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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Heiliger Abend, 24.12.2008

Predigt zu Jesaja 60:1, verfasst von Joachim Ringleben

Liebe Gemeinde!

Weihnachten - das Fest der Lichter und des Kindes. Das klingt vielleicht banal, ja sentimental - aber wie hängt beides wirklich zusammen? Was hat das Kind von Bethlehem mit dem Licht der Kerzen zu tun?

 

I

Unser Reden vom Licht kommt weither. Beim dritten Jesaja, vor etwa 2500 Jahren, hören wir:

„Mache dich auf, werde licht!
Denn dein Licht kommt,
und die Herrlichkeit (der Lichtglanz) des Herrn geht auf über dir" (Jes 60, 1)

„Dein Licht kommt". Das haben wir gerade wieder erfahren, denn Advent, das ist die Zeit des kommenden Lichtes, seiner Ankunft nach und nach - von der ersten brennenden Kerze bis zur vierten. Wir kommen heute hierher: vom kommenden Licht her. Die zurückliegenden dunklen Monate, die dunklen Tage und hier, in der dunklen Kirche, dann die glanzvollen Lichterbäume.

„Dein Licht kommt" - war es nicht schon einmal da, hat es uns nicht irgendwann früher geschienen, im letzten Jahr oder einem der vorausgehenden, oder vielleicht zuletzt in der Kindheit? Fast jeder hat doch schöne Erinnerungen an das Weihnachtsfest zuhause, seinen unvergessenen Zauber mit den Eltern, als man noch ein Kind war. Ist solche Erinnerung nicht ein kleines Paradies, aus dem man nie wieder vertrieben werden kann? Wir alle waren einmal Kinder, und Weihnachten war und ist ein Fest der Kinder, weil es das Fest des Kindes ist. Es geht dabei ja auch um ein Kind, das göttliche Kind. Über Jesu eigene Kindheit wissen wir wenig, aber sie hat wohl mit dazu geführt, daß er zeitlebens besonders die Kinder liebte. Darum gilt zu Weihnachten so besonders: „Lasset die Kinder zu mir kommen". Und auch wir Erwachsenen brauchen uns nicht zu schämen, wenn wir zu Weihnachten etwas Kindliches in uns entdecken, so alt wir auch sein mögen. Jesus forderte gerade vom reifen Menschen: zu werden wie die Kinder.

„Dein Licht kommt" - es kommt von weither. Unser Licht kommt aus der Geschichte, wie sie das Alte Testament aufbewahrt hat. Durch das Alte Testament geht, wir haben es vorhin wieder vernommen, wie eine Lichterkette die Reihe der Prophezeiungen vom kommenden Licht. Es ist, als ob ein Prophet sein Licht am andern anzündete, um so das Wort vom Licht weiterzugeben. So ist das Alte Testament, die Glaubensgeschichte des Gottesvolkes voller Lichter: großer und kleiner, daher reden wir von den großen und den kleinen Propheten. Ihr Licht scheint über der Krippe von Bethlehem. Aber können wir das Licht von Bethlehem im dunklen Stall überhaupt noch sehen - angesichts der grellen Lichterketten in unseren Geschäftsstraßen? Blenden uns nicht eher die viel zu vielen Lichter, und produzieren die künstlichen, kommerziellen Lichtermassen nicht eher eine neue Dunkelheit, so daß man das Licht gar nicht mehr sieht, das unser eignes Dunkel erleuchtet? Wo scheint das Licht, auf das alles ankommt, das wahre Licht, das Licht der Wahrheit?

Wir glauben, es kommt aus der dunklen Geschichte des Volkes Israel, aus dem Alten Testament: eine Lichtspur, die leicht zu übersehen ist, weil sie im Wort kommt. Unser wahres Licht ist Gottes Wort, mit ihm geht uns ein Licht auf, auch und gerade für Weihnachten.

Ohne Gottes Wort, sagt Luther, bleibt alles dunkel und unsicher; auch Gott wird uns dunkel oder unheimlich ohne sein erhellendes Wort.

Wenn aber das Licht im Wort der h. Schrift zu uns gefunden hat, dann blendet uns das äußerliche Licht, das Licht der Kerzen und der Lichterketten nicht mehr, dann erfahren wir es als Reflex und Gegenwart des ewigen Lichtes.

Darum kommt alles darauf an, daß wir immer wieder bitten: „Laß doch dein Licht auslöschen nicht, bei uns all hier auf Erden" (EG 473, 4).

 

II

„Mache dich auf, werde licht! Denn dein Licht kommt".

Dieses durch die Zeiten wandernde Licht, das von altersher fließende Licht der Gottheit, hier, in der Weihnachtsgeschichte, im Stall von Bethlehem ist es angekommen. Darum reißt hier plötzlich (2, 13) der Himmel auf: „und die Herrlichkeit des Herrn leuchtete um sie" (2. 9). Diese „Herrlichkeit", griech. Doxa, lat. gloria, das ist der Lichtglanz Gottes, der ja selber reines Licht ist (1 Joh 1, 5) und der in der Vollendung alle anderen Lichter ersetzt (Apc 21, 22).

Mit dem Engel gehen also himmlische Lichtgüsse über die Hirten auf den nächtlichen Feldern nieder. Aber dieses hell leuchtende Licht ist nur das strahlend sichtbar gewordene Wort des Heils: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids" (2, 10f). Strahlende Freude: dafür steht das Licht. Es ist das Licht, das aus der Schrift kommt. Und die „Stadt Davids" (2, 4 u. 11) spricht von der Geschichte, davon, daß dies Licht von weither kommt.

