten.

 

Was ist passiert mit Gott, dass ihm Gottesdienste - in welcher Form auch immer - auf die Nerven gehen? Was hat ihn dazu gebracht, sich ganz anders zu verhalten, als wir es von ihm erwarten: immer Verständnis  habend, nie die Geduld  verlierend, nur darauf  wartend, dass wir uns ihm zuwenden, jede und jeden so annehmend, wie sie und er ist. Was ist

passiert mit dem Kuschelgott, dessen Liebe ist wie Gras und Ufer, dass er so wütend rausläuft und die Kirchentür hinter sich zuknallt?

Er ist eben nicht dort, wo die Menschen ein höheres Wesen vermuten, jenseits von dem, was uns Menschen täglich beschäftigt und in Atem hält; so weit entfernt und entrückt, dass alle Unterschiede zwischen den Religionen auf der Strecke bleiben und er in abstrakter Weise für alle derselbe ist. Er ist uns Menschen nahe gekommen, so nahe, dass er wie ein Mensch reagiert, den man verletzt hat: gekränkt und wütend. So dass er nicht länger immer nur Ja sagen, immer nur bestätigen, immer nur Güte walten lassen, immer nur vergeben kann.

Nein, er ist den Menschen so nahe gekommen, dass er entschieden Nein sagt und nichts mehr wissen will von seinen Verehrerinnen und Verehrern.

Denn ihn verletzen Gottesdienste, in denen die Verletzten, die Übersehenen, die an den Rand Gedrängten und aus dem gesellschaftlichen und kirchlichen Rahmen Fallenden keine Rolle spielen, jedenfalls nicht im Verhalten und Handeln der Gottesdienstteilnehmer, mögen sie die

Opfer unserer Gesellschaft auch noch so sehr in ihre Gebete einbeziehen.

 

Gewiss, das ist uns ja nicht fremd, dass hilfsbedürftige Menschen uns Christen ans Herz gelegt werden. Doch ganz und gar ungewohnt und aus dem Rahmen fallend ist, dass der Sinn und Unsinn von Gottesdiensten allein danach bemessen wird, wie wir uns den Menschen gegenüber verhalten, die nicht zu ihrem Recht kommen und in unserem Leben höchstens am Rande existieren. Da mag noch so packend gepredigt, noch so bewegend

gesungen und musiziert, noch so zu Herzen gehend gebetet werden: ob der Gottesdienst "schpn" ist - für Gott, das entscheidet sich allein im Alltag, der darauf folgt.

Und wer sind die Witwen und Waisen, die Hilf- und Rechtlosen der damaligen Zeit, wer sind die Menschen bei uns, für deren Recht Gott sich einseitig und parteiisch und damit auch angreifbar einsetzt? Wir kennen sie nicht ohne weiteres, weil wir in unseren Gemeinden und den Kreisen, in denen wir verkehren, nur wenig Berührung mit ihnen haben. Ob wir wollen doer nicht, als Gottesdienstbesucher, auch als Internetnutzer bewegen wir uns sehr im Rah-

men derer, die zu ihrem Recht kommen und in Kauf nehmen, dass andere dabei auf der Strecke bleiben.

Deshalb gilt es, Gutes tun zu lernen, wie der Prophet in Gottes Namen fordert und nach dem Recht zu trachten. Trachten nach dem Recht, das nach Gottes Willen die aus dem Rahmen und den Netzen des Sozialstaates Fallenden fördert und integriert. In jeder Kirchengemein-

de wäre zu überlegen: Welcher Gruppe von randständigen Menschen wollen wir uns nähern, um von ihnen zu lernen, was sie an Hilfe und Förderung brauchen.

Dabei ist auch an die zu denken, die wir gar nicht sehen, weil sie hinter Gefängnismauern sitzen und immer wieder dahinter verschwinden, weil unser "Justizvollzug" nicht verhindert, dass 80 Prozent der Gefangenen immer wieder kommen und die Chancen für Rehabilitation und Integration reines Postulat bleiben, was Gott bis aufs Blut reizt.

Und für das Lernen vom Tun des Guten in unserem persönlichen und beruflichen Umfeld muss gelten: Wir achten sehr genau darauf, wo jemand keine Chance hat mitzukommen. Und da werden wir nicht schweigen und in unserem Handeln und Verhalten linkslastig werden, weil Gott auf der Seite derer steht, denen das bürgerliche Recht und unsere staatliche Ordnung nicht volle Teilhabe am Leben ermöglichen.

Dazu gebe Gott uns offene Augen, kluge Herzen und tatkräftige Hände! Amen.

 



Superintendent i.R. Rudolf Rengstorf
Hildesheim
E-Mail: Rudolf.Rengstorf@online.de

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