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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Buß- und Bettag, 19.11.2008

Predigt zu Jesaja 1:10-17, verfasst von Wolfgang Vögele

„Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unsres Gottes, du Volk von Gomorra! Was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir - wer fordert denn von euch, daß ihr meinen Vorhof zertretet? Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Greuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht! Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin's müde, sie zu tragen. Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut. Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, laßt ab vom Bösen! Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!"

 

Liebe Gemeinde,

Propheten haben keine einfache Aufgabe. Was Jesaja hier als Gottes Wort weitergibt, das läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Und ich versuche mir vorzustellen, in welchem Tonfall Jesaja das gesagt hat. Hat er zu einer großen Menge gesprochen? Hat er gebrüllt, getobt, geschrien, mit den Händen wild gestikuliert? Hat er mit den Augen gerollt, mit dem Finger drohend in den Himmel gezeigt, wurde ihm die Stimme vom lauten Schreien heiser? Man kann sich diese zornigen Worte schlecht in einer normalen Tonlage vorstellen. Wer diesen drohenden und dunklen Ton anschlägt, der braucht starke Nerven. Und wenn er trotzdem Angst hat, dann muß er das sehr gut in seinem Herzen verbergen, weil er sich sonst ganz schnell unglaubwürdig machen würde.

Das ist eine provozierende Streit- und Zornesrede wie sie sonst selten in der Bibel zu finden ist. Diesem göttlichen Zornesausbruch, durch den Mund des Propheten vermittelt, will bestimmt niemand gerne im Weg stehen.

Wer das hört, der wird vermutlich nach Fassung ringen. Und er muß sich erst mühsam sammeln, bevor er die Kraft zu einer Antwort finden kann. Trotzdem habe ich eine gewisse Sympathie für offene, unverhohlene Zornesausbrüche. Denn ich weiß gern, woran ich mit jemandem bin.  Mir sind Verschlagenheit und Scheinheiligkeit zuwider. Ich halte es mit dem Kirchenlied: „Es gilt ein frei Geständnis in dieser unserer Zeit". Unverblümte Offenheit und unverstellte Direktheit - das schätze ich an anderen Menschen. Manchmal muß man sich geradeheraus sagen, was man denkt. Und wenn ich das an anderen Menschen gut finde, um wieviel mehr muß man das nicht der göttlichen Rede zugestehen? Zumal Gott nicht bei seinem Zorn stehen bleibt. Aber davon später.

Das Wort Gottes geschieht durch den Mund des Propheten Jesaja. Und Jesaja spricht zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort, nämlich im Südreich Juda, zu der Zeit, als das assyrische Großreich gegen das rebellische Juda einen gewaltigen Rachefeldzug begann.

Die Verortung und Verzeitlichung dieser Zornesworte bringt die Hörer von heute in eine gewisse Distanz zu ihnen. Aber diese Distanz verliert sich sofort wieder, wenn man bedenkt, daß solche Prophetenworte nicht als historische Dokumente gesammelt wurden. Diejenigen Redakteure, die die Reden und Vorhersagen des Propheten Jesaja zusammen trugen, waren nicht am Erzählen vergangener Grusel- und Zornesgeschichten interessiert. Sie wollten besonders diejenigen Reden sammeln, die ihnen auch noch Jahrzehnte (und Jahrhunderte) nach Jesajas Tod von besonderer Bedeutung zu sein schienen.

Die Botschaft lautet also eher: Die Menschen, die an Gott glauben und Gottesdienst feiern, kommen immer wieder in schwierige Lebenslagen. Und dann verschließt sich Gott menschlichen Gebeten, Liedern und Gottesdiensten. Menschen verstricken sich in Lebenslagen, aus denen sie selbst nicht herausfinden. Und trotzdem fordert sie Gott zur Umkehr auf.

Immer wieder wird der Gottesdienst ausgehöhlt, weil Alltag, Glauben und Politik auseinander fallen. Jesaja spricht gegen den Gottesdienst. Er tut das, obwohl Gott Gottesdienste gefallen, obwohl Gott selbst sie sich gewünscht und angeordnet hat, mit all den verschiedenen Arten von Opfern, die in der Zeit des Alten Testaments üblich waren.

Jesaja wettert unermüdlich gegen die Verkehrung des Gottesdienstes in Menschendienst. Er verwahrt sich dagegen, daß im Gottesdienst die Menschen wichtiger werden als Gott. Wenn es darum geht, daß einer nur deshalb den Gottesdienst besucht, weil er von anderen gesehen werden will, wenn es darum geht, daß einer nur für seine eigensinnigen und egoistischen Ziele betet, dann steht es schlecht um diesen Gottesdienst. Derjenige, zu dem wir beten, für den wir singen, dessen Ehre wir preisen, er rückt in den Hintergrund.

Und dann ist diese Wut, welche die Worte des Jesaja untrennbar begleiten, auch berechtigt. Gott sagt: „Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. (...) Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin's müde, sie zu tragen. Und wenn ihr auch die Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut."