„Dein Licht kommt" - das erfahren die Hirten, und darum machen sie sich auf nach Bethlehem. „Mache dich auf, werde licht": dies Licht der Anbetung und des Glaubens, es erfüllt sie. Aber dies Licht ist nur der Glanz, der vom Wort des Engels ausgeht: sein Heilsversprechen ist das himmlische Licht, das sie erfüllt. Das Wort, das von Gott kommt, es kommt aus der Geschichte, und es erleuchtet das Geschehen. Daher sagen die Hirten: „Last uns nun gehen und das Wort sehen, das geschehen ist, das uns der Herr kundgetan hat" (15).

„Dein Licht kommt": ein Wortgeschehen, von weit her, das durch Gottes Wort erhellt und aufgeklärt wird.

 

III

„Dein Licht kommt" - darum machen sich alle Hirten auf den Weg zur Krippe. Sie suchen und finden das Licht, das zu ihnen kommt. Sie sind die ersten und bleiben die Vorläufer aller Christen. Zu den armen Hirten gesellen sich die weisen Könige, auch sie folgen dem Licht vom Himmel her, dem Licht eines Sterns, und auch sein Kommen und ihr Kommen war schon prophezeit (4 Mose 24, 17; Jes 60, 3 u. 6). Und so kommen auch wir immer wieder an diesen dunklen Ort hier mit seiner Licht-Quelle. Hier findet sich das Wort, das Licht und Leben ist. Wir kommen zu ihm wie die Jünger zu Jesus: „Herr, wohin sollen wir gehen, du hast Worte ewigen Lebens" (Joh 6, 68).

„Mache dich auf, werde licht. Denn dein Licht kommt" - es kommt von weither zu uns. Zwei Bewegungen treffen da aufeinander, das Licht, das durch die Geschichte geht, und das gegenwärtige Licht: „Denn euch ist heute der Heiland geboren" (11). Dem Licht aus der Vergangenheit kommt unser heutiges Licht, das Weihnachtslicht entgegen wie die Hirten zum Kind -, und so leuchtet das Licht von damals wirklich für uns. Vom Heute aus erkennen wir, daß das Licht immer schon unterwegs war zu uns. Und erst die Verschmelzung beider Lichter leuchtet wahrhaft.

 

IV

Im Kind in der Krippe ist das Licht bei sich angekommen, das Licht von weither aus der Gottesgeschichte. Da erfüllt sich die Zeit des kommenden Lichtes in einem ewigen Heute. Paulus hat die Schwangerschaft Marias als die Schwangerschaft der Geschichte begriffen: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau ..." (Gal 4, 4). Das Licht ist angekommen: „Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein' neuen Schein" (EG 23, 4).

Das Christkind ist ein Lichtkind und ein Kind des Lichtes, Licht vom unerschaffenen Lichte. Auch das Kind von Bethlehem ist von einem doppelten Glanz umleuchtet: auf es fällt das Licht des Himmels. der Engelbotschaft, der Prophezeiungen und zugleich geht von ihm selber ein Licht aus, das Licht des Neuen, des Anfänglichen - so wie um jedes neugeborene Kindlein ein Glanz ist, etwas Helles, Reines, noch nicht ausgeprägt, abgeschliffen, sondern noch offen und ein Versprechen für die Zukunft. Die Dichter wissen es: „Allem Anfang wohnt ein Zauber inne" oder: „Ein Rätsel ist Reinentsprungenes". Und genau darum haben viele große Maler es so dargestellt, daß im Dunkel des Stalles alles Licht von dem Kinde ausgeht. Das Kind versammelt die Hoffnungen auf sich. Es ist uns einfach geschenkt, noch niemand hat an ihm gebildet und gestaltet, es ist schlicht da und so zu empfangen.

Freilich ist es ein kleines Licht, ein schutzbedürftiges Lebenslichtlein, es scheint nur unter dem Gegenteil des Dunkels in diesem armseligen Stall. Man braucht schon besondere Augen, um zu sehen, was hier zu sehen ist. Ein ohnmächtiges Kind soll der Erlöser sein (19), und nicht der Welt beherrschende Caesar Augustus. Selbst sein Name wird erst später genannt, so unscheinbar ist dies Kindlein. Und doch geht von ihm eine kaiserliche Botschaft aus: das Evangelium.

Denn mit Christus ist das Licht in die Welt gekommen (Joh 3, 19). Und darum wird sein Licht in das Heute kommen, in unser Heute und jedes Heute, und es wird am Ende wiederkommen. Dieses Kind und sein Licht - es soll uns immer wachsen (Joh 3, 30).

Das Dunkel des Stalles kehrt auch wieder: im Dunkel des Grabes Jesu (Mk 15, 33). Aber auf das Grab folgt der Lichtglanz der Auferstehung - die endgültige Geburt ins Licht und durch das Licht.

Christus spricht: „Ich bin das Licht der Welt" (Joh 8, 12). Das ist seit Weihnachten für jeden ein Versprechen: Dir soll mit Jesus Christus das endgültige Licht aufgehen, und du sollst auf dein eigenes Licht zugehen, sei es auch am Ende eines finsteren Tales: denn Dein Licht kommt, Gottes Licht.

„Wechselnde Pfade, / Schatten und Licht. / Alles ist Gnade, /fürchte dich nicht"

 

Amen



Prof. Dr. Joachim Ringleben
Göttingen
E-Mail: c/o Regine.Pfau@theologie.uni-goettingen.de

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