Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Jubilate, 29.04.2007

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 1:1-2,4a, verfasst von Oswald Bayer

Liebe Gemeinde,

die Krone der Schöpfung ist der Sonntag. Soll deshalb die Woche mit ihm abschließen, in ihm ihr Ende finden, so dass der Sonntag zum Wochenende gehörte? Fahrpläne und Terminkalender haben ihn weltweit nun zum siebten Tag gemacht. Es liegt nahe, damit die Einstellung zu verbinden, der Sonntag folge auf den Werktag, folge gar aus ihm: der Werktag zeitige den Sonntag, bringe ihn als sein Ergebnis hervor: durch die Arbeit müsse man sich die Ruhe erst verdienen und sie dann als wohlverdiente Ruhe genießen, wie es der übliche Gebrauch des sprichwörtlich gewordenen Goethewortes von den „sauren Wochen und frohen Festen" will.

Nun, sind die Fahrpläne und Terminkalender, die den Sonntag zur Krone der Wochen machen, denn nicht fromm? Folgen sie denn nicht dem nach, der in seinem Wort und Werk als Schöpfer doch auch zuerst gearbeitet dann geruht hat?

Doch mit einer solchen - direkten - Entsprechung und Nachahmung Gottes würden wir der Schöpfungsgeschichte gar nicht gerecht. Im Gegenteil: wir würden ihr direkt widersprechen. Denn in Wahrheit ist es gerade umgekehrt. Für uns gilt: nicht zuerst die sauren Werktage und dann erst der mit ihnen sauer verdiente frohe Sonntag, sondern: zuerst das Fest und dann die Arbeit! Das Fest und die Freude sind nicht von uns erwirtschaftet, sondern uns geschenkt; wir dürfen in einen wohl gegliederten Raum zusammen mit Pflanzen und Tieren und in gewährte Zeit und ihren Rhythmus von Winter und Sommer, Abend und Morgen, Arbeits- und Ruhetag eintreten: „das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit".

„Zuerst das Fest und dann die Arbeit!" kann es deshalb heißen, weil Gott „sehr gut" gearbeitet, alles getan und vollbracht hat, zugleich das Vollbrachte uns zueignend: „Nehmet hin und esset!"

Feiern wir den Sonntag recht, dann freuen wir uns des geschehenen Werkes Gottes, dann sehen wir auf sein Werk. „Auf sein Werk musst du schauen ...!" In der gehörten Schöpfungsgeschichte vom Anfang der Bibel geschieht dieses Schauen auf sein Werk, auf Gottes Werk in unerhörter Selbstvergessenheit; das Staunen ist verhalten, in genauem Sehen diszipliniert, emotional gebändigt und darin von umso größerer Monumentalität - am Anfang eine Überschrift: „Gott schuf (und schafft!) Himmel und Erden" - eine Überschrift, die schon alles enthält, dann aber die Entfaltung: nicht dürftig - das wäre der Fülle des Werkes nicht angemessen -, andererseits aber kein Wort zuviel, klar gefügt, aber nicht beckmesserisch stimmig gemacht. Alte Traditionen dürfen bleiben: die relativ selbstmächtige Erde, die selber Gras und Kraut und Tiere hervorbringen darf ...

„Auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehen!" Sehen wir auf sein Werk, dann geht unser Werk nicht unter, sondern kommt überhaupt erst in den Blick, weil wir nur so, indem wir auf Gottes Werk sehen, von uns und unserem Werk Abstand gewinnen, es kritisch bedenken können.

Unser Alltag ist davon erfüllt, dass wir sorgen und planen, Termine festsetzen und - hoffentlich - einhalten und das Geplante ausführen. Wir rennen und laufen, haben dieses und jenes zu tun, ärgern uns, wenn etwas nicht klappt, und freuen uns, wenn eine Arbeit gelungen ist. Das ist alles in Ordnung und geschieht nach dem Willen dessen, der kein Schlaraffenland geschaffen hat, sondern eine Erde, die von uns Menschen bebaut und bewahrt, von uns Menschen verwaltet, gut verwaltet, nämlich gehegt und gepflegt sein will: Wir sind vor Gott verantwortlich für das, was aus unserer Erde geworden ist und werden wird. - In deinen Werken wirst du gerichtet!

So mögen wir uns unserer Arbeit freuen und von ihr erfüllt sein. Wir müssen aber auch - zur Antwort und Verantwortung genötigt - erschrecken und uns vor unserer Verantwortung fürchten: Haben wir unsere Arbeit richtig getan? Haben wir unserem Ruf, unserem Beruf und Auftrag gemäß, Leben bewahrt und gefördert? Sind wir nicht vielmehr dabei, die Welt zugrunde zu richten? Sind wir nicht schuld daran, dass ganze Pflanzen- und Vogelarten aussterben, Luft und Wasser vergiftet werden, Fische und Bäume sterben? Wird es schließlich heißen: Und am Ende wurde die Erde wüst und leer?

In die Verantwortung für die Mitgeschöpfe gehört die für die Mitmenschen. Wir sind ja nicht nur zur Arbeit geschaffen, sondern in ihr, ja ihr zuvor und über sie hinaus zur Liebe: als Mann und Frau, von unseren Eltern her, auf unsere Kinder hin, auf Arbeitskollegen angewiesen - wie sie auf uns. Auch in dieser - immer mit der Arbeit verbundenen - elementar mitmenschlichen Verfassung unseres Lebens sind wir glücklich oder unglücklich, erfüllt oder leer, freuen wir uns oder sind wir unbefriedigt. Freuen wir uns der großen Verantwortung, die wir vor allem für unsere Kinder haben? Oder fürchten wir uns vor ihr - eben weil sie so groß ist und man in der Erziehung so vieles falsch machen kann? Indem wir unseren Kindern vielleicht zuviel zumuten oder vielleicht zu wenig?

Liebe Gemeinde, was wäre, wenn wir nur im Versagen und in der Schönheit der Liebe wären und nur im Glanz und Elend der Arbeit? Was wäre, wenn es sonst nichts gäbe? Was wäre, wenn es keine Ruhe gäbe? Wenn wir zwar zur Arbeit und zur Liebe, aber nicht zur Ruhe geschaffen wären?

Dann wäre die Arbeit nicht Arbeit und die Liebe nicht Liebe! Dann wäre die Arbeit nicht menschlich und die Liebe auch nicht. Denn die Ruhe, die Krone der Schöpfung, kommt zu beidem nicht äußerlich hinzu - wie ein Hut, den man aufsetzen, aber auch abnehmen kann.

Gottes Ruhe will unsere Arbeit und Liebe vielmehr durchdringen und erfüllen - so, dass die erfüllte Ruhe des Sonntags immer wieder auch mitten im Werktag aufblitzt. Sie strahlt überall dort, wo wir von uns selbst Abstand gewinnen, besonders kräftig, wenn wir über uns selbst lachen können, aber auch in selbstvergessener Arbeit, in der wir ganz bei der Sache sind, oder in einem Gespräch, in dem wir ganz beim andern sind. Gottes Ruhe ist nicht zuletzt dort wirksam, wo es uns gegeben ist, inmitten schreiend unfertiger Arbeit - einzuschlafen, unverdient einzuschlafen, „ohn all mein Verdienst und Würdigkeit". „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzt - am Schreibtisch etwa - und esst euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er's schlafend."

Aber nicht nur im Genuß der Ruhe der Nacht genießen wir die Ruhe des Sonntags. Wir genießen sie im Gebet: wir erfahren diese Ruhe, wenn wir in unserer durchaus notwendigen und von Gott gewollten und gebotenen Arbeit innehalten und staunen, dass diese Welt ist - noch ist - alle Morgen neu - staunend, dass wir sind - noch sind -, dass es nicht aus ist mit uns, staunen darüber, dass wir nicht uns selber ausgeliefert sein müssen, sondern in guter Hand sind - trotz allem und in allem, was uns einengt und unfrei macht, uns schmerzt und quält.

Weil solches Staunen und Beten uns vom Arbeiten zwar unterscheidet, aber nicht scheidet, weil der Sonntag vom Werktag unterscheidet, aber nicht scheidet, deshalb ist das Lob des Sonntags keine Sonntagsrede. Denn es betrifft das, was den Werktag durchdringt und erfüllt.

Unser Werk soll ja nicht umsonst sein, sondern bestehn. Es besteht aber nur dann, wenn du auf sein Werk siehst, sein vollendetes Werk. Die Ruhe dieses Sehens ist nicht leer und langweilig, sondern so lebendig wie der, der sie uns dadurch schenkt, dass er genug, dass er alles für uns getan hat. Solche Ruhe ist kein krampfhaftes, gewalttätiges Nichts-Tun - das ja gerade eine Anstrengung und Mühe, gerade wieder Arbeit wäre, von der wir doch ruhen dürfen. Solche Ruhe ist nicht leer und langweilig wie jene Zeitlöcher, in die man hineinfällt, wenn man etwa auf den Bus, der nicht pünktlich kommt, warten muß und, ungeduldig, das Gefühl hat, die Zeit nicht richtig auszufüllen.

Nicht unbekannt sind uns die Situationen, in denen man nicht weiß, wie man die Zeit totschlagen soll - die Zeit „totschlagen" sagt man, das zeigt, dass man die Zeit auch zum Feind haben, mit ihr auch auf dem Kriegsfuß stehen kann. So verrät es schon die Sprache: Ein Nichts-Tun, in dem man nicht weiß, wie man die Zeit totschlagen soll, ein Nichts-Tun, indem man der Zeit feind ist - das ist kein Sabbat. Ein Sabbat ist auch nicht jene Ruhe der Resignation, in der man vielleicht noch zum Fenster hinaussieht - aber es kommt keiner, der einen besuchte; selber aber ist man zu leer und kraftlos, zum andern hinzugehen. Auch diese Ruhe der Resignation ist als leere, träge und klaglose Ruhe das Gegenteil der erfüllten Ruhe, das Gegenteil der Kraft des Sonntags und der Feier.

Mit der erfüllten Ruhe - dem größten Gottesgeschenk an den Menschen und seine Mitgeschöpfe - gehen uns die Augen auf über das, was unserem Werk, unserer Mitmenschlichkeit und Arbeit, schon zuvorgekommen, schon zuvor geschehen ist: was schon vollendet ist. Und wenn wir das, was Gott schon getan hat, mit dem vergleichen, was wir zu tun haben, gelangen wir in jenen herrlichen und festlichen Abstand von uns, in dem wir erst wahre Menschen sind. Denn wahre Menschen sind wir dadurch, dass wir nicht an uns selber kleben, uns selber aufsitzen, nicht auf uns selber hocken bleiben: „Auf sein Werk darfst du schauen...!" Weit und frei wirst du dann!

Weit und frei sind wir, weil wir nicht unsere eigenen Schöpfer und Vollender sind, weil wir uns nicht selbst verwirklichen müssen. Wir dürfen vielmehr ausgehen von einer schon bereiteten Welt, die nach Gottes Werk, Willen und Urteil „sehr gut" ist. Wir dürfen ausgehen, spazieren gehen und Augen, Ohren, Vernunft und alle Sinne öffnen: „Schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben!"

Unser Herz muß sich nicht verkrampfen und verschließen in seinem Trotz und seiner Verzagtheit; du darfst aus deinem Schneckenhaus herausgehen: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben!"

Folgen wir diesem Zuruf, dann schauen wir auf Gottes Werk: Wir haben uns nicht selber zur Welt gebracht; wir wurden geboren. Wir schaffen die Luft und den Atem nicht, von dem wir leben; Luft und Atem werden uns gewährt - jeden Augenblick neu. Wir leben in einer bereiteten Welt, in gewährter Zeit, wir leben von der Liebe des andern Menschen, die wir nicht verdienen oder gar erzwingen können; sie geschieht, wenn sie geschieht, frei - wie auch die Vergebung.

Durch dies alles, was uns gewährt und eingeräumt ist, hindurch spüren wir die Freundlichkeit und Güte Gottes, der nicht will, dass die Erde wüst und leer ist und der Mensch einsam und resigniert. Aus Gottes Sabbat, aus dem Sonntag, dem Tag des Herrn, dem Tag der Auferweckung Jesu Christi von den Toten, kommt keine Friedhofstille, keine langweilige, träge Ruhe, sondern - ganz im Gegenteil - eine höchst lebendige Ruhe. Zu ihrer Lebendigkeit gehört der Jubel und das Singen - als angemessene Antwort auf „des großen Gottes großes Tun", auf sein vollendetes Werk, auf sein „Es ist vollbracht!", das er mitten in der Höllen Nacht am Kreuz gesprochen und dadurch die Welt einen „neuen Schein" gegeben hat.

Gottes Ruhe macht uns lebendig. Sie ist alles andere als langweilende und tötende Ruhe; sie ist das Gegenteil „totgeschlagener" Zeit. Sie „erweckt mir" vielmehr „alle Sinnen". Sie tötet die Sinnlichkeit nicht ab, sondern erweckt, ja erfüllt sie und wird sie einst ganz zum Klingen bringen.

Die Vollendung am Kreuz, das Leben des Gekreuzigten, verbürgt die Vollendung der Welt durch Gericht und Tod hindurch, verbürgt die Erweckung alles Sinnen; „ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen."

Doch angesichts dieser zugesagten Schöpfung und Vollendung erfahren wir das gegenwärtige Unheil, das Stöhnen und Seufzen der Kreatur umso schmerzlicher. Das auf Gottes vollendete und vollendende, auf seine erfüllte und erfüllende Ruhe antwortende Singen klingt und stimmt deshalb nur dann, wenn es Raum hat - weiten Raum - für das Stöhnen und Seufzen unseres eigenen unerlösten Leibes in der Solidarität mit aller Kreatur; das Singen an diesem Sonntag, unser Lob des Sonntags stimmt nur dann, wenn es Raum hat für das Bekenntnis der Sünde, für die Klage und die Fürbitte.

Dann gehen wir erst recht aus uns heraus, wenn wir für unsern unerlösten Leib und für die ganze seufzende Kreatur vor Gott eintreten und auf sein vollendetes Werk warten - auf seinen ewigen Sonntag erfüllter und lebendiger Ruhe, in dem vollendet gilt, was wir jetzt schon singen dürfen: „Ich selber kann und mag nicht ruhn, des grossen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen...!"

Amen



Prof. Dr. Oswald Bayer

E-Mail: OswaldBayer@aol.com

(zurück zum Seitenanfang)