Wir hören aus dem Buch Jesaja nicht nur die göttliche Rede des Propheten. Daraus entsteht das Bild eines gigantischen Gerichtsverfahrens. Es entfaltet sich vor unseren Augen und Ohren. Gott geht gerade mit denen ins Gericht, die er liebt. Jesaja, sein Ankläger, hat die Aufgabe, das Verfahren aufzurollen. Er tut das mit aller zornigen Leidenschaft, weil Gott im Recht ist. Gott ist mehr im Recht als die, die nur meinen, alles richtig zu machen. Jesaja schleudert den Menschen die göttliche Anklage entgegen. Und sie trifft genau: Sie deckt menschliche Schuld auf. Zu häufig wird der Gottesdienst in sein Gegenteil verkehrt.

Aber Gott wäre nicht Gott, wenn er in seinem Zorn nur anklagen würde. Jesaja stellt Gott vor wie einen Menschen: zornig, wütend, maßlos, laut, polternd, kräftig, enttäuscht. Gott läßt kein gutes Haar an den Menschen, die Gottesdienst feiern. Aber Gott bleibt in seiner Wut nicht gefangen, er geht einen kleinen Schritt weiter. Gott zeigt, was in die Stelle des schlechten Gottesdienstes treten könnte. Er ermöglicht die Umkehr, Neuanfang, Neubeginn. Denn Gott ist nicht nur Zorn, sondern auch Liebe. Gott ist aus Liebe zornig. Zornig ja, aber aber in seinem Zorn wendet er sich nicht von den Menschen ab. Er ermöglicht Umkehr.

Jesaja sagt: „Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, laßt ab vom Bösen! Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!"

Am Anfang des Neuanfangs steht das Abwaschen: Ihr müßt das Alte loswerden, den Schmutz, den Dreck, damit ihr nicht mehr daran denkt, damit ihr bereit werdet für das Neue. Ich finde es ganz erstaunlich, daß Jesaja nicht sagt: Ändert eure Gottesdienste! Verzichtet auf die Opfer! Betet nicht so viel! Nein, das sagt er alles nicht.

Stattdessen verweist er uns auf die Mitmenschen. Nicht das Gebet, nicht der Gottesdienst, nicht die Religion steht im Zentrum des Glaubens, sondern die Sorge um den anderen Menschen. Trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten! Wir müssen das in unserer Gegenwart durchbuchstabieren, im Angesicht von Finanzkrise und Rezession. Was heißt das also, was Jesaja sagt, in unserer Zeit, in unserem Land? So wichtig die Gottesdienste sein mögen, wir Christenmenschen müssen auch ein Auge haben auf das, was um uns herum geschieht. Das kann uns nicht gleichgültig bleiben. Nach einem Wort Dietrich Bonhoeffers gehören das Beten und das Tun des Gerechten zusammen.

Zusammen! Das Tun allein reicht nicht. Und das Beten allein reicht nicht; beides gehört zusammen. Trachtet nach Recht! Helft den Unterdrückten! Das kann nicht heißen, daß sich Kirchen und Gemeinden zu Lobbyisten von bestimmten Interessen machen. Aber wenn uns auffällt, daß benachteiligte Menschen gar niemanden haben, der ihren Sorgen zur Sprache verhilft, dann können sinnvoll Kirchen und Gemeinden einspringen und sich einsetzen.

Geht es also um Politik statt um Glauben? Nichts weniger als das. Das eine schließt das andere nicht aus. Es geht, um es auf einen Begriff zu bringen, um Umkehr: Gottesdienst und Menschendienst der Christen sollen nicht auseinander fallen. Gottesdienst ist sehr viel mehr als die eine Stunde in der Kirche am Sonntag oder an einem Feiertag wie diesem Bußtag.

Liebe Gemeinde, in den Worten des Jesaja haben wir Gott als einen zornigen Gott kennen gelernt, einen Gott, der brüllt und schreit, der wütend ist. Ich sage: Gott ist zornig, weil er die Menschen liebt. Wir Menschen sind Gott nicht gleichgültig, und oft gefällt ihm das nicht, was die Menschen tun. Deshalb fordert er uns zur Umkehr auf. Ist solche Umkehr möglich? Oder ist das nicht zu schwer, zu mühsam, zu belastend? Im Vertrauen auf Gott schauen wir nicht auf das, was wir falsch gemacht haben, obwohl das wahrhaftig eine Menge ist. Im Vertrauen auf Gott können wir umkehren, können wir uns ändern. Wir werden nie frei von Fehlern sein. Doch Umkehr mündet ein ins Gebet, in das Gebet: Vater, vergib uns unsere Schuld! Gott hat uns zugesagt, daß er sich nicht verschließen wird, wenn wir zur Umkehr bereit sind. Der Zorn des Jesaja hat beide in Bewegung, nicht nur den zornigen Gott, sondern auch die zur Umkehr bereiten Menschen. Amen.



PD Dr. Wolfgang Vögele
Karlsruhe
E-Mail: wolfgang.voegele@aktivanet.de

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