Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Jubilate, 29.04.2007

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 1:1-4a; 26-31; 2,1-4a, verfasst von Wilhelm v. der Recke

I.          Ahnenforschung ist wieder in Mode gekommen. In der Regel liefert sie nur dürre Daten: Friedrich August und Amalie Friederike haben 1735 in Halle geheiratet; der einzige Sohn, der das Mannesalter erreicht hat, ist nachweisbar mein 5facher Urgroßvater. Mehr nicht. Aber eigentlich interessiere ich mich auch nicht für diese fernen Vorfahren. Es geht mir um meine Wurzeln: Da kann man sehen, wo ich herkomme und wie weit ich meinen Stammbaum zurückführen kann. Wer bin ich doch!

Das ist immer so gewesen. In den Evangelien von Matthäus (1, 1-17) und Lukas (3, 23-38) findet man den Stammbaum Jesu. Beide gehen sehr weit zurück, Lukas sogar bis Adam. Aber sie decken sich nur teilweise. Offensichtlich hat das damals niemanden gestört, sonst stünden die unterschiedlichen Stammbäume nicht friedlich nebeneinander. Es geht ja auch nicht um die Vorfahren, sondern um Jesus und die lange Verheißungs­geschichte, in der er steht. Es geht nicht um das Einzelne, sondern das Ganze.

Heutige Leser haben ihre Schwierigkeiten damit. Doch das liegt weniger an der biblischen Geschichte als an der Brille, durch die wir sie lesen. Bevor wir vorschnell urteilen, sollten wir genau hinhören, was die Bibel uns sagen will, welche Botschaft sie für uns hat. - Das trifft auch für die Schöpfungsgeschichte zu, die im 1. Buch Mose, Kapitel 1 und 2 aufgezeichnet ist. Sie ist als Vorlage für die Predigt heute vorgeschlagen.

                                    (Es folgt der Predigttext.)

 

II.         Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Gemeint ist alles, was existiert. Gemeint ist das, was war und geschah, bevor es richtig los ging mit der Geschichte von uns Menschen. Es geht um die Voraussetzungen. In der alten lateinischen Übersetzung der Vulgata beginnt die Bibel mit den Worten: In principio. Das hat eine doppelte Bedeutung: einerseits meint das Wort das Erste überhaupt, den Beginn, den Ursprung; andererseits meint es das Grundsätzliche, also das, was den Grund legt und weiterhin gilt: Im Prinzip, grundsätzlich gesprochen ist die Welt von Gott geschaffen, diese Welt, wie wir sie heute noch kennen. Er hat sie so gewollt, wie immer die Entstehung der Welt im einzelnen vor sich gegangen sein mag.

Am Anfang der Bibel ist also die Rede vom Ursprung unserer Welt. Aber wie können wir darüber Bescheid wissen? Wer sollte bei der Schöpfung dabei gewesen sein und könnte davon berichten? Es gibt darüber keine speziellen Offenbarungen, durch die sich Gott in die Karten gucken ließe. Nirgends wird behauptet, Gott sei so und nicht anders bei der Schöpfung vorgegangen. Das wäre auch deshalb schwer vorstellbar, weil viele Aussagen und Bilder in der Bibel, die von den Anfängen sprechen, nicht recht zusammenpassen. Es bleibt dabei: Den Vorgang der Schöpfung können wir uns genauso wenig vorstellen, wie wir uns von Gott selbst ein Bild machen sollen - abgesehen von der Selbstdarstellung, die er uns mit Jesus Christus gegeben hat.

 

III.          Was wir am Anfang der Bibel vorliegen haben, ist also kein Bericht über den genauen Hergang. Es ist auch keine verbindliche Lehre über Gottes Schöpfung. Vielmehr beginnt die Heilige Schrift mit einem großen Lobgesang auf den, der alles so wunderbar geschaffen hat. Der Urheber wird gepriesen. Dieses Gotteslob ist gestaltet wie ein Gedicht mit sieben Strophen, die Gottes Schaffen in einzelnen aufeinander folgenden Schritten besingen. Jede Strophe beschreibt ein Tageswerk. Sie folgt einem bestimmten Rhythmus. Die gleichen Wendungen werden immer neu wiederholt - wie in einer Liturgie: Gott spricht. Gott schafft. Es wird bestätigt, dass es tatsächlich geschehen ist. Gott gibt jedem Tageswerk seine Bestimmung und seinen Namen. Und schließlich heißt es am Ende: Da ward aus Abend und Morgen ein weiterer Tag.

               In der Regel wird jedes Mal hinzugefügt: Gott sah, dass es gut war, ja, am Schluss, dass alles sehr gut war. Damit wird das Lob ausdrücklich in Worte gefasst. Doch dieses Lob kommt nicht von uns Menschen. Denn wer sind wir, dass wir Gottes Werk beurteilen und bewerten könnten? Wer wäre Gott, wenn er uns nach unserer Meinung fragen müsste? Der schaffende Künstler selbst sieht, dass sein Werk gelungen ist. Und wir können ihm nur nachsprechen und sagen: Ja, es ist sehr gut!

               Also: ein Loblied auf den Schöpfer und keine Lehre von der Schöpfung. Wäre es anders, würde einfach zu wenig gesagt. Dafür bleibt alles zu unbestimmt, ja auch zu unstimmig. Es wird mehr angedeutet als ausgeführt. Zu viele Fragen bleiben offen. - Wer immer diese Verse niedergeschrieben hat, er wollte keine Lehre vortragen, keine neugierigen Fragen beantworten, keine kirchlich abgesegneten naturkundlichen Erkenntnisse ausbreiten. Er wollte nicht mehr als auf ein großes, ein wunderbares Geheimnis hinweisen: Bevor sich Gott speziell diesem einen Volk Israel zuwandte, aus dem der Retter für alle Menschen kommen sollte, hat er das Ganze zur Welt gebracht.

            Diese besondere Geschichte wird in den weiten Horizont der Schöpfung von Himmel und Erde, von der Natur und aller Kreatur, von Menschen und Völkern gestellt. In diesem großen Rahmen spielt sich später das ab, was wir Geschichte nennen. Über die Voraussetzungen selbst gibt es nicht viel zu sagen. Die müssen wir nicht verstehen, das übersteigt unser Fassungs­vermögen. Es reicht zu wissen: Ja, unser Gott hat das alles in seiner Weisheit geschaffen. Und er verfolgt mit großer innerer Anteilnahme, was daraus geworden ist.

 

IV.       Das soll uns nicht daran hindern, so viele Erkenntnisse über unsere Welt zu sammeln, wie wir nur können. Auch über die Anfänge, soweit wir sie rekonstruieren können. Die Neugier, der Forscherdrang ist uns ja geradezu eingeschrieben. Ja, man kann sagen, sie gehören zu unserem Auftrag: Wir sollen von der Welt Besitz ergreifen, die uns anvertraut ist, und uns ein Bild von ihr machen. Die frommen und weisen Leute, die dieses Loblied auf den Schöpfer niedergeschrieben haben, haben sich ja auch unbefangen der wissenschaftlichen Kenntnisse ihrer Zeit bedient. Sie haben eifrig zusammen getragen, was sie finden konnten; besonders viel gelernt haben sie von den damals fortschrittlichen Babyloniern. Aber was sie fanden waren für sie nur Bausteine ihres Schöpferlobes. Den Bauplan, die höhere Idee dahinter, verdankten sie ihrer eigenen Gotteserkenntnis.

Dabei haben sie nicht auf eine schlüssige Theorie geachtet. Es ist so als ob sie sagen wollten: Im Einzelnen kann die Entstehung so oder so gewesen sein; heute ist das der Stand unseres Wissens, in kommenden Zeiten wird man vielleicht mehr darüber wissen. Und so geht es ja bis heute fort: die Paläontologie oder Astrophysik verschaffen uns erstaunliche Einblicke in unsere Vorgeschichte und die des Weltalls. Sie machen daraus Theorien über die Entstehung. Aber diese Theorien sind nie endgültig, sie werden ständig verfeinert und manchmal durch bessere ersetzt. So wird heute ja nicht nur von einem Weltall gesprochen, sondern auf unzählige spekuliert.

Aber das berührt die Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel nicht. Dieses große Lobgedicht auf den Schöpfer ist nicht abhängig von schnell überholten Theorien. Es vertritt kein bestimmte Lehre über die Schöpfung, es rühmt den, der alles so wunderbar geschaffen hat.

 

V.        Das Licht spielt für die Schöpfung eine Schlüsselrolle. Gott bringt Licht in das Ganze, in das unvorstellbare Dunkel, das hier als Tohuwabohu bezeichnet wird. An anderer Stelle heißt es, dass er das Nichts ins Sein gerufen hat, das Licht aus der Finsternis heraus (Röm 4,17; 2Kor 4,6). Das klingt so, als ob ein Schwarzes Loch alles Licht und alle Materie, die es verschlungen hat, herausgeben müsste. - Zunächst bringt Gott Licht in das Ganze, er klärt auf, er ordnet, er setzt die Schöpfung nach seinem Fahrplan in Gang.

Am Ende steht nicht der Mensch, als Krönung der Schöpfung, wie wir manchmal vorwitzig meinen. Vielmehr vollendet Gott sein Werk, indem er es aus der Hand legt, es mit Wohlgefallen betrachtet und würdigt. Es ist wie bei der Einweihung eines Hauses: Wirklich fertig ist es nicht mit dem letzten Pinselstrich, sondern wenn es eingeweiht und in aller Form in Besitz genommen wird. So auch die Schöpfung: Gott feiert. Er ruht aus von allen seinen Werken und heiligt den 7. Tag. Er segnet ihn als Tag der Ruhe und Muße. Damit schafft er ein Vorbild für uns Menschen.

Und an welcher Stelle stehen wir Menschen in der Schöpfung? Zunächst sind wir es, die diesen Lobgesang anstimmen. Gott hat uns die Augen geöffnet für den Ursprung des Ganzen und seine größeren Zusammenhänge. Wir erkennen, welchen Platz Gott uns zugedacht hat: Sein ganzes Werk, insbesondere alle lebende Kreatur, hat er uns anvertraut. Er hat uns zu seinen Statthaltern gemacht. Nichts anderes ist gemeint, wenn wir als Ebenbild Gottes bezeichnet werden. Wir vertreten ihn sichtbar und greifbar. Seine Schöpfung hat er uns zu guten Händen übergeben. Wir sollen verantwortlich damit umgehen. Nicht als eigenmächtige Herren, sondern als Verwalter, die auf Treu und Glauben handeln und darüber Rechenschaft abgeben.

Nicht ohne Schrecken erkennen wir, welche besondere Verantwortung wir tragen. Und indem wir diese großen feierlichen Worte des Schöpferlobes lesen und nachsprechen, bekennen wir uns zu dieser Verantwortung. Wir danken Gott für das Vertrauen, das er in uns setzt. Wir bitten ihn, dass er unsere halbherzigen Anstrengungen gelten lasse; dass er Geduld mit uns habe; dass er das zum Guten wende, was wir schlecht machen. Wir rufen ihn an, wir rühmen und preisen ihn.



Pastor Wilhelm v. der Recke
Strichweg 40a
27472 Cuxhaven
E-Mail: Wilhelm.v.der.Recke@t-online.de

Bemerkung:
Der vorgeschlagene Predigtext beschränkt sich auf den Anfang und den Schlussteil des ersten Schöpfungsberichtes. Im Blick auf die Länge ist diese Auswahl verständlich, zumal man damit rechnen kann, dass die meisten Gottesdienst-Teilnehmerinnen den Inhalt in großen Zügen kennen. - Andererseits hebt die hier vorgelegte Predigt ab auf die komprimierte, dichterisch-liturgische Form der 1. Schöpfungsgeschichte und damit auf das Ganze. Von dorther ist zu überlegen, ob man nicht auch die ganze Schöpfungsgeschichte 1.Mose 1,1 - 2,4a vorträgt - evtl. durch einen Lektorin. In diesem Fall könnte man auch auf Teil V der Predigt verzichten. - Gerade wegen des poetischen Charakters des hebräischen Textes würde ich unbedingt die Lutherübersetzung wählen.


(zurück zum Seitenanfang